Es gibt Drogen und es gibt Pilze

Magic Mushrooms lassen Körper und Teppiche verschmelzen - Häää?!
18. Januar 2015

Wir sitzen wie Hippies im Kreis. Der Perserteppich unter uns wird noch einige Male auf sich aufmerksam machen. «Wir danken dir, oh Pilz-Gott», sagt Mike, einer meiner Reisekumpanen. Ich betrachte die Pilze in meiner Hand. Exakt wiegen sie 0,5 Gramm. Einer sieht giftiger aus als der andere. Der leicht bläuliche Schimmer bereitet mir ein mulmiges Gefühl – und doch, ich beisse drauf. Der andere Reisekumpan Joe glaubt, einen Kakao-Geschmack auf der Zunge zu schmecken. Ich finde es bloss ätzend und beige einige Mandarinenschnitze nach. Nachdem alle vier bis fünf Pilze verschlungen haben, sehen wir uns leicht verunsichert an. Wir wussten ja alle, dass die Reise nicht gleich losgehen würde, doch das Ritual war zum Gähnen unspektakulär.

Alles so schön bunt hier.

Wir widmen uns wieder dem Brettspiel. Wir spielten bereits den ganzen Tag. Die nächsten zehn Minuten vergehen wie gewohnt. Wir würfeln, schreien, haben eine gute Zeit. Mein Sieg ist zum Greifen nahe, als ich bemerke, wie Mike Probleme bekommt, seine Spielfigur zu verschieben. Ich bin mir nicht sicher weshalb. Es sieht aus, als ob ihn die Figur zu fest beeindruckt, als dass er sie endlich setzen könnte. Ich spiele unbeirrt weiter und gewinne endlich. Immer wieder müssen wir das Spiel unterbrechen, weil wir in lautes Gelächter ausbrechen. Keine Ahnung wieso. Wir sitzen noch eine Weile am Tisch und lachen. Bis Joe auf die Idee kommt, unsere neu gewonnenen Superkräfte zu testen.

Der Kampf mit dem Perserteppich

Sofort greift er nach dem nächsten Buch. Es ist ein Fremdwörter-Duden. Wie hatte das Buch zu uns gefunden? Ich kann’s mir nicht erklären. Ein Gefühl, welches sich mir immer wieder bieten wird. Joe schlägt das Buch auf und alle Drei starren, als würde ihnen auf den Seiten ein Feuerwerk bereitet. Die Buchstaben tanzen wild umher. Obwohl ich kein Wort lesen kann, ist es das spannendste Buch, das ich je gesehen habe. Jeder Buchstabe ist peinlich genau mit gelber Farbe hinterlegt. Ich weiss, das kann nicht sein. Niemand würde sich die Mühe machen, jeden Buchstaben gelb zu umranden.

«Auf zum Perserteppich!», höre ich mich sagen. Wir stellen uns über den Teppich und betrachten ihn eingehend. Langsam kommen die dunklen Flächen näher, die hellen schleichen sich in den Hintergrund. Daraus entsteht eine dreidimensionale Figur, die aus dem Teppich hinaus tritt. Ich glaube, wir alle erleben es ähnlich. «Häää?», sage ich das erste Mal – das meist gesagte Wort des Abends –, «das kann doch nicht sein.» Ich lege mich auf den Boden und untersuchte den Teppich von der Seite. Er ist so flach, wie ein Teppich nur sein kann. Dies klaut dem Moment ein wenig die Magie und ich entscheide mich im weiteren Verlauf des Trips keine unlogischen Bilder mehr zu hinterfragen, sondern einfach zu geniessen.

Häää?

Alles beeindruckt uns. Lägen wir auf einer Wiese, müssten wir jeden Grashalm untersuchen. Nicht das grosse Ganze ist spannend, sondern die Details, die Oberflächen, die Materialien. Joe hat die Idee, einen Spaziergang in die Nacht hinaus zu machen, um noch mehr Sonderbares zu entdecken. Weil wir noch sehr klar im Kopf sind – so denken wir zumindest –, diskutieren wir darüber noch einen Pilz mehr zu nehmen. Also ziehen wir uns warm an, suchen uns je einen Giftpilz aus und wollen losgehen. Wie wir uns zur Tür aufmachen, vergeht uns ganz plötzlich die Lust. Also bleiben wir. Im Nachhinein die bessere Entscheidung, denn wir waren noch lange nicht auf dem Höhepunkt unseres Trips.

