Schriftstellerin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / CC BY-SA 4.0)

Feminismus-Kolumne: Frauen* in der Geschichte

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In dieser Kolumne schreibt Pascale Niederer über Geschichte und deren männerzentrierten Vermittlung.
18. April 2020
Kolumnistin

Emilie Lieberherr, Ella Maillart, Sophie Taeuber-Arp, Annemarie Schwarzenbach. Hätte mich jemand vor etwas mehr als einem Jahr gebeten, Frauen* aufzuzählen, welche für die Schweizer Geschichte wichtig waren, hätte ich kaum eine nennen können. Nicht, weil ich Geschichte uninteressant finde. In der Schule sowie im Studium nahmen mich geschichtliche Themen meist voll und ganz ein.

Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass auch ich in Bezug auf Geschichte überwiegend an Männer dachte. Dies änderte sich, als die Rundschau über das Lehrmittel «Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte» berichtete. Das mittlerweile zurückgezogene Lehrmittel porträtiert 48 Persönlichkeiten, von welchen nur 6 weiblich sind. Obwohl das Lehrmittel freiwillig beziehungsweise unterrichtsergänzend ist, wurde es laut Rundschaubeitrag, in 100 Klassen eingesetzt. Ich war ziemlich erstaunt. Weshalb wurde nicht über mehr Frauen* geschrieben?

Einige, so auch ein im Beitrag interviewtes Mitglied des Zürcher Bildungsrates, argumentieren damit, dass die (Schweizer) Geschichte halt von Männern gemacht sei, da Frauen* früher gar nicht die Möglichkeit hatten, politisch aktiv oder kulturell tätig zu sein. Doch das ist Unsinn! Es gab beziehungsweise gibt unzählige (Schweizer) Frauen*, welche trotz enormen Barrieren zu relevanten geschichtlichen Ereignissen beigetragen haben. Das Problem liegt also nicht darin, dass es zu wenige Frauen* gibt, über die berichtet werden kann, sondern dass Geschichte hauptsächlich anhand männlicher Persönlichkeiten vermittelt wird.

Das soll sich nun ändern. Das Kollektiv «Bildung ohne Sexismus» hat im Vorfeld des Frauen*streiks 2019 ein Manifest herausgegeben. Darin kritisieren Schülerinnen verschiedener Zürcher Gymnasien, dass der Geschichts- sowie Literaturunterricht zu männerdominiert sei und im Unterricht eine Sprache vorherrschend sei, welche Frauen* sowie andere Geschlechter diskriminiere. Auch der NZZ Geschichte-Verlag hat gemerkt, dass Aufholbedarf besteht und hat folglich eine Serie mit dem Namen «Die wichtigsten Frauen der Schweizer Geschichte» lanciert. Unter anderem werden dort die Biografien von Katharina von Zimmern, Germaine de Staël, Emilie Kempin-Spyri und Meret Oppenheim erzählt. In einer Motion fordert eine CVP-Nationalrätin den Bundesrat auf, ein Konzept für ein Frauenmuseum zu erarbeiten.

Werden weibliche* Personen im geschichtlichen Kontext nicht oder nur am Rande erwähnt, festigt dies die Vorstellung der passiven Frau.
Pascale Niederer

Doch warum ist die männerzentrierte Vermittlung von Geschichte so problematisch?

Sie zementiert die vorherrschenden Rollenbilder und untergräbt die hart umkämpfte Gleichstellung. Werden weibliche* Personen im geschichtlichen Kontext nicht oder nur am Rande erwähnt, festigt dies die Vorstellung der passiven Frau beziehungsweise des aktiven Mannes. Die Frau hält dem Mann den Rücken frei, währenddessen er in Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur agiert. Es ist klar, dass wir uns stärker an gleichgeschlechtlichen Vorbildern orientieren. Aus diesem Grund ist es so zentral, dass nicht nur Männer, sondern ebenso einflussreiche Frauen*, vor allem aus genderuntypischen Bereichen, öfters thematisiert werden – im Zusammenhang mit Geschichte, jedoch auch als Akteurinnen der Gegenwart. Mit den richtigen Vorbildern werden Mädchen* und junge Frauen* durchsetzungsfähiger und mutiger, was die Ausbildung und das Berufsleben betrifft.

Wie sehr wir noch in alten Rollenklischees hängen, zeigen zwei Beispiele:

Der Bildungsbericht der Schweiz (2018) bestätigt zum einen, dass Frauen eher selten Berufe wählen, in denen erhöhte mathematische Anforderungen gestellt werden. Zum anderen beginnen sich nach Abschluss des Masterstudiums weitere Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu zeigen. So schliessen Frauen weniger häufig ein Doktoratsstudium ab und sind danach auffallend weniger häufig als Professorinnen, Dozentinnen oder in weiteren akademischen Feldern tätig. Die Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich führt weiter aus, dass Frauen «in oberen und obersten Führungspositionen der Privatwirtschaft und der Verwaltungen ... immer noch stark untervertreten» sind.

In der Gesellschaft findet sicherlich ein Umdenken statt, was die hier beschriebene Problematik betrifft. Zeitungen und Social Media beschäftigen sich mit der männerzentrierten Vermittlung von Geschichte und zeigen auf, dass es eine bessere Herangehensweise gibt. Eine Herangehensweise, die das Selbstbewusstsein von Mädchen* und jungen Frauen* stärkt, Rollenbilder aufbricht und so auch Männern* zu Gute kommt. Die Frage ist aber, ob das Anliegen als genug wichtig wahrgenommen wird, als dass es Auswirkungen auf die Bildungsinstitutionen hat. Ich wünsche mir, dass Dozierende und Lehrpersonen sich damit auseinandersetzen und kommende Generationen nicht an derselben Unwissenheit leiden, die auch mich lange begleitet hat.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.
Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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