Fakten über den sozialen Wohnungsmarkt in Zürich: Wir sind scheisse, und doch die Besten

03. Dezember 2015
Sollen in Zukunft private Hauseigentümer per Gesetz «gezwungen» werden, Wohnungen für ehemalige Flüchtlinge in ihren Liegenschaften zur Verfügung zu stellen? Diese Frage habe ich in diesem Artikel gestellt. Mir wurde allerdings schnell klar, dass mein Ansatz Teil eines riesigen Geflechts von politischen wie auch sozialen Bedürfnissen und aktuellen Gegebenheiten des preisgünstigen und sozialen Wohnungsbaus in der Stadt Zürich ist.

Hierzu wollte ich mir eine Expertenmeinung einholen und dabei den Fokus auf die allgemeine Lage des Wohnungsmarktes in Zürich legen, ohne jedoch die grossen Probleme ausser fort zu lassen, mit welchen ehemalige Flüchtlinge und auch alle anderen bei der Wohnungssuche in unserer Stadt zu kämpfen haben.

Als Erstes musste ich mich kritisch hinterfragen, ob man behaupten kann, dass der Wohnungsmarkt in Zürich per se beschissen ist. Obwohl dies viele (und ich auch) aus Erfahrung gerne mit einem lautstarken «Ja, logisch dänk!» beantworten möchten, komme ich nicht umhin daran zu zweifeln, dass es wirklich so einfach ist.

Iris Vollenweider, Expertin für Um- und Zwischennutzungen von Gewerbeliegenschaften und Wohnhäusern, sowie meine ehemalige langjährige Chefin bei Fischer AG Immobilienmanagement, mahnt bei solch pauschalen Aussagen zur Vorsicht. Sie argumentiert, die Stadt Zürich habe seit jeher den höchsten Anteil an genossenschaftlichem und sozialem Wohnungsbau in der Schweiz. Das grösste Problem der Genossenschaften sei jedoch, dass sie grundsätzlich über viel Kapital verfügten, die Bodenpreise in der Stadt aber horrend seien. So sei es schwierig, günstige Wohnprojekte zu realisieren.

Iris Vollenweider, ein Kind der 80er-Bewegung und selbst seit ihrer Jugend bei kommunalen Wohnbauprojekten aktiv beteiligt, sieht meinen Vorschlag der solidarischen Finanzierung von günstigen Wohnungen für ehemalige Flüchtlinge als denkbar. Die Zeiten hätten sich geändert. Mehr Personen seien heutzutage gewillt, sich zu Gunsten der Gesellschaft einzubringen, ohne einen finanziellen Wert zurück zu erwarten.

Die Stadt lebt von den Reichen gleich, wie von den Armen Des Weiteren führt sie aus, dass für Zürich eine gute Durchmischung von einkommensstarken- und schwachen Personen wichtig ist. Leute mit geringem Einkommen brächten eine hohe Nachfrage nach günstigen Wohnungen und die Reicheren würden entsprechende städtische Wohnprojekte durch die progressive Besteuerung mitfinanzieren. Verschiedene Lebensentwürfe machten Zürich zu der Stadt, die sie ist. Bunt, interessant, multikulturell. Der Bahnhofstrasse-Banker lebe hier genauso gerne wie der einfache Büezer.

[caption id="attachment_4703" align="alignnone" width="640"]Das Wucher-Wohnhaus an der Neufrankengasse im Kreis 4 ist das jüngst beste Beispiel für die Abzocke von Menschen in Not. Das Wucher-Wohnhaus an der Neufrankengasse im Kreis 4 ist das jüngst beste Beispiel für die Abzocke für Menschen in Not.[/caption]

[caption id="attachment_4704" align="alignnone" width="640"]Gleich daneben befinden sich schicke Luxuswohnungen. In Zürich Normalität. Gleich daneben befinden sich schicke Luxuswohnungen. In Zürich Normalität.[/caption]

