Flüchtlinge, Immigranten, Asylanten oder einfach: Meine Eltern

Vor 35 Jahren kamen meine Eltern in die Schweiz. Eigentlich wollten sie nur sieben Tage bleiben, doch an ihrem ersten Tag in Zürich brach in ihrem Heimatland Polen das Kriegsrecht aus. Panzer fuhren durch die Strassen, 13’000 Menschen wurden interniert und die Ein-, sowie Ausreise wurden verboten. Meine Eltern mussten in einem fremden Land ein neues Leben anfangen. Mit dabei hatten sie zwei Koffer, 700 Dollar und ein zweijähriges Baby.
04. November 2017

Lieben in Polen – Leben in der Schweiz

Mein Vater Janusz Miszkiewicz und meine Mutter Ursula Kozlowska stammen beide aus dem kommunistischen Polen. Sie wurden knapp zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Mein Vater wuchs auf dem Land auf und hatte trotz Armut eine fröhliche Kindheit. Meine Mutter wuchs in Breslau auf, eine der grössten Städte Polens, und spielte als Kind in zerbombten Ruinen. Als Teenager waren die beiden ziemlich unterschiedlich. Mein Vater trieb Unfug, trug lange Haare und erwarb sich einen kleinen Nebenverdienst als Gitarrist in einer Band. Meine Mutter war ein ruhiges Mädchen, ging oft in die Kirche und kümmerte sich um ihre Familie. Die beiden lernten sich in der Ausbildung kennen, verliebten sich und heirateten. Kurze Zeit später bekamen sie ein Kind, mein grosser Bruder Lukas. Meine Mutter war 22 und mein Vater 25.

Nachdem mein Bruder geboren wurde, fassten sie den Entschluss, auszuwandern. Sie wollten ihrem Kind Möglichkeiten bieten, die ihnen im kommunistischen Polen verboten wurden. Ein Staat, der seine Bevölkerung unterdrückt, belügt und systematisch terrorisiert. Ein Land, in dem man 4 Stunden anstehen musste für ein Stück Fleisch und dann noch froh war, wenn am nächsten Tag sämtliche Regale ausschliesslich mit Senf und Essig gefüllt waren. Ein Polen, das zwar so sehr von seiner Bevölkerung geliebt wurde, jedoch keine Zukunft hatte unter einer in Perversion geratenen Ideologie.

Aus sieben Tagen wird ein Schicksal

Mein Vater wollte weit weg, am liebsten nach Australien in die Sonne und zu den exotischen Tieren. Meiner Mutter war das zu weit weg von ihren Eltern. Sie schlug deshalb die Schweiz vor, wo ihr alter Schulfreund Richard wohnte, von dem sie oft Briefe erhielt. Sie wussten kaum etwas über die Schweiz und das wenige, das sie kannten, bezog sich auf Postkarten-Klischees wie Alpen, Käse und Schokolade. Im Geheimen planten sie ihre Auswanderung, doch zuerst wollten sie einen Blick auf dieses fremde Land und diese fremde Kultur werfen. Mit viel Glück bekamen sie ein siebentäges Ausreisevisum und durften die Schweiz besuchen – Ferien könnte man sagen. Aus Hochzeitsgeschenken und Erspartem kratzen sie 700 Dollar zusammen und flogen am späten Abend des 12.12.1981 nach Zürich. Als sie in Zürich ankamen, war es bereits dunkel. Richard holte sie vom Flughafen ab und gemeinsam spazierten sie die verschneite Bahnhofstrasse entlang. Meine Eltern waren fasziniert von dieser neuen Stadt, doch die lange Reise war ermüdend, so gingen sie früh ins Bett. Als sie am nächsten Morgen aufwachten, sahen sie, dass in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde.

