«Es ist ein befreiendes Gefühl, mein Blut fliessen zu sehen»

Anna ist 16 Jahre alt und litt bis vor ein paar Monaten an einer schweren Depression. Sie ging dabei sogar so weit, dass sie sich selbst verletzt hat. Die Selbstverletzung bei Jugendlichen ist ein weitverbreitetes Problem, welches oft erst viel zu spät erkannt wird.
06. Januar 2019

Dieser Text ist entstanden in Zusammenarbeit mit der technischen BMS-Klasse von Seluan Ajina. Für mehr Informationen, siehe hier.


Text: Dominic Meier


Warnung: Dieser Text enthält explizite Beschreibungen von Selbstverletzung. Wir wurden darauf hingewiesen, dass dieser Text für gewisse Menschen gefährdend sein kann. Falls du Hilfe brauchst, findest du am Ende des Artikels Hilfsangebote.


Anna* sitzt auf ihrem Bett im halbdunkeln, dicke Tränen kullern über ihre Wangen. Sie nimmt ihre, im Bücherregal gut versteckte, Rasierklinge hervor. Sie denkt an alles, was sie belastet. Sie denkt an das gemeine Mobbing an ihr in der Schule, an die harten Schläge ihres Vaters. Sie fühlt nur noch Wut und Hass gegenüber sich selbst, sieht die Schuld für all dies bei sich.

Sie setzt die Rasierklinge an ihrem Unterarm an und schneidet sich tief ins eigene Fleisch. Ihr Blut rinnt über ihren Arm. Ein warmes, erleichterndes Gefühl überkommt sie, sie kann sich wieder beruhigen. Ein damals beinahe alltägliches Prozedere bei Anna. «Ich wurde abhängig von dieser Art der Erleichterung, ich hatte regelmässig den Drang, es zu tun», bemerkt Anna bestimmt.

Anna hatte ein Problem, welches mehr Jugendliche betrifft, als man denkt. Viele davon möchten unbedingt, wie Anna auch, dass ihre Taten unentdeckt bleiben. Deshalb sind auch keine offiziellen Zahlen bekannt. Oft haben diese Jugendlichen eine belastende Vergangenheit hinter sich und sehen die Schuld dafür bei sich selbst.

Sie fühlen sich von jedem in ihrem Umfeld missverstanden und denken, sie seien mit ihren Gefühlen und Gedanken allein auf dieser Welt. Sie fühlen sich alleingelassen und ungeliebt. Oft tritt Selbstverletzung aber auch gemeinsam mit einer Persönlichkeitsstörung auf. Dabei verletzten sich die Betroffenen ohne wirklichen Grund. Diese Personen fühlen nichts und möchten durch die Selbstverletzung ihr eigenes Empfinden wiedergewinnen und sich dabei selbst spüren.

Wie es bei Anna soweit kam

Bei Anna ist die Selbstverletzung nicht direkt auf eine Persönlichkeitsstörung zurückzuführen. Sie erzählt mir gefasst, dass ihr Vater die Familie verliess, als sie fünf Jahre alt war. In der Zeit danach hielt sie allerdings noch zu ihrem Vater und stand regelmässig unter seiner Obhut. Seine damalige Freundin war, wie ihr Vater auch, gewalttätig. Anna wurde regelmässig von beiden hart geschlagen.

Als ihre Mutter dies erfuhr, erwirkte sie sogleich das alleinige Sorgerecht. Von da an bis zu ihrem 12. Lebensjahr hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. An einem Mittwochnachmittag war Anna mit guter Laune allein zuhause. Es klingelte an der Tür und sie öffnete diese. Ihr Vater stand stark betrunken in der Tür. Er sah sie an und sagte zu ihr, dass sie sein Leben zerstört habe. Danach verschwand er wieder. Bei Anna hinterliess dies eine unbeschreiblich tiefe Kerbe und ein Gefühl der Wertlosigkeit.

Doch als ob das allein noch nicht genug wäre, wurde Anna, als sie in die Sekundarschule übertrat, stark gemobbt. Dabei gingen ihre Mitschüler*innen sogar soweit, dass Annas Mutter die Polizei verständigen musste. In der Schule wurden ihr Haare ausgerissen, mit Scheren Wunden zugefügt und sie wurde regelmässig geschlagen. Ohne Grund. Auch die einzigen Freundinnen, die sie damals hatte, hintergingen sie und Anna stand allein da.

Der Beginn ihrer Selbstverletzung

Sie erinnert sich noch genau an diesen regnerischen, dunklen Abend: «Ich war allein zuhause und wusste mit meinen Problemen nicht mehr weiter. Ich bekam ein extremes Verlangen, mir selbst weh zu tun. Ich ging ins Bad und fand dort die Rasierklinge meines Stiefvaters. Ich nahm sie und schnitt mich damit am Oberschenkel.»

Sie fühlte den Schmerz, welcher nicht annähernd an ihren seelischen herankam. Doch der Druck liess nach und ein Schamgefühl setzte ein. «Ich habe alles wieder sauber gemacht und die Klinge zurückgelegt. Ich fühlte mich wie ein wertloses Ding, ich verstand nicht, was mit mir los war.» Sie ging wieder auf ihr Zimmer und konnte die ganz Nacht kein Auge schliessen. Sie hatte Sorge, dass sie damit ihre Mutter, wenn sie es herausfände, noch stärker belasten würde.

Die Selbstverletzung wurde mit der Zeit zur Gewohnheit. Sie kaufte kurz nach dem ersten Mal eine Packung Rasierklingen und versteckte die Klingen in ihrem Zimmer. So konnte sie es auch tun, wenn sie mal nicht allein zuhause war. Durch lange Kleidung konnte sie ihre Narben und Wunden sehr gut vor ihrer Mutter verstecken.

