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Behnam Safaifar (Fotos: Emilio Masullo / Sonya Jamil)

FOGO: So lebt es sich am Vulkanplatz

Man sieht es schon von weitem: FOGO, das bunte Containerdorf gleich beim Bahnhof Altstetten. Seit Januar 2019 wohnen und arbeiten hier Flüchtlinge, Studierende, Kulturschaffende und Gewerbetreibende. Bewohner Behnam Safaifar sprach mit Tsüri.ch über das Leben am Vulkanplatz.
09. Dezember 2020
Praktikantin Redaktion

In dieser Serie entdecken wir die unterschiedlichsten Wohnformen, die Zürich zu bieten hat.


FOGO mag einigen als kapverdische Vulkaninsel im Atlantik ein Begriff sein. In Zürich ist der Name des Areals eine geschickte Anspielung auf den Altstetter Vulkanplatz. Das FOGO-Logo, bestehend aus schwarzen, metallenen Grossbuchstaben, wurde von Studierenden der ZHdK im Rahmen eines Wettbewerbs entworfen. Das FOGO-Areal, welches in der Nähe einer stark befahrenen Autobahn liegt, galt zuvor nur als Parkplatz für umliegende Büros und als Standplatz für Fahrende, ansonsten war es ungenutzt. Die Zürcher Fachorganisation AOZ war nach acht Jahren auf dem Leutschenbach-Areal auf der Suche nach einem neuen Standort für die temporäre Wohnsiedlung. Um das Areal vollumfänglich zu nutzen, schlossen sie sich mit der Stiftung «Einfach Wohnen» und dem Jugendwohnnetz «Juwo» zusammen. Gemeinsam verfolgen sie das Ziel, günstigen Wohnraum in der Stadt Zürich zu vermieten. Innerhalb eines halben Jahres standen Ende 2018 die Modulbauten bereit, in denen insgesamt bis zu 250 Personen ihr zu Hause haben. In 20 Ateliers sind zudem lokale Kleinunternehmer/innen an der Arbeit. Darüber hinaus ist FOGO ein Lernort, ein Entwicklungslabor, eine Begegnungszone, ein Spiel- und Freizeitraum für die nächsten 20 Jahre.

Alles, was es braucht

Auf der Suche nach Behnam Safaifars Adresse fällt auf: Der Bereich der Stiftung Einfach Wohnen, vermietet durch die JUWO, ist im Gegensatz zum restlichen Containerdorf nicht farbig bemalt, sondern in einem schlichten Grauton gehalten. Nach einem kurzen Klingeln erscheint Behnam, mit Betonung auf dem H, gleich an der Tür. Der bald 29-Jährige gibt bei einer Tasse Tee Einblick in sein Zuhause, welches er sich momentan mit zwei weiteren Mitbewohnern teilt. «Ursprünglich waren wir zu fünft», verrät er. Da das Wohnen im Geerenweg-Areal sowieso nur als eine temporäre Lösung gedacht sei, wäre es üblich, dass die Bewohner*innen früher oder später wegziehen. Behnam wohnt seit einem Jahr in der FOGO-Siedlung und fühlt sich wohl. In seinem Zimmer lebt er auf zehn Quadratmetern, der gemeinsame Wohnbereich der WG ist mit Tisch, Sofa und Küchenanrichte simpel eingerichtet, Behnam hat jedoch alles, was er braucht.

Frisch in der Schweiz

Ursprünglich aus dem Iran zog es Behnam vor viereinhalb Jahren in die Schweiz. An seine Vergangenheit denkt der Flüchtling ungern zurück, da sie von Schwierigkeiten und politischer Unterdrückung geprägt ist. Zu seiner Familie hat er sporadisch Kontakt, sein Vater ist letztes Jahr verstorben; ein Schicksalsschlag für Behnam. Das Leben in seinem Land sei ganz anders, als in den Medien berichtet. «Ich habe im Iran alles verloren, was man sich nur vorstellen kann.» Mit dieser Tatsache habe er mittlerweile abgeschlossen, denn: «Ich habe hier ein gutes Leben.»
Frisch in der Schweiz musste er sich jedoch zuerst zurechtfinden. Zunächst in Bundesasylzentren und kantonalen Asylunterkünften, durfte er später in die im Auftrag der Stadt Zürich zur Verfügung gestellten AOZ-Wohnungen ziehen und nun ist er im FOGO. Behnam hat immer in «busy Städten» gelebt, umso dankbarer war er, dass er bei seiner Ankunft in der Schweiz in Zürich einquartiert wurde. Die lebendige Stadt sei voll sein Ding: «Ich liebe Zürich», erzählt er mit leuchtenden Augen. Sein Lieblingsort? «Alles ist mein Lieblingsort.» Einen Haken hat die Schweiz dann doch: Das Wetter. Behnam, der sich vom iranischen Winter 35 Grad gewöhnt war, hatte bei den Schweizer Temperaturen gleich einmal einen Kälteschock.

