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Feminismus Kolumne: Die männliche Weltanschauung als Norm

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In der heutigen Kolumne geht es um Androzentrismus, das heisst um eine Weltanschauung, die den Mann ins Zentrum stellt. Inwiefern prägt das unseren Alltag?
12. Dezember 2020
Kolumnistin / Das da unten

Wenn ich das Wort «Androzentrismus» höre, muss ich immer an Andromeda denken. Die Science-Fiction-Serie war an den Wochenenden bei meinem Vater Pflichtprogramm. Sie erzählt die Geschichte eines Captains und seiner Crew und handelt von Schwarzen Löchern, Raumschiffen sowie unbekannten Zivilisationen. Obwohl beide Wörter mit der Vorsilbe «Andro», was auf altgriechisch «Mann» bedeutet, beginnen, haben sie nicht viel gemeinsam. Andromeda ist der Name einer Galaxie, Androzentrismus hingegen verbindet «Mann» mit dem Wort «Zentrum» und beschreibt gemäss duden.de eine «das Männliche den Mann ins Zentrum des Denkens stellende Anschauung». Doch was bedeutet das genau?

In einer androzentrischen Weltanschauung wird der Mann als Norm und die Frau als Abweichung betrachtet. Zum Beispiel nutzen wir im Deutschen eine fast ausschliesslich androzentrische Sprache. Die männliche Form wird verwendet, um Personen oder Berufsgruppen zu verallgemeinern. So wird von Bürger anstelle von Bürgerinnen, von Schülern anstelle von Schülerinnen oder von Lehrern anstelle von Lehrerinnen geschrieben, auch wenn in den einen Gruppen hauptsächlich Frauen vertreten sind. Die weibliche Form wird meist nur dann genutzt, wenn über Einzelpersonen oder eine aus rein weiblichen Mitgliedern bestehende Gruppe gesprochen wird. Über ein weiteres, viel fataleres Beispiel hat vor Kurzem die Tagesschau berichtet. In der medizinischen Forschung wird immer noch der weisse Mann als Durchschnittsmensch angesehen. Deswegen werden für klinische Studien hauptsächlich männliche Probanden rekrutiert, was zur Folge hat, dass sich bestimmte Krankheitsbilder nicht auf den weiblichen Körper übertragen lassen oder Medikamente vom Markt genommen werden müssen, weil die Nebenwirkungen auf den weiblichen Körper zu gross sind.

In ihrem Buch Invisible Women schreibt die Britin Caroline Criado Perez über unzählige solcher Beispiele. Beispiele, die mir bewusst machen, dass auch ich das Männliche als normal betrachte. So gab ich bis anhin meist den Frauen die Schuld an den langen, nervenaufreibenden Warteschlangen vor den Toiletten. Was machen sie bloss immer so lange? Schminken? Schwatzen? Mittlerweile weiss ich, dass die Staubildung eine Folge androzentrischer Bauplanung ist. Für Frauentoiletten wird in einem Gebäude oft gleich viel Platz zur Verfügung gestellt, wie für Männertoiletten. Dies scheint auf den ersten Blick fair. Da Männer jedoch Pissoirs benutzen und diese weniger Platz brauchen, können sich mehr Männer gleichzeitig erleichtern, als es bei Frauen der Fall ist. Zudem ist die Annahme, gleiche Bedingungen führten automatisch zu Fairness, schlichtweg falsch. Frauen brauchen, so schreibt Perez, 2.3 Mal länger auf der Toilette, als Männer. Der Faktor rührt daher, dass sie menstruieren, öfters in Begleitung von Kindern, alten Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung sind, dass sich aufgrund der Schwangerschaft die Blasenkapazität verringert und dass sie viel öfters an Harnwegsinfekten leiden. Würden diese Informationen berücksichtigt, sähe eine faire Bauplanung mehr Platz für Frauen- als Männertoiletten vor.

Perez erklärt, wie es überhaupt dazu kam, dass Androzentrismus in unserem Alltag omnipräsent ist. Männliche Daten seien in allen Bereichen, wie beispielsweise der Kultur, der Wirtschaft, der Städteplanung und der Medizin, vorhanden. Wohingegen Informationen zur weiblichen Hälfte der Bevölkerung quasi inexistent seien, weil sie schlichtweg nicht erhoben würden. Die Folge davon ist, dass die Welt um diese männlichen Daten herum gebaut und der Mann so als Norm genutzt werde. Dies geschehe nicht aus Boshaftigkeit, sei aber das Resultat einer Denkweise, die schon tausende von Jahren vorhanden sei. Perez weist daraufhin, dass die Entdeckung dieser androzentrischen Weltanschauung nichts Neues ist. Die französische Feministin Simone de Beauvoir stellte schon 1949 im Buch Das andere Geschlecht fest, dass der Mann das Subjekt, das Absolute ist und die Frau das Andere. In Zeiten von Big Data sei dieser Informationsmangel jedoch besonders problematisch. Wenn Algorithmen dazu eingesetzt werden, Lebensläufe zu scannen oder ärztliche Diagnosen zu stellen, erhalten fehlende weibliche Daten eine ganz andere Dimension. Neben Daten zu Frauen fehlen auch Daten zu allen anderen Menschen, die nicht in das Raster des weissen Mannes passen.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.

Tatsache ist, dass wir alle von einer androzentrischen Denkweise geprägt sind. Umso wichtiger ist eine Auseinandersetzung mit der Problematik. Ich habe begonnen, vermeintliche Normen nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen. Zu akzeptieren, dass Androzentrismus ein bestehendes Problem ist, ist jedoch nur ein erster Schritt. Perez Lösung klingt logisch: Wir müssen den Frauenanteil in Macht- und Entscheidungspositionen erhöhen, denn Frauen vergessen nicht, dass andere Frauen existieren.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

Alle Kolumnen findest du hier.

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