Fashion Revolution Day: Wie sich 5 Frauen für faires und nachhaltiges Shopping einsetzen

Der Fashion Revolution Day Switzerland fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt und war äusserst gut besucht – dreimal so viele Besucher wie im Vorjahr nahmen am Event in der Photobastei teil.
03. Mai 2017

Bei diesem weltweiten Event geht es um die Frage, wie man Freude an Fashion und Shopping haben kann, ohne dabei Näher*innen oder unseren Planeten auszubeuten und was man als Konsument*in oder Bürger*in dazu beitragen kann.

Obwohl sich im Bereich Fair Fashion in den letzten Jahren sehr viel getan hat, hat er in vielen Kreisen noch immer den Ruf von Birkenstockschuhen und sackartigen Schnitten mit einer Zielgruppe 50+. Wer sich am Samstag in der Photobastei die Kleider der verschiedenen Schweizer Labels angeschaut hat, wurde eines besseren belehrt. Es gab Kleider für die Zielgruppe Zalando, Zara, aber auch für Making Things-, Street Files- oder PKZ-Kund*innen.

Nachfolgend stelle ich zwei faire Labels und einen fairen Online-Shop genauer vor, um den Unterschied zwischen normaler Mode und fairer Mode ein Stück weit zu veranschaulichen. Auf der Plattform getchanged.net kannst du übrigens unkompliziert nach weiteren fairen Labels und Geschäften, welche diese in Zürich verkaufen, suchen.

An einem Stand begutachte ich ein Kleidungsstück und stelle erstaunt fest, dass da nicht nur der Preis steht, sondern ganz viele Informationen: es handelt sich um ein Stück der Designerin Eva Christandl. Wenn man sich die Preise der Kleidungsstücke anschaut (ca. 150-700 Franken), könnte man denken, die Designerin müsse ein ansehnliches Einkommen haben. Wenn man sich aber auf dem Preisschild anschaut, wie sich die Kosten zusammensetzen, merkt man, dass am Ende finanziell nicht mehr wahnsinnig viel dabei rausschaut. Eva Christandl betreibt ihr Label im Moment vor allem aus Leidenschaft. Ihr 60%-Job als Designerin in der Sportbranche ermöglicht ihr ein fixes Einkommen, das eigene Label die Kreativität und Unabhängigkeit, die ihr im Modedesign-Studium so viel Freude bereitet hatten.

Die Christandl-Kollektionen werden jeweils an Events vorgestellt und können direkt dort anprobiert und bestellt werden. Kleinere Sachen wie die Länge einer Hose oder die Länge eines Ärmels werden auf die Masse der Käufer*innen angepasst und das Kleidungsstück erst dann produziert. Dass jedes Stück limitiert ist, hat verschiedene Gründe: Die hochwertigen Stoffe aus der Schweiz und Italien sind nur in geringer Menge vorhanden, die Näher*innen (CH/EU) haben nur begrenzt Kapazität und Christandl möchte keine Kleider produzieren, die sie dann nicht verkaufen kann und wegwerfen müsste.

Wenn man sich ein solches Kleidungsstück kauft, hat es eine Geschichte und man wird es nicht nur aufgrund des Preises viel mehr wertschätzen, als ein Kleidungsstück, das in China produziert und in einer anonymen Boutique gekauft wurde. Dennoch ist sich Christandl darüber bewusst, dass sie tendenziell eher eine gut verdienende Kundschaft anspricht.

Valerie Hosp vom Online-Shop Favorite Fair frage ich deshalb nach einem günstigen und schönen Frühlingsoutfit für die «normalverdienende» Kundschaft. Alle Produkte, die die beiden Schwestern in ihrem Shop verkaufen, sind fair produziert und aus biologischen und veganen Materialien hergestellt.

