Crowdfunding

Endlich allein wohnen – und jetzt?

Die erste eigene Wohnung – was für ein Meilenstein. In den eigenen vier Wänden kann man tun und lassen was man will. Mit der neu gewonnenen Freiheit kommt jedoch auch die Verantwortung.
02. November 2020
Praktikantin Redaktion

Laut dem Bundesamt für Statistik waren letztes Jahr von den 3,8 Mio Schweizer Privathaushalten ein Drittel davon Singlehaushalte. In Zürich sind sogar fast die Hälfte aller Haushalte nur von einer Person bewohnt. Zahlreiche Lifestyle-Redaktor*innen schwören darauf, mindestens einmal im Leben alleine gewohnt zu haben; es würde die Persönlichkeit stärken. Wer sich finden will, der muss nicht Eat-Pray-Love-mässig alle Zelte abbrechen und sich in Italien, Indien oder Bali Gedanken um Gott und die Welt machen. Nein, die eigene Wohnung reicht völlig aus; wer nämlich alleine wohnt, der hat vor allem viel Ruhe. Es ist dir überlassen, ob du das herrlich oder schrecklich findest.

Die Vorteile des Alleine-Wohnens

1. Alles gehört dir

«Sharing is Caring» hat endlich ein Ende; das Essen im Kühlschrank muss nicht mehr sorgfältig beschriftet werden; gegessen wird was, wann und wo du willst. Genauso im Badezimmer; tagsüber schmiert man sich nicht mehr versehentlich die Nachtcreme der Mitbewohner*innen ins Gesicht; Platzprobleme? Fehlanzeige! Und auch im Wohnzimmer liegen die Fernbedienung und damit das abendliche Fernsehprogramm ganz allein in deinen Händen.

2. Erlaubt ist, was gefällt

Spontan um zwei Uhr morgens das Pinterest-Moodboard Wirklichkeit werden lassen? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt in den vier Wänden, also los! Aber Vorsicht vor geräuschempfindlichen Nachbar*innnen.

3. Kommen und gehen

Die Freund*innen können nun ohne Absprache mit den Mitbewohner*innen in deiner Wohnung ein und aus gehen. Und auch du kannst bis spät durch die Zürcher Strassen ziehen und bist niemandem eine Erklärung schuldig.

4. Aufgeschoben ist aufgeschoben

Singlehaushalte müssen sich wortwörtlich nur um den eigenen Dreck kümmern. Das bedeutet, dass man auch mal das schmutzige Geschirr in der Küche geflissentlich ignorieren darf.

5. Neue Talente entdecken

Du musst nicht mehr heimlich unter der Dusche singen, dafür steht jetzt die ganze Wohnung zur Verfügung. Schnell wird klar, welcher Raum die beste Akustik hat und die paar schiefen Töne bekommt niemand mehr mit. Auch wenn du ein Youtube-Workout machst und dabei kläglich scheiterst; es kann dir niemand was nachsagen.

Die Nachteile des Alleine-Wohnens

1. Das liebe Geld

Ein Leben ohne Mitbewohner*innen kann ganz schön teuer werden. Mal abgesehen von den Mietkosten einer eigenen Wohnung ist da niemand, mit dem man die Kosten für Heizung, W-LAN oder Abfallsäcke teilen kann. Für Spotify und Netflix gibt es zum Glück noch die Familie und/oder Freund*innen.

2. Geschmackvolle Einrichtung mit Budget

Sich in Interior Design zu üben klingt so lange toll, bis man die schwindelerregenden Preise für Kissenbezüge, Kuscheldecken und sonstigen dekorativen Schnickschnack sieht. Je mehr Zimmer, desto schwieriger die Wahl der Einrichtung; so viel Entscheidungsfreiheit muss man erstmal wollen. Wer in einem Studio wohnt, der hat mit Küche, Büro, Wohn- und Schlafzimmer sozusagen 4 in 1. Und daraus gilt es, ein Zuhause zu kreieren; nicht ganz leicht.