Das Leben in der Geerenweg-Siedlung

Mit einem «Hello» tritt Behnams Mitbewohner aus der Zimmertür, muss aber gleich weiter. «Er kommt auch aus dem Iran», lächelt Behnam. Er versteht sich mit der ganzen WG gut, jedoch habe man hier in den gemieteten Wohnunterküften der AOZ kein Mitsprachrecht, wer einziehe; das entscheide die Fachorganisation selbst. «Italien, Spanien, Syrien, Afghanistan...», zählt er auf, in der Siedlung treffen Studierende und junge Geflüchtete verschiedenster Nationalitäten und Kulturen aufeinander; das gefällt Behnam. Gemeinsam mit seinen Freund*innen spielt er hier in seiner Freizeit Schach oder Pingpong. Der dazugehörende Tisch sowie die vielen Hängematten auf dem bekiesten Areal laden zum gemeinsamen Verweilen ein. Das mache das FOGO stark, findet Behnam.

Tatsächlich ist das FOGO sehr bemüht, die Menschen zusammenzubringen. Sei es bei Spiel und Spass im Brettspielcafé DuBischDra mit tausenden von Spielen oder eben mit Essen. Der Quartiertreff dieBuvette, betrieben von dieCuisine bietet von Montag bis Freitag ein vegetarisches Mittagsmenü, bestehend aus regionalen und saisonalen Bio-Produkten. Flüchtlinge haben dank Cuisine sans frontières im FOGO-Areal einmal im Monat die Gelegenheit gemeinsam zu kochen. Auf dem Areal sticht auch ein sogenannter STARTRUCK ins Auge und mit ihm auch der Duft von indischem Essen: Es handelt sich um die mobile Quartierküche ebenfalls von dieCuisine, in der jeden Monat ein anderes Start-up über Mittag kulinarische Spezialitäten ferner Länder unter die (wissens)hungrigen Leute bringt.

Leidenschaft als Beruf

«Ich bin gar nicht so oft in der WG», gibt Behnam zu. Kein Wunder, schliesslich ist er zu hundert Prozent mit seiner Ausbildung als Detailhandelsfachmann beschäftigt. Diese absolviert er im CIRCLE-The Suistanable Shop welche sich ganz klar für «Fair Fashion» und weitere nachhaltige Produkte einsetzt. Ein Thema, welches Behnam sehr am Herzen liegt: «Ich liebe die Natur.» Besonders während der Pandemie hätten sich die Leute vermehrt mit der Umwelt auseinandergesetzt, freut sich Behnam. «Wenn ich im Shop nur einer Person mein Wissen weitergeben kann, ist das schon genug!», betont er und schwärmt gleich weiter von seiner Arbeitsstelle und seinen coolen Arbeitskolleg*innen. Seine Liebe zur Natur und Textilien kommt nicht von ungefähr, er arbeitete früher im Textilgeschäft seiner Familie.

Nach zweieinhalb Jahren in der Schweiz bekam Behnam die Aufenthaltsbewilligung B. Diese ermöglichte es ihm, sein Leben hier in der Schweiz besser zu planen. Damals, Mitte 20, wollte der studierte Elektrotechniker sich auf die Stellensuche konzentrieren und dabei ja keine Fehler machen. Das Jobcoaching der AOZ habe ihm dabei sehr geholfen. Zunächst arbeitete er als Elektriker; Behnam, der sich als sehr offen und aufgeschlossen beschreibt, war jedoch auf der Suche nach einem Beruf, bei dem mehr Kommunikationskünste gefragt waren. Sein Herz schlug nach wie vor für die Textilbranche: «Ich musste es einfach versuchen.» Stolz zieht er seinen Berufsschulausweis aus der Tasche. Auch wenn in seiner Schulklasse alle jünger sind als er, lernt Behnam viel von den Schüler*innen und findet es spannend, wie sie ihre Jugend leben.

«Hier in der Schweiz konnte ich ein neues Leben starten!», bedankt sich Behnam. Für die Zukunft wünscht er sich eine eigene Wohnung; selbstverständlich in Zürich, denn die Limmatstadt wäre schliesslich sein «dihei».


Mehr Informationen zum FOGO-Areal: Hier

Die FOGO-Porträtserie zu den Bewohner*innen: Hier

Fokusmonat «Wohnen» 2020
Dieser Artikel ist im Rahmen unseres Fokusmonats «Wohnen» entstanden. Neben dem hier veröffentlichten Bericht, sammeln wir mit einem Crowdfunding momentan Geld, um herauszufinden wem Zürich gehört. Zudem organisieren wir auch dieses Mal eine Pitch-Night, Podien und machen mit einer Stadtforscherin einen Spaziergang durch die Weststrasse.

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