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4. November 2022 um 12:07

Electra Elite: In Zürich eine trans Sexarbeiterin, in Serbien ein Popstar

Vor 22 Jahren kam Electra Elite aus Serbien in die Schweiz, damals wurde sie noch als Mann gelesen. Heute hat sie eine Hochzeit, zwei Vaterschaften und eine Scheidung hinter sich und lebt als Frau.

Electra Elite nennt die Langstrasse «ihr Wohnzimmer». (Foto: zvg)

Electra Elite steht perfekt gestylt, mit auffälliger Schminke und einem offensiven Lächeln im Gesicht an einer Ecke der Langstrasse, die von trans Sexarbeiterinnen dominiert wird. Electra überragt die meisten ihrer Kolleginnen deutlich. Ihre Statur verleiht ihr eine unübersehbare Präsenz, die sich noch verstärkt, als sie zu erzählen beginnt.

Electra spricht mit unerschütterlichem Selbstvertrauen, wirkt smart und weiss ganz genau, wie sie die Menschen mit einer Mischung aus Charme und spitzbübischem Humor in den Bann ziehen kann. Wohl eine zwingende Kompetenz in der Strassenprostitution. Nur wenige Schritte entfernt liegt ihr ziemlich normal eingerichtetes «Arbeitszimmer». Lediglich ein riesiger schwarzer Dildo im dazugehörigen Badezimmer deutet darauf hin, wofür der Raum hauptsächlich genutzt wird. «Den schafft nur ein einziger Kunde», kommentiert Electra den ungläubigen Gesichtsausdruck ihres Gegenübers.

Die Langstrasse ist Electra Elites Wohnzimmer. Es ist ihr Zuhause. «Hier», sagt sie, «werde ich für immer bleiben.» Denn dieser Strasse, so wird sie es selber noch erzählen, hat sie alles zu verdanken. Diese Strasse hat sie berühmt gemacht. Nicht nur in der Schweiz. In Serbien ist sie wegen ihr ein Star.

Electra will als Vater bezeichnet werden

Die Geschichte von Electra Elite beginnt in Bosnien. Dort wird sie mit den äusserlichen Merkmalen eines Jungen geboren und wächst bei ihrer serbischen Familie aus der Oberschicht in Kroatien auf. Früh merkt sie, dass sie sich gerne schminkt und die Kleider der Mutter trägt. Sie habe das Weibliche in sich von Anfang an gespürt, sagt sie. Aber zu dieser Zeit seien im Balkan Begriffe wie Transsexualität unbekannt gewesen. Sie spricht deshalb auch heute noch davon, dass sie früher ein Mann gewesen sei, weshalb in diesem Porträt auch dieser Begriff verwendet wird. 

Im Jahr 1998 besucht Electra Verwandte in der Schweiz und lernt in einer Disco eine Schweizerin mit serbischen Wurzeln kennen. Im Jahr 2000 heiraten die beiden, später folgten zwei Kinder. «Es hat irgendwie gepasst», meint Electra auf die Frage, weshalb sie trotz ihres vorwiegenden Interesses an Männern eine Frau geheiratet hat. Auch die Kinder seien aus echter Liebe entstanden. Von ihnen will Electra bis heute dezidiert als «Vater» bezeichnet werden.

Die Ehe hält bis 2007, dann kommt es zur einvernehmlichen Scheidung. «Irgendwann wird es langweilig, man hat einander satt», sagt Electra. Das Verhältnis sei bis heute sehr gut. Auch bei der späteren Transition kann Electra immer auf die Unterstützung ihrer ganzen Familie zählen.

Kurz nach der Scheidung lernt Electra einen Spanier kennen, der sein Geld als Model und Callboy verdient. Electra beschliesst, selbst als Callboy zu arbeiten. Diesen Entscheid habe sie freiwillig und «ohne Druck» gefällt, wie sie mehrfach betont. Sie findet schliesslich Gefallen daran und verdient viel Geld. Sechs Monate später entschliesst sich Electra, fortan mit den äusseren Merkmalen einer Frau zu leben.

Electra, mittlerweile auch auf dem Papier Schweizerin, lässt gewisse Operationen vornehmen, um ihren Körper ihrer Identität anzugleichen. Seit nunmehr zwölf Jahren ist sie als trans Sexarbeiterin an der Zürcher Langstrasse tätig. Zu ihren Kunden zählen fast ausschliesslich heterosexuelle Männer, die ein «spezielles Erlebnis» suchen.

Karriere als Musikerin

Schon als Kind hat Electra gerne gesungen und getanzt. Sie träumte davon, aus diesem Talent etwas zu machen. Die Coronakrise ist für sie ein Zeichen. Sie will ihren Traum nicht länger aufschieben und beschliesst, sich in Serbien als Popsängerin zu versuchen.

Über ihren gemeinsamen Fotografen lernt Electra schliesslich die aufstrebende Sängerin Angellina kennen. Diese ist von Electras Geschichte so angetan, dass sie ihren nächsten Song als Duett mit Electra produziert. Das Musikvideo von «Lepa sam» («Ich bin schön») schafft es in die serbischen Youtube-Trends. Electra wird in Serbien als Sängerin wahrgenommen.