Das Kriegsrecht in Polen von 1981 – 1983

(Bild: J. Żołnierkiewicz/Wikipedia)

Grund für den Ausnahmezustand war die immer stärker werdende Gewerkschaft Solidarność (dt. Solidarität), die sich öffentlich gegen die Kommunistische Partei wehrte und eine Demokratisierung des Landes forderte. Ihr Vorsitzender war Lech Wałęsa, ein junger Elektriker mit langem breitem Schnurrbart, der etwas albern wirkte. Später wird er den Friedensnobelpreis erhalten und noch etwas später wird er der Präsident des neuen demokratischen Polens. Doch das können meine Eltern noch nicht wissen, sie verfolgen im Fernsehen die Berichterstattung und sehen nur Chaos. Panzer patrouillieren die Strassen, tausende werden interniert, Dutzende sterben in der ersten Nacht. Die Sondereinheit ZOMO hetzt durch die Gassen und zerschlägt jeglichen Widerstand auf brutalste Weise. Die Bevölkerung zittert vor den bewaffneten Männern und erinnert sich an den Horror der Gestapo zurück. Später wird bekannt, dass die Männer unter Amphetamine gesetzt wurden, um sie noch blutrünstiger werden zu lassen. Das Kriegsrecht in Polen hielt fast zwei Jahre an und wurde erst am 22. Juli 1983 aufgehoben. Die Repressionen gingen weiter und nahmen erst ab als 1986 die Politik der Perestroika einsetzte und die Sowjetunion ihre Machtausübung allmählich zurückzog.

Im Chaos einen Sinn suchen

Meine Eltern versuchten verzweifelt ihre Familie und Freunde zu erreichen, doch vergeblich. Sämtliche Leitungen wurden gekappt, das Land hatte sich verbarrikadiert, die Welt sah erschrocken zu. Mein Vater war fassungslos, meine Mutter konnte nicht aufhören zu weinen. Das war ihr erster Tag in Zürich. Sofort gingen sie zur Polizei und wedelten voller Verzweiflung mit ihrem polnischen Pass um sich. Sie verstanden kein Wort Deutsch, kannten nur Ausdrücke wie «Danke» und «Bitte». Die ratlosen Polizisten holen einen russischen Kollegen zu Hilfe, der sie beruhigen soll. Endlich können mein Vater und meine Mutter fragen, was um Himmels willen vor sich geht. Sie werden in einen abgelegenen Raum gebracht, wo ihnen die Fernsehdurchsage von Präsident Jaruzelski vorgespielt wird, die das Kriegsrecht in Polen ankündigte. Kurze zeit später fängt das Verhör an. Eine Stunde werden sie von der Polizei ausgefragt. Was ist der Grund ihres Aufenthaltes? Wieso gerade jetzt? Ob sie in der kommunistischen Partei sind? Die Unschuld meiner Eltern kristallisiert sich heraus und es wird ihnen geraten, schnellstmöglich Asyl zu beantragen. Meine Eltern wollen schnellstmöglich nach Polen zurückkehren, doch davon wird ihnen vehement abgeraten. Sowohl mein Vater, als auch meine Mutter waren Mitglied bei Solidarność. In Polen würden sie sofort festgenommen werden – sie wurden zu politischen Flüchtlingen.

Solidarität mit Geflüchteten

Die Polizei war hilfsbereit, vermittelte ihnen ein kleines Hotelzimmer in der Nähe des Kasernen-Areals und trug sogar die Koffer nach oben. Es war eine andere Zeit. Während man heutzutage Begriffe wie «Wirtschaftsflüchtlinge» hört, solidarisierte sich damals die Bevölkerung mit den Geflüchteten. Vor allem Menschen aus dem Ostblock wurde breites Wohlwollen entgegengebracht. Der Kalte Krieg hielt zwar noch an, doch ein Ende des Sowjetregimes war nicht mehr abzuwenden. Auch meinen Eltern wurde enorm geholfen. Vom Staat, von Freunden und Fremden.

Im Hotel befreundeten sie sich mit einer anderen polnischen Familie und mit der Hotelbesitzerin Frau Mazzini, einer alten,herzlichen Italienerin, die noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Die Tage verstreichen, die Situation bleibt die gleiche

(Ätsch reingekuckt! Mein Vater war auch in tristen Tagen für Spässe zu haben.)

Was als siebentägiger Urlaub geplant war, endete für meine Eltern in einem Exil in der Schweiz. Täglich verfolgten sie die Berichterstattung über Polen und versuchten immer noch vergeblich, ihre Liebsten zu erreichen. So vergingen die Tage in Zürich. Am 19. Dezember hatte mein Bruder Geburtstag. Eigentlich hätten sie dann alle wieder in Polen sein sollen, um mit Familie und Freunden zu feiern. Nun konnten sie ihm nicht mal ein Geschenk geben, weil sie dringend Geld sparen mussten. Dafür ging meine Mutter mit ihm auf den Spielplatz beim Helvetiaplatz. Der Kleine hatte Spass, spielte mit anderen Kindern und verstand seine Lage gar nicht. Meine Mutter war glücklich, ihr Kind lachen zu sehen.