Viele kleine Hauseigentümer leisten ihren Beitrag Warum hat man aber als Einzelner das Gefühl, dass es schier unmöglich ist, eine günstige Wohnung zu finden? Tut die Stadt wirklich genug? Iris Vollenweider weist daraufhin, dass ohne die Bemühungen der Stadt und den Einsatz der Genossenschaften die Lage durch den freien Markt erheblich schlechter wäre. Besonders betont sie, dass es auch viele kleine private Hauseigentümer gäbe, die bewusst auf hohe Renditen bei ihren Wohnobjekten verzichteten, um so günstig zu vermieten. Natürlich sei es dennoch schwierig, denn man dürfe nicht vergessen, dass in unserer kapitalistischen Gesellschaft das Angebot und die Nachfrage regierten.

Über 265'000 m2 leerstehende Gewerbeflächen allein in der Stadt Doch was ist mit den ganzen Gewerbeliegenschaften in Zürich? Wer sich mit offenen Augen durch die Stadt bewegt, sieht an vielen Ecken Gewerbe- und Büroflächen zur Vermietung ausgeschrieben. Gemäss einer Statistik der Stadt Zürich aus dem Jahr 2014 stehen in Zürich 265'000 Quadratmeter Gewerbefläche leer, Tendenz steigend. Warum nutzt man diese leeren Räume also nicht zu dringend benötigten Wohnungen um?

Iris Vollenweider erklärt, dass Gewerbeliegenschaften oft nur mit sehr hohem Kostenaufwand in Wohnliegenschaften umgebaut werden könnten. Vorhandene Sanitärleitungen zum Beispiel wären nicht für Wohnnutzungen ausgelegt. Eigentümer von leerstehenden Bürokomplexen scheuten sich daher vor Umnutzungen und würden lieber abwarten, bis der Markt für Gewerbevermietung wieder anzieht. Ausserdem stünden einige Gewerbehäuser in Industriezonen, wo das Wohnen nicht erlaubt sei. Unter anderem wegen der Lärmemissionen der umliegenden Betriebe.

Zukunftsmodelle als Spiegel der Gesellschaft Alle von uns und insbesondere ehemalige Flüchtlinge stehen bei der Wohnungssuche in Zürich vor grossen Problemen. Bezüglich meines Vorschlags weist Iris Vollenweider darauf hin, dass man private Eigentümer nur sehr schlecht gesetzlich zu sozialen Projekten zwingen könne. Daher appelliert sie an die Zivilgesellschaft. Wir alle seien verantwortlich für das Wohl jedes Einzelnen. Sie erlebe in ihrem Umfeld oft, dass Personen ihre Freizeit der Gesellschaft widmeten und sich für diese wichtigen Themen interessierten. Somit habe solidarisches Wohnen mit Chancengleichheit eine Zukunft. Iris Vollenweider wünscht sich zusätzlich, dass die Regierung weiterhin eine intelligente Verdichtung der Stadt fördert und dass es mehr Abstimmungen zu günstigem Wohnungsbau gibt.

Wohnen heisst nicht mehr, aneinander vorbei zu leben Dieses Gespräch hat mir gezeigt, dass Zürich im Bereich des sozialen Wohnungsbaus allen anderen Städten weit voraus ist, jedoch nicht allein auf die Initiative der Stadt und schon gar nicht auf die von privaten Investoren gezählt werden kann. Es liegt nun an uns, dass wir unsere Stadt zu einem noch lebenswerteren Ort machen, indem wir unsere Augen öffnen und aktiv nach unseren Möglichkeiten benachteiligte Menschen unterstützen. Dies fängt schon im Kleinen an, indem wir uns dafür einsetzen, dass zum Beispiel eine Flüchtlingsfamilie ein Zuhause in unserem Wohnblock findet. Wir müssen uns zusammenschliessen, Druck auf unsere Verwaltungen und Eigentümer ausüben und vielleicht das ein oder andere Fränkli im Monat lockermachen, welches wir sowieso nur für überteuertes Bier in der Stammbeiz ausgegeben hätten.

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