Ich weiss nicht, weshalb die andern nicht gehen wollten. Für meinen Teil will ich, nein kann ich die Farben nicht hinter mir lassen. Die Dunkelheit macht mich traurig. Draussen ist alles schwarz weiss, hier drin färbt sich alles rot, orange bis violett. Und auf ein Mal merkte ich, dass mich ein Violettschimmer im linken und rechten Augenwinkel verfolgt. Ich blicke verwirrt um mich. Zuerst rechts, dann links. Da ist nichts. Doch im Augenwinkel kann ich es klar erkennen. Alles ist mit einem violetten Filter überlagert. Ein wenig näher zur Augenmitte wird es eher orange, das direkte Blickfeld hat einen Gelbstich. Es ist unglaublich beruhigend. Ich fühle mich wohl und die Farben wärmen mein Herz. Ein paar Wochen später wird mir jemand erzählen, dass dies die Farben der Aura seien. Ich sehe tatsächlich meine Aura, die mich umgibt. «Häää?» Ich mache mir langsam Sorgen. Was ist nun real und was nicht? Ich weiss es nicht mehr. Zum Glück flüstert mir Hunter S. Thompson ins Ohr: «Buy the ticket. Take the ride.» Ich lasse die Realität gehen und hinterfrage nicht mehr. Die Gewissheit, dass meinen Sinnen nicht mehr zu trauen ist, soll reichen.

Das alles verschlingende Ego

Ganz allgemein sehnt sich mein Wesen nach Farben und vor allem nach Wärme. Ich bin noch immer gekleidet, als ob ich in die kalte Winternacht hinaustreten wollte. Schuhe, Mütze und Jacke wärmen meinen Körper und ich will, dass es nie mehr anders ist. Ich schlinge alles in mich auf, alle Liebe, alle Wärme, alle Farben, alles Gute. Das muss die Bettdecke auf dem Sofa bemerkt haben. Sie schleicht sich langsam an mich heran. Im nächsten Moment liege ich in ihr drin. Dann umarme ich sie – oder sie mich, da bin ich mir nicht so sicher. Und als wäre es das Natürlichste der Welt, schlürft mein Körper sie auf und macht sie zu einem Teil von mir. Ich bin gerade um das Volumen einer Bettdecke gewachsen. Meine Arme existieren nicht mehr und die Decke wird zu meinem Körper. All dies scheint mir ganz und gar normal – für mich, wie auch für meine Reisekumpane. Die nächsten gefühlten zehn Stunden (effektiv wohl zwei Stunden) werde ich mich nicht von jener Decke trenne können. Sie ist Teil von mir. Die anderen helfen mir beim Umgang mit meiner neuen Körperform. Ohne Hände Mandarinen zu essen, aufzustehen oder zu rauchen, erweist sich als schwer. Und doch, es funktioniert irgendwie. Und aus dem Nichts befindet sich da plötzlich eine Mandarine in meiner Hand. Es ist deshalb erstaunlich, da ich ja keine Arme mehr besitze. «Hä?», sage ich laut und zeige es Mike. «Hä?», fragt sich auch der, wo die herkam. «Ja egal, gehen wir rauchen.»

«And you just had some kind of mushroom and your mind is moving slow.»

Wie wir zurück kommen und uns aufs Sofa setzen, verspüren Mike und ich das immense Verlangen «White Rabbit» von «Jefferson Airplane» zu hören. Ich habe eine halbe Ewigkeit das Lied zu finden, den mein Laptop schimmert in allen Farben und beim Scrollen fliegen alle Bandnamen wild davon. Und immer diese Mandarine! «Interessant», sage ich und staune über die spröde und doch organische Oberfläche. «Mach endlich!», beklagt sich Mike, der es nicht mehr aushält ohne das Lied. Ich hatte es schon wieder vergessen. Ich konzentriere mich auf die eine Sache und es gelingt mir endlich. Wir hören den Bass, dann das Schlagzeug, gefolgt von der Gitarre und dann: «One Pill makes you larger and one makes you small», «And you just had some kind of mushroom and your mind is moving low». Wir lachen, denn wir wissen ganz genau, wovon sie singt – endlich! Während des Lieds sinke ich langsam vom Sofa unter den Tisch, die Decke noch immer eng umschlugen. Ich weiss sofort das war ein Fehler. Denn nun habe ich nicht nur einer Decke sorge zu tragen, nein, nun kommt auch noch der Tisch dazu. Ich fühle mich wie jene Krebse, die sich Muscheln suchen und sich darin verkriechen, um es ihr neues Zuhause zu nennen. Der Tisch ist mein neues Zuhause. Ich kann mich nie mehr davon entfernen. Und dann sind auch meine Beine weg.

