Mobilität im Fokus

«Die Vorstellung, dass wir alle gleich produktiv bleiben trotz steigender Belastung, ist ein Irrsinn»

Am Montag prangte an der Lochergut-Überbauung eine Projektion mit dem Schriftzug: «Zeit und Stutz für Kids – jetzt». Die Urheber*innen der Guerilla-Aktion wollten damit aufzeigen, dass die Kinderbetreuung von der Politik vernachlässigt werde und nicht Privatsache sei. Doch wer steckt hinter der geheimnisvollen Aktion, mit der gleichzeitig der erste «Tag der Kinderbetreuung» ausgerufen wurde?
12. Mai 2020
Redaktorin

Sie sangen «Eure Kinder, die betreuen wir, eure Kinder werden so wie wir», währenddem sie mit grossflächigen Projektionen auf der Fassade der Lochergut-Überbauung «Zeit und Stutz für Kids – jetzt!» forderten. «Sie» sind die Organisationen EKdM (Eidgenössische Kommission dini Mueter), Trotzphase und Elternkomitee, unterstützt durch eine breite Koalition von Organisationen, die sich für eine Aufwertung der Kinderbetreuung in der Schweiz einsetzen und am Montag den ersten Schweizer «Tag der Kinderbetreuung» ausgerufen haben.

Am selben Morgen nahmen die Schulen und Kindergärten der Stadt Zürich im Zuge der Shutdown-Lockerungen erstmals wieder ihren – eingeschränkten – Präsenzunterricht auf, was «die Situation für viele Eltern, vor allem Mütter, die trotz nur halb geöffneten Schulen wieder voll ins Arbeitsleben einsteigen sollen, alles andere als einfacher macht», erzählt Stephan Germann vom Elternkomitee Kinderbetreuung.

Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner wurde denn auch Anfang Mai im Zürcher Kantonsrat heftig kritisiert – und zwar von den Fraktionen der SP, SVP, FDP, GLP und AL. Der Halbklassenunterricht sei nicht durchdacht und kaum praktikabel, kritisierten die Kantonsrät*innen. Auch bei zahlreichen Eltern sorgte der Entscheid, die Kinder zuerst in kleinen Gruppen in die Schule zu schicken, für Kopfschütteln, wie die «NZZ» schreibt. Eine kürzlich gestartete Online-Petition, die eine schnelle Rückkehr zum Normalbetrieb fordert, wurde innert kürzester Zeit von mehreren tausend Personen unterzeichnet.

«Die Verantwortlichen hatten da wohl noch das Familienmodell aus den 50er-Jahren im Kopf»

Zur Erinnerung: Vor acht Wochen waren berufstätige Eltern, vor allem jene, die von zu Hause aus arbeiten konnten, auf einen Schlag auf sich selber gestellt: Die Betreuung durch die Grosseltern fiel weg und es wurde geraten, Kleinkinder wenn möglich nicht in die Kita zu schicken. Währenddessen wurde versucht, für die Arbeitgeber*innen im Home-Office oftmals die gleiche Leistung wie bis anhin zu erbringen. Umgeben von Legotürmen, vermalten Wänden und kleinen Kinderhänden, die versuchten, vom Computer aus Hunde-Emojis an Papas oder Mamas Chef zu schicken. Nicht zu vergessen die Sache mit dem Homeschooling. «Wie soll das denn aufgehen?», fragt Germann. «Die Verantwortlichen hatten da wohl noch das Familienmodell aus den 50er-Jahren im Kopf, bei dem die Mutter ohnehin zu Hause bei den Kindern ist. Doch was machen all jene Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten, aber dies nicht im Homeoffice tun können? Und was machen die, welche ihre beruflichen Verpflichtungen auch vom heimischen Computer aus erledigen können, jedoch in einer kleinen 3-Zimmer-Wohnung leben, in der die Kinder ständig rumrennen?», so der 38-jährige zweifache Vater.

Die Antwort hat Elisabeth Fannin, zweifache Mutter, Gewerkschaftssekretärin bei Syndicom und Vizepräsidentin des Zürcher Gewerkschaftsbundes:

«Kinderbetreuung und gleichzeitig arbeiten ist einfach fast nicht möglich, besonders wenn die Kinder noch klein sind. Die Vorstellung, dass wir alle gleich produktiv bleiben trotz steigender Belastung ist ein Irrsinn. Wir brauchen zuverlässige Kinderbetreuung und Schulstundenpläne, Verständnis und entgegenkommen der Arbeitgeber*innen, und die Sicherheit, dass wir all die aufgelaufenen Minusstunden nicht irgendwann abstottern müssen. Ausserdem sollen Frauen und Männer sich die Betreuung aufteilen, so dass beide in dieser aussergewöhnlichen Zeit eingespannt sind. Arbeitgeber*innen müssen akzeptieren, dass auch Männer zuhause Pflichten haben. Und Letztere sollten gleichzeitig bei den Arbeitgeber*innen einfordern, die Familie in Zeiten wie diesen ebenfalls entlasten zu dürfen.»

