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Papikolumne: Bürgerliche Politiker*innen wollen Kinder-Krippen kaputt sparen

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In diesem Beitrag geht es um die ausserfamiliäre Kinderbetreuung, welche unter Dauerbeschuss von der Politik gerät. Jüngst auch in Zürich.
06. Oktober 2019
Papi-Kolumnist

Am 16. September 2019 hat der Kantonsrat von Zürich ein Postulat überwiesen, mit dem irreführenden Titel «Krippen stärken statt schwächen». Dieses verfolgt das Ziel, die Qualität von Krippen und anderen ausserfamiliären Betreuungsangeboten abzubauen, indem Anforderungen an die Qualifikation und den Betreuungsschlüssel gesenkt werden. Dieser Betreuungsschlüssel regelt, wie viel Kinder von eine*r Kinderbetreuer*in betreut werden. Das Postulat wurde von den Politiker*innen Astrid Furrer (FDP), Rochus Burtscher (SVP) und Philipp Kutter (CVP) überwiesen. Ziel dieser «Entschlackung» von Vorschriften ist, die ausserfamiliäre Betreuung günstiger zu machen, indem man z.B. mehr Praktikant*innen und mehr Lernende arbeiten lässt und grössere Kindergruppen zulässt.

Ich möchte hier ganz klar betonen, dass die Praktikant*innen und die Lernenden in der Krippe von L. einen grossartigen Job machen. L. geht sehr gerne in die Krippe. Erst kürzlich hatten die Kinder in seiner Krippe das Thema Gesundheitswesen und sind mit einer Lernenden in eine Apotheke Pflästerli kaufen gegangen. Jetzt wird das Thema Recycling und Wertstoffe behandelt. In dieser Zeit müssen die Kinder ihre Spielsachen selber aus Verpackungen und Karton basteln. Dass sich Mitarbeiter*innen einer Krippe ein so aufwändiges Programm ausdenken, beeindruckt mich. Ich bin überzeugt, dass L. in der Zeit, die er dort verbringt, sehr wertvolle Dinge lernt.

Die oben genannte Verschärfung von Anforderungen führt dazu, dass ausgebildete Betreuer*innen sich vermehrt mit der Aufgabe der Aufsicht über Praktikant*innen und Lernende widmen müssen und weniger Zeit mit der Ausarbeitung von pädagogischen Konzepten verbringen können. Stossend ist auch, dass dieser Vorstoss wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Bereich der Kinderbetreuung einfach ignoriert. Verschiedene Studien haben herausgefunden, dass Krippenkinder durchaus einen grossen Nutzen von ihrer Zeit in der Krippe ziehen können. Hierfür muss allerdings auch die Qualität der Betreuung und ein pädagogisches Konzept dahinterstehen. Demzufolge wird der Vorstoss der Bürgerlichen im Zürcher Kantonsrat scharf von den wichtigsten Branchenorganisationen kritisiert.

Diese Aktion ist für mich ziemlich durchsichtig. Bürgerliche Politiker*innen, welche sich sowieso nicht wirklich um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheren, möchten erkämpfte Strukturen in diesem Bereich kaputt sparen. Mit dem Vorwand, Krippen ökonomisch zugänglicher zu machen, wird einfach eine bürgerliche Sparübung durchgeboxt, welche sich mal wieder gegen schwache Mitglieder der Gesellschaft richtet: Kinder.

Diese Episode entlarvt die bürgerlichen Parteien CVP, FDP und SVP als gnadenlose Sparteufel.

Es war zu erwarten, dass solche Spielchen von den anderen Parteien im Kantonsrat nicht einfach hingenommen werden. Drei verschiedene Motionen vom 30. September 2019 (hier, hier und hier) von den Fraktionen von GLP, EVP, SP, AL und Grüne fordern nun, dass das Krippensystem von verschiedenen Massnahmen profitieren soll. Unter anderem sehen die Motionen Betreuungsgutscheine für einkommensschwache Familien, höhere Steuerabzüge für die Kinderbetreuung und eine Mitfinanzierung durch den Kanton bei der Subventionierung von Krippenplätzen vor (bisher kommen nur die Gemeinden für Subventionen auf). Corina Gredig (GLP) hatte im Plenum völlig zu Recht erwähnt, dass Krippen nicht durch einen Qualitätsabbau günstiger werden sollen. Die Wirtschaft des Kantons Zürich profitiere zudem stark, dass durch Betreuungsangebote vermehrt Arbeitskräfte im ganzen Kanton zu Verfügung stünden, weshalb sich dieser auch beteiligen soll.

Diese kleine Episode aus dem Kantonsrat entlarvt mal wieder die bürgerlichen Parteien CVP, FDP und SVP als gnadenlose Sparteufel. Irgendwie müssen ja auch Steuererleichterungen ausgeglichen werden. Dass durch solche Vorgänge die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft angegriffen werden, ist diesen Politiker*innen egal. Das Schöne an der Sache ist allerdings, dass die Kooperation zwischen Links-Mitte-Parteien im Kantonsrat funktioniert und sich eine Allianz gegen Rechts bilden kann. Auch wenn SP, AL, Grüne, GLP und EVP das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne haben, gibt es Fronten, an denen diese Parteien geschlossen für eine progressive Gesellschaftspolitik auftreten. Das sollte jetzt keine Wahlempfehlung für den 20. Oktober 2019 sein, ist es jetzt aber geworden.

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.
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