Tabu-Serie: «Ich schämte mich so» – Magersucht bei Männern

Er besuchte Online-Magersuchtsforen und nahm drei Jahre lang nur Reiswaffeln und Zitronenwasser zu sich. In Lebensgefahr beschliesst er schliesslich, dem Hungern ein Ende zu setzen. Eine Geschichte über den einst magersüchtigen und bulimiekranken Rico*, die auch die Frage aufwirft, weshalb die Sucht noch immer fälschlicherweise zuerst mit Frauen assoziiert wird.
18. September 2020
Redaktorin

Unsere Gesellschaft kennt viele Tabus, wenn es um das Thema Gesundheit geht. In der Tabu-Serie porträtieren wir Menschen, die sonst nicht oft zu Wort kommen.


Ein Konflikt in der Schule verschlägt dem 15-jährigen Rico wortwörtlich den Appetit. Es geht um Mobbing. Er ist weder Initiant noch Opfer, sondern irgendwie zwischen die Fronten geraten. Zwei Wochen isst er fast nichts und nimmt dabei drei Kilos ab. Obwohl Rico davor nicht dick war, gefällt ihm, was er nach der unfreiwilligen Fastenzeit im Spiegel sieht. Der heute 23-Jährige beschliesst, mit dem Hungern fortzufahren. Wenn er innerhalb von so kurzer Zeit so viel abnehmen kann, liegt auch noch mehr drin, denkt er sich.

Seine, wie er sagt, «Inspiration», holt er sich aus dem Netz. Wenn er etwa auf auf dem sozialen Netzwerk Tumblr die Keywords «Pro Ana», Ana für Anorexia nervosa, «Pro Mia», Mia für Bulimia nervosa, eintippt, tauchen auf seinem Computerbildschirm Fotos von magersüchtigen jungen Frauen und Männern mit hervorstehenden Rippenknochen auf, die sich mit blondierten Beachwaves auf dem Kopf an diversen Stränden dieser Welt im Sand räkeln.

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Rico tummelt sich aber nicht nur auf Tumblr. Er beginnt, sich auf diversen «Pro-Ana»-Webseiten mit Gleichgesinnten austauschen. Auf einer dieser Seiten wird ihm gesagt, er solle sich während dem Essen als Bestrafung in den Bauch schlagen. Auf einer anderen könnte er sich theoretisch einen «Twin» aussuchen. Einen Menschen, mit dem er gemeinsam, quasi als Team, in die Magersucht abrutschen kann. Doch weil er niemand anderen für seine Krankheit verantwortlich machen will, tut Rico Letzteres alleine.

Ich fühlte mich danach wie die letzte Sau, ich schämte mich so.
Rico

An die Wände seines Zimmers pinnt Rico Zettel mit Sätzen wie «Nothing tastes better than skinny feels» und «Skip dinner, wake up thinner». «Sie waren das erste, das ich am Morgen jeweils sah.» Rico wird immer dünner, erinnert sich ständig an die Worte, die ihm seine Eltern, Tanten und Cousins in seiner Kindheit jeweils zu sagen pflegten: «Du kleiner fetter Junge.»

Und das, obwohl er auch damals eigentlich nie wirklich übergewichtig war. «Dieser Satz war wie ein Label, das ich ständig mit mir herumgetragen habe», erzählt Rico. Er trägt schwarze Slipper von Dr. Martens, neongelbe Manchester-Shorts und ein schwarzes Shirt. Auf sein rechtes Bein hat er sich das Wort «Cinnamon» tätowiert. Wenn er von den insgesamt drei Jahren seiner Magersucht spricht, wirkt er gefasst. Man nimmt ihm ab, «geheilt» zu sein.

