Einen Abend im Spielhimmel von Zürich

Blinkende Automaten, Menschen im Fieber: Jeden Abend spielen Hunderte Gäste im Casino Zürich mit der Hoffnung auf den grossen Gewinn. Doch aus dem Schweben im Himmel kann schnell die Hölle werden.
02. Januar 2019

Dieser Text ist entstanden in Zusammenarbeit mit der technischen BMS-Klasse von Seluan Ajina. Für mehr Informationen, siehe hier.


Text: Mike Schoch

In der Spielhalle, in der es von Menschen nur so wimmelt, ist eine elektrisierende Heiterkeit spürbar. Diese Heiterkeit wird jäh von einem lauten, schrillen Aufschrei unterbrochen. Alle im Raum drehen ihre Köpfe verdutzt in Richtung der mittlerweile verstummten jungen Frau mit dem strahlenden Lachen im Gesicht. Sie scheffelt einen hohen Turm Spielchips zu sich und umschlingt gleichzeitig mit dem anderen Arm ihre Freundin, welche ihrem Gesichtsausdruck nach noch nicht realisiert hat, was gerade geschehen ist.

Eintauchen in eine Parallelwelt

So wie dieser glücklichen Gewinnerin geht es an diesem Samstagabend auch anderen. Es herrscht Hochbetrieb im Casino Zürich, denn es ist die sogenannte «Gambling Night». Diese findet einmal monatlich statt und soll mit gratis Eintritt spielfreudige Gäste anlocken. Dieses Konzept scheint aufzugehen, denn die Menschen strömen von überall her an die Kreuzung Gessnerallee-Sihlstrasse, wo sich bereits eine beträchtliche Schlange vor dem Eingang gebildet hat. Nach dem Übertreten der Türschwelle eröffnet sich einem eine Parallelwelt, glanzvoll und kurios zugleich.

An der Decke hängt ein mächtiger Kronleuchter. Die Rolltreppen zur Spielhalle hin sind von glitzernden, mit Edelstein besetzten Wänden umgeben. Oben angekommen wird man mit einem freundlichen «Herzlich willkommen, geniessen Sie Ihren Abend» empfangen. Die Empfangsdame arbeitet gemäss eigenen Angaben seit zwei Jahren im Casino Zürich und empfängt jeden Abend die zahlreichen Gäste in Ihrem roten Abendkleid. Sie sorgt sich um die Gäste, beantwortet ihnen allfällige Fragen und verbreitet eine fröhliche Atmosphäre.

Im zweistöckigen Casino hört man das Klappern der zahlreichen Spielchips, die abendlich gekleideten Croupiers verteilen fleissig die Spielkarten an den Tischen und die Gäste versinken in ungebremstes Spielfieber. In der unteren Ebene der Spielhalle sind 287 Spielautomaten mit diversen Spielen zu finden. Diese Automaten sind besonders beliebt, weil man bereits mit einem Einsatz von wenigen Franken viel Geld gewinnen kann. Das beweist die Geschichte einer Frau, die 2016 den Rekord-Jackpot von 7.5 Millionen Franken gewonnen hatte mit nur 200 Franken Einsatz.

In der von Kameras übersäten oberen Spielhalle herrscht ein Treiben wie in einem Bienenstock. Die Zocker*innen, wie die Gäste von Casinos umgangssprachlich auch genannt werden, schwirren umher und suchen nach einem passenden Spieltisch, um dort ihr Glück zu versuchen. Auf den 22 Spieltischen werden unter anderem, Blackjack, Texas-Holdem-Poker und Roulette gespielt. Letzteres ist am besten besucht, weil Roulette simpel zu spielen ist und die Gewinnchancen vergleichsweise hoch sind.

Wo die Zeit still steht

An einem Ort, der so viel Glamour und Glück versprüht, sind die Schattenseiten nicht weit. «Der Schein vom Glück trügt, bis man im Elend und in den Schulden versinkt» mahnt der 53-jährige Mann, welcher gerade am Arm eines einarmigen Banditen zieht. Als Stammgast kennt er die trügerische Verlockung des versprochenen Glücks. Er selbst sei nicht spielsüchtig, doch hat er schon einige andere Stammgäste bei ihrem Werdegang in die Negativspirale der Spielsucht beobachtet. Das sind jedoch keine Einzelfälle, denn gemäss Bundesamt für Statistik sind in der Schweiz aktuell 50 000 Personen wegen Spielsucht gesperrt und jährlich kommen 3000 weitere dazu. Die Casinos halten auffällige Personen im Auge und prüfen bei Verdacht auf eine Sucht die finanzielle Lage der betroffenen Gäste gründlich. Den gesperrten Personen wird der Zutritt in jedes Schweizer Casino strikt verweigert. Solch eine Sperre kann frühestens nach einem Jahr und nach erneuter finanzieller Prüfung aufgehoben werden.

Eine solch grosse Zahl von Spielsüchtigen ist jedoch nicht verwunderlich, berichtet der Stammgast weiter. «Schau dich um. Es gibt hier nichts, was dich an die Welt draussen erinnert». Die Welt scheint still zu stehen für die Gäste und das gewollt. Die Betreiber*innen von Casinos setzen gezielt darauf, die Gäste im Moment festzuhalten. Es fällt auf, dass keine Fenster oder Uhren vorhanden sind, welche die Spieler an die Aussenwelt erinnern könnten. Durch den Verlust des Zeitgefühls werden die Kund*innen im Casino gefangen gehalten. Wer dieser Beeinflussung nicht widerstehen kann, ist der Spielsucht hilflos ausgeliefert.

Wo der Studierende auf die Millionärin trifft

Das Casino Zürich ist ein Schmelztiegel verschiedenster Menschen. An diesem Abend tummeln sich junge Student*innengruppen, herausgeputzte Asiaten in Anzügen und pensionierte Eheleute um die Spieltische. Sie alle starren gespannt auf die kleine, weisse Roulettekugel, welche kreisförmig um die Zahlen schwirrt. Auf der linken Seite des mittlerweile von Menschen umzingelten Tischs sortiert ein junger Mann seine Spielchips. «Jetzt muss doch Schwarz kommen», flüstert dieser verschwörerisch der herumflitzenden Roulettekugel zu und setzt seine Spielchips auf das entsprechende Feld.

Der elegant gekleidete Mann gegenüber tut es ihm gleich. Jedoch setzt dieser einen weitaus