Fabian Molina: Von der WG im Kreis 4 ins Bundeshaus

Letzte Woche wurde der 27-jährige Zürcher Fabian Molina als Nationalrat vereidigt und ist somit das aktuell jüngste Parlamentsmitglied. Tsüri.ch-Redaktorin Laura Kaufmann hat den SP-Politiker an diesem wichtigen Tag in seinem Leben begleitet.
22. März 2018

Alle Bilder von Laura Kaufmann

Fabian Molina wurde schon vieles vorgeworfen. Er sei ein mediengeiler Provokateur, ein Karrierist, ein Linksextremer mit weltfremden Vorstellungen. Am letzten Donnerstag – den 15. März – wurde Molina nun in Anwesenheit von Eltern, Freund*innen und Parteikolleg*innen im Bundeshaus als jüngster Nationalrat vereidigt. Tsüri.ch hat Molina an diesem für ihn denkwürdigen Tag begleitet und live seine Transformation vom müden Studenten am frühen Morgen zum geschäftigen Politiker am späten Nachmittag dokumentiert.

Politisieren in Bern statt Studieren in Zürich

Es ist 7.20 Uhr in einer Mehrfamilienhaussiedlung im Berner Breitenrainquartier. Mit einem Strahlen im Gesicht tritt Fabian Molina in den Innenhof. Die Augen sind noch klein, seine Haut ein bisschen blass. Mit seinem schwarzen Wollmantel und dem braunen Lederrucksack könnte der 27-Jährige ebenso als Studierender durchgehen. Eigentlich ist er auch noch einer, wäre da nicht die Nachnomination für den Nationalrat dazwischengekommen (anstelle des zurückgetretenen Tim Guldimann). «Zum Glück hatte ich die Semester-Kurse noch nicht gebucht», sagt er. Molina studiert Geschichte und Philosophie an der Universität Zürich.

Ein kurzer Halt auf der Treppe seiner Siedlung. Hier leben Familien und WGs nebeneinander.

Zu Fuss geht es zur Tramstation des 9er-Trams. «Ich habe sonst nie Lampenfieber, aber gestern Abend, als ich im Bett lag, da war die Nervosität plötzlich da. Heute Nacht bin ich um 3 Uhr aufgewacht und musste eine Zigarette rauchen, um mich zu beruhigen», sprudelt es während der Fahrt in die Innenstadt aus ihm heraus.

Fabian Molina konnte das WG-Zimmer eines Freundes übernehmen, damit er auch in der Bundeshauptstadt Bern einen Schlafplatz hat. Ein Hotelzimmer von den Spesen zu bezahlen, das sei nicht seine Art. Früh aufstehen auch nicht. «Ich hatte Angst, dass ich verschlafe», gesteht er. Was wohl passiert wäre, wenn er verschlafen hätte, habe er sich gefragt. «Dann hätte ich wohl bis zur Sommersession warten müssen. Aber es gibt bestimmt eine Regelung», sagt er beim Aussteigen aus dem Tram. Jetzt könne eigentlich nichts mehr schief gehen, stellt er erleichtert fest und schreitet auf das Bundeshaus zu. Hier auf dem Bundesplatz hat er 2014 für die Schweizer Illustrierte posiert. Dass er eine Nationalratskandidatur nicht ausschliessen würde, hatte er damals gesagt. Vier Jahre später steht er an derselben Stelle und wird eine halbe Stunde später als Nationalratsmitglied vereidigt werden.

Fabian Molina morgens auf dem Bundesplatz.

Eine Delegation aus Freund*innen und Familie

JUSO-Präsidentin Tamara Funiciello passt ihn auf halbem Weg ab, umarmt ihn und hält ihm sogleich das Handy hin: «Komm, wir sind gleich live, sag etwas zu deiner Vereidigung!» Er habe doch keine Ahnung, was er sagen solle, antwortet er, grinst und sagt dann doch etwas in die Kamera. Damals 2015 hatte er eine Frau als Nachfolgerin fürs JUSO-Präsidium empfohlen und Funiciello somit zum Amt verholfen.

«Scho so früeh am Morge am pose! », scherzt ein Freund im Vorbeigehen. In der Vergangenheit wurde Fabian Molina schon vorgeworfen, dass er «mediengeil» sei. Doch momentan bedeuten Medien vor allem Arbeit. Seit Bekanntwerden seines Nachrückens in den Nationalrat erhält er Medienanfragen zuhauf.

