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Foto: zVg

«Es ist verständlich, dass man an unserer Welt zu beissen hat»

Persönlich aber nicht privat, setzt sich Stefan Haupt in seinem Dokumentarfilm «Zürcher Tagebuch» mit unserer Welt und Gesellschaft auseinander. Behandelt werden die Themen der letzten Jahre, wie die Klima- oder die Frauenbewegung, gleichzeitig geht es um Geburt und um Tod – um unser Dasein auf der Welt und unser Dasein in dieser Stadt. Wir haben ihn zum Interview getroffen.
30. Oktober 2020
Redaktorin

Tsüri.ch: Stefan Haupt, dein Film spricht diverse Themen an, die uns auf einer globalen Ebene beschäftigen und bricht diese runter auf die Stadt Zürich und ihre Bewohner*innen. Auch schon deine zwei letzten Filme «Zwingli» und «der Kreis» spielen in Zürich. Was fasziniert dich so an dieser Stadt?

Stefan Haupt: Ich bin Zürcher, ich bin hier aufgewachsen. Mit Ausnahme von drei Jahren habe ich immer hier gelebt. Zudem hatte ich immer das Gefühl, dass ich von da wo ich herkomme und lebe, am ehesten die Berechtigung habe, zu erzählen oder auch zu kritisieren. Ausserdem gefällt mir diese Stadt extrem, ich fühle mich sehr wohl hier.

Es gibt so einen Spruch für Filmemacher*innen: «More specific», also so genau und konkret wie möglich zu erzählen, denn dadurch öffnet sich eine ganze Welt. Die Fragen im Zürcher Tagebuch sind ja eigentlich viel zu gross für uns alle. Darum habe ich versucht, diese einzugrenzen. Ich hatte sogar im Voraus in Stanford, Kalifornien und in Bonn mit Wirtschaftsxperten gedreht. Aber dann habe ich plötzlich gemerkt: Nein, ich begrenze es auf da, wo ich lebe, auf da, wo ich herkomme und bin.

Das Zürcher Tagebuch geht von 2016 bis 2020, wieso hast du genau diese Zeit gewählt?

Ich habe diese Gedanken schon lange mit mir herumgetragen, und auch schon früh Interviews geführt. Die ersten Bilder im Film sind von 2016. Und Ende März 2020 sind wir mit dem Schnitt fertig geworden. Das war zur Zeit des Lockdowns. Wir haben uns natürlich überlegt, das auch noch reinzunehmen. Es hätte den Rahmen aber gesprengt. Der Film erzählt von einer Zeit, in der uns alle Themen nah sind: Polarisierungen, Klima- und Frauenstreik etc. Gleichzeitig ist durch Corona schon eine Leerstelle dazwischen, das macht den Zeitraum speziell.

Nach welchen Kriterien hast du deine Protagonisten bestimmt?

Sie alle müssen entweder hier leben oder viel mit Zürich zu tun haben. Zürich ist für den Film aber nicht entscheidend: Es könnte auch ein Münchner oder ein Genfer Tagebuch sein, wenn ich von dort käme. Relevant ist sicher, dass es ein städtisches Tagebuch ist, welches von einer urbanen Welt erzählt.

Der Film gibt viel Persönliches über dich preis, was hast du dir dabei gedacht?

Man ist bei den politischen und gesellschaftlichen Themen schnell in Gefahr , dass man sehr «gescheit» über alles redet. Dann wird das ein hervorragend schlauer Film, der einen mit ganz vielen Fakten konfrontiert. Oder man wählt ein Gegenstück: Ein ganz persönlicher Film, wo man nur auf Familie, Kinder und Eltern guckt. Ich hatte aber Lust, dazwischen hin und her zu pendeln, so wie das uns allen ja im Alltag ergeht. Wichtig war mir dabei, dass der Film persönlich wird, aber nicht privat, keine Nabelschau.

Deine jüngste Tochter sagt aussergewöhnliche Dinge im Film. Im Tagesgespräch bei SRF, sagst du, du seist zum Teil erstaunt gewesen, was deine Tochter für Gedanken hat. Wie sind diese Gespräche mit ihr entstanden?