Bald darauf kam Weihnachten. Es war kein Geld da für einen Weihnachtsbaum, aber ein Verkäufer schenkte meiner Mutter einen abgebrochenen Ast, den sie ins Hotelzimmer nahm und mit ein wenig Lametta dekorierte. Zusammen mit der anderen polnischen Familie, Zagorski, feierten sie Heiligabend. Mit dem wenigen, das sie hatten, kochten sie ein kleines Weihnachtsessen. Es gab Pieroggi mit Sauerkraut, Barszcz und gebratenen Fisch. Der Teig für die Pieroggi wurde mit einer leeren Weinflasche ausgewalzt. Die Kinder spielten miteinander, die Erwachsenen sangen Weihnachtslieder und es fühlte sich fast wie zu Hause an. Sie waren froh, dass sie einander hatten und genossen den kurzen Augenblick der Freude, doch ihre Gedanken und Gebete richteten sich an die Verwandten in Polen, von denen sie immer noch nichts gehört hatten und deren Schicksal ungewiss war. Am Abend gingen sie zu Frau Mazzini, um ihr frohe Weihnachten zu wünschen. Als ob sie es schon erwartet hätte, überreichte sie meinen Eltern einen grossen Geschenkkorb mit Würsten, Käse, Nudeln und allerlei anderen Lebensmitteln. Sie waren zu Tränen gerührt.

«Ich bin Goldschmied, suche Arbeit.»

Meinen Eltern war klar, dass sie keine Zeit verschwenden durften. Sie mussten sich um ihr Kind kümmern, Arbeit finden, versuchen, ein normales Leben zu führen.

Frau Mazzini kannte ihre dringliche Lage und wollte ihnen helfen. Kurz nach ihrem Einzug ins Hotel fragte sie meinen Vater, was er von Beruf sei. Er zeigte auf ihren Ring und Halsschmuck und versuchte mit Handbewegungen klar zu machen, dass er Goldschmied sei – sie verstand und schrieb ihm eine Adresse auf einen Zettel. Ein Tag später sollte er sich bei einem Goldschmied an der Talackerstrasse vorstellen.

Mit Hilfe eines Wörterbuchs schrieb sich mein Vater auf einen Zettel «Ich bin Goldschmied, suche Arbeit.» und ging damit zur Tännler AG. Gemeinsam mit seinen Söhnen wartete Herr Tännler bereits in der Lobby auf meinen Vater. Sowohl den Tännlers, als auch meinem Vater war klar, dass die Kommunikation ein Problem sein würde. Diplome und Referenzen konnte er nicht vorzeigen, das war alles in Polen geblieben. Also wurde mein Vater in ein Atelier gebracht, auf einen Stuhl gesetzt und erhielt ein Stück Gold. Mein Vater verstand, dass sein Talent geprüft wird und gab sein Bestes. Er arbeitete mehrere Stunden und obwohl er sehr nervös war, schmiedete er eine kleine goldene Rose mit filigranen Blättern und detaillierten Dornen. Mein Vater bestand den Test und konnte seine Stelle als Goldschmied antreten, die er bis heute noch hat. In den ersten Monaten verdiente er nur 1500.- pro Monat.

Neues Jahr, neue Wohnung, neues Leben

(Die kleine Familie macht einen Sommerspaziergang - Im Hintergrund ein Pornoladen an der Langstrasse.)

Nach einigen Wochen mussten meine Eltern das Hotel verlassen, um in ein Asylheim zu ziehen. Sie wollten ihrem Kind nicht noch mehr zumuten und suchten deshalb eine eigene Wohnung. Erneut half Frau Mazzini, die ihnen anbot, eine ihrer Wohnungen an der Brauerstrasse zu übernehmen. Drei Zimmer für 500 CHFr im Monat. Sie nahmen sofort an.