Lange Zeit bekam niemand etwas davon mit. Anna wusste genau, dass es nicht richtig war, was sie tat. Doch sie sah keinen andern Weg um mit ihren Gefühlen umzugehen. «Es ist wie eine Art Spirale, in die man immer tiefer hineingerät», sagt sie. Sie war sich nicht bewusst, dass sie ohne Hilfe auch nicht wieder aus dieser Spirale hinausfinden würde.

Die Mutter erfährt von Annas Problem

Eines samstags, als Anna beim Duschen war, kam ihre Mutter ins Badezimmer. Sie wollte nur kurz ihre Frisur richten, doch dann blickte sie auf Anna. Sie sah die vielen, tiefen und teils entzündeten Wunden an ihren Armen und Beinen. Sie beginnt zu weinen und kauerte vor der Dusche hin.

Anna wird nun klar, was sie wirklich angerichtet hatte. Sie steigt aus der Dusche, wickelt sich in ein Handtuch und versucht ihre Mutter zu beruhigen und umarmt sie innig. Ihre Mutter fragt sie, wieso sie das tue. «Ich konnte ihr einfach keine Antwort geben», erinnert sie sich schmerzlich.

Der Weg zur Besserung

Einige Minuten später, als sich ihre Mutter wieder ein wenig beruhigt hatte, setzen sie sich in Annas Zimmer aufs Bett. Die Mutter fragt sie, immer noch weinend, warum sie nichts gesagt und mit ihr darüber gesprochen habe. Sie beschliessen, dass Anna mit einer Psychiaterin sprechen muss und somit endlich professionelle Hilfe erlangt.

Als nach einigen Sitzungen mit der Psychiaterin noch keine Besserung in Sicht war, wurde klar, was getan werden musste. Anna wurde von der Schule genommen, musste in eine psychiatrischen Klinik einziehen und dort den ganzen Sommer verbringen. Es war schwer für sie, aber sie verstand auch warum dies geschieht und war deshalb niemandem böse. Als sie in dieser Klinik ankam, wurde ihr Gepäck nach Klingen durchsucht. Sie fanden keine und brachten Anna auf das Zimmer, in welchem sie die nächsten paar Monate verbringen würde.

Es war relativ klein, aber hübsch eingerichtet, mit einer gut duftenden, blühenden Blume, grossem Doppelstockbett und farbigen Wänden. Ihre Zimmergenossin war etwa im selben Alter, sie verstanden sich sehr gut. In der psychiatrischen Klinik wurde der Unterricht weitergeführt, damit die Jugendlichen nicht den Anschluss verlieren und immer noch gute Chancen für ihre Zukunft haben.

Der Aufenthalt in dieser Klinik war sehr schwer für Anna. Die meist sehr bedrückende Stimmung, die langen Nächte allein und die vielen Gespräche über Themen, die ihr sehr nahe gingen, brachten sie einige Male bis kurz vor einen Nervenzusammenbruch. Allerdings zeigte der Aufenthalt relativ rasch seine Wirkung. Da Anna sich lange Zeit mit sich selbst beschäftigen und stundenlang mit Fachpersonen über ihre Probleme sprechen konnte, hat sie aus ihren Depressionen herausgefunden und gelernt, sich selbst zu akzeptieren.

Anna heute

Auch jetzt noch wenn sie über diese Zeit erzählt, merkt man, wie unwohl sie sich dabei fühlt und wie rasch ihre Stimmung kippt. Sie bekommt teils wässrige Augen, kann aber überraschend offen über alles mit mir sprechen. Sie tritt heute als eine hübsche, junge und selbstsicher wirkende Frau auf. Wahrscheinlich würde niemand, der Anna heute kennenlernt, eine solch einschneidende Geschichte hinter ihr vermuten.

Sie möchte nicht, dass die Menschen in ihrem Umfeld alle mitbekommen, welche Vergangenheit sie durchleben musste. Sie selbst denkt, dass ein grosser Teil der Menschen nicht genug sensibilisiert gegenüber dem Thema der Selbstverletzung ist und somit komisch reagiert. Sie mag es nicht anders als andere behandelt zu werden, nur aufgrund ihrer düsteren Vergangenheit. Deshalb würde Anna niemals kurze Kleidung tragen, da sie für immer gezeichnet sein wird von dieser schweren Zeit. Sie selbst hat ihre Vergangenheit akzeptiert und erkannt, dass die Schuld für das Geschehene nicht bei ihr liegt.

Anna bereut es, anfangs niemandem von ihren Problemen erzählt zu haben. «Hätte ich früher Hilfe geholt, wäre es niemals soweit gekommen.» Sie lebt heute in stabilen Verhältnissen. Sie hat viele enge Freunde und einen einfühlsamen Freund, welcher ihr genau die Liebe gibt, die sie braucht. Fragt man Anna heute, ob sie noch einmal in dieses dunkle Loch der Depressionen fallen würde bei ähnlichen Ereignissen, antwortet sie entschieden: «Nein, niemals.».

* Der Name wurde abgeändert

.Bild: Maxime Caron / Unsplash


Disclaimer:

Für Anna hat ihre Depression ein relativ glimpfliches Ende genommen. Vielen anderen Jugendlichen in ihrer damaligen Situation ergeht es allerdings nicht so. Einige kommen nicht aus dieser Spirale heraus, weil sie keine Hilfe erhalten. Manche nehmen sich sogar ihr Leben, da sie keinen anderen Ausweg sehen. Damit es nicht so weit kommt, muss das Problem frühzeitig erkannt und professionelle Unterstützung beigezogen werden.

Folgende Hilfsangebote können Hilfe leisten


Dieser Text ist entstanden in Zusammenarbeit mit der technischen BMS-Klasse von Seluan Ajina.


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