Sie schlägt mir eine leichte Stoffhose in Denim-Optik vom Label Wunderwerk für 109 Franken vor. Die Hose ist aus Tencel (umweltfreundlich verarbeitete Zellulose) und wurde in Portugal unter fairen Arbeitsbedingungen produziert. Ich kenne dieses Material und schätze es unter anderem, weil es knitterfrei ist – ich hasse Bügeln. Die Hose kombiniert sie für mich mit einem schlichten, weissen Oberteil mit weitem Rückenausschnitt vom Label Lovjoi. Das Oberteil ist aus Bio-Baumwolle und Elasthan, wurde in Deutschland produziert und kostet 65 Franken. Für 174 Franken hätte ich ein schönes Outfit, welches ich den ganzen Frühling über zu verschiedenen Anlässen tragen könnte. Dank dem Verzicht auf ein Ladenlokal könne Favorite Fair die Preise einigermassen tief halten, erklärt Valerie. Ähnlich wie bei Zalando haben die Kund*innenein 14-tägiges Widerrufsrecht und Favorite Fair übernimmt die Rücksendekosten.

Auf meine Frage nach der begrenzten Auswahl an Hosen in ihrem Sortiment erklärt mir Valerie, die eigentlich aus der Kommunikationsbranche kommt, dass sie über kein so grosses Lager wie z.B. Zalando verfügten und ausserdem auf möglichst wenig Kleidung «sitzenbleiben» wollten, einerseits aus finanziellen Gründen, andererseits aber auch, weil sie die dann entsorgen müssten, was in Konflikt mit ihrer Philosophie stünde. Nachhaltige Mode – das sei für sie auch «die Wertschätzung der Kleidung, wenn sie bei uns im Schrank hängt, wir sie tragen und eben auch, was wir mit ihr machen, wenn wir sie nicht mehr tragen wollen.»

Später lerne ich Olivia Ingold von der Modeagentur Olives and Leos kennen. Valerie Hops und sie haben sich als Standnachbarinnen am heutigen Event kennengelernt.

Auch die Schwester von Olivia Ingold ist da, die seit längerem nur noch faire Kleidung trage: Einerseits, weil sie sie durch Olivia günstiger erhält, andererseits, weil ein Umdenken in der Modewelt ihrer Ansicht nach dringend nötig ist. Ausserdem sei die Kleidung genau so bequem und schön wie «normale» Mode. Sie fühle sich nach zehn Stunden am Event zwar völlig kaputt, aber die Hose, die sich wie «ein Pischi» anfühle, mache das ganze ein bisschen angenehmer. Sie unterstützt ihre Schwester am Event, weil diese sich um ihr wenige Monate altes Baby kümmern muss.

Olivia Ingold setzt sich trotz Baby mit Herzblut dafür ein, der Schweiz zu einem führenden Angebot an Sustainable-Fashion zu verhelfen, denn das Angebot sei für eine fortschrittliche Stadt wie Zürich doch noch sehr dürftig, wie sie Schwester sagt. Als Modeagentur versucht Olives and Leos zwischen führender internationaler Green Fashion und dem lokalen Angebot eine Brücke zu schlagen. Modehäuser und Boutiquen sollen sich nicht mehr länger herausreden können mit dem Argument, dass es schwierig sei, an solche Brands zu kommen und sie zu wenig Wissen und Erfahrung hätten in diesem Bereich.

Am Event haben sich laut Olivia Ingold besonders die Strumpfhosen vom fairen Label Swedish Stockings, welches Strumpfhosen aus recycelten Garnen herstellt, gut verkauft. Diese können nämlich auch preislich mit Strumpfhosen von Labels wie beispielsweise Wolford mithalten. Sie seien sogar günstiger und robuster. Jährlich würden zwei Milliarden Paare Strumpfhosen hergestellt, von denen die meisten ziemlich bald wieder mit Laufmaschen im Müll landeten. Bei Swedish Stockings kann man deshalb sogar alte Strumpfhosen einschicken, um sie recyceln zu lassen – allerdings nicht zu neuen Strumpfhosen, sondern zu Öltanks aus Glasfasern.

Die Erkenntnisse aus dem Fashion Revolution Day zeigen: Wie beim Essen ist es auch im Bereich Mode fast unmöglich, komplett nachhaltig zu leben und an ausschliesslich geschlossenen Kreisläufen teilzuhaben. Trotzdem ist es wichtig, sich Gedanken zu machen und zu handeln.

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