Fick dich Erkältung!

Wer kennt das nicht? Plötzlich läuft die Nase, Husten und Gliederschmerzen machen sich bemerkbar: Eine Erkältung ist im Anflug. Für Redaktor Philipp war dies einmal mehr eine kleine Katastrophe.
26. Februar 2019

Montag. Alle glotzen mich an, als wäre ich ein Aussätziger. Sie ekeln sich. Sie halten sich fern von mir, als hinge ihr leben davon ab. Niemand wagt es, sich neben mich zu setzen im Tram. Dies obwohl ich seit vier Haltestellen mit Müh und Not versuche, einen Hustenanfall zu unterdrücken. Sie hören mein Keuchen und sehen, wie sich meine Brust bei jedem Atemzug krampfhaft auszudehnen versucht, nur um dann wieder erschöpft in sich zusammenzufallen. Sie haben Schiss! Schiss, ich könnte sie anstecken.

Ich bin eine wandelnde Seuche. Für einen Moment geniesse ich die Macht, die mir meine Erkältung beschert, bevor ich mich zurück ins Selbstmitleid stürze. Ich hätte zuhause bleiben sollen. Denn wahrscheinlich habe auch ich mich genau in einer solchen Situation angesteckt. Man ahnt es ja. Überall diese übereifrigen Gestalten, die sich nicht erst auskurieren, bevor sie wieder ins Tram oder in den Bus steigen. Ja und dann, dann stecken sie einen an.

Diese rücksichtslosen Idiot*innen, die lieber alle im ÖV und danach auf der Arbeit anstecken. Lieber die Gesunden durch die Stadt hetzen, als wegen eines kleinen Hustens und etwas Hals- und Gliederschmerzen daheim zu bleiben. Schwachsinnige, Egoist*innen, Opfer unserer Gesellschaft. Es ist typisch, dass ich jemandem die Schuld geben muss, wenn ich krank bin. Das ist unfair, aber die Schmerzen in der Brust und meine geschrumpften Eier lassen sich so einfach besser aushalten. Vielleicht bleibe ich morgen zuhause.

Dienstag. Sind die Leute in dieser Stadt eigentlich immer so nervig? Wo ist der Anstand in unserer Gesellschaft? Und wo die Empathie?! Ja, ihr seht richtig, ich bin krank! Na und?! Die wütenden Schuldzuweisungen beginnen erneut auf dem morgendlichen Arbeitsweg im Tram. Sie enden erst mit skurrilen Verschwörungstheorien bei einer Werbung von Neocitran abends vor dem Fernseher. Die Pharma will, dass ich krank bin, damit sie mehr Cash macht und vergiftet mich deshalb jeden Winter erneut! Sicher war das Gift im «Innocent Orangensaft»!

Die Wut überwiegt nun dem gesunden Menschenverstand. Ich fühle mich machtlos. Das habe schon in der Nacht zuvor erkannt. Der Husten hat mich stündlich aus dem Schlaf gerissen. Beim fünften Mal habe ich auf die Uhr geschaut und festgestellt, dass ich in einer halben Stunde schon wieder aufstehen muss. Von da an wusste ich, dass ich nichts mehr gegen die Erklärung tun kann. Ich habe mich ihr ergeben. Die vierzehn Tassen Tee und die viertelstündlichen Lutschtabletten konnten mich von da an auch nicht mehr retten.

Mittwoch. Du bist eine Mimose! Ein Finöggeli! Irgendetwas Gutes muss diese scheiss Erkältung doch versteckt halten. Sogar in der beschissensten Lage sollte man doch stets versuchen, das Positive zu sehen. Ich steige aus dem Tram und stecke eine Zigarette an. Meine Lunge weigert sich noch immer. Vielleicht will mir mein Körper mitteilen, dass ich ihn besser behandeln soll. Manchmal muss es einem vielleicht einfach schlecht gehen, dass man die eigene Gesundheit wieder zu schätzen weiss.

Zu anstrengend ist der Abwasch.

Donnerstag. Acht Uhr morgens. Atmen ist scheisse. Das Leben ist scheisse. Heute bleibe ich zuhause. In einer kleinen Pfanne gefüllt mit Wasser kocht frischer Ingwer und Zitrone. Ich halte meinen Kopf über die Pfanne und versuche, die Dämpfe zu inhalieren. Das Abflusssieb in der Küche ist inzwischen mit Ingwerschale und Zitronenkernen vollgestopft. Ich bin bisher zu schwach gewesen, um es zu reinigen.

