Fördert Coop die Klassengesellschaft in der Stadt Zürich?

Dreck, Schimmel und leere Flaschen – Coop weist in den Filialen in den Stadtkreisen mit tieferem Durchschnittseinkommen erhebliche Mängel auf; während in reicheren Quartieren alles glänzt. Der Grossverteiler dementiert eine Systematik, verstrickt sich jedoch in unklaren Aussagen. Die Recherche von Tsüri.ch.
28. Januar 2018

Die zwei grössten Schweizer Detailhändler Coop und Migros werben beide mit ähnlichen Slogans: «Für mich und dich», «Ein M für alle». Diese Slogans sollen klar machen, dass sämtliche Gesellschaftsschichten gleichermassen in ihren Läden erwünscht sind und bedient werden. Mit einem Marktanteil von 34% (Coop) und 38% (Migros), wie die NZZ 2016 berichtete, dominieren beide Lebensmittelhändler die Nahversorgung in der Schweiz. Selbstverständlich ist das in Zürich nicht anders. Die meisten Bewohner*innen erledigen fast gezwungenermassen ihre täglichen Einkäufe in einer Filiale von Migros oder Coop. Auch weil sich die Tiefpreis-Detailhändler Aldi und Lidl fast nur ausserhalb des Stadtzentrums befinden und kleinere Lebensmittelgeschäfte spärlich gesät sind.

Auffallend ist, dass in Stadtkreisen mit mehr Tourismus, höherem Büro- und Geschäftsanteil oder mit einer Wohnbevölkerung mit hohem Einkommen, wie der Kreis 1 oder das Seefeld, die Migros und Coop Filialen oft ansprechender daherkommen. Abgesehen von ihrem breiteren Angebot an Luxusprodukten scheinen sie nämlich, im Gegensatz zu Filialen in anderen Stadtkreisen, öfters sauberer, schöner gestaltet und besser bewirtschaftet.

Verschiedene Qualitätsstandards in den Zürcher Quartieren

Lösen die beiden Supermarkt Riesen ihr egalitäres Versprechen an alle Bevölkerungsschichten auch wirklich ein? Tsüri.ch ging in verschiedenen Stadtzürcher Geschäften auf Recherche. Im Detail wurden während drei Wochen zwischen Mitte November und Anfangs Dezember letzten Jahres Filialen in Stadtgebieten mit tieferem Durchschnittseinkommen (Schwamendingen Stand 2013 57'000 CHF p.a., Altstetten Stand 2013 64'000 CHF p.a.) und Filialen in Stadtgebieten mit hohem Einkommen (Kreis 1 Stand 2013 113'000 CHF p.a., Seefeld Stand 2013 118'000 CHF p.a.) an jeweils einem Arbeitstag unter der Woche ab 17:00 Uhr und an einem Samstagvormittag ab 11:00 Uhr besucht. Geprüft wurde die Sauberkeit, der Zustand der Frischprodukte (Gemüse, Obst usw.), die Befüllung der Regale und der allgemeine Eindruck.

Das steuerbare Einkommen in den Stadtkreisen (Quelle: Stadt Zürich)

Die Läden waren oft dreckig, Frischprodukte wie Obst und Gemüse wiesen häufig Dellen und Schimmel auf.

Bei Migros waren kaum Qualitätsunterschiede in den verschiedenen Filialen zu erkennen. Obschon gewisse geprüfte Standorte älter sind und deswegen nicht so ansprechend aussehen wie andere, waren alle durchgehend sauber, ordentlich und die Produkte waren ebenfalls stets in gutem Zustand. Minimale Unregelmässigkeiten waren bei einem erneuten Besuch meistens behoben.

Auch in den Coop Filialen an der Bahnhofstrasse oder im Seefeld konnten während den Recherchen nie Mängel in den oben erwähnten Punkten festgestellt werden. Sie präsentieren sich eher noch eine Spur gepflegter. Ganz im Gegensatz zu den Filialen in Altstetten und Schwamendingen, wo deutliche Unterschiede zu sehen waren. Die Läden waren oft dreckig, Frischprodukte wie Obst und Gemüse wiesen häufig Dellen und Schimmel auf und auch die Regale waren immer wieder leer oder unordentlich eingeräumt. Diese Zustände schienen dort nicht ungewöhnlich zu sein, denn auch nach mehreren Besuchen an unterschiedlichen Tagen zeigte sich stets dasselbe, mangelhafte Bild.

(Alle nachfolgenden Bilder stammen von der Autorin und zeigen einen Ausschnitt aus der getätigten Recherche) Coop Lindenplatz, Altstetten: Preisschilder liegen in den Gängen herum, das Gemüse liegt auf dem Boden und eine riesige Säule versperrt den Zugang zum Gemüseregal.

Im Coop Schwamendingen Zentrum werden Produkte übereinander geworfen oder liegen wahllos in den Gängen herum.

