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Am 14. Juni demonstrierten tausende Frauen* für ihre Rechte.

«Es gibt verschiedenste Arten von Gewalt, die eine Frau* erleben kann»

Am Montag fand der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen statt. Deshalb haben wir Doris Binda von der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon zum Interview getroffen und mit ihr über Probleme und mögliche Lösungen gesprochen.
25. November 2019
Redaktorin

Der diesjährige Tag gegen Gewalt an Frauen* ist der Startschuss für die internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», die sich das Thema «Gewalt an Frauen* im Alter» gesetzt hat, sich aber mit allen Formen von Gewalt an Frauen* beschäftig. In diesen 16 Tagen werden in der ganzen Schweiz verschiedene Programmpunkte stattfinden. Am Tag selber rufen linke Kreise in Zürich sowie in Basel zu Demonstrationen auf, um laut und stark ein Zeichen zu setzen.

Gewalt an Frauen* hat viele Gesichter. Dies fängt bei der extremsten Form, dem Femizid (Mord an Frauen*), an und geht über Genitalverstümmelung, Folter, Zwangsprostitution und -heirat, Säureangriffe, sexualisierte Übergriffe, psychischer oder phsysischer Missbrauch, häusliche Gewalt bis zu der gezielten Tötung weiblicher Föten. Gewalt an Frauen* in der Schweiz ist leider keine Ausnahmeerscheinungen und das grösste Gesundheitsrisiko für Frauen* und Mädchen ist immer noch jegliche Art von Gewalt durch einen Mann. Nicht Hunger, nicht Krankheit, nicht Unfälle. Das weiss auch Doris Binda, Sozialpädagogin und Expertin in der Opferhilfe. Binda ist bereits mehr als 15 Jahre in der Opferhilfe tätig; sieben davon arbeitete sie im Mädchenhaus und seit fünf Jahren ist sie bei der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon in Winterthur. Deshalb haben wir sie zum Interview getroffen.

Nina Vedova: Wie viele Frauen* sind in der Schweiz und im Kanton Zürich von Gewalt betroffen?

Doris Binda: Dabei stellt sich natürlich die Frage, welche Gewalt? Es gibt verschiedenste Arten von Gewalt, die eine Frau* erleben kann. Sei es Zuhause, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum. Sprechen wir von Femiziden, sind es gesamtschweizerisch im Jahr durchschnittlich 20 bis 25 Tötungsdelikte. Bisher konnte man sagen, dass etwa jede zweite Woche eine Frau in der Schweiz ermordet wurde. Dieses Jahr sind die Tötungsdelikte allgemein gestiegen. Als Vergleich: 2015 fanden acht Tötungsdelikte im Kanton Zürich statt. Sieben der Todesopfer waren Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen waren. Im Jahr 2019 sind es bereits 14 Delikte und acht der Opfer waren Frauen.

Bisher ist es so, dass ich mich als Frau bei einem Übergriff körperlich wehren muss, ansonsten gilt es nicht als Vergewaltigung.
Doris Binda

Wie viele Fälle betreut ihre Stelle täglich?

Pro Jahr haben wir allein in unserer Beratungsstelle etwa 1000 Fälle. Es gibt auch noch zwei andere offizielle kantonal anerkannte Opferhilfe-Beratungsstellen für Frauen* in Zürich. Das wären frauenberatung: sexuelle Gewalt und BIF Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft. Geschätzt bekommen wir vier bis acht neue Fälle pro Tag. Teils von der Polizei zugewiesen, teils rufen die Frauen* selber an oder Fachpersonen wie Lehrer*innen melden sich.

Trotz Gleichstellungsgesetz: Bezüglich gesellschaftlichen Normen gibt es noch einiges zu tun.

Wie kann die Gewalt einfach und wirkungsvoll eingedämmt werden?