Die Wände der Wohnung waren nicht isoliert und es war eiskalt in der Nacht. Die kleine Familie ass ihr Abendessen in Mantel und Mütze gehüllt. Etwas später wurde ihnen von Frau Mazzini ein kleiner Ofen geschenkt, der zwar furchtbar stank, dafür mussten sie nicht mehr frieren. Die Wohnung hatte kein fliessend Warmwasser, keine Dusche oder Badewanne und nicht mal eine Toilette. Ein WC im Gang wurde von allen Bewohnern des Hauses benutzt. Waschen konnten sie sich nur zweimal in der Woche in einer öffentlichen Badeanlage. Auch wenn das Leben hart für sie war, beklagten sich meine Eltern nicht. Sie waren dankbar über jede Hilfe, die sie bekamen und hielten den Kopf hoch.

Um sich finanziell abzusichern, suchte sich auch meine Mutter eine Stelle. In der Nacht arbeitete sie als Putzfrau im Ober, einem Warenhaus an der Sihlbrücke, wo heute das Swiss Casino Zürich ist. Es war eine anstrengende und unschöne Arbeit, aber sie brauchten das Geld. Mein Vater nahm zusätzlich eine zweite Stelle bei Kentucky Fried Chicken beim Stauffacher an, wo er nach dem Goldschmieden arbeitete. Neben dem zusätzlichen Geld, konnte er so auch günstigeres Essen mit nach Hause bringen. So wechselten sie sich mit der Arbeit und den Pflichten ab. Am Tag kümmerte sich meine Mutter um das kleine Kind, ging mit ihm auf die Bäckeranlage, kochte das Abendessen. In der Nacht schaute mein Vater auf das Kind, während sie im Warenhaus putzte. Der Zusammenhalt meiner Eltern wurde in dieser Zeit ausgesprochen stark und hält bis heute an. Sie bekamen zwar viel Unterstützung von Freunden, doch erwarteten oder forderten sie nie etwas. Sie hatten nur einander und wussten, dass nur sie selbst ihre Lage verbessern konnten.

Erst im Frühling schaffte es meine Mutter endlich nach Polen zu telefonieren. Sie musste bei der Post fast zwei Stunden warten, damit die Leitung richtig gelegt werden konnte. Das Telefonat war extrem begrenzt und reichte nur für das Notwendigste. «Uns geht es gut», «Das ist unsere Adresse», «Ich vermisse dich». Die Briefe, die meine Mutter bis dahin nach Polen geschickt hatte, sind zu Hause nie angekommen. Erneut fühlten sich meine Eltern isoliert und die Distanz zwischen ihnen und ihren Familien schien unendlich. Als sie Monate später dann ihren ersten Brief aus Polen erhielten, war dieser bereits von der polnischen Staatssicherheit geöffnet und gelesen worden.

(Für kleinere Geschenke wie Dreirad wurde wochenlang gespart.)

Es wird Sommer, es wird Alltag

Willstu das Tsüri-Mail? Kommt einmal die Woche.

(Ausflug mit Freunden auf dem Zürichsee.)

Die Arbeit als Goldschmied gefiel meinem Vater sehr und seine Arbeitskollegen waren freundlich und versuchten, sich mit ihm anzufreunden. Es wurde viel geholfen, Möbel und Kleider wurden geschenkt. Man half ihnen beim Umzug und vermittelte ihnen bessere Jobs. Trotz der Bemühungen fühlte sich mein Vater während den Kaffeepausen jedoch seltsam. Als einziger trank er keinen Kaffee, sondern nur Tee und die Sprachschwierigkeiten erschwerten ein lockeres Gespräch. Zusätzlich setzte er sich enormem Druck aus und war nervös, dass seine Qualitäten in der Schweiz als minderwertig angesehen werden könnten.

Seine Unsicherheiten wurden vor allem von seinem Personalchef Herr Hollenstein und seinem Ateliermeister Herr Künzli genommen - beide grosse Jazzfans. Gemeinsam sprachen sie über polnische Jazzkünstler und mein Vater war sehr beeindruckt, dass sie Namen wie Proniko, Machoniak und Stainiko kannten. Er war überrascht, dass sich Schweizer für seine polnische Herkunft und Kultur interessierten und fühlte sich geehrt, auf Augenhöhe mit ihnen über Jazz sprechen zu können. Herr Künzli, der zufälligerweise der Präsident des Jazzclubs Zürich war, lud meine Eltern häufig zu Jazzkonzerten ein. Sie waren glücklich, dass sie von so vielen Schweizern akzeptiert und sogar willkommen geheissen wurden.