Keine klaren Aussagen von Coop

Die Anfrage bei der Pressestelle von Coop verlief umständlich. Zuerst getätigte Aussagen per Telefon wurden im Nachhinein vom Leiter Kommunikation der Verkaufsregion Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich Markus Eugster zurückgenommen. Stattdessen wünschte er, das Interview per Email zu wiederholen. Seine Antworten waren daraufhin standardisiert und neutral. Zum Zustand der Sauberkeit in den Filialen in Altstetten und Schwamendingen im Vergleich zu jenen in der Bahnhofstrasse und im Seefeld schrieb er Folgendes:

«Vom Durchschnittseinkommen in einem bestimmten Quartier auf die Sauberkeit in einer Verkaufsstelle zu schliessen, ist reine Spekulation. Verschiedene Verkaufsstellen miteinander zu vergleichen, ist ausserdem sehr schwierig, da ein Laden nie so ist wie ein anderer. Auf einigen gemachten Fotos sehen wir Verbesserungspotenzial. Wir werden die Bilder zum Anlass nehmen, die betreffenden Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer noch einmal auf das Thema hin zu sensibilisieren. Das Verkaufsstellenpersonal wird grundsätzlich unabhängig vom Supermarkt-Standort gleich geschult und es werden ihnen dieselben Inhalte vermittelt.»

Schimmlige Mandarinen und verdorbener Lachs in den Coop Filialen Schwamendingen Zentrum und Lindenplatz

Ebenfalls im Coop Schwamendingen: Leere Flaschen auf dem Boden vor der Recyclingstation und unordentliche Regale

Obwohl Coop sein Personal immer gleich schult, finden sich in Schwamendingen und Altstetten schimmlige Produkte sowie leere oder unordentliche Regale. «Die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer geniessen bei der Warenpräsentation einen grossen Spielraum», schreibt Eugster. «Sie können in der Regel selber entscheiden, ob sie ein Produkt zum Beispiel in einem Korb oder auf Tischen präsentieren möchten. Das gilt auch für die Standorte Schwamendingen und Altstetten.» Ihre Mitarbeitenden würden sich stets – und vollkommen unabhängig vom Standort – bemühen, die Regale möglichst rasch wieder aufzufüllen und die Artikel nach vorne zu ziehen. Zu Spitzenzeiten könne es vorkommen, dass ein Regal für einen Moment leer bleibt. Den Fakt, dass der Coop Lindenplatz und der Coop Schwamendingen nie den Kund*innen-Zulauf vom Coop St. Annahof an der hochfrequentierten Bahnhofstrasse erreichen, ignoriert er dabei. «Es gibt ausserdem keinen Zusammenhang zwischen dem Standort und dem Zustand der Frischprodukte.» Die gezeigten Fotos mit Schimmel entsprächen nicht Coops Verständnis von Frische.

Coop St. Annahof an der Bahnhofstrasse: Die Kühltruhen sind ordentlich befüllt, gewisse Produkte werden in ansehnlichen Körben präsentiert und es stehen schöne Metall Einkaufskörbe zur Verfügung.

Impressionen vom Coop St. Annahof und Coop an der Seefeldstrasse 123: durchgehend saubere Gänge, ordentlich eingeräumte Regale und frische Produkte.

Besserer Service für Reiche?

Markus Eugster hält es ausserdem für einen Zufall, dass im Coop St. Annahof edle Metallkörbe anstatt die üblichen Plastik Einkaufskörbe verwendet werden: «Bei den Einkaufskörben aus Metall im Coop St. Annahof handelt es sich lediglich um ein älteres Modell. Es ist gut möglich, dass dieses Modell bei einer Ersatzbeschaffung durch Körbe aus Kunststoff ersetzt wird.» Er fände es absurd, vom Material der Einkaufskörbe auf das Durchschnittseinkommen in einem Quartier zu schliessen, konnte aber nicht sagen, in welchen Coop Filialen sonst noch Metall Einkaufskörbe verwendet werden.

Es ist höchst fraglich, dass Läden an «bevorzugten» Lagen auf ein Niveau hochpoliert werden, das nicht mit dem Standard in anderen Quartieren übereinstimmt.

Für die im Vergleich schlechten Zustände im Coop Altstetten und Schwamendingen gab Eugster selbst nach mehrmaligem Nachfragen keine abschliessende Erklärung ab. Er betonte stets die einheitliche Schulung des Personals und schiebt damit die Verantwortung von der Geschäftsleitung. Trotzdem sind die Mängel Realität. Die Recherchen zeigen eine Momentaufnahme dessen, wie Coop ihre Filialen an repräsentativen Standorten mit zahlkräftigen Kundschaft sorgfältiger bewirtschaftet. Auf den ersten Blick mögen die Unterschiede nicht krass sein. Doch es ist höchst fraglich, dass Läden an «bevorzugten» Lagen auf ein Niveau hochpoliert werden, das nicht mit dem Standard in anderen Quartieren übereinstimmt und damit ein spürbares, soziales Gefälle zwischen den Einkommensschichten geschaffen wird. Vor allem, wenn man bedenkt, welch gemeinnütziges Leitbild dem Coop zugrunde liegt.

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