Das serbische LGBTQ-Magazin «Optimist» setzt Electra im Oktober 2020 auf seine Titelseite. Electra verkündet, sich mit ihrer Bekanntheit für die queere Community einsetzen zu wollen. Eine schwierige Mission im eher konservativen Balkan. «In Serbien gibt es noch keine trans Person, die kommerziell wirklich etwas gerissen hat», meint Electra. Zumindest das kann sie ändern.

Der in Serbien bekannte Rapper Nucci schreibt den Text für Electras zweite Single «Bebe Bebe». Bis heute hat das Musikvideo auf YouTube knapp vier Millionen Aufrufe.

Kurz darauf wird im serbischen Privatfernsehen verkündet, dass Electra Elite in der Schweiz als Prostituierte arbeitet. Ein serbischer Journalist mit Verwandten in der Schweiz hat sich ein Interview, das Electra Tele Züri gegeben hat, übersetzen lassen. Die Nachricht ist umso brisanter, weil in Serbien Sexarbeit verboten ist. Electra kommt eine Welle an Hasskommentaren entgegen. Gleichzeitig nimmt ihre Popularität rasant zu und sie steigt in Serbien zum Popstar auf.

Auf ihrem Instagram Kanal posted sie den Beitrag aus dem serbischen Privatfernsehen und kommentiert mit den Worten «I love my work».

Kampf für die LGBTQ-Community

Fortan will sich Electra auch für die Rechte von Sexarbeiter:innen einsetzen und in Serbien nichts Geringeres als die Legalisierung der Prostitution erwirken. Ein kühnes Unterfangen. Alleine in der serbischen Hauptstadt Belgrad müssten mehrere tausend Sexarbeitende in der Illegalität arbeiten, was ihre Abhängigkeit von Zuhältern massiv erhöhe, sagt Electra. Sie scheint ziemlich genau zu wissen, wovon sie spricht.

Damit hat sich Electra nun schon die zweite Front eröffnet, neben ihrem Kampf für die LGBTQ-Community. Dabei dürfte bereits dieser einiges an Kraft abverlangen. Serbien liegt gemäss Gay Travel Index 2021 weltweit auf Platz 66 der queer-freundlichen Länder. Die Schweiz liegt auf Platz 14. Und etwas plakativ schrieb der Spiegel 2017: «Überschwemmungen gelten in Serbien auch heute noch gern mal als Gottes Signal gegen Homosexualität.»

Dass es in Serbien noch viel zu tun gibt, ist Electra klar. Doch sie sieht grosses Entwicklungspotenzial. Hoffnung macht ihr, dass Serbien seit 2017 mit Ana Brnabić eine offen lesbische Ministerpräsidentin hat. Diese gehört wie Staatspräsident Aleksandar Vučić der rechtskonservativen «Serbischen Fortschrittspartei» an.

Die Freiheit zu bestimmen, wann, wo und mit wem zu arbeiten

Electra Elite sitzt in ihrem Zimmer an der Langstrasse auf dem Bett, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen Schluck Energy Drink. Ihr Arbeitstag hat erst gerade begonnen und sie wird noch bis weit nach Mitternacht auf der Strasse stehen. Und das, obwohl sie in ihrer Heimat in bekannten Fernsehshows auftritt, Millionen Aufrufe auf Youtube hat und eigenen Aussagen zufolge bald viel Geld mit Konzerten verdienen wird.

«Auch wenn ich Popstar Nummer eins werde, Prostitution wird immer meine Hauptbeschäftigung bleiben», meint Electra. Sexarbeit ist ihre grosse Leidenschaft. Ihr gefällt die Freiheit zu bestimmen, wann, wo und mit wem sie arbeitet. Sie habe zudem viele interessante Stammkunden, auch bekannte Sportler und Politiker. Eigentlich müsste sie längst nicht mehr auf der Strasse stehen, aber sie sei gerne an der frischen Luft und spreche mit ihren Berufskolleg:innen.

Langstrasse für immer

«Alle kennen mich hier», sagt Electra stolz. Und sie kennt die dunklen Geheimnisse des Sexgewerbes, über die sie noch dieses Jahr ein Buch veröffentlichen will. Ein Buch ohne Tabus – über Sexarbeiter:innen und Zuhälter, Drogen, die ausgefallenen Wünsche ihrer Kunden und natürlich sie selbst.

Electra Elite hat erst gerade begonnen, aus ihrer Lebensgeschichte Kapital zu schlagen. Ob als kontroverser Popstar, Vorreiterin für die LGBTQ-Community, Aktivistin für die Legalisierung der Prostitution in Serbien oder bald als Autorin – sie wird so schnell nicht zur Ruhe kommen.

Die paar Meter zurück auf die Strasse legt Electra Elite mit bestimmten Schritten zurück. Bevor sie sich verabschiedet, hält sie kurz inne und sagt: «Ich küsse den Boden dieser Strasse. Ich bin der Schweiz unendlich dankbar. Diese Strasse hat mir und meinen Kindern ein sehr gutes Leben ermöglicht und ich werde für immer hier bleiben.»