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Von Isabel Brun

(Klima-)Redaktorin

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25. Oktober 2022 um 04:00

Klimakrise als Karrierechance: Von grünen Berufen und fehlenden Fachkräften

Die Klimakrise verändert auch den Arbeitsmarkt: Sogenannte «Green Jobs» werden in den letzten Jahren zunehmend beliebter. Zürcher Universitäten und Hochschulen haben auf die veränderten Ansprüche reagiert: Mit neuen Studiengängen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Trotzdem fehlen der Umweltbranche heute Fachkräfte.

Technische Innovationen sind im Kampf gegen die Klimakrise wegweisend. (Foto: Unsplash/ThisisEngineering RAEng)

2303 offene Stellen zeigt das Portal Jobs.ch an, wenn man im Suchfeld das Stichwort «Umwelt» eingibt. 576 davon liegen in der Region Zürich: Die Elektrizitätswerke suchen einen Nachhaltigkeits-Manager, ein Architekturbüro hofft auf eine Projektleiterin für nachhaltiges Bauen und die Stadt hat eine Stelle für eine Fachperson für Wärmepumpen ausgeschrieben. Die Umweltbranche, sie boomt. Auch, weil die Wirtschaft grüner wird, so Ökonom:innen. Was hinsichtlich der Schweizer Klimaziele begrüssenswert ist, stellt den Arbeitsmarkt jedoch vor neue Herausforderungen. Denn obwohl sogenannte «Green Jobs» beliebt sind, mangelt es an Fachkräften. 

Keine grüne Wirtschaft ohne grüne Fachkräfte

Die Folgen des Phänomens sind laut dem Politologen und Ökonomen Wolfram Kägi weitreichender als im ersten Moment vermutet: «Der Übergang in eine klimaverträgliche Wirtschaft wird durch den Mangel an Umweltprofis ausgebremst.» Kägis Büro für volkswirtschaftliche Beratungen ist Herausgeber einer Studie, die sich mit dem Umbau der Schweiz in eine grüne Volkswirtschaft befasst hat. Gemäss dieser gibt es hierzulande viel Potenzial. Eigentlich. Im Jahr 2017 arbeiteten rund 17 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz in grünen Berufen und auch die Anzahl der Studierenden in MINT-Fächern, sprich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, hat in den letzten Jahren zugenommen. 

Das bestätigen Zürcher Hochschulen und Universitäten: Waren es 2010 noch 3500 Personen, die an der Uni Zürich einen MINT-Studiengang wählten, stieg die Zahl zehn Jahre später auf knapp 8900 Studierende. Die ETH, die ihren Schwerpunkt schon immer auf technische Berufsgruppen gelegt hatte, hat eigenen Aussagen zufolge ebenfalls eine Zunahme zu verzeichnen. Vor allem Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften würden sich «grosser Beliebtheit» erfreuen, heisst es in einer aktuellen Medienmitteilung. Und auch bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) habe man ein wachsendes Interesse in den entsprechenden Departementen feststellen können. Kägi bestätigt: «Wir brauchen Technikerinnen und Ingenieure, die Innovationen vorantreiben.»

«Je innovativer ein Betrieb ist, desto besser kann er auf veränderte Ansprüche aufgrund der Klimakrise reagieren.»

Ueli Bernhard, Umweltökonom

Doch wie kann es sein, dass trotz vieler Studienabgänger:innen ein Fachkräftemangel herrscht? Die Antwort liegt in der Diskrepanz von Angebot und Nachfrage: «Die Wertschöpfung in der Schweiz ist enorm hoch und Firmen suchen hochqualifiziertes Personal – diese Nachfrage können wir nicht nur mit eigenen Fachleuten decken. Wir sind also auf Migration angewiesen», sagt Kägi. Er zeigte bereits in einer Analyse aus dem Jahr 2011 auf, wie stark der Fachkräftemangel mit der Einwanderungspolitik zusammenhängt. «Viele der kürzlich eingewanderten Personen sind in Berufen tätig, in denen Anzeichen für einen Fachkräftemangel bestehen», hiess es damals im Bericht. Besonders betroffen waren besonders zwei MINT-Berufe: Über 16 Prozent der Ingenieur:innen und knapp 14 Prozent der Informatiker:innen in der Schweiz rekrutieren Firmen aus dem Ausland. 

Der Techbranche fehlen die Frauen

Auch zehn Jahre später scheint das Problem nicht gelöst. Noch immer suchen dieselben Branchen mehr Fachkräfte. Neben dem Gesundheitspersonal und der Gastrobranche gehören Informatiker:innen zur meistgesuchten Berufsgruppe in der Schweiz. Das hat Expert:innen zufolge auch damit zu tun, dass der Frauenanteil in der Technikbranche sehr gering ist: Lediglich 7,4 Prozent der Stellen im Ingenieurwesen und 7,2 Prozent in der Informatik sind durch Frauen besetzt. Die starke Untervertretung würde Frauen abschrecken, sich überhaupt für einen technischen Job zu interessieren, gibt die Zürcher Softwareentwicklerin Lisa Stähli im Interview mit dem Tages-Anzeiger zu bedenken: «Ich kenne viele Kolleginnen, die die einzige Frau in ihrem Team sind. Sie fühlen sich zum Teil ausgestellt und haben mit Vorurteilen zu kämpfen.» Initiativen wie Girls in Tech oder SwissTec Ladies versuchen deshalb, Arbeitnehmerinnen in solchen Positionen stärker zu unterstützen. 

