Feminismus-Kolumne: Männer als Opfer von Sexismus?

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In dieser zweiten Kolumne sinniert Pascale Niederer über Sexismus gegenüber Männern.
22. Februar 2020
Kolumnistin

Als mein Partner vor einiger Zeit von der Arbeit kam, erzählte er mir, dass er heute ein Opfer von Sexismus geworden wäre. Seine gute Leistung in der Arbeit mit Kindern wurde nicht mit seiner gründlichen Vorbereitung in Verbindung gebracht, sondern mit seinem Geschlecht. Es wurde ihm gesagt, dass er als Lehrer einen Vorteil habe, weil er ein Mann sei. Kinder folgten ihm besser, da er eher als Autoritätsperson wahrgenommen würde, als eine Frau. Ich verstand, dass ihn die so dahin gestellte Aussage nervte. Ich merkte jedoch, dass ich auch seine Aussage unbedacht fand, denn in meinem Verständnis können Männer grundsätzlich nicht Opfer von Sexismus werden.

Ich will auch gar nicht bestreiten, dass Männer – gerade in pädagogischen sowie Pflege- und Betreuungsberufen – mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass männliche Arbeitnehmer in sogenannten «Frauen*berufen» aufgrund ihres Geschlechts unfair behandelt werden. Doch dabei von Sexismus oder sexueller Diskriminierung zu sprechen, wäre falsch. Von Diskriminierung (Ich beziehe mich hier auf die Definition von struktureller Diskriminierung) wird gesprochen, wenn eine Menschengruppe aufgrund der (Macht-)Strukturen der Gesellschaft benachteiligt wird. In unserer patriarchalen Gesellschaft bilden Frauen* sowie non-binäre Personen diese Menschengruppe, wenn es um geschlechtliche Diskriminierung geht. Weisse Männer sind in unserem jetzigen System noch immer die, die am meisten Macht und Privilegien besitzen. Ausserdem wird ihnen durch das Patriarchat automatisch mehr Autorität verliehen. Das heisst nicht, dass weisse Männer grundsätzlich nicht diskriminiert werden können. Sie können beispielsweise aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, einer Einschränkung, religiöser Zugehörigkeit oder hinsichtlich ihrer Herkunft diskriminiert werden – jedoch nicht aufgrund ihres biologischen Geschlechts.

In der Zwischenzeit hat sich mein Partner zwei Dinge eingestehen müssen...

Mir ist klar, dass diese Thematik heikel ist und meine Meinung negative Reaktionen hervorrufen kann. Indem ein Mann meine Aussage akzeptiert, räumt er ein, dass er in einem System lebt, welches ihm mehr Möglichkeiten zugesteht als anderen. Erfolg muss somit kritisch mit dem gesellschaftlichen Status in Zusammenhang gebracht und kann nicht mehr nur von der eigenen Anstrengung abgeleitet werden. Dies einzugestehen sowie die eigenen Privilegien zu hinterfragen, ist verständlicherweise nicht einfach – aber doch nötig. Nur indem wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen und überlegen, wer von welchen Strukturen profitiert, kommen wir einer gerechten Gesellschaft näher. Männer müssen sich ihrer privilegierten Position bewusst werden und die damit verbundenen Vorteile offen zugeben. Ich als weisse Frau hingegen kann kein Opfer von Rassismus sein, weshalb ich anderen Menschengruppen gegenüber privilegiert bin.

In der Zwischenzeit hat sich mein Partner zwei Dinge eingestehen müssen: Einerseits kann er als Mann nicht sexuell diskriminiert werden, andererseits hat er als männliche Lehrperson durchaus einen Vorteil, wenn es um autoritäres Auftreten geht. Dennoch ist ihm bewusst, dass nach wie vor viele – und nicht nur die Frauen* – unter den zweigeschlechtlichen Rollenbildern leiden und es sich deshalb lohnt für die Gleichstellung aller einzustehen.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.
Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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