Zitronenwasser und Reiswaffeln

Weil Rico damals während den Mittagspausen jeweils in der Schule bleibt, merken seine Eltern lange nicht, dass er sein Essensgeld für Kleider ausgibt. Rico beginnt, sich bewusst zu kleine Grössen zu kaufen, quasi als «Challenge», um irgendwann reinzupassen. «Ich habe mir damals einen Pulli in der Grösse XS gekauft. Ich kam nicht nur rein, er war mir irgendwann sogar zu gross», erzählt er und zeigt ein Foto auf seinem Handy. Darauf ist er inmitten seiner Familie zu sehen, in jenem dunkelblauen XS-Pullover. Sein Gesicht wirkt ausgemergelt, die Augen eingefallen.

Rico ernährt sich ausschliesslich von Zitronenwasser und Reiswaffeln, die er manchmal in Low-Fat-Naturjoghurt tunkt. Die Magersucht wird zu einer Art Hobby. Seinen Eltern sagt er zum Spass, dass er mit seiner Freundin «Ana» auf einen Spaziergang oder mit «Mia» zum Abendessen verabredet ist. Er verbringt Stunden vor den Regalen im Supermarkt, um jene Lebensmittel zu finden, welche die wenigsten Kalorien enthalten. Zuhause übermannt ihn dafür immer wieder Heisshunger. Dann lässt Rico los und isst alles, was ihm in die Finger kommt. Kuchen, eine ganze Packung Chips – um sich Minuten später auf der Toilette zu übergeben. «Ich fühlte mich danach wie die letzte Sau, ich schämte mich so», erinnert er sich.

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Wenn Skinny- zu Baggyjeans werden

Als Rico immer öfters mit roten Augen aus dem Bad kommt, schöpfen seine Eltern, die anfangs erfreut waren über seine Gewichtsabnahme, schliesslich Verdacht. In der Schule wird seine immer offensichtlicher werdende Krankheit zwar ignoriert, doch seine Eltern bitten ihn, mit dem Hungern aufzuhören. Rico macht im Gegenzug Versprechen von denen er weiss, dass er sie nicht halten wird. Nicht halten will. Er hungert weiter.

Während des Schwimmunterrichts der Schule gerät er regelmässig in Atemnot. Auf seiner Haut beginnt ein weisser Haarflaum zu wachsen, eine Reaktion seines Körpers auf die Mangelernährung. Nach und nach fallen ihm die Kopfhaare aus. Abends sitzt Rico auf seinem Bett und fährt mit seinen Fingern den Knochen nach, die unter seiner Haut hervorstehen. Seine Skinny- sind längst zu Baggyjeans geworden. Und obwohl er mit seinen 1.75 m sein damaliges Wunschgewicht von 50 Kilo erreicht hat, findet er sich nicht schön, sondern «hässlich». Fett, überall an seinem Körper, ist das einzige, das er sieht, wenn er sich im Spiegel betrachtet. Freund*innen hat er immer weniger, weil er sich immer mehr zurückzieht. Weil für ihn alles plötzlich nur noch grau ist.

Es gibt Fälle, in denen die Menschen nach so langer Zeit nicht mehr leben.
Rico

Eine Frauenkrankheit?

Irgendwann beginnen Ricos Organe zu schmerzen. Seine Mutter geht Nacht für Nacht an sein Bett, um zu kontrollieren, ob er noch atmet. «Meine Eltern haben meine Magersucht lange nicht erkannt und auch nicht ernst genommen, weil sie dachten, es sei eine Frauenkrankheit. Sie gingen davon aus, dass ich lediglich ein oder zweimal richtig gut und richtig viel essen muss, damit alles wieder in Ordnung kommt.»

Rico ist es, der schliesslich erkennt, dass er Hilfe braucht. Er sagt sich: «Die einzige Person die du verletzt, bist du selbst, wenn du weiterhin nicht darüber sprichst.» In Eigenregie sucht er professionelle Hilfe, ruft in zahlreichen psychologischen Praxen an, doch nirgends hat es Platz für ihn. Nicht einmal dann, als Rico in einer Praxis einen Therapeuten um Hilfe bittet, noch während dieser sich in einer Sitzung mit einem Patienten befindet.