Nicht nur der Volkswirtschaftler Wolfram Kägi befürwortet solche Bestrebungen. Auch Umweltökonom Ueli Bernhard findet jegliche Förderungen wichtig, die den Umbau in eine grünere Wirtschaft beschleunigen können. Das helfe auch den Unternehmen selbst: «Je innovativer ein Betrieb ist, desto besser kann er auf veränderte Ansprüche aufgrund der Klimakrise reagieren.» Bernhard war von 2011 bis 2018 Geschäftsleiter der Organisation der Arbeitswelt (OdA) Umwelt. Zusammen mit dem Bund und den Kantonen hilft das Netzwerk für Umweltwirtschaft mit, die Berufsbildung in der Schweiz zu fördern: Mit eigener Börse für «Green Jobs» , Informationsbroschüren und dem Aufzeigen von Beratungs- und Weiterbildungsangeboten. Gerade letzteres sei aber für einen erfolgreichen Übergang in eine ökologische Wirtschaft zentral: «Es wird oft vergessen, dass es entscheidend ist, bereits ausgebildete Arbeitnehmende regelmässig zu schulen und für neue Anforderungen zu rüsten», so Bernhard. 

Neue Berufslehre als Solarteur:in

Aktuelle Beispiele zeigen sich in der Gebäudetechnik. Aufgrund der gesetzlich verankerten Klimaziele ist die Nachfrage nach nachhaltigen Heizsystemen oder Photovoltaikanlagen in der Schweiz in den letzten Jahren enorm angestiegen. Der Krieg in der Ukraine befeuert die Entwicklung weg von Öl und Gas und hin zu erneuerbaren Energien zusätzlich. «Solarenergie boomt trotz Personalmangel und Materialengpässen», titelte das SRF vergangenen Juni. In den letzten drei Jahren hat sich der Personalbestand auf 8500 Vollzeitstellen zwar verdoppelt, trotzdem waren damals laut dem Geschäftsführer des Branchenverbands Swissolar, David Stickelberger, 500 Stellen nicht besetzt. Um die Energiewende zu schaffen, müssten bis ins Jahr 2030 mindestens 20’000 Fachkräfte im Bereich der Solartechnik tätig sein.

Trotz des Wissens über den akuten Arbeitskräftemangel wird es die Berufsausbildung zum Solarteur respektive zur Solarteurin erst ab 2024 geben. Aus diesem Grund werden ab sofort gelernte Gebäudetechniker:innen, Dachdecker:innen oder Elektriker:innen umgeschult, sodass sie künftig Photovoltaikanlagen planen und installieren können. Die Weiterbildungskurse seien gut besucht, heisst es. Wohl auch, weil der Bund die Ausbildung bis zur Hälfte der gesamten Schulkosten übernimmt, sofern der gesamte Lehrgang und die Berufsprüfung absolviert werden.

Eine Ausbildungsoffensive im Bereich der Solar- und Heizungssysteme wollen auch einige linksgrüne Gemeinderät:innen in Zürich. In einem Postulat forderten sie die Regierung auf, zu prüfen, ob städtische Unternehmen wie die Elektrizitätswerke Zürich (EWZ) oder Energie 360 Grad eine Ausbildungsoffensive für Gebäudetechniker:innen starten sollen. Beide Firmen bestätigen auf Anfrage, dass sie vom Fachkräftemangel betroffen sind. Sich zu der politischen Forderung äussern, wollen sie sich jedoch nicht, da der Stadtrat zuerst entscheiden müsse. Dieser kann sich Zeit lassen: Eine Antwort auf das Postulat ist erst im Frühsommer 2024 fällig. 

Lieber ins Büro als auf den Bau

Doch sind solche Ausbildungsoffensiven wirklich zielführend? «Es ist ein Puzzleteil von vielen, aber nicht das einzige», gibt Richard Hefti zu bedenken, «denn nur weil einer Branche die Fachkräfte fehlen, kann man niemandem einen Beruf aufzwingen.» Dem Leiter Studien- und Laufbahnberatung des Berufsinformationszentrums Oerlikon ist es wichtig, dass Jugendliche sich eine Ausbildung aussuchen, die ihren Interessen entspricht. Die Klimakrise sei bei vielen aber allgegenwärtig, «und die meisten wollen etwas Sinnstiftendes studieren – Umwelt- und Naturwissenschaften sind deshalb en vogue».

Seine Beobachtungen bezüglich der Wahl von Studiengängen stimmen mit den Zahlen der Zürcher Hochschulen und Universitäten überein. Handwerkliche Berufe hingegen, wie etwa die gesuchten Solarteur:innen, würden Maturand:innen nur sehr selten in Erwägung ziehen: «Sie möchten ihre Matura verwerten und streben in der Regel ein universitäres Studium an», so Hefti. Tatsächlich hat sich der Anteil an 25- bis 34-Jährigen mit Tertiärabschluss in der Schweiz gemäss einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den letzten 20 Jahren verdoppelt. 

In Bezug auf grüne Berufe seien diese Zahlen jedoch zu vernachlässigen, so der Psychologe. «Heute gibt es in jeder Branche und jeder Berufsgattung die Möglichkeit, die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Egal, ob als Heizungsmonteur:in, Lehrperson, in der Finanz- oder Dienstleistungsbranche.» Der Ökonom Ueli Bernhard haut in dieselbe Kerbe: «Die Klimatransition findet branchenübergreifend statt.» Es ist also nicht erstaunlich, dass unter den 576 offenen «Green Jobs» auch Berufe in der Lebensmittelindustrie, im Consulting oder der Kommunikation vertreten sind. Die grüne Wende, sie ist überall – und doch abhängig von Arbeitskräften, die es entweder noch zu formen, oder aber zu importieren gibt.