Vor dem Bundeshaus hat sich bereits eine Gruppe aus JUSO-Politiker*innen und Freund*innen eingefunden. Auch Molinas Eltern sind hier und umarmen ihn zur Begrüssung. Eine Mitarbeiterin des Bundeshauses kontrolliert die Anwesenheit der angemeldeten achtzehn Personen und verteilt allen einen Zutrittsbadge mit der Aufschrift «Vereidigung Fabian Molina, Bern, 15. März 2018». Links oben prangt das Logo des Parlaments, rechts oben das Wappen des Kantons Zürich. Der Badge muss gut sichtbar getragen werden.

Vor dem Betreten des Gebäudes müssen alle Personen die Sicherheitsschleuse passieren. Wie am Flughafen werden alle und alles durchleuchtet.

Eine Gruppe aus Freund*innen und Familie wartet vor dem Bundeshaus.

Endlich im Innern des Bundeshauses angelangt. Über den roten Teppich, vorbei an der Statue der drei «Eidgenossen», werden die Gäste auf die Besucher*innentribüne im zweiten Stock geführt, während Molina den Weg Richtung Nationalratssaal nimmt. Während seiner Zeit als JUSO-Präsident war er oft im Bundeshaus zu Besuch. Er kennt sich aus.

Fotografieren ist auf der Zuschauer*innentribüne verboten. Auf den Holzbänken liegen laminierte Blätter, auf denen die Sitzordnung abgedruckt ist. Jedes einzelne Ratsmitglied ist auf einem kleinen Foto abgebildet und einem Platz zugewiesen, die Parteizugehörigkeit ist mit Farben markiert. «Dort drüben sitzt die SVP-Fraktion», sagt ein Freund Molinas und zeigt auf die gegenüberliegende Seite, «und hier die SP. Da vorne sitzt der Molina». Selbst die in der Politik aktiven Personen der Gruppe kennen nicht alle Nationalrät*innen mit Namen und Gesicht. Sind es doch deren 200 mit einem Durchschnittsalter von 53 Jahren. Mit seinen 27 Jahren wird Fabian Molina ab heute das aktuell jüngste Ratsmitglied sein. «Nicht aber der jüngste Nationalrat aller Zeiten», betonte er auf dem Weg ins Parlament. Das war damals Toni Brunner, der 1995 mit nur 21 Jahren zum Nationalrat gewählt wurde. «Mit 21 Jahren hätte ich noch nicht Nationalrat werden wollen. In diesem Alter schon seriös werden und keine Freizeit mehr haben, nein danke», fügt Molina an.

Der grosse Moment der Vereidigung

Inzwischen ist es 7.55 Uhr, doch der Nationalratssaal ist erst zu etwa zwei Dritteln gefüllt. «Wo sind denn alle?», fragt jemand auf der Besucher*innentribüne. Der Nationalratspräsident Dominique De Buman läutet pünktlich um 8.00 Uhr mit der Glocke: «Die Sitzung ist eröffnet.» Die Zwischengespräche der Rät*innen werden im Flüsterton weitergeführt. Fabian Molina sitzt noch immer ganz alleine in der zweiten Reihe auf der Seite der Fraktion der SP und der Grünen. Auch die zwei Plätze vor ihm sind leer. Einzig in der Reihe hinter ihm sitzt seine 31-jährige Zürcher SP-Kollegin Mattea Meyer.

Die Vereidigung steht heute als erstes Geschäft des Parlaments an. Die Rät*innen und das Publikum werden gebeten sich für die Vereidigung zu erheben. Es wird mucksmäuschenstill im Saal. Fabian Molina tritt nach vorne und bleibt zwischen zwei Weibel*innen in rot-weissen Gewändern und mit schwarzen Hüten stehen. Die Hüte erinnern an Napoleon. Der Generalsekretär der Bundesversammlung verliest die Gelübdeformel: «Ich gelobe, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen.» Nun gilt es ernst. «Ich gelobe», sagt er mit sicherer Stimme. Der ganze Saal klatscht. «Wenn selbst die SVP klatscht, dann dürfen wir auch klatschen», sagt ein Freund Molinas.

