Eritreer*innen im Stall 6: «Wir wollen nicht in einer Parallelgesellschaft leben»

Zehn Diaspora-Eritreer*innen suchten im Rahmen des Festivals «Keine Disziplin» den Austausch mit Theaterbesucher*innen in der Gessnerallee.
08. Februar 2018

Am Ende wummern schon die Bässe. Der Stall 6 befindet sich in seiner wochenendlichen Transformation zum Club. Der «Zwischenraum» - ein einfaches Stellwandgebilde in einer Raumecke – ist aber noch geöffnet, obwohl Gespräche kaum mehr möglich sind. «Das sind Schriftzeichen? Ohne Scheiss? Sieht ja viel komplizierter aus als unsere Buchstaben», meint ein Clubgänger zu einem Plakat in der Sprache Eritreas, Tigrinya. Semhar Negash spricht mit ihm – trotz des Sounds. Die Umstände sind nur halb ideal, aber das war nicht anders bei einem Grossteil der Gespräche, auf die sie sich in den letzten zehn Tagen eingelassen hat.

Semhar lebt in Bern und stammt aus Eritrea. Sie ist beteiligt am Vermittlungsprojekt «Zwischenraum». Während des Performance-Festivals «Keine Disziplin» haben sie und neun andere Diaspora-Eritreer*innen aus Bern, Winterthur, St. Gallen und Zürich Besucher*innen angesprochen, vor Vorstellungsbeginn in der Warteschlange, nach dem Stück oder beim Feierabendbier. Die Beteiligten haben sich während zweier Monate jeweils einen halben Tag pro Woche mit Themen auseinandergesetzt. Themen, die in einem Theater speziell Bedeutung tragen und gleichzeitig unser gesellschaftliches Zusammenleben prägen. Die intensive Auseinandersetzungen machten die Beteiligten des «Zwischenraums» zu Spezialist*innen. Und – das weiss ich als Journi ja genauso – sobald man sich intensiv mit einem Thema befasst hat, löst man oft mehr aus, wenn man Fragen stellt statt Erkenntnisse ausbreitet.

Zwei Mal die gleiche Botschaft: in Deutsch und Tigrinya. Bild: Benjamin von Wyl

Im «Zwischenraum» suchten sie den Austausch mit dem Kulturkuchen und seiner Peripherie, der in der Gessnerallee zusammenkommt, alleine über Fragen: «Worüber wird im Theater nicht gesprochen?», «Worüber wird im Theater nicht gestritten?», «Was fehlt?»

Meine Gegenfrage: Warum tun sie das? «Weil wir nicht in einer Parallelgesellschaft leben wollen», sagt Semhar, «und sobald das Eis gebrochen ist, wollen viele gar nicht mehr aufhören zu reden.» Die Diaspora-Eritreer*innen sind selbst überrascht, wie gross die Neugier ist, die ihnen entgegenkommt. Einige Begegnungen haben auch über den «Zwischenraum» hinaus Bestand: Semhar lernte einen Fussballtrainer aus Bern kennen, der jugendliche Spieler*innen sucht – und sie kennt wiederum viele, die dort gerne mitkicken würden. Andere erzählen von durch Begegnungen neu angedachte Tanzprojekte in Zürich und wieder andere haben sich mit Besucher*innen zum Essen in eritreischen Restaurants verabredet.
In Aufzeichnungen mancher Gespräche durfte man während «Keine Disziplin» im Stall 6 auch reinhören: «Ohne Disziplin gäbe es keinen Fussball!» oder «Disziplin heisst, einen Schritt nach dem anderen zu nehmen. Nie zwei gleichzeitig.» Ein Zuschauer antwortete auf die Frage, worüber im Theater nicht gestritten wird: «Die, mit denen man eigentlich streiten sollte, kommen halt nie in die Gessnerallee!» Auf die Frage, ob man ein Projekt wie den «Zwischenraum» nicht eher im Opernhaus durchführen sollte, meint Marcel Grissmer, der den «Zwischenraum» von Gessnerallee-Seite betreut hat: «Ich war tatsächlich selbst noch nie im Opernhaus, deshalb kann ich über das Klischee hinaus nichts über das Opernhaus-Publikum sagen. Natürlich haben wir bei uns ein Publikum, das solchen Begegnungen gegenüber sehr offen ist. Vielleicht hätte das Projekt im Opernhaus sogar eine andere Schärfe...»

Viele der Besucher*innen kommen zum ersten Mal in Kontakt mit Eritreer*innen. Bild: Benjamin von Wyl

Tatsache ist: Der Clubgänger, der kurz vor Schluss in den «Zwischenraum» gestolpert ist, war längst nicht der einzige, der noch nie Tigrinya-Schriftzeichen gelesen hat. Viele der beteiligten Diaspora-Eritreer*innen berichten von Gesprächen mit Leuten, die zuvor noch nie mit jemandem aus Eritrea gesprochen haben. In der Gessnerallee trafen die Beteiligten des «Zwischenraums» vielleicht auf ein linkeres, offeneres Publikum als im Opernhaus. Trotzdem tat es wohl den meisten Besucher*innen gut, diese prinzipiellen Haltungen durch reale Begegnungen gegenzuchecken.

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Titelbild: zvg

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