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«Farbenblind?» – Eine Ausstellung über Rassismus in der Photobastei

Wie aktuell das Thema Rassismus ist, wurde im Finale der Fussball-Europameisterschaft einmal mehr bestätigt. Seit Mitte Juni 2021 läuft passend dazu in der Photobastei die Ausstellung «Farbenblind?». Eine Auseinandersetzung über Farben und «Bilder im Kopf», dem Gespräch «auf Augenhöhe» und dem Ziel «Schwarze Körper» als Menschen zu sehen.
15. Juli 2021
Praktikantin Redaktion

«Wir möchten eine Durchmischung! Egal wer, von wo oder welche Hautfarbe», sagt Roger Nydegger, während er seine Worte durch wilde Gestik unterstützt. Er ist einer der beiden Kuratoren der Ausstellung «Farbenblind?» in der Photobastei in Zürich. Die Vereine Art4um und Kuckuck-Produktion haben zusammen mit Foscky Pueta eine Veranstaltungsreihe auf die Beine gestellt, die provoziert und nicht wegschaut, wenn es unangenehm wird. Denn auch in der Schweiz ist Rassismus noch immer ein anhaltendes Thema. Laut dem Bundesamt für Statistik sehen über 57 Prozent der Bevölkerung Rassismus als aktuelles Problem an, das es ernstzunehmen gilt. Mit welchem Leidensdruck dies für Betroffene verbunden ist, ist aussenstehenden Personen oftmals nicht bewusst.

Darüber diskutieren ist für viele eine Gratwanderung. Das bestätigt auch Nydegger: «Die Leute haben Angst ins Fettnäpfchen zu treten und wollen dann lieber gar nicht darüber sprechen. Es herrscht totale Verunsicherung.» Zu Beginn sei das eben so und auch normal. Es brauche Zeit, bis sich das Umdenken in den Köpfen verfestigt hat.

Die zweimonatige Ausstellung in der Photobastei besteht aus drei Teilen, die von Mitte Juni bis Mitte August 2021 gezeigt werden. Die Ausstellungsräume werden während der ganzen Zeit immer wieder umgestellt.

Im Fokus steht die Auseinandersetzung mit Rassismus in unterschiedlichen Herangehensweisen. Das Ziel ist ein transkultureller Austausch über die gesellschaftlichen Entwicklungen und ein wachsendes, gegenseitiges Verständnis füreinander.

Wo Kolonialismus draufsteht, ist auch Rassismus drin.
Roger Nydegger

«Wir bieten den jungen Kunstschaffenden einen Ausstellungsraum an, wo sie ihre Arbeiten zum dem Thema Rassismus zeigen können», erklärt Nydegger. Sei dies als Installationen, Performances, Podien oder anderen Darstellungsformen. Sie hätten viele Anfragen von unterschiedlichen Künstler:innen erhalten, erzählt er weiter.

Den Anfang von «Farbenblind?» machte die Ausstellung «Bilder im Kopf». Der Fokus lag auf den nach wie vor vom Kolonialismus geprägten Sichtweisen, die sich sowohl in offensichtlichen Darstellungen von BiPoCs (Black Indigenous People of Color) wie in Filmen und Büchern als auch in unbewussten Denkmustern manifestieren. Ein Umdenken tue Not, denn: «Wo Kolonialismus draufsteht, ist auch Rassismus drin», so Nydegger.

Mit der Ausstellung «Shelter is not enough», einer Art Parcours, werden noch bis Ende Juli 2021 die Räume der Photobastei bespielt. Im Mittelpunkt steht der Austausch von Rassimus betroffener und nicht-betroffener Personen auf Augenhöhe. Die Ausstellung knüpft da an, wo die Unsicherheit in der Sprache beginnt: Wie soll kommuniziert werden? Welche Wörter sind zeitgemäss?

Dazu bauen Künstler:innen des Vereins Architecture for Refugees ein Zimmer im Originalsetting einer Asylunterkunft nach. Aussagen und Geschichten von Asylbewerber:innen zieren die Betten und geben einen ehrlichen Einblick in das Leben von Betroffenen. Während drei Wochen wird durch eine Neuinszenierung des Raumes symbolisch die Geschichte nacherzählt, wie Personen mit Flüchtlingshintergrund in der Schweiz ankommen. Betroffene erzählen, wie sie ihre Ankunft erlebt haben und wie es ihnen nach fünf Jahren geht. Wo sie sind, was sie machen und vor allem, ob sie sich hier in der Schweiz wohlfühlen.

Wir sind müde, aber noch lange nicht am Ziel.
Roger Nydegger

Der letzte Teil «Schwarze Körper» startet anfangs August und wird rund drei Wochen andauern. Darin wird die fehlende Distanz zu schwarzen Körpern im Alltag behandelt, mit der Betroffene täglich konfrontiert werden, sei es durch das Haare-Anfassen oder der Sexualisierung der körperlichen Attribute. Aber auch die fehlenden Schutzmassnahmen von schwarzen Körpern im Bereich der Sexarbeit ist ein Thema, das unter der Leitung von Nydegger selbst in einem Workshop bearbeitet wird. Verschiedene Autorinnen analysieren die dargestellte sexuelle Gewalt als Herrschaftsform in Texten und diskutieren den zunehmenden Einfluss historischer Kultur auf die Wahrnehmung von BiPoCs.

Auch wenn bereits politische Bewegungen im Gange sind, weiss Nydegger: «Wir sind müde, aber noch lange nicht am Ziel.» Denn Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und weitere Formen von Diskriminierung sind nach wie vor aktuell.


Die Ausstellung «Farbenblind?» in der Photobastei Zürich beim Limmatplatz läuft noch bis zum 22. August. Das Programm bietet einen bunten Strauss von Veranstaltungen und gibt den von Rassismus betroffenen Menschen ihren Raum. Der Soli-Eintritt ist 5 Franken und mehr Informationen gibt es auf der Website.

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