Ja, das war ein Wagnis für uns beide. Es war eine absolut reale Gesprächssituation. Ich sass ihr gegenüber, sie wurde verkabelt, der Kameramann und der Tönler waren auch im Raum. Und die Fragen waren immer in etwa dieselben: Wie nimmst du die Zeit wahr? Bei ihren Antworten war ich aber wirklich baff. Das erste Bild beispielsweise, mit dem Gehirn und den Bakterchen, die Zettel haben, mit dem Satz: «Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht», das habe ich vorher oder nachher nie so von ihr gehört.

In deinem Film ist auch die Jugend ein Thema. Sie symbolisiert Aufbruch und Hoffnung.

Es wäre falsch und bequem von uns, all die Hoffnung der Jugend aufzubürden. Gleichzeitig ist es schön und ermutigend zu sehen, wieviel Junge eben überhaupt nicht mit dem müden alten Satz übereinstimmen: 'Ach die Jungen sind so apolitisch und die wollen ja nichts'. Ich denke mir oft: 'Mein Gott, was ihr für ein Erbe antreten müsst, das ist ja Horror'. Umso mehr ist es an uns, raschmöglichst Weichen zu stellen, und uns nicht hinter Sachzwängen zu verstecken.

Und natürlich gibt es gibt leider auch die traurige Seite der Jugend. Viele junge Erwachsene haben mit dieser Welt zu beissen. Ein Satz aus einem alten Film von mir ist mir dazu geblieben: 'Krankheit kann auch eine gesunde Reaktion auf kranke Umstände sein'. Es ist mehr als verständlich, dass man an unserer heutigen Welt zu beissen hat, und zwar wie verrückt. Glücklicherweise habe ich schon oft als Rückmeldung auf den Film den Satz gehört: 'Wenn man diese Jungen da im Film erlebt, dann muss man sich trotz allem keine Sorgen um die Zukunft machen'. Ich wünschte nur, wir würden ihnen weniger aufbürden.

Was wäre dein Wunsch für einen Eintrag im Zürcher Tagebuch der Zukunft?

Ich fände es toll, wenn wir es schaffen, die Ressourcen, über welche diese Stadt verfügt, so einzusetzen, dass die Stadt nicht noch mehr zu einer Geldmaschine wird, sondern zum Lebensraum, wo nicht nur die Reicheren immer mehr das Diktat übernehmen. Eine lebendigere Durchmischung aller Bewohner*innen, ein Zusammenleben mit noch grösserem Austausch wäre schön. Gleichzeitig weiss ich, wie unglaublich schwierig es ist, das zu bewerkstelligen. Zudem wünsche ich mir eine Verbesserung bei der Immobilien- und Bodenfrage; dass es ausreichend günstigen Wohnraum gibt. Und ich hoffe zudem auf die Einführung einer Mikrosteuer auf Finanztransaktionen. Leider hatte dieses Thema im Film keinen Platz mehr. Solch eine Steuer würde unsere Mehrwertsteuer sofort hinfällig machen und würde die Finanzindustrie auf eine ganz sinnvolle Art zur Kasse bitten.

Dein Sohn sagt im Film, du seist auch einer von diesen weissen Männern über 50, die die Welt erklären. Wie siehst du das?

Ich kann ihn bestens verstehen - gleichzeitig war der Film aber für mich eher der Versuch, davon zu erzählen, dass ich die Welt selber ja gerade auch nicht verstehe und nicht erklären kann. Ein Versuch, Fragen zu stellen, ohne die Antworten dazu liefern zu können. Das fand ich nicht nur einfach, doch ich habe mir gedacht: Ich will einfach mal versuchen, wahrzunehmen, überhaupt fassen zu können, was da passiert. Und ob es gelingt, neu auf das Leben zu schauen.


Der Film läuft in diesen Tagen bereits im Lunchkino Le Paris (12.15), am Dienstag mit anschliessendem Q&A mit dem Regisseur, und am Mi, 4. Nov. im Kosmos, ebenfalls mit anschliessendem Q&A. Am 5. Nov. startet er in Zürich in drei Kinos.

Für die Vorpremiere von das «Zürcher Tagebuch» am 4.November 2020 um 20:15 Uhr im Kosmos verlosen wir 2 Mal 2 Tickets. Schreib Seraina eine Mail, falls du an die Vorstellung möchtest.

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