Wenn ich das wüsste, dann würde ich das gerne einleiten, auch wenn ich am Schluss arbeitslos wäre. Die einfache Lösung gibt es nicht. Prävention muss schon im frühen Alter vorgenommen werden, damit Jugendlichen und Kindern die richtigen Bilder vermittelt werden: Was eine Frau* darf und soll und was ein Mann darf und soll.

Natürlich spielt auch die Haltung der Gesellschaft eine grosse Rolle. Leider gibt es nochimmer Leute, die denken, sie dürfen über ihre Frau* bestimmen. Die Gleichstellung ist trotz des Gleichstellungsgesetz heutzutage noch nicht gewährleistet. Es gibt in allen Sparten noch viel Arbeit zu leisten, damit allen bewusst wird, dass eine Frau* gleich viel Wert ist und die gleichen Rechte hat wie ein Mann.

Am 13. November gab der Bundesrat bekannt, dass er die Massnahmen gegen Gewalt an Frauen* und gegen häusliche Gewalt per 1. Januar 2020 verstärkt. Ist es damit getan?

Dieser Entschluss ist wichtig, aber das Wichtigste war, dass die Schweiz letztes Jahr die Istanbul-Konvention (IK) ratifiziert hat. Dabei wurden auf Bundesebene Schwerpunktthemen festgehalten. Zum Beispiel, dass die Opferhilfe als Hilfsangebot bekannter wird und das man bei sexueller Gewalt genauer hinschaut. Es geht um Prävention, mehr finanzielle Mittel für die Opferhilfe, genügend Schutzunterkünfte und Interventionen zum Behandlungsprogramm für gewaltausübende Menschen. Bei der Ratifizierung der Istanbul-Konvention hat sich die Schweiz viel Zeit gelassen. Im Kanton Zürich wird im Moment das zusätzliche Budget für die Beratungsstellen im Kantonsrat diskutiert.

Wofür brauchen Sie das zusätzliche Budget?

Neben unserer beratenden Tätigkeit, sollten wir eigentlich auch in der Lage sein Frauen* zur Polizei zu begleiten und bei den Verhören zu unterstützen. Da diese oft sehr belastend sind. Doch dazu fehlen uns im Moment die Mittel. Wir sind froh, wenn wir allen Frauen* einen Termin anbieten können. Die anderen Beratungsstellen sind ebenfalls ausgelastet. Doch wie gesagt, das Problem wurde erkannt und wird diskutiert. Wir hoffen, dass wir dadurch ein paar Stellen aufstocken können.

Also ist diese Konvention rundum eine gute Sache?

An sich schon. Allerdings gibt es eine Klausel, welcher die Schweiz nicht zustimmen will. Es geht darum, dass eine Migrantin, die sich von ihrem gewalttätigen Partner trennt, ihren Aufenthaltsstatus verliert und dann Gefahr läuft, ausgeschafft zu werden. Zwar gibt es im AIG (Ausländer- und Integrationsgesetz) den Artikel 50 Abs 2, laut dem in Härtefällen von häuslicher Gewalt eine eigenständige Aufenthaltsbewilligung erteilt werden kann. Das ist in der Praxis aber im Moment noch schwer zu erreichen. Sie haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder bleiben Migrantinnen bei einem gewalttätigen Mann oder trennen sich und laufen Gefahr, ausgeschafft zu werden. Wir als NGO, und das Netzwerk Istanbul Konvention, fordern, dass dieser Artikel der IK ebenfalls umgesetzt wird und dass eine bessere Ausbildung und Sensibilisierung aller Berufsgruppen stattfindet, die mit häuslicher Gewalt zu tun haben. Zum Beispiel Staatsanwält*innen oder Richter*innen.

Welches Gesetz muss Ihrer Meinung nach geändert werden?