Symbiotisch, harmonisch

Und auf einmal spüre ich die Energien, die im Raum herumschwirren. Alles lebt symbiotisch miteinander, ineinander: eine Harmonie sondergleichen. Der Raum lebt, ist organisch und in allen Farben koloriert. Die stärkste Macht geht von der Musik aus. Jimi Hendrix dröhnt aus der kleinen Blue-Tooth-Box. Joe, der immer wieder auf den Balkon geht, um seine eigene Musik zu hören und die Prismen in allerlei Farben hinter seinen Augenlidern betrachtet, merkt noch nichts von diesen Mächten. Ich weiss nicht, was ihn geritten hat, doch er nahm die Musik und platziert sie neu am Boden gleich neben mir. «Nein!», schreien Mike und ich, «spinnst du?» Joe begreift nicht, dass er gerade das Universum aus der Balance gebracht hat. «Siehst du nicht, dass du den Raum gerade gedreht hast und er sich jetzt neu organisieren muss?», sage ich. Ich fühle, wie sich die Mächte neu ausbalancieren. Es ist unangenehm. Doch langsam findet das Chaos zurück zum Frieden und es wird wieder erträglich.

Raum und Zeit sind nichtig

Auch Joe wird langsam ruhiger und legt sich auf den Boden. Seine Rastlosigkeit verwunderte Mike und mich schon eine Weile. Und er wird ebenso Teil der absoluten Harmonie. Die Welt reduziert sich auf den Bildausschnitt, denn ich da unten vom Boden her habe. Und alles darin ist in vollkommener Symbiose. Alles hat seinen Platz und seinen Sinn. Doch mir ist bewusst, wenn man an jenem Punkt des Absoluten ist, bedarf es einer Schneeflocke, um alles wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und ich weiss, die Zeit wird kommen. Es ist Joe, der einmal mehr das Universum aus den Fugen hebt. «Ich muss aufs Klo», sagt er. Ich fange an zu schreien: «Du kannst doch jetzt nicht weggehen!» «Aber ich muss wirklich dringend» «Okay, aber bitte komm’ wieder zurück – bitte!» Er versichert mir seine Rückkehr. Doch ich weiss, die Zeit wird unheimlich weit auseinanderklaffen, bis er zurückgekommen ist. Er entschwindet meinem Blickfeld und der Raum dreht sich erneut.

So wie die Welt zur Ruhe kommt, weiss ich, so kann’s nicht weiter gehen. Ich kann nicht abhängig sein von sich immer verändernden Energien im Raum. Ich muss selbst stehen können. Ich muss meine Muschel, den Tisch, endlich hinter mir lassen. Er ist bloss ein Klotz am Fuss, der Urgrund meiner Unselbstständigkeit. Und endlich krieche ich das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit unter dem Tisch hervor. Joe und Mike applaudieren. Und ich bin auch wirklich stolz.

Illustrationen: Mo

Wie ich auch die Bettdecke wieder losgeworden bin und wie wir von unserer Reise zurückkehren, liest ihr im nächsten Artikel.
Fortsetzung: Teil 2


Dies ist eine fiktive Geschichte über ein sonderbares Mittel, dass schon seit Jahrhunderten für schamanische Zwecke verwendet wird. Diese Kurzgeschichte ist frei erfunden und keineswegs etwas Erlebtes. Für alle verrückten Seelen dieser Welt, die es ausprobieren wollen, kann ich nur sagen: Es ist gefährlich! (und das Setting ist verdammt wichtig). Tut es nicht!

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