Trotz der Gastfreundschaft vermissten sie Polen sehr und vor allem, mit anderen Polen zu reden. Durch Zufall entdecken sie eine polnische Kirche in Zürich, die sie dann jeden Sonntag besuchen. Schnell fanden sie dort Freunde, die ihnen nicht nur gerne behilflich waren, sondern mit denen sie einfach Zeit verbringen konnten. Gemeinsam mit ihren polnischen Freunden gingen sie oft spazieren oder im See baden. Als die Fussballweltmeisterschaft 1982 in Spanien begann, feuerten sie natürlich zusammen Polen an und waren unglaublich Stolz, als ihr Heimatland den dritten Platz erreichte. Meine Eltern genossen ihre Zeit in Zürich trotz ihrer prekären Situation und sind weiterhin dankbar für die Herzlichkeit, mit der sie von den Menschen empfangen wurden.

Eine Zukunft in der Schweiz

Trotz den geschlossenen Freundschaften und dem Gefühl, langsam angekommen zu sein, möchte meine Mutter in eine andere Wohnung ziehen. Ständig wird sie von Freiern angemacht, die sie für eine Prostituierte hielten. Vor der Haustür stinkt es nach Erbrochenen und Urin. Die Gegend ist voller Prostituierten und Drogendealern. Damals wie heute kein Ort, um ein Kind grosszuziehen.

Durch ein Vermittlungsbüro wird sie auf eine Wohnung in Dietlikon aufmerksam. Die Wohnung liegt im siebten Stock, hat eine schöne Aussicht, ist gross und sogar eine Badewanne ist drin. Ein Traum für meine Eltern, den sie sich für 1000.- im Monat damals noch knapp leisten können. Der Angestellte des Büros versichert meiner Mutter, dass er alles dafür tun werde, um ihr die Wohnung zu vermitteln – Referenzen und Bonität seien egal.

Im Herbst ‘82 sind sie nach Dietlikon gezogen, wo sie noch heute wohnen. Sie hatten endlich eine richtige Wohnung mit Badewanne, Fernseher und Telefon. Ein Spielplatz und ein Freibad war in der Nähe und eine befreundete Familie war gleich um die Ecke. Sie konnten sich ihr Heim so einrichten, wie sie wollten. Sie konnten ihrem Kind eine kleine Spielecke einrichten. Kauften ein Fahrrad, einige Jahre später sogar eine Katze. Es trat ein funke Normalität in ihr Leben ein und dieses fremde Land fing langsam an, sich wie Zuhause anzufühlen.

Aus einer Woche wird ein Jahr und eine neue Heimat

(Lukas feiert seine erste richtige Geburtstagsparty in der Schweiz.)

Auch ein Jahr nach dem Ausbruch des Kriegsrechtes hat sich die Lage in Polen nicht beruhigt. Es wird noch weitere sieben Monate dauern, bis die Panzer im Juli ‘83 endlich abgerufen werden und sich das Land öffnet. Es wird noch ganze sieben Jahre dauern, bis Polen demokratisch wird und meine Eltern ihre Familie wiedersehen können. Sieben Jahre in denen sie neue Freunde gefunden haben, die Sprache und Kultur lernten, ihr Kind eingeschult wurde und sogar ein zweites in Zürich auf die Welt kam - ich.

Meine Eltern gehören heute zur oberen Mittelschicht. Mein Vater arbeitet immer noch als Goldschmied und liebt seinen Beruf. Meine Mutter arbeitet in der Bank, kümmert sich um die Stammdaten von Kunden, ist Vorsitzende der Arbeitnehmervertretung und Lehrlingsbetreuerin. Sie besitzen eine schöne Eigentumswohnung, einen Schrebergarten, den sie über alles lieben, ein schickes Auto, gehen regelmässig in die Ferien und können ihren zwei Kindern jeden Wunsch erfüllen.

Sie waren und sind extrem fleissig und haben sich aus Nichts ein eigenes Leben in einem neuen Land geschaffen. Doch das kam alles später, nach diesem traumatischen Erlebnis und dem Asyl in der Schweiz. Im Winter ‘82 waren sie einfach nur froh, dass sie ihrem Kind eine kleine Geburtstagsparty schenken konnten.

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