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Feminismus-Kolumne: Call Me by Your Name

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In dieser Kolumne schreibt Pascale Niederer über die Namenswahl sobald man in den Hafen der Ehe eingelaufen ist.
08. August 2020
Kolumnistin / Das da unten

Seit zwei Jahren läuten in meinem Umfeld die Hochzeitsglocken. Es wird getanzt, gegessen und gefeiert. Für die Gäste ein Vergnügen, für das Paar selber oft sehr viel Aufwand. Bevor das Fest stattfindet, müssen Entscheidungen aller Art getroffen werden. Auf welchem Standesamt soll geheiratet werden? Wird ein Fest organisiert? Wer wird eingeladen? Und: Wie wollen wir danach heissen?

Diese Frage führt bei manchen zu etwas mehr, bei anderen zu etwas weniger Diskussionen. Entweder wird entschieden, dass beide den eigenen Nachnamen behalten, oder es wird ein Einheitsname bestimmt. Die Paare, die ich kenne, haben sich mehrheitlich dafür entschieden, den gleichen Nachnamen zu tragen – meist den des Mannes. Ich bin immer wieder überrascht, dass weiterhin so traditionell entschieden wird, denn seit 2013 gilt ein neues Namensgesetz. Dieses sollte zur Gleichstellung von Frau und Mann beitragen, indem deren Namen auf gesetzlicher Ebene ebenfalls gleichgestellt wurden. Galt früher automatisch der Ledigname des Mannes als Familienname, muss heute aktiv einer der beiden Nachnamen ausgewählt werden.

Das Statistische Amt des Kanton Zürich interessierte sich für die Auswirkungen der Gesetzesänderung und wertete deshalb im Zeitraum von 2008 bis 2017 unterschiedliche Daten zur Namenswahl der Zürcher*innen aus. Gemäss der Analyse hat sich trotz der Gesetzesänderung nicht viel an der Tatsache geändert, dass noch immer deutlich öfters die Frauen den Ledignamen des Mannes übernehmen (67%) und nur sehr wenig Männer den Ledignamen der Frauen (2%).

Je älter die Frauen sind und je urbaner ihr Wohnort ist, desto eher behalten sie den eigenen Namen. Frauen, die jünger sind oder aus einer ländlicheren Gemeinde stammen, tendieren eher dazu, den eigenen Ledignamen aufzugeben. Vielleicht ist dies damit erklärbar, dass sich städtische Paare generell weniger oft oder erst bei Geburt eines Kindes zur Heirat entscheiden, im Gegensatz zu Paaren aus ländlicheren Gebieten.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.

Fakt ist also, dass zumindest im Kanton Zürich die Gesetzesänderung nicht viel bewirkt hat. Seit 2013 behalten zwar immer mehr Zürcherinnen (27%) den eigenen Namen, dies ist wohl aber darauf zurückzuführen, dass Doppelnamen nicht mehr erlaubt sind. Männer nehmen nämlich gleichbleibend selten den Namen der Frau an.

Das neue, liberalere Gesetz, welches den Entscheidungsspielraum der Bürger*innen vergrössert, bewirkt demnach keine unverzügliche Verhaltensänderung. Hierfür sind, so glaube ich, die traditionellen und kulturellen Strukturen rund um das Thema Ehe zu stark ausgeprägt: Solange die Braut bei der Trauung von ihrem Vater wie eine Handelsware dem Ehemann übergeben wird oder vom Mann erwartet wird, dass er den Antrag macht und einen teuren Verlobungsring kauft, hält sich auch das traditionelle Namensmodell. Zudem erschweren institutionelle Strukturen, wie beispielsweise die Heiratsstrafe, und hohe Kinderbetreuungskosten eine Modernisierung innerhalb der Ehe. Dieses kaum veränderte Traditionsbewusstsein der Zürcher*innen beisst sich mit der wiederentbrannten feministischen Bewegung.

Wie meine Kollegin, Laila Gutknecht, in ihrer Kolumne geschrieben hat, erfreut sich der Feminismus seit 2010 einem neuen Aufschwung. Die Bezeichnung ‘Feminist*in’ ist in den letzten Jahren cool geworden. Feministische Hashtags zu posten oder ein T-Shirt mit einem feministischen Statement zutragen kommt gut an. Vor allem aber ist es einfach. Einfacher als sich auf eine längere Namensdikussion mit dem Partner einzulassen und bei der Namenswahl auf den eigenen Nachnamen zu bestehen.

Doch genau eine solche Entscheidung wäre nötig, um der feministischen Bewegung einen nachhaltigen Charakter zu verleihen. Es braucht also mehr Leute, die sich nicht nur oberflächlich mit feministischen Themen auseinandersetzen, sondern wichtige, persönliche Entscheidungen im Hinblick auf die Gleichstellung fällen.

Das Gute ist, getanzt, gegessen und gefeiert wird so oder so.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

Alle Kolumnen findest du hier.

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