Feminismus-Kolumne: Die Gender-Brille

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. Pascale Niederer schreibt über den Preis der Gender-Brille, der es ihr schwer macht, Herr der Ringe zu geniessen.
13. Juni 2020
Kolumnistin

Aufgesetzt habe ich sie vor einiger Zeit. Seither kann ich sie nicht mehr abnehmen. Ich trage sie stets auf meiner Nase, egal wohin ich gehe. Manchmal nervt sie mich und ich wünschte mir, dass ich die Gender-Brille hin und wieder beiseite legen und in das Brillenetui verschwinden lassen könnte.

Die Gender-Brille sass sauber geputzt auf meiner Nase und liess mich jedes Detail erkennen.

So zum Beispiel während des Lockdowns, als ich zum x-ten Mal die Herr der Ringe Trilogie geschaut habe. Als Fantasy-Liebhaberin wusste ich sowohl Tolkiens Bücher als auch Jacksons Verfilmungen zu schätzen. Obwohl mir bereits beim erstmaligen Lesen der Bücher aufgefallen war, dass es kaum für den Plot wichtige, weibliche Charaktere gab, störte mich diese Tatsache nicht. Ich genoss es, in die fantastische, fremde und abenteuerliche Welt einzutauchen. Dieses Mal jedoch, gelang es mir nicht. Die Gender-Brille sass sauber geputzt auf meiner Nase und liess mich jedes Detail erkennen. Sie erlaubte mir nicht, über das Fehlen weiblicher Hauptrollen hinwegzusehen. Am liebsten hätte ich die Brille heruntergerissen und in einer tiefen Schublade versteckt, sodass ich die Filme weiterhin geniessen konnte.

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Sie stört mich auch, wenn sie mich auf die sexistischen Songtexte meiner liebsten Jugendbands aufmerksam macht. Ich möchte sie weglegen, sobald ich mich in einem Text oder während einer Vorlesung mehr auf das generische Maskulinum konzentriere, als auf deren Inhalt. Die Gender-Brille lässt nicht nur gewisse Bücher oder Lieder ungeniessbar erscheinen, sie sorgt dafür, dass ich Freund*innen und Familienangehörige vor den Kopf stosse. Sie macht mich zur Spielverderberin und zur Polizistin.

Bei sexistischen Witzen kann ich nicht mehr mitlachen. Ich erkläre dann jeweils, weshalb die Bemerkung nicht lustig war, was meist in einer Diskussion endet, die die beide Parteien wütend hinterlässt. Durch die Brille erkenne ich, dass das von Freunden organisierte Grümpelturnier die traditionellen Rollenbilder zementiert. Mädchen wird vermittelt, dass sie fussballtechnisch nicht auf dem gleichen Niveau anzusiedeln sind, wie Jungen. Erläutere ich, weshalb nicht nur die weiblichen Angehörigen per Brief aufgefordert werden sollten, Kuchen für das Buffet zu backen oder weshalb Frauen-Tore in gemischten Mannschaften nicht doppelt zählen sollten, fühlen sich meine Freunde persönlich angegriffen – und ich mich schlecht.

Diese Situationen sind, so sehe ich es, der Preis für die Brille. Ob dieser Preis hoch ist oder nicht, kann ich nicht sagen, denn oftmals bin ich froh darüber, Brillenträgerin zu sein. Es lohnt sich, unattraktive Themen anzusprechen. Menschen, welche sich ansonsten keine Gedanken über Sexismus oder Geschlechtervielfalt machen, kommen in dieser Weise damit in Kontakt. Der geschärfte Blick hilft mir, sexistische sowie LGBTQ-feindliche Elemente in Artikeln, Lehrmitteln oder in der Werbung zu entdecken und mein eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen. Sie lässt mich die Notwendigkeit des alljährlichen Frauenstreiks erkennen, weshalb ich auch morgen wieder daran teilnehmen werde. Sie ist ein ideales Instrument, welches patriarchale sowie sexistische Strukturen erkennbar macht. Nur wäre es schön, wenn ich dieses Instrument hin und wieder aus der Hand legen, beziehungsweise von meiner Nase nehmen könnte.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.
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– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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