3. Soziale Kontakte

Spontane Filmabende mit der WG oder ein gemeinsamer Schlummi in der Küche sind von nun an Geschichte. Wer die Freund*innen zu Gesicht bekommen will, der muss sich auch aktiv darum bemühen. In Zeiten von Corona helfen da nur noch Zoom-Dates und lange Telefonate mit den Liebsten. Alleinsein, besonders jetzt während der Pandemie, muss nicht gleich Einsamkeit bedeuten; wer aber einen schlechten Tag hatte oder wem die Decke auf den Kopf fällt, der kann schlecht ins Nebenzimmer huschen und sich schnell von den Mitbewohner*innen aufmuntern lassen.

4. Alles muss man selber machen

Kochen, Aufräumen, Putzen, Papierkram: So schön Selbstständigkeit auch ist, sie hat ihren (Miet)preis. Die Arbeiten im heimeligen Rückzugsort nehmen kein Ende und werden dir von niemandem abgenommen.

5. Hallo, Gefahr

Nehmen wir an, der Abfluss der Dusche ist verstopft, das Wasser läuft über und das Badezimmer gleicht der einen Szene in Titanic: Wer wischt es auf? Richtig, Du! Hier das Worst-Case-Szenario: Das Wasser steht dir bis zu den Knöcheln, du rutscht aus und verletzt dich. Wie lange es wohl dauert, bis man dich findet?

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Zum ersten Mal allein: 5 Ratschläge

1. Adressangabe

Nicht vergessen, überall die neue Adresse angeben; es wird dich niemand daran erinnern. Zuallererst natürlich bei deiner Tsüri-Mitgliedschaft, später bei allen Versicherungen, Banken und Behörden; hier eine ausführliche Adressänderungs-Liste.

2. Auf eine gute Nachbarschaft

Freunde dich mit deinen Nachbar*innen an; je nachdem wie dünn die Wände in der Wohnung sind, stehen sie deinen alten Roomies in nichts nach. Ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis kann von Nutzen sein; da darf die Musik gerne ein wenig lauter aufgedreht werden. Pro-Tipp ohne Gewähr: Wenn man den älteren Nachbar*innen hilft, die kaputte Waschmaschine zu bedienen, gibt es manchmal Erdbeertörtchen.

3. Musik und TV an, Kopf aus

Wer sein abendliches Gedankenkarussell mit Hintergrundgeräuschen übertönen will, der sollte in einen guten Fernseher oder zumindest in qualitativ hochwertige Musikboxen investieren. Ein Podcast vor dem Schlafengehen tut’s auch.

4. Notrufnummern auf Kurzwahl

Polizei, Feuerwehr und Sanität: die wichtigsten Telefonnummern sollten nur wenige Tastengriffe entfernt sein. Du würdest dich wundern, wer alles ungefragt vor der Tür stehen kann. Das soll jetzt nicht allzu dramatisch klingen; manchmal ist die wichtigste Notrufnummer die der technischen Hausmeister*innen, welche den nervtötend piepsenden Kühlschrank zum Schweigen bringen oder dafür sorgen, dass nachmittags um drei Uhr das Licht im Badezimmer wieder angeht.

5. Geniess es!

So kompromisslos, frei und selbstständig wirst du wahrscheinlich nie mehr leben, also nutze diese Zeit und habe Spass daran. Eat-Pray-Love Julia Roberts würde es so wollen.

Das Alleine Wohnen, trotz oder vielleicht wegen seiner Höhen und Tiefen, kann sehr bereichernd sein. Es ist jedoch, wie andere Wohnformen auch, Typsache. Bevor man den grossen Umzug wagt, sollte man sich eine Frage stellen: Was brauche ich eher nach einem langen Arbeitstag – Ruhe oder Gesellschaft?


Anmerkung der Autorin: Das erste, das ich damals für meine Wohnung kaufte, waren Gästehandtücher. Da hätte ich wissen müssen, dass ich eher der WG-Typ bin...

Fokusmonat «Wohnen» 2020
Dieser Artikel ist im Rahmen unseres Fokusmonats «Wohnen» entstanden. Neben dem hier veröffentlichten Bericht, sammeln wir mit einem Crowdfunding momentan Geld, um herauszufinden wem Zürich gehört. Zudem organisieren wir auch dieses Mal eine Pitch-Night, Podien und machen mit einer Stadtforscherin einen Spaziergang durch die Weststrasse.

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