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Zwie Fäuste an der Black Lives Matter Demonstration in Zürich (Foto: Niloufar Krage)

Feminismus-Kolumne: Wenn politische Bewegungen Mainstream werden

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In dieser Kolumne schreibt Laila Gutknecht über politische Bewegungen und den Mainstream.
11. Juli 2020
Kolumnistin / Das da unten

In den letzten Wochen war es eindrücklich zu beobachten: Nach dem Tod George Floyds erfährt die Black Lives Matter - Bewegung ungewohnten Aufschwung. Nicht nur solidarisierien und positionieren sich Zehntausende auf den Strassen und im Netz (die Hashtags #blacklivesmatter und #blackouttuesday wurden auf Instagram über 23 Mio mal verwendet), auch Stars und grosse Firmen und Marken springen auf den Zug auf. Nike postete ein Video gegen Rasssendiskriminierung auf Twitter, das gar von Konkurrenten Adidas geteilt wurde. Puma, Fila oder H&M unterstützen die Bewegung durch Spenden, Starbucks-Mitarbeitende schreiben #BLM auf ihre Namensschilder. Techgiganten machten öffentliche Statements (Netflix), spendeten grosse Summen (Amazon) oder bezogen anderweitig Stellung, wie der Nachrichtendienst Twitter, der Donald Trumps Tweet mit einem Warnhinweis (Fake News) kennzeichnete.

Sogar die britische Teeindustrie solidarisiert sich mit der Bewegung und hat dafür einen eigenen Hashtag kreiert (#solidaritea). Hierzulande begannen Zeitungen, die Rolle der Schweiz in der Kolonialzeit aufzuarbeiten, erklären Begriffe wie ‘Strukturellen Rassismus’ und geben Schwarzen Menschen und People of Color eine Stimme. Alles in allem kann gesagt werden: die Bewegung ist in die Mitte der Gesellschaft angekommen – sie wurde zum Mainstream.

Mainstream hat ja immer einen etwas fahlen Beigeschmack. Es ist wie bei der Musikrichtung oder bei der Band, die geliebt wird, solange sie klein und nischig ist; sobald sie aber der breiten Masse gefällt, kann man sie nicht mehr hören, denn ‘sie ist zum Mainstream verkommen’. Der eigene Geschmack wird dabei als so aussergewöhnlich wahrgenommen, dass er unmöglich mit dem einer ganzen Masse korrelieren kann. Bei politischen Bewegungen befürchten Kritiker*innen der Mainstreamisierung eine Verwässerung der politischen Agenda. Zu recht wird gefragt: Was bleibt von den Gedanken und Forderungen, wenn der grosse Hype abgeflacht ist? Oftmals wird in diesem Zusammenhang zudem die Kommerzialisierung der Bewegung kritisiert. Firmen, die aus der Bewegung Profit schlagen wollen, beispielsweise mit dem Verkauf von Merchandise-Artikel.

Die Gegenseite hält zu Gute, dass Mainstreamisierung für eine politische Bewegung eine erstrebenswerte Entwicklung sei. Sie bedeutete, dass das Phänomen in der breiten Masse angekommen ist, dass es gesellschaftlich zu grossen Teilen akzeptiert oder zumindest diskutiert wird. Doch ob man die Mainstreamisierung nun befürwortet oder nicht: aufgehalten werden kann sie nicht. Sie scheint das Schicksal jeder erfolgreichen Bewegung zu sein. Das Internet, insbesondere die Sozialen Medien beschleunigen diesen Vorgang signifikant.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.

Die Gretchen-Frage dabei bleibt natürlich: Wie kann die Bewegung ihre ursprüngliche Kraft trotz Mainstreamisierung beibehalten und dabei ihre Forderungen und Ziele nicht aus den Augen verlieren?

Bei der BLM-Bewegung entfaltet die Mainstreamisierung eine eindrückliche Kraft: Plötzlich sind wir alle in der Pflicht. Wir sind angehalten, das Thema Rassismus in unseren Leben zu thematisieren und uns damit auseinanderzusetzten. ‘Betrifft mich nicht’-Sagen und Wegschauen geht nicht mehr. Und wenn jede*r einzelne jetzt die Arbeit macht – zu allererst bei sich selbst, dann mit seinen Nächsten, dem Bekannten- und Freund*innenkreis oder bei der Arbeit ... dann – und davon bin ich überzeugt – bringt die Mainstreamisierung die Bewegung weiter.

Gefühlt ist beim Thema Gleichsstellung in den letzten Jahren dasselbe passiert. In vielen Punkten sind wir viel weiter, als noch vor ein paar Jahren. Die zeigt sich beispielsweise an der sich immer mehr durchsetzende gendergerechte Sprache im öffentlichen Sprachraum, der vermehrt auftretenden Suche nach (m / w / d) in Jobausschreibungen oder auch daran, dass es nicht mehr für alle Frauen selbstverständlich ist, ihren Namen bei der Heirat abzugeben. Das Thema scheint – nicht zuletzt auch dank erfolgreicher Social-Media-Kampagnen – sehr präsent im kollektiven Bewusstsein zu sein.

Allerdings besteht immer die Gefahr, dass sich diese von mir beobachteten Phänomene jenseits der Grenzen meiner Bubble in Luft auflösen – das lässt sich von innerhalb ja immer furchtbar schwer beurteilen. Ein guter Indikator für etwas mehr Objektivität sind dabei politische Vorstösse oder Initiativen. Eine, die mir besonders am Herzen liegt, ist die Abstimmung für 2-Wochen Vaterschaftsurlaub, die am. 27.September endlich an die Urnen kommt. Eine Chance zu beweisen, dass Mainstreamisierung auch einen positiven Einfluss auf die politische Strahlkraft eines Phänomens haben kann.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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