Von Rahel Bains

Redaktionsleiterin

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28. November 2021 um 08:16

Brunchgeschichten: Fomo? Jomo!

Für viele Zürcher:innen ist die Angst, etwas zu verpassen, ein ständiger Begleiter. Häufig geniessen wir die Dinge gar nicht mehr richtig, weshalb uns allen etwas Jomo gut tun würde.

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Illustration: Zana Selimi

Alle kennen Fomo. War der Begriff nicht sogar irgendwann, irgendwo mal Wort des Jahres? Auf jeden Fall wird dieser unserer Generation zugeschriebene Zustand als «geistige oder emotionale Anspannung durch die Angst, etwas zu verpassen», bezeichnet. Als eine Art zwanghafte Sorge, dass man eine Gelegenheit oder ein befriedigendes Ereignis verpassen könnte, oft ausgelöst durch Beiträge auf Social Media mit Impressionen von wahnsinnig wilden Partynächten, wahnsinnig tollen Ferien, wahnsinnig stilvollen Dinnerpartys oder Updates des «Latest Shit» auf Twitter, wie es unser Tsüri-Computerflüsterer Nico soeben über den Tisch gerufen hat. Als diese innere Unruhe und die Unfähigkeit, Dinge richtig zu geniessen, aus Angst, dass etwas Anderes gerade noch besser sein könnte.

Insbesondere in einer Stadt wie Zürich, die im Vergleich zu ihrer kleinen Grösse mit einem riesigen und vielfältigen kulturellen Angebot aufwartet, in der man sogar am Montag bis in die frühen Morgenstunden tanzen gehen kann, lauern die Fomo-Fallen an gefühlt jeder Ecke. Nach der langen «kulturellen» Enthaltsamkeit und der drohenden erneuten Schliessung öffentlicher Lokale umso mehr. Doch hier geht es eigentlich nicht um Fomo, sondern um eine Person, die irgendwie anders ist als wir alle. Die weder auf Instagram, Facebook noch Twitter zu finden ist. Von TikTok ganz zu schweigen.

Die Freude am Verpassen

Auch vor Corona, als man es noch guten Gewissens durfte, war dieser jemand nicht clubbend, sondern meistens zu Hause anzutreffen. Dinner im Restaurant? Nur wenn’s wirklich sein muss. Ein gemütlicher Abend mit den besten Freund:nnen? Gerne, aber ja nicht zu oft.

Es ist offensichtlich: Dieser Mensch hat kein Fomo, sondern Jomo: Joy of missing out oder auch: «Freude am Verpassen». Er will nicht überall gleichzeitig sein, ist nicht Wochen im Voraus verplant. Seine Whatsapp-Benachrichtigung hat er auf stumm geschaltet und es kann durchaus vorkommen, dass man tagelang auf eine Rückmeldung wartet. Dieser jemand ist die entspannteste Person, die ich je kennenlernen durfte. Die menschgewordene Fomo-Antithese. Er ist happy, genau dort wo er gerade ist. Und das ist meistens zu Hause.

Wenn es nach der Schriftstellerin und Journalistin Hayley Phelan geht, täten wir alle gut daran, es ihm gleich zu tun und ein bisschen mehr Jomo in unser Leben lassen. Dies riet sie bereits 2018 in einem Artikel in der New York Times – damals, als noch keine:r ahnen konnte, dass wir uns nur zwei Jahre später pandemiebedingt in einem Zwangs-Jomo-Fomo-on-and-off-Loop drehen würden.

Auf jeden Fall fordert Phelan, dass wir präsenter sein sollen: «Und das in einer Welt, in der das Verpassen einer E-Mail ein Vergehen ist, für das man gekündigt werden kann», ergänzt sie. «Ob es uns gefällt oder nicht, wir brauchen unsere technologischen Geräte; wir brauchen sie nur nicht so sehr, wie wir glauben, dass wir sie brauchen.» Bei Jomo ginge es darum, ein Gleichgewicht zu finden, so Phelan.

Jomo nicht als Entgiftung zu betrachten, sondern eher als Bestandteil eines gesunden, ausgewogenen Ernährungsplans für unser Gehirn. Und obwohl unsere «technischen Geräte» seit der Pandemie noch einmal mehr an Bedeutung gewonnen und uns dazu verholfen haben, gegenseitig in Verbindung zu bleiben, machen Phelans Worte doch noch immer irgendwie Sinn, nicht?