Die Rettung

Kurz darauf schenken ihm seine Eltern eine Woche Ferien in Portugal. Dort verbringt er viel Zeit mit seiner Cousine, führt wohltuende Gespräche mit ihren Bekannten und Freund*innen. Es macht Klick. Rico erkennt: «Ich bin so jung, gerade mal 17 und habe noch so viel vor mir. Wieso soll ich all die Türen, die zu gegangen sind, zu behalten? Fuck this shit, I’m out!»

Wieder zu Hause, möchte er weiterhin eine psychologische Behandlung beginnen, obwohl es ihm schon viel besser geht. Der angefragte Therapeut meldet sich – nach vier Monaten. «Es gibt Fälle, in denen die Menschen nach so langer Zeit nicht mehr leben», sagt Rico heute. Doch er ist keiner dieser Menschen. Er schafft es in einem langen Prozess, sich nicht mehr nach jeder Mahlzeit zu hassen und im Gegenteil wieder Freude am Essen und an den Kilos an seinem Körper zu empfinden.

Es wird nicht zugelassen, dass man als Mann auch sensibel sein und Gefühle zeigen kann.
Rico

Ein grosses Tabu

Mit seiner Geschichte ist er nicht alleine. Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind insgesamt 3,5 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung im Laufe ihres Lebens von einer Essstörung betroffen. 0,2 Prozent der Männer leiden mindestens einmal an Magersucht, 0,9 Prozent an Bulimie. Zum Vergleich: Bei den Frauen erkranken mindestens 1,2 Prozent einmal an Magersucht und 2,4 Prozent an Bulimie.

Laut Rico ist es noch immer so, dass das Wort Magersucht immer zuerst mit einer Frau assoziiert wird. «Der Mann wird in unserer Gesellschaft immer als Alpha-Tier, als gross und muskulös idealisiert. Es wird nicht zugelassen, dass man als Mann auch sensibel sein und Gefühle zeigen kann.» Vor allem Hetero-Männer würden ihre Emotionen oftmals unterdrücken und unter einem grossen Druck stehen, dem klassischen «Mann»-Bild zu entsprechen. Magersucht oder Bulimie würden da nicht reinpassen. Rico selbst kennt einige Männer, die in eine Magersucht abgerutscht sind. Viele von ihnen waren Sportler, die ein bestimmtes Gewicht erreichen oder halten mussten.

Ja, Essstörungen bei Männern sind bis heute ein Tabu. Und das, obwohl auch schon Prominente wie etwa Sänger und Songwriter Ed Sheeran, Elton John, der Comedian Russell Brand, der ehemalige One-Direction-Sänger Zayn Malik oder der britische «Top Gear»Moderator Andrew Flintoff öffentlich darüber gesprochen haben.

Wie Malte Claussen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Neurologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, vergangenen Monat in der «Sonntagszeitung» sagte, habe die Körperunzufriedenheit bei Männern in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Dies gehe mit der Entwicklung eines unrealistischen Schönheitsideals einher – einem mageren und gleichzeitig muskulösen Körper. Das allein führe jedoch nicht direkt zu einer Essstörung. «Es müssen immer mehrere Faktoren berücksichtigt werden, biologische und genetische, psychische, sozio-kulturelle und weitere, wie geschlechtsspezifische Risikofaktoren.»

Die St.Galler Expertin für Suchtprävention, Regine Rust, sagte ebenfalls diesen Sommer gegenüber der Thurgauer Zeitung, dass junge Menschen immer häufiger überfordert seien mit der Vielzahl an Möglichkeiten, die sich ihnen anbieten und seitens Eltern, Lehrpersonen und anderen Autoritäten einen grossen Druck verspüren würden. Rust: «Daher haben viele junge Menschen den Wunsch nach selbstständiger Kontrolle über etwas in ihrem Leben – egal ob Mädchen oder Jungs. So enden viele mit einer Essstörung.»

Rico ist heute in einer glücklichen Beziehung mit seinem Freund und gilt als «geheilt». Trotzdem sagt er: «Ich werde diese Geschichte noch lange mit mir herumtragen.»

*Name von der Redaktion geändert

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