Von Alice Britschgi

Praktikantin Redaktion

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26. April 2022 um 11:52

Familien zur Elternzeit: «Frauen sind für Arbeitgeber:innen Risiko, dabei sollte Elternwerden auch Männer betreffen»

Arbeitgerber:innen und Wissenschaftler:innen sind sich uneinig, wie sinnvoll die Elternzeit-Initiative ist. Doch wie stehen werdende und frischgebackene Stadtzürcher Eltern zur Initiative? Was würden die 18 Wochen für sie verändern und wie organisieren sie sich bisher? Wir haben bei vier Paaren nachgefragt.

Alessia Gisi und ihr Partner Aleksi konnten sich die ersten sechs Wochen nach der Geburt gemeinsam Zeit für ihre Tochter Leni nehmen. (Foto: zvg)

Die NZZ berichtete bereits darüber, wie unterschiedlich Unternehmen die Elternzeit-Initiative beurteilen. Und auch Josef Zweimüller, Professor für Volkswirtschaftslehre mit Fachgebiet Familienpolitik an der Universität Zürich, und Katja Rost, Professorin für Wirtschaftssoziologie an der Universität Zürich, sind sich nicht einig darüber, ob die Initiative sinnvoll ist oder nicht. Im Gespräch mit Tsüri.ch erklären Zweimüller und Rost ihre Bedenken und Hoffnungen.

Doch wie sehen das werdende und frischgebackene Stadtzürcher Eltern? Wie stehen sie zur Intitiative und wie nehmen Sie die Argumente der Wissenschaftler:innen wahr? Was würden 18 Wochen Elternzeit für sie verändern und wie organisieren sie sich bisher? Wir haben bei vier Paaren nachgefragt.

Marianne Wüthrich und Partner C.

Marianne Wüthrich (30) und ihr Partner C. (34) erwarten im Juli ihr erstes Kind. Beide sind im Lehrberuf tätig und begrüssen die Elternzeit-Initiative. «Ich würde diese 18 Wochen auf jeden Fall beziehen», ist sich C. sicher. In seinem Arbeitsumfeld wäre das überhaupt kein Problem. Er habe Glück, dass er im Sommer nach der Geburt ihres Kindes fünf Wochen Sommerferien habe. Das sei ein Privileg, das nicht jeder Job mit sich bringe. Die Vorteile einer geteilten und längeren Elternzeit sehen Wüthrich und ihr Partner insbesondere in der gegenseitigen Entlastung und im Bindungsaufbau zwischen Vater und Kind. 

«Menschen mit niedrigem Einkommen, die sich unbezahlte Elternzeit nicht leisten könnten, würden profitieren.»

C., Vater und Sekundarlehrer

C. denkt zudem an die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt: «Heute sind junge Frauen für Arbeitgeber:innen ein Risiko, dabei sollte das Elternwerden auch Männer betreffen. Die Initiative würde dafür sorgen, dass nicht alles, was Familie betrifft, auf Frauen abgewälzt wird.» Ein Vorteil sieht er auch für Familien mit niedrigerem Bildungsniveau und Einkommen: «Für Leute mit Managerlöhnen mag sich die Elternzeit finanziell nicht lohnen. Menschen mit niedrigem Einkommen, die sich unbezahlte Elternzeit sowieso nicht leisten könnten, würden hingegen profitieren.»

Robin und Partnerin 

Auch Robin (28) und seine Partnerin (29) erwarten ihr erstes Kind. Seine Partnerin arbeitet zu 100 Prozent in der Kunstbranche und der Gastronomie. Allerdings in verschiedenen Jobs mit geringen Pensen und teilweise keiner Festanstellung, deshalb sei unklar, ob sie überhaupt einen Mutterschaftsurlaub beziehen könne. Das Unternehmen, in dem Robin als Informatiker arbeitet, hat dieses Jahr zehn Wochen Vaterschaftsurlaub eingeführt. Er habe seinem Arbeitgeber bereits angekündigt, dass er diesen beziehen werde. «Die Elternzeit-Initiative macht Sinn – es sollten aber noch mehr als je 18 Wochen sein», findet Robin und weist auf den internationalen Vergleich hin. 