Eine ganz normale Nationalratssitzung

Der grosse Moment ist vorbei und im Nationalrat geht es weiter mit «Grenzüberschreitende Luftverunreinigung, Übereinkommen betreffend persistente, organische Schadstoffe». Es wird wieder gesprochen, Zeitung gelesen, am Handy rumgedrückt. Erst gegen 8.15 Uhr füllt sich der Saal. «Eigentlich musst du nur für die Abstimmungen anwesend sein», wird Fabian Molina am Nachmittag erklären. Niemand würde einzig aufgrund eines Votums während einer Debatte seine Meinung ändern. Das Wichtige passiert im Vorfeld. Er klingt, als wäre er bereits seit Jahren hier.

Im Vorzimmer des Nationalratssaals stehen Bildschirme, auf denen die Debatte live übertragen wird. SP-Nationalrätin Jaqueline Badran beschreibt es folgendermassen: «Wenn alle zu Sprintern werden, wird abgestimmt.» SVP-Nationalrat Pirmin Schwander erzählt: «Früher rannten manche gegen die Tür. Da hat sich schon der eine oder andere die Nase gebrochen.» Ob das wohl stimmt oder zu den Urban Legends des Bundeshauses gehört, die den Jungen erzählt werden?

Im Vorzimmer des Nationalratssaals unterhält sich Fabian Molina mit einem Freund.

Politische Prägung im Hause Molina

Molinas Mutter findet den Ratsbetrieb spannend und sagt, dass sie der Sitzung gerne noch etwas länger beigewohnt hätte. Die Eltern sind sichtlich stolz auf ihn, halten sich aber zurück mit überschwänglicher Freude. Der Vater, ein gross gewachsener, älterer Mann, gratuliert und streicht dem jungen Molina während gefühlten 30 Sekunden mit der Hand über den Rücken des blauen Anzuges. Der NZZ erzählte Vater und Sozialdemokrat Jorge Molina, wie er in Chile wegen seiner politischen Aktivitäten während acht Jahren wiederholt verhaftet und schwer gefoltert wurde, bevor ihn die Schweiz als politischen Flüchtling aufnahm. «Jorge ist so stolz, ich glaube er weiss gar nicht mehr, was er sagen soll», meint eine Freundin voller Rührung.

Der älteste Halbbruder, der fast 20 Jahre älter ist, ist ebenfalls anwesend. Falls er jemals abheben sollte, würden ihn seine Brüder wieder zurück auf den Boden holen, sagt Fabian Molina. Die seien da unzimperlich und das sei gut so.

Im Gespräch am Nachmittag erzählt Molina, dass ihn die Familie sicher politisch geprägt habe, doch Politik nicht bewusst ein Teil seiner Erziehung gewesen sei. Den Entscheid, der JUSO beizutreten, habe er damals im Alter von 16 Jahren selber gefällt. «Aber sich Gehör zu verschaffen, das lernst du bei den Molinas.» Fabian Molina verschafft sich auch gleich schon am ersten Tag im Nationalrat mit einer Interpellation Gehör. Zusammen mit acht Mitunterzeichnenden möchte er Auskunft erhalten über die «Auswirkungen der Steuervorlage 17 auf die internationale Menschenrechtslage». Die Steuervorlage 17 wird vom Eidgenössischen Finanzdepartement ausgearbeitet und dient als Ersatzentwurf für die vom Volk abgelehnte Unternehmsteuerreform III.

Kaffee trinken als Berufsauftrag

Inzwischen sitzt Fabian Molina mit Familie und Freund*innen in der Caféteria des Bundeshauses. «Hier ist der Kaffee ja günstiger als in Zürich», stellt Fabian Molina fest und lacht. «Kaffee trinken» wird hier Teil seiner Arbeit sein. Natürlich nicht «käfele», wie er es mit seinen Freund*innen in Zürich macht, sondern Überzeugungsarbeit leisten, Allianzen bilden, sich mit Lobbyist*innen treffen oder mit Parteikolleg*innen austauschen. Doch heute sitzt zwischen ihm und SP-Nationalratskollegin Jaqueline Badran noch seine Mutter.

Nach der Vereidigung sitzt Fabian Molina zwischen seiner Mutter und einem Freund in der Caféteria.

