(Bild: zvg)

Florian Kasser von Greenpeace: «Wunderbare Lebensmittel nach der Krise»

Die Pandemie hat die Weltwirtschaft zum Erliegen gebracht. Wir merken, dass ohne uns nichts geht. Gelingt es uns, ein neues Kapitel aufzuschlagen, sobald das öffentliche Leben weitergeht? Verschiedene Autor*innen analysieren die Situation und geben konkrete Tipps, wie jede*r einzelne von uns dazu beitragen kann. Heute mit Florian Kasser von Greenpeace.
15. April 2020
Campaigner bei Greenpeace, Diplom-Umweltwissenschaftler ETH

Ich blicke auf die letzten Wochen zurück und staune, dass vieles, was ich bislang für unmöglich hielt, plötzlich trotzdem geht. Es sind schwierige, für viele traurige Zeiten. Aber ich denke, dass wir dank den gemeisterten Herausforderungen eine neue Stärke gewonnen haben. Wir sind jetzt bereit für die tief greifenden Veränderungen, die es zum Schutz unseres Planeten braucht.

Als Corona-Stubenhocker fällt mir auf, dass uns in dieser ganzen Zeit nie Nahrungsmittel fehlten – auch wenn es hier und da Engpässe gab. Und ich bin überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit wir davon ausgehen, dass dies so bleibt – besonders in normalen Zeiten. Ich habe nun einen neuen Blick auf die Bedeutung der «Grundversorgung». Diese Grundversorgung zu bewahren erfordert einen nachhaltigeren Umgang mit Menschen und natürlichen Ressourcen. Dafür müssen wir unsere Ernährungsgewohnheiten ändern.

Wir können unsere Ernährung lustvoll ändern. Wir können Lebensmittel so wertschätzen, dass sie mit Sorgfalt produziert, vertrieben und verbraucht werden. Statt unsere Lebensmittel bloss als Konsumgüter zu betrachten, die in verschwenderischem Umfang vorhanden sind, können wir sie als zentralen Bestandteil unserer Grundbedürfnisse wahrnehmen und entsprechend besser behandeln.

Nicht nur die Lebensmittel selbst, sondern auch die Böden, das Wasser und die Nährstoffe, die für ihre Produktion nötig sind. Und natürlich auch die Menschen, die diese Produktion erst ermöglichen. Wir können unsere Ernährung – vom Acker bis zum Teller – so umgestalten, dass sie Mensch und Umwelt nicht mehr schadet.

Florian Kasser
Florian Kasser ist Umweltnaturwissenschaftler und arbeitet seit 2010 als Campaigner bei Greenpeace Schweiz. Er koordiniert die Zero-Waste-Kampagne der Organisation und setzt sich aktuell dafür ein, dass die Corona-Krise zu einem Bewusstseinswandel in Bezug auf Ressourcennutzung und Umweltschutz führt.

Es ist höchste Zeit, auf die Landwirtschaft und die Ernährung der Zukunft anzustossen! Wenn auch du Teil dieses Wandels sein möchtest, habe ich folgende Tipps:

  1. Du kannst Sorge dafür tragen, dass dein Teller mit lokalen, ökologisch und fair produzierten Lebensmitteln gefüllt wird. Dafür kannst du auf dem Wochenmarkt saisonal einkaufen oder Produkte beziehen, die von Bauern der Region direkt vermarktet werden, zum Beispiel indem du sie online bestellst.
  2. Vielleicht bist du nun auch bereit, dich weitgehend pflanzlich zu ernähren. Bisher hielt ich das selbst für unmöglich! Inspirierende Ideen gibt es aber genügend.
  3. Du kannst ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass all die wunderbaren Lebensmittel nicht einfach so aus dem Nichts entstehen. Sie brauchen Sorgfalt und Pflege. Sei bereit, einen guten, fairen Preis für sie zu bezahlen.
  4. Schliesse deinen Frieden damit, dass nicht immer alles verfügbar ist. Lücken im Sortiment kamen in Corona-Zeiten immer wieder vor – ohne dass es uns deshalb schlechter ging. Das Lebensmittelangebot und unsere Kundenwünsche sollten sich den Jahreszeiten und dem Wetter anpassen.
  5. Solidarisiere dich mit Insekten, denn sie sind essentiell für die Produktion von leckeren Lebensmitteln. Synthetische Pestizide und zu viel Dünger sind die Hauptursachen des Insektensterbens. Intensive Landwirtschaft tut weder der Natur noch dem Menschen gut.
  6. Mache dir bewusst, dass die Naturzerstörung aufgrund der globalen Landwirtschaft Pandemien wahrscheinlicher macht und besinne dich auch deshalb auf ökologische und lokal verankerte Produkte. Mir reicht eine Corona-Krise. Dir auch?
  7. Sage als Stimmbürger*in Ja zu den drei anstehenden Volksabstimmungen: die Trinkwasserinitiative, die Initiative «Schweiz ohne synthetische Pestizide» und die Massentierhaltungsinitiative.
  8. Engagiere dich als Stimmbürger*in dafür, dass der Bund sein Geld für eine Ökologisierung verwendet, weil uns das für künftige Krisen besser wappnet.
  9. Fordere als Zürcher*in einen Gemüsemarkt für jedes Quartier. Und zwar mit benutzerfreundlichen Öffnungszeiten: weshalb sollten die Märkte in Zürich bereits um 11 Uhr schliessen?
Wenn das alles vorbei ist
In der Rubrik «Wenn das alles vorbei ist», teilen Autor*innen aus verschiedenen Fachgebieten ihre Sicht auf die Welt während und nach Corona und geben konkrete Tipps, wie jede*r einzelne von uns dazu beitragen kann, sie ein Stück besser zu machen.

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