«Ich finde es gut, dass die Elternzeit nicht frei aufgeteilt werden kann.»

Robin, werdender Vater und Informatiker

Der werdende Vater betont ausserdem, dass er es befürworte, dass die Elternzeit nicht frei aufgeteilt werden könnte: «Sonst würden die Väter bestimmt wieder weniger Elternzeit nehmen als die Mütter», ist er sich sicher. Für die Bindung zum Kind sei es aber wichtig, dass auch der Vater am Anfang Zeit mit dem Nachwuchs verbringe. Nach dem Vaterschaftsurlaub wird Robin mit einem Pensum von 100 Prozent in den Job zurückkehren. In seinem Unternehmen sei Teilzeitarbeit schwierig. Wie viel seine Partnerin arbeiten werde, sei noch unklar. Doch nach einer Auszeit wolle auch sie auf jeden Fall zurück ins Arbeitsleben.

Alessia Gisi und Partner Aleksi 

Alessia Gisi (29) wurde im September 2021 zum ersten Mal Mutter. Im fünften Jahr ihres Medizinstudiums gebar sie Tochter Leni. Ihr Partner Aleksi (30) war da gerade dabei, seinen Master in Quantitative Finance an der ETH abzuschliessen und ins Berufsleben zu starten. Gisi ist enttäuscht von der Uni: «Von der Uni Basel hiess es immer, das Studium sei ein guter Zeitpunkt zum Kinderkriegen, danach hätten wir weniger Zeit dafür. Nach der Geburt kam die Uni aber überhaupt nicht auf uns zu.» Als ihre Tochter drei Wochen alt war, musste Gisi bereits wieder an Seminaren teilnehmen. Sonst wäre sich nicht zur Prüfung zugelassen worden. 

«Weil wir von Anfang an alles zusammen gemacht haben, kann Aleksi unsere Tochter jetzt genauso gut beruhigen wie ich.»

Alessia Gisi, Mutter und Medizinstudentin

Aleksi hatte mehr Glück. Weil er gerade den Job wechselte, konnte er die ersten sechs Wochen zu Hause mit seiner Familie verbringen. Das sei enorm wichtig gewesen, meint Gisi: «So ein Baby ist mega Learning by Doing. Weil wir von Anfang an alles zusammen gemacht und gelernt haben, kann Aleksi unsere Tochter jetzt genauso gut beruhigen wie ich und hat eine genauso enge Beziehung zu ihr.» Das Paar habe im Umfeld viele Familien, bei denen das nicht so sei, bei denen das Baby immer von der Mutter beruhigt werden müsse. Es heisse dann, das sei des Stillens wegen.

Gisi und ihr Partner befürworten eine Elternzeit von je 18 Wochen deshalb definitiv. «Ich habe das Gefühl, das hätte nur Vorteile», sagt Gisi und sie fügt an: «Man muss sich vorstellen, je nach Geburt müssen die Mütter länger im Spital bleiben. Dann hat man vielleicht nur noch eine Woche gemeinsam mit dem Vater zu Hause.» Ihr Partner, der für seinen Master aus Finnland in die Schweiz kam, habe zuerst gar nicht glauben können, wie kurz der Mutter- und Vaterschaftsurlaub in der Schweiz ist. «Bei einem zweiten Kind würden 18 Wochen gemeinsame Elternzeit sehr vieles, insbesondere das Organisatorische, erleichtern», meint Gisi mit Blick in die Zukunft. 

Thomas Fetescu und Luisa Wittgen

Thomas Fetescu (39) und Luisa Wittgen (38) sind vor drei Wochen zum zweiten Mal Eltern geworden. Die zweieinhalbjährige Pina hat mit Lia ein Schwesterchen bekommen. Wittgen ist Architektin, Fetescu hat sich kurz vor Pinas Geburt im Bereich Job-Plattformen und Softwarelösungen selbstständig gemacht. Die beiden teilen sich die Kinderbetreuung auf; Pina geht drei Tage die Woche in die Kita, einen Tag verbringt sie mit Papa, einen mit Mama, das Wochenende mit beiden Eltern. Das Paar ist von diesem Modell überzeugt. Auch mit zwei Kindern wollen sie es so machen. 

