Die Leidenschaft für Fussball kann zusammenschweissen. Bild: Unsplash

Fankultur, Männlichkeit und warum es in den Stadien weniger Frauen hat

Familie, Freundschaften und Freiräume: Fankurven bieten Fussballbegeisterten ein Gefühl von Identität. Doch sind diese Freiräume in unserer Gesellschaft in Gefahr? Und: Weshalb sind sie von Männern dominiert und was müsste geändert werden, dass sich auch Frauen und Minderheiten in Fankurven finden?
11. Oktober 2020

«Zürcher Fussballfans wegen Massenschlägerei in Basel vor Gericht» und «eine Festnahme nach Angriff vor Zürcher Fussballfans». Diese und weitere Schlagzeilen tauchen auf, wenn im Internet nach «Zürcher Fussballfans» gesucht wird. Und die Headlines fallen auch bei den weiteren Treffern nicht positiver aus. Es wird deutlich: Die Medien rücken Zürcher Fussballfans in kein gutes Licht. Eine differenzierte Berichterstattung? Fehlanzeige. Wo bleiben die Themen der Identifizierung, Zusammenhalt – und ja, sogar Familie, die eine Fankurve mit sich bringen? Den positiven Aspekten der Fankurve hat sich die Podiumsdiskussion «90 Minuten mittendrin» angenommen. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Verein Forum für Sport und Gesellschaft. In der Halle der Zentralwäscherei haben folgende Expert*innen diskutiert:

  • mit Antje Grabenhorst, Gründerin von fan.fantastic.females,
  • Laura Kaufmann, freie Journalistin und Social Media Managerin bei den FC Zürich Frauen und
  • Ivica Petrušić, Jugendbeauftragter des Kantons Zürichs.
  • Ausserdem fanden sich die beiden Fanarbeiter Fabian Achermann und Jonas Niederhauser auf dem Podium.

«Das Thema Gewalt in der Fankurve wird heute bewusst nicht thematisiert, denn es sind nur etwa ein Prozent, die davon betroffen sind», so Antje Grabenhorst. Stattdessen sollen andere Themen in den diskutiert werden. Und zwar solche, die positiv konnotiert seien und den Mitglieder der Fankurve eine Hilfe seien.

Bilden Fankurven eine der letzten «Freiräume»?

So wurde zu Beginn der 90-minütigen Veranstaltung darüber gesprochen, ob Stadien eine der letzten «Freiräume» wären und wenn ja, ob diese in Gefahr stünden. Ivica Petrušić räumte ein, dass er Stadien nicht als «Freiräume», sondern als «Zugewiesener Freiraum» sähe: «Ein Freiraum ist unabhängig von Autoritäten und frei von Überwachung – das kann man von einem gewöhnlichen Fussballstadion wohl nicht behaupten», so der Jugendbeauftragte. Ein Stadion sei nichts anderes als ein Schulzimmer. Also ein Ort, der jemandem gehöre und an welchem bestimmte Regeln gelten. Ein «Freiraum» werde seiner Bedeutung nur dann gerecht, wenn er den Benutzer*innen völlig selber überlassen würde. Solche Räume seien wichtig, damit Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen und wo sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen können.

Fankurven sind kein Abbild unserer Gesellschaft

Wer sich in diesen Nicht-Freiräumen, also in den Stadien umschaut, sieht vor allem junge Männer, fast keine Frauen, fast keine älteren Personen. Warum ist das so? «Unsere Gesellschaft besteht aus etwa gleich vielen Frauen und Männer – in einem Stadion ist das nicht der Fall», sagte Antje Grabenhorst. Ausserdem spiele das in der Gesellschaft geprägte Bild von Männlichkeit bei den Fussballfans eine sehr grosse Rolle: Stärke zeigen, Zusammenhalt, auch etwas Härte gehört dazu. Keine oder eine kleine Rolle hingegen würden Minderheiten spielen – beispielsweise Frauen und Ausländer*innen. Grund in der Absenz von Minderheiten sieht Fabian Achermann im patriarchalischen Gesellschaftssystem, der hohen Gewalttoleranz und dem übermässigen Alkoholkonsum. «Ich kann mir vorstellen, dass diese Faktoren für Frauen oder Minderheiten sehr abschreckend wirken, um ein Interesse für die Fankurve zu entwickeln», sagte er.

«Der Kapitalismus basiert auf Wettkämpfen»

Doch warum ist die Fankurve von solch einem machoiden-System – also von Gewalt und Präpotenz – geprägt? Ivica Petrušić erklärt sich das mit der Dualität unserer Gesellschaft: «Der Kapitalismus – und somit auch der Sport – basiert auf Wettkämpfen. Wettkämpfe sind oft mit Männlichkeit konnotiert», sagte er. Der Sozialarbeiter ist sich bewusst, dass er sich hier gängigen Rollenbildern bedient und die Diskussion durchaus eine heikle ist. Denn seine Aussage impliziert, dass Frauen nicht gewinnen möchten. Fakt sei jedoch: Auch in Fankurven existiert Sexismus, Rassismus und ja, auch Gewalt. Deshalb sei es für ihn als Sozialarbeiter wichtig, dass man sich diesen Themen annehme und nach deren Ursprüngen sucht. Frustration oder Provokation können beispielsweise solche Ursprünge darstellen. Repressive Polizeieinsätze helfen dagegen nicht sehr viel. Deshalb sei insbesondere in Fankurven Zivilcourage gefragt, um beispielsweise blöde Sprüche zu unterbinden.

Fanarbeit ist ein essenzieller Bestandteil der Fankurve

Für Zivilcourage sind Fabian Achermann und Pascal Niederhauser zuständig. Sie sensibilisieren die Jugendlichen auf diese heiklen Phänomene. Doch in erster Linie sind sie dazu da, um der Gesellschaft eine differenzierte Sichtweise auf das Thema Fanarbeit zu vermitteln, die Fans nicht einzig unter Sicherheitsaspekten und Risikofaktoren einstuft. «Der Fussball und jeder andere Sport lebt von den Fans», sagte Fabian Achermann. Er ist sich sicher: «Hätte es keine Fans in einem Stadion, wäre die Leistung der Sportler*innen nie dieselbe.» Die Fanarbeit solle auch bei Berichterstattungen mehr einbezogen werden, wünscht sich Fabian Achermann.

Fairness – auch abseits vom Spielfeld

Die Diskussionsteilnehmer*innen sind sich einig: Fussballfans können in Fankurven nicht nur Freundschaften oder gar Familien finden, sondern auch soziale Kompetenzen erlernen. Wünschenswert ist jedoch eine grössere Vielfalt, die die Fankultur prägen soll – insbesondere von Frauen und Minderheiten. Und mehr Zivilcourage, denn Fairness ist auch ausserhalb vom Fussballfeld gefragt.

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