Mein Hustenanfall schmerz derart, dass ich mich am Küchentresen festhalten muss. Langsam löst sich der Schleim in meinem Rachen. Gefühlt alle fünf Minuten muss ich ins Badezimmer eilen, um den milchig grünen Schleim herauszuwürgen. Ekelhaft, aber wenigstens eine Beschäftigung. Denn mir ist langweilig. Und gerade weil mir langweilig ist, werde ich immer wütender. Nachdem ich auf Google nach «Symptome für eine Lungenentzündung» gesucht habe, wird die Wut zwar kurz durch eine Art Psychose abgelöst.

Doch zuvor hatte ich alle zweihundert Kanäle im Fernseher drei Mal durchgezappt und wie es der Zufall wollte, blieb ich just, als ich die Idee mit der Lungenentzündung hatte, auf Bibel TV stehen. Und schon gerate ich wieder in Rage: Ein Priester will dort den Zuschauer*innen nämlich weismachen, dass Gott für uns alle einen Plan hat. Zum Teufel mit dir, Bibel TV! Mir ist langweilig! Nicht mal kiffen kann ich! Dann wäre dieser Bullshit zumindest etwas erträglicher! Wenn ich morgen noch immer krank bin, fresse ich das Gras halt!

Freitag. Eine weitere Horrornacht liegt hinter mir. Normalerweise werde ich grantig, wenn ich morgens keine Zigarette rauchen kann. Heute jedoch vergeht mir die Lust schon nur, wenn ich ans Rauchen denke. Die Gliederschmerzen lassen langsam nach. Inzwischen stellt ein jeder Tag für mich eine Endlosschleife aus Tee, Lutschtabletten, Trash-TV und Wutanfällen dar.

Und dann ist es plötzlich Freitagabend. Alle meine Freund*innen sind jetzt bestimmt am Feiern. Ich schau «Exklusiv» auf RTL. Ich entschliesse mich, dass nicht mehr die ehemalige AfD-Parteisprecherin Frauke Petry, die Person mit dem Namen Frauke ist, die ich am meisten hasse, sondern die RTL-Moderatorin Frauke Ludowig. Nach dem zweiten Aufguss wirkt der Hanftee endlich. Alles verschwimmt.

Samstag. Wenn ich wieder gesund bin, mache ich ganz viel Sport und esse ganz viel Gemüse. Und dann werde ich auch nie wieder krank! Ab jetzt ist fertig mit durchzechten Nächten! Das Leben hat doch so viel mehr zu bieten! Staubsaugen. Frische Bettwäsche. Durchzug. Mit der rauen Seite des Schwammes versuche ich die übrigen Honigkleckser und Teeflecken endgültig von der Herdplatte zu entfernen. Abends ein heisses Bad mit viel Schaum und Badesalz mit Eukalyptus-Geschmack.

Sonntag. Warum dauert eine Erkältung überhaupt immer eine Woche, und nicht drei Tage? Ein Tag hätte gereicht, um eine Lehre daraus zu ziehen. Ich bin zwar noch schwach, aber wieder gesund. Ich nehme mir fest vor, ab jetzt gesünder zu leben. Aber eine Zigarette rauchen, ist ja nicht so schlimm. Ich habe ja nie gesagt, dass ich auch mit dem Rauchen aufhören möchte. Es funktioniert wieder! Und das ohne dass ich einen Hustenanfall bekomme!

Irgendwie erinnert mich die Zigarette an meine erste. Sie schmeckt mir nicht. Vielleicht schmeckt mir ja die nächste besser? Viel wichtiger ist jedoch die Frage, warum man denn jedes Mal überhaupt immer erst eine solch katastrophale Erkältung erleiden muss, um seine Gesundheit wieder schätzen zu können. Im antiken Griechenland ging man davon aus, dass die Menschen sich durch das Ausleben innerer Konflikte seelisch reinigen können. Man nennt dies «Katharsis». Und tatsächlich: Wütend zu sein, hat mir irgendwie geholfen. Viel mehr sogar. Die Wut hat die tiefe Misere, in den ich mich in den letzten Tagen befunden habe, nicht nur erträglich gemacht, sondern mir letztendlich aufgezeigt, wie schön es ist, gesund zu sein. Das heisst, krank sein war eventuell etwas Gutes und hat mir dabei geholfen, das Leben wieder mehr zu schätzen! Ach, was rede ich denn da: Fick dich Erkältung! Du bist trotzdem scheisse!

Alle Bilder: Philipp Mikhail

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