In Zukunft wird er mehr verdienen als seine Eltern. Doch momentan sei er pleite. Lohn gibt es auch vom Staat nicht im voraus. Er habe sein letztes Geld für Kleider ausgegeben. Sein Auftreten sei ihm schon wichtig. Der blaue Anzug sitzt perfekt und sieht modern aus. Eine befreundete Designerin habe ihm geholfen, sich für die dreiwöchigen Sessionen einzukleiden. «Also es ist nicht so, dass ich nicht genug Kleider hätte für drei Wochen, aber ja, halt nicht solche Kleider», sagt er und lacht laut. Neben der grossen Armbanduhr mit dem schwarzen Zifferblatt fällt vor allem eins auf: Ein kleiner dunkelblauer Pin mit der EU-Flagge. Er hat ihn gut sichtbar links oben an seinem Anzug angebracht. Ein Statement für einen EU-Beitritt. Bisher haben ihn vor allem Medienvertreter*innen darauf angesprochen. Fabian Molina provoziert noch immer, hier drin einfach etwas diskreter.

Genau deshalb sei es wichtig, dass er weiterhin nahe an der Basis bleibe. Am Samstag sei zum Beispiel die JUSO-Generalversammlung. Er wisse aber noch nicht, ob er es dorthin schaffen wird, denn er müsse sich auf seine erste Sitzung mit der aussenpolitischen Kommission vorbereiten.

Wer nicht raucht, verpasst wichtige Entscheide

Im Bundeshaus ist doch noch das eine oder andere neu für Fabian Molina. Auf die Frage, welche Funktion die vier Knöpfe zum Abstimmen im Nationalratssaal haben, muss er am Nachbartisch nachfragen. «Ja», «Nein», «Enthaltung» und der letzte sei fürs Quorum, um die notwendige Anzahl Stimmen für die Gültigkeit einer Abstimmung festzustellen. Doch dieser Knopf komme in 10 Jahren ungefähr zweimal zum Einsatz, merkt der Nationalrat am Nachbartisch an. Das sei nicht so wichtig. Wichtiger sei der «Blocher-Knopf» auf der Seite, sagt er und grinst. Genau, der sei während Blochers Amtszeit extra angebracht worden, weil dieser für seinen abwesenden Pultnachbar mitabgestimmt habe, erinnert sich Molina. Nun müsse immer mit der freien Hand eben dieser Knopf gedrückt werden.

Grundsätzlich gehe es im Nationalrat aber lockerer zu und her als im Zürcher Kantonsrat. Hier im Nationalrat sei alles grösser, es gebe weniger Diskussionen und gehe dementsprechend schneller voran. Das Wort Parlament komme zwar vom italienischen «parlare», doch die Gespräche fänden vor allem im Vorfeld statt. Die wichtigen Entscheide würden auf dem Raucherbalkon gefällt, werde sich erzählt. Eine weitere Urban Legend oder die Wahrheit? Molina wird es mit der Zeit herausfinden.

Während der Raucherpause auf dem Balkon des Parlamentsgebäudes unterhält sich Molina mit anderen Parlamentarier*innen.

In zwei Jahren vielleicht schon vorbei

Falls er einmal nicht weiter wissen sollte, kann er sich an seine «Gotte», die St.Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi wenden. Molina war für sie als persönlicher Assistent tätig und als sie ihn fragte, ob er noch ein «Gotti» brauche, nahm er ihr Angebot an. Bald wird er selber eine Assistenzstelle schaffen können. Das habe er auch vor, denn es sei eine grosse Herausforderung die ganze Arbeit alleine zu bewältigen. Ausserdem sei es eine gute Möglichkeit den Nachwuchs zu fördern. Aber das habe noch ein bisschen Zeit. Dasselbe gelte für die Vergabe der zwei Zutrittsbadges zum Bundeshaus, die er vergeben könne. Er müsse noch in persönlich Gesprächen herausfinden, welche Organisationen einen solchen am dringendsten benötigen. Fabian Molina trifft keine vorschnellen Entscheidungen. Doch nun muss er zurück in den Ratssaal. Eine Abstimmung steht an. Da ist eine Entscheidung unumgänglich. Doch es ist der letzte Tag der Session. Die nächste steht erst im Sommer an.

Am späteren Nachmittag rauscht Molina durch die Wandelhalle an der Autorin vorbei, dreht sich um und frotzelt lautstark: «Jetzt bist du immer noch hier!» Er ist schnell angekommen im Wohnzimmer der Schweizer Politik. Die Zukunft wird zeigen, wie lange er noch hier ist. «Glück und Pech liegen auch in der Politik nahe beieinander. Es kann sein, dass ich in zwei Jahren wieder abgewählt werde.»

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