Die Überarbeitung des Sexualstrafrechts muss dringend erfolgen. Bisher ist es so, dass ich mich als Frau bei einem Übergriff körperlich wehren muss, ansonsten gilt es nicht als Vergewaltigung. Bei Todesangst gibt es drei mögliche Reaktionen: Gegenwehr, Flucht oder Schock. Wenn ich mich im Schockzustand befinde, kann ich mich körperlich nicht wehren. Also sagt unser jetziges Gesetz: «Frau Binda, Sie hatten sich nicht gewehrt, deshalb war es keine Vergewaltigung.» Das kann doch nicht sein! Im Moment gibt es grosse Diskussionen ob und wenn ja, wie man das Gesetz anpassen möchte. Nein heisst Nein, steht zum Beispiel zur Auswahl. Also, dass man eine Verweigerung aussprechen muss. Dagegen fordert Amnesty International in ihrer neuen Kampagne Ja heisst Ja. Sie fordert, dass ein Konsens ausgesprochen werden muss, bevor man irgendeine Handlung beginnt. Es ist nicht ok, dass das Gegenüber solange grabscht und ausprobiert, bis ich als betroffene Person Stopp sage.

Entweder bleiben Migrantinnen bei einem gewalttätigen Mann oder trennen sich und laufen Gefahr, ausgeschafft zu werden.
Doris Binda

Werden Frauen* von der Polizei mit «wir können in dem Fall nichts für Sie tun» heimgeschickt?

Die Polizei macht prinzipiell einen guten Job und spielt bei Schutz oder bei der Erstattung einer Anzeige eine wichtige Rolle. Es gibt bei der Kapo und Stapo Zürich die Abteilung Fachstelle häusliche Gewalt, wo man sich beraten lassen kann. Dort gibt es bspw. die Möglichkeit, eine Täteransprache zu machen, ohne dass sofort Anzeige gemacht werden muss. Der Beschuldigte wird von der Polizei zu einem Gespräch eingeladen. Im Fokus steht eine Normvermittlung, das Vorgefallene ist nicht ok und auch gegen das Gesetz. Täteransprachen sind aber keine Option bei akuter Gefahr. Früher hat die Polizei bei häuslicher Gewalt oder bei Streit vermittelnd gewirkt. Das ist heute anders, bei Gewalt vermittelt die Polizei nicht mehr, sondern ermittelt. Natürlich gibt es auch Polizist*innen, die Fälle – in unseren Augen – nicht adäquat behandeln, aber in der Regel haben wir gute Erfahrungen gemacht. Trotzdem ist es wichtig, dass sie in der Ausbildung auf solche Themen sensibilisiert werden.

An Demonstrationen teilzunehmen, kann laut Doris Binda helfen, die Gesellschaft zu sensibilisieren.

Wie entsteht häusliche Gewalt?

Es gibt verschiedene Gründe, was Gewalt auslöst. Meistens verläuft das Schema ähnlich: Eine Beziehung fängt an, indem man sich in sein Gegenüber verliebt. Es verpasst mir nicht gleich beim zweiten Date ein blaues Auge. Man verliebt sich in einen Menschen und am Anfang ist es schön. Dann fangen aus irgendeinem Grund an sich Spannungen und Schwierigkeiten aufzubauen, dies kann durch äussere oder innere Einflüsse geschehen. Irgendwann kommt es zur Eskalation.

Bei vielen Fällen ist der gefährlichste Moment, der, wenn die Frau* sagt: ‹Ich gehe›.
Doris Binda

Das kann verbale Gewalt oder Misshandlung sein. Der Täter entschuldigt sich, er verspürt Reue und verspricht, dass es nie mehr vorkommt. Das Gegenüber verzeiht dem Täter und alles ist wieder gut. Darauf folgt eine Honeymoonphase in der alles toll ist. Aber weil sich der Täter entschuldigt hat, bekennt er die Schuld und hält diese irgendwann nicht mehr aus. Er sagt sich dann selbst: Ich war zwar gewalttätig, aber sie hätte auch einfach mal ruhig sein sollen. Dann hätte er auch nicht zuschlagen müssen. Er biegt die Verantwortung so zurecht, dass er gar kein Täter mehr ist, sondern das Gegenüber die Verantwortung trägt. Dies führt wieder zum Spannungsaufbau und schlussendlich zur Eskalation.