Laura, die 60 % an einer Tagesschule arbeitet, dabei für neun Kinder verantwortlich ist, eine Lernende ausbildet und einen Nettolohn von monatlich 2830 Franken erhält, schreibt auf der Facebookseite von «Tag der Kinderbetreuung Schweiz»:

«Ich will nach dem Lockdown kein zurück zum Courant normal sondern einen Richtungswechsel. Ich will Zeit, um die Bedürfnisse der mir anvertrauten Kinder zu berücksichtigen. Ich will Zeit, um Lernende auf den herausfordernden Beruf als FaBe angemessen vorzubereiten. Ich will gute Arbeitsbedingungen und einen fairen Lohn. Ich will abends Liebe und Geduld für mein eigenes Kind übrig haben. I want it all! Mehr Zeit und Geld und Respekt für die bezahlte und unbezahlte Betreuung von Kindern!»

Das findet auch Fachfrau Betreuung (FaBe) Camilla Carboni, welche die Gruppe «Trotzphase» mit Berufskolleg*innen und der Unterstützung der Gewerkschaft Vpod gegründet hat. Dies, weil sie alle genug hatten von den schlechten Bedingungen, mit denen sie in den Kitas und Horten kämpfen mussten.

«Die Krise hat gezeigt, was wir schon lange wussten, nämlich: Dass wir systemrelevant sind – nur hat sich das leider noch immer nicht auf die Arbeitsbedingungen ausgewirkt. Viele Kita-Betreuer*innen wurden während der Corona-Krise enttäuscht. Die Verantwortung wurde hin- und hergeschoben, es gab keine klare Kommunikation bezüglich dem Schutz der Angestellten und die Finanzierungsfrage blieb bis vor Kurzem offen. Auch längerfristig fehlt es an staatlicher finanzieller Unterstützung, um die sich zuspitzende Situation in der Betreuung zu entschärfen. Das ist nicht fair – nicht für die Kinder, die Angestellten und auch nicht für die Eltern.

Nun kommen mit den Lockerungen der Corona-Massnahmen auch wieder mehr Kinder in die Kitas, einige davon müssen wieder – oder zum ersten Mal – eingewöhnt werden und das mit den gleichen knappen Ressourcen wie vor der Krise. Ich arbeite im Moment nur noch als Springerin in Kitas, schon bald werde ich mein Psychologiestudium beendet haben. Weshalb ich aus der Branche, die ich eigentlich so sehr mag, aussteigen will? Zu hoher Betreuungsschlüssel, bei dem auf 7 Kinder eine Betreuungsperson kommt und Praktikant*innen als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt werden, ein Lohn, der nach Abschluss meiner Lehrer 4200 Fr. betrug und das, obwohl ich eine Gruppe geleitet habe und eine Lernende ausgebildet habe. Ich bin übrigens nicht die einzige, die sich dazu entschieden hat, die Branche zu wechseln. Die meisten Betreuer*innen die ich kenne, haben bereits Mitte 20 genug.»

Die Initiant*innen der Lochergut-Aktion fordern deshalb:

  • Eine Entflechtung von Arbeit und Betreuung: Niemand dürfe in Zeiten von Corona wegen der Kinderbetreuung die Arbeit verlieren oder gezwungen sein, dafür Ferien zu beziehen. «Auch während der Corona-Krise müssen Eltern klar wissen, ob sie Anspruch auf einen Betreuungsplatz für ihre Kinder haben oder nicht. Dafür braucht es national einheitliche Regelungen und Kriterien für die Priorisierung der Anspruchsgruppen», so Germann. Wer Kinder zu Hause zu betreuen habe, müsse nicht gleichzeitig Erwerbsarbeit leisten und habe in jedem Fall Anrecht auf Corona-Betreuungsurlaub (Taggelder nach EO), auch wenn er oder sie im Homeoffice arbeiten könne.
  • Ein ausreichendes Angebot an familien- und schulergänzender Kinderbetreuung, das auch einen zuverlässigen Gesundheitsschutz für Kinder, Personal und Eltern beinhalte. Dies bedinge genügend Raum/Räume, neue Arbeitsweisen, genügend Personal, das weder der Risikogruppe angehört noch mit Angehörigen derselben zusammenlebt.
  • Dass Krippen ins Bildungssystem aufgenommen sprich verstaatlicht und somit kostenlos werden. Auch müsse die Arbeit der Betreuer*innnen mehr wertgeschätzt und besser bezahlt werden. «1,5 Milliarden erhält die Swiss vom Bund, die Aktionär*innen erhalten Dividenden, auch wenn die Firmen Kurzarbeit angemeldet haben. Also erhalten sie auch Geld vom Bund, allein 40 Milliarden für KMU. Und was ist mit der Kinderbetreuung? Bisher wurden 65 bis 100 Millionen für die Rettung der Kitas versprochen. Aber dass Schulen, Horte, Kindergärten und eben diese Kitas mit den gleichen knappen Ressourcen wie vor der Coronakrise die Vorgaben des BAG umsetzen müssen, daran denkt niemand», so die Initiant*innen.
So steht es um die Hort-Betreuung in der Stadt...
Wie in der Schule dürfen in Zürich aktuell auch im Hort die Gruppen nicht grösser als 15 Kinder sein. Laut Marc Caprez, Mediensprecher des Schul- und Sportdepartements der Stadt Zürich, darf man nicht vergessen, dass der Lockdown noch nicht beendet ist und noch immer geraten wird, möglichst zu Hause zu bleiben. «Wir sind nach wie vor sehr darum bemüht, dass es nicht zu einer zu grossen Vermischung der Schüler*innen, Eltern und Lehrerschaft kommt. Betreuungspersonal, das zur Risikogruppe gehört, dürfe nicht eingesetzt werden. Weder im Hort noch in der Schule und im Kindergarten. Für jene, die zu Hause in Kontakt mit Personen der Risikogruppe stehen, suche man individuelle Lösungen. Obwohl in gewissen Schulkreisen zahlreiche Betreuungspersonen der Risikogruppe angehören, habe man im Moment genügend Personal. Während der Schulschliessungen waren in der Stadt pro Tag durchschnittlich 412 von insgesamt 27’000 Schülern in der Notfallbetreuung. Die Stadt schätzt aufgrund der ersten verfügbaren Daten, dass es in den kommenden Tagen 1100 am Tag sein werden. Anrecht auf einen Betreuungsplatz haben Familien in einer Notsituation, Eltern, die in einem systemrelevanten Beruf arbeiten und neu auch jene (unter anderem Dienstleistungs- und Verwaltungspersonal), die ihr Arbeitspensum nicht mehr im Homeoffice leisten können. Auch alleinerziehende Eltern können nun einen Antrag auf Notfallbetreuung stellen. Jene Eltern, die ihren Job weiterhin im Homeoffice verrichten können, hätten aber keinen Anspruch darauf, so Caprez.
...und so um die Kitas
Die rund 20’000 Betreuungsplätze in den Kitas im Kanton Zürich sind seit Mitte März durchschnittlich nur noch zu 30 Prozent ausgelastet. Die Kitas waren seit Beginn der Corona-Krise in einer verzwickten Lage: Sie mussten offen bleiben, während den Eltern geraten wurde, ihre Kinder wenn möglich zu Hause zu behalten, woraufhin zahlreiche Elternbeiträge ausgefallen sind. Nach längerem Hin und Her hatte der Bundesrat kürzlich entschieden, die Kindertagesstätten mit 65 Millionen zu unterstützen. Kantone sollen den Kitas die entgangenen Elternbeiträge entschädigen, der Bund übernimmt ein Drittel. Die finanziellen Ausfälle werden den Zürcher Kitas von Kanton und Gemeinden nun zu mindestens 80 Prozent je zur Hälfte übernommen. Dies teilte der Regierungsrat am 23. April mit. Gemeinden können freiwillig mehr Ausgleich leisten. Das macht die Stadt Zürich bereits, die die Schäden zu 100 Prozent übernimmt. Die neue Regelung gilt rückwirkend auf den 16. März. Die SP des Kantons Zürich hat laut «Tages-Anzeiger» Ende April indes eine Motion eingereicht, in der sie eine kostenlose ausserfamiliäre Betreuung für alle Kinder bis zum Kindergarten fordert. Dies soll die Chancengleichheit fördern und eine echte Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen.

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