Zu Besuch bei Elena Marti, der jüngsten Gemeinderätin von Zürich

Sie ist erst 21 Jahre alt und sitzt bereits für die Grünen im Gemeinderat von Zürich. Wer ist Elena Marti, die jüngste Parlamentarierin der Stadt?
10. Januar 2017

Sie glaubt nicht an die Schweizer Demokratie. Seit sie 14 Jahre alt ist, glaubt sie trotzdem, dass sie etwas verändern kann. Die 21-jährige Elena Marti wuchs in Marthalen (ZH) auf und lernte dort, dass sie anders ist. Anders als die meisten Menschen in ihrer Umgebung: Sie stammt aus einer Hippiefamilie, hat einen Migrationshintergrund, hat dunkelhäutige Freunde, findet die SVP nicht das Grösste und mag Atomstrom schon gar nicht. So wurde die junge Frau politisiert. Das war vor sieben Jahren. Heute lebt Elena an einem komplett anderen Ort. Mitten in der Stadt Zürich, direkt an der Langstrasse, im Multikulti-Quartierund umgeben von Gleichgesinnten. In ihrer Heimat im Züri-Oberland liegt der Ausländeranteil bei 10,7 Prozent, im Zürcher Kreis 5 sind es 32,5 Prozent – früher in der SVP-Hochburg, heute im linken Traumland.

Elena Marti sitzt am Wohnzimmertisch. Es riecht ein wenig nach kaltem Rauch und Cannabis. Die Grüne ist hellwach und spricht, wie man es von Politiker*innen kennt: schnell, überlegt und mit vielen Gesten. Trotz ihres Alters kann sie als erfahrene Politikerin bezeichnet werden: Drei Wahlkämpfe, Präsidentin der Jungen Grünen im Kanton Zürich und seit Oktober ist sie die jüngste Gemeinderätin der Stadt Zürich. Obwohl sie am Funktionieren der Schweizer Demokratie zweifelt: Ein Viertel der Bevölkerung könne nicht abstimmen und die intransparente Parteienfinanzierung und brutales Lobbying schränkten die Demokratie ein.

Es werde zu viel Unsinn erzählt, zu viel gelogen und manipuliert. In diesem Punkt unterscheidet sich Marti von den meisten Politiker*innen: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Einige Ratskolleg*innen der SVP bezeichnet sie als Vollidioten. Diesen rechtspopulistischen Strömungen will sie etwas entgegensetzen. Und obwohl sie zugeben muss, dass das Schweizer Politsystem mit den vielen Ebenen und Verwinkelungen den Status Quo statt Veränderungen begünstigt, ist sie überzeugt, etwas verändern zu können. Die ersten Vorstösse für den Gemeinderat lägen in der Pipeline – vermutlich schreibt Marti etwas zu Grundrechten. Oder doch etwas Ökologisches zum Start? Auch ohne eigene Geschäfte gefällt es ihr bisher gut im Parlament. Sie mag den Schlagabtausch, das Schärfen der eigenen Argumente im Streit mit Andersdenkenden.

Die Argumente von Elena Marti sitzen. Sie wirken nicht auswendig gelernt, sondern überzeugt. Auch weil sie selber vorlebt, was sie propagiert. Eines ihrer Steckenpferde ist die Umwelt. Seit es den Nachtzug nach Barcelona nicht mehr gibt, nutzt sie zwar selten das Flugzeug, um ihre Verwandtschaft in Spanien zu besuchen, ansonsten lebt sie ziemlich konsequent: kein Fleisch, fast nur Kleider vom Flohmi, immer mit dem Velo unterwegs und seit Jugendjahren aktiv im Kampf gegen die AKW. Auch für das andere Schwerpunktthema, die Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und Migrant*innen genauso zur Schweiz gehören, setzt sich Elena Marti aktiv ein: Seit drei Jahren organisiert sie am 1. August das Äms-Fäscht. Es ist das Anti-Programm zu den Fähnli-Feiern: auf der Bäckeranlage, multikulturell, ohne Appelle an den Schweizer Nationalstolz.

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Nur über Themen zu reden, ohne selber etwas zu tun, liegt der jungen Zürcherin offensichtlich nicht. Sie hat erkannt, dass die Kombination von Aktivismus und politischer Einflussnahme am ehesten eine Veränderung bewirken kann. Damit hat sich Elena Marti zwar in eine ausgezeichnete Ausgangslage gebracht, doch ganz alles ist ihr noch nicht gelungen. Im Herbst 2015 zog sie für die Grünen in den Kampf um einen Nationalratssitz – von ganz oben auf der Liste. Sie habe alles gegeben, täglich auf bis zu drei Podien geredet, sei im Wahlkampf um Jahre gealtert. Gereicht hat es trotzdem nicht. Oder noch nicht. Denn Elena weiss, dass sie erst am Anfang ihrer politischen Karriere steht. Den Kantonsrat findet sie zwar nicht so sexy, aber für das nationale Parlament werde sie bestimmt wieder kandidieren. Denn da würden die richtig wichtigen Themen debattiert. Und ausserdem ist sie die Hoffnungsträgerin der Grünen Partei, die im Kanton Zürich zurzeit von den beiden Männern Glättli und Girod überstrahlt wird. Dieser Erwartungsdruck scheint Elena Marti nicht zu hemmen. Im Gegenteil, er spornt sie an. Und sie hat auch noch etwas Zeit: Die nächsten nationalen Wahlen finden 2019 statt, dann ist die Politikerin 24 Jahre alt. Bis dahin hat sie noch genug Zeit, im Gemeinderat die politischen Spielchen und Abläufe kennen zu lernen.

Fotos: Conradin Zellweger

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