Als Selbstständiger müsste Thomas Fetescu die 18-wöchige Elternzeit für sich, aber auch für seine Mitarbeiter:innen selbst tragen. Trotzdem ist er für die Initiative. (Foto: Alice Britschgi)

Als Pina zur Welt kam, nahm sich Fetescu zwei Wochen frei – obwohl das damals noch nicht gesetzlich verankert war. Man müsse sich auch als Mann mit den familiären Belangen beschäftigen, die heute oft nur auf den Schultern der Fraue lasteten. Fetescu kommt ursprünglich aus Belgien, Wittgen aus Deutschland. Das Schweizer Modell sei recht kinderunfreundlich findet das Paar, die Arbeitsmoral hierzulande grundsätzlich sehr leistungsorientiert.

«Aus Arbeitgebersicht sehe ich es so, dass sich Modelle finden werden. Man wird sich daran gewöhnen.»

Thomas Fetescu, Vater und Selbstständiger

Als Selbstständiger müsste Fetescu die 18-wöchige Elternzeit für sich, aber auch für seine Mitarbeiter:innen selbst tragen. Trotzdem ist er für die Initiative. «Aus Arbeitgebersicht sehe ich es so, dass sich Modelle finden werden. Man wird sich daran gewöhnen. Und sowieso: Es muss ein generelles Umdenken stattfinden», meint Fetescu. Ob das jetzt genau 18 Wochen seien oder doch zehn, das sei gar nicht so wichtig. Wichtig sei nur, dass ein Schritt passiere; dass es normal werde, dass Väter in die Kinderbetreuung miteinbezogen werden. Und er merkt an: «Es ist einfach cool, wenn ein Kind, das umfällt, zur Mutter oder zum Vater laufen kann und nicht extra weit gehen muss, nur weil die Mutter weiter weg steht und der Vater keine Option ist.»

Argumentation auf Elternzeit beschränken

Die Wissenschaft entkräftet sowohl Argumente der Befürworter:innen als auch der Gegner:innen der Elternzeit-Initiative. Eine 18-wöchige Elternzeit, so scheint es, wird der Schweizer Wirtschaft weder schaden noch helfen. Zudem kann sie alleine keine Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt bewirken. Doch vielleicht muss man in der Diskussion um die Erweiterung der Elternzeit gar nicht so weit gehen und so grosse Themen wie die Wirtschaft oder die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt anschneiden. Vielleicht genügt es, einen Blick in junge Familien zu werfen und die Argumentation auf die Zeit dieser 18 Wochen zu beschränken.

Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen des Persönlichkeitschutzes wollten nicht alle Elternteile ihren ganzen Namen öffentlich preisgeben. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

Elternzeitinitiative

Ausgangslage

In der Schweiz haben Mütter nach der Geburt ihres Kindes 14 Wochen Mutterschaftsurlaub. Väter haben nach der Geburt ihres Kindes zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. In dieser Zeit erhalten beide Elternteile über die Erwerbsersatzordnung (EO) 80 Prozent ihres Lohnes. Es wurde eine Volksinitiative eingereicht, die im Kanton Zürich eine Elternzeit für beide Elternteile einführen will. Deshalb stimmen wir nun darüber ab.

Was würde sich ändern?
Wird die Initiative angenommen, führt der Kanton Zürich eine Elternzeit ein. Nach der Geburt
ihres Kindes oder bei einer Adoption haben beide Elternteile neu je 18 Wochen Elternzeit, wenn sie im Kanton Zürich wohnhaft sind. Wenn sie ausserhalb des Kantons Zürich wohnhaft sind, aber im Kanton Zürich arbeiten, haben sie je 14 Wochen Elternzeit. Der Kanton Zürich rechnet für die Elternzeit mit Mehrkosten in der Höhe von 423 Millionen Franken pro Jahr. Diese werden je zur Hälfte durch ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen finanziert. Falls die Mehrkosten höher sind als
erwartet, muss der Kanton diese übernehmen. Weiterhin erhalten beide Elternteile in dieser
Zeit über die EO 80 Prozent ihres Lohnes.

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