Warum bleiben so viele Frauen* bei ihren Partner*innen, obwohl diese Gewalt gegen sie ausüben?

Es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen und es gibt viele Sachen, die es den Frauen* schwierig machen, ihren Partner zu verlassen. Weil sie verheiratet sind; sie Kinder mit dem Partner haben; er, wenn er alleine mit den Kindern ist, ein guter Vater ist; sie bewusst vom Partner isoliert werden oder sie Angst vor den sozialen Folgen haben; Angst, wie das Umfeld reagieren wird. Ein weiterer Grund ist, dass sich Opfer von häuslicher Gewalt oft extrem schämen und sich selber Vorwürfe machen. Viele haben auch Angst vor den Konsequenzen, weil sehr oft Drohungen im Raum stehen. Es ist bekannt, dass das Risiko von Gewalt bei einer Trennung massiv zunimmt. Bei vielen Fällen ist der gefährlichste Moment, der, wenn die Frau* sagt: ‹Ich gehe›.

Was raten Sie Angehörigen? Und wie kann das Umfeld betroffenen Frauen* helfen?

Dass man für die betroffene Frau* da ist, das ist das Wichtigste. Ein offenes Ohr haben und das Gesagte und Geschehene nicht bewerten. Die einzigen Ausnahmen dieser Regel sind: Vergewaltigung und körperliche Verletzungen durch Übergriffe. Das sind die Fälle, wo man, auch wenn es schwierig ist, der Person sagen muss, dass ein Krankenhaus-Besuch unausweichlich ist. Vor allem auch für die Pille danach und die HIV Prophylaxe, damit die medizinische Erstversorgung gewährleistet ist. Dafür hat man nur 72 Stunden Zeit. Als Umfeld würde ich auch immer vorschlagen, zu einer Beratungsstelle zu gehen. Wir beraten kostenlos und vertraulich und informieren nur jemanden, wenn die Frau* das auch wünscht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man der betroffenen Person sagt, dass es nicht ok ist, was ihr widerfahren ist.

Gewalt können wir nur gemeinsam, Frauen* und Männer*, bekämpfen.
Doris Binda

Von Gewalt sind Frauen* unabhängig von Alter, Herkunft oder Religion betroffen.


Wo sehen Sie das grösste Problem bezüglich Gewaltverbrechen an Frauen*?

Das grösste Problem finde ich die Vorstellung, dass jemand das Gefühl hat, über jemand anderen zu bestimmen und dass man solche Sachen machen darf. Oder das die Tatsachen oft verhamlost werden à la das ist doch nur ein bisschen Streit. Keine einzige Frau* will geschlagen, misshandelt oder vergewaltigt werden. Diese Probleme kommen nicht nur, wie viele vielleicht denken, bei Problemfamilien, Migrant*innen und Personen der sozialen Unterschicht vor. Es zieht sich durch alle sozialen Schichten, Religionen und Altersgruppen. Ein weiteres Problem ist, dass die Medien solche Vorfälle immer mit Übertiteln wie Familien oder Liebesdrama romantisieren. Es ist kein Drama, es ist Mord. Die Verantwortung ist immer beim Täter und nie beim Opfer.

Was kann die Gesellschaft gegen Gewalt an Frauen* unternehmen?

Demonstrieren, wählen, Frauenhäuser und Beratungsstellen unterstützen und Zivilcourage zeigen. Schaut nicht weg, wenn Gewalt passiert! Zudem kann man im Privaten Stellung beziehen, also sagen wenn jemand einen dummen Witz macht oder sexualisiert. Gewalt können wir nur gemeinsam, Frauen* und Männer*, bekämpfen.


Bist du von Gewalt betroffen? Oder wurdest du Opfer von Gewalt? Dann hol dir Hilfe! Melde dich bei zuständigen Beratungsstelle deines Kantons. Die Beratungen sind kostenlos und vertraulich. Infos findest du hier.


Bilder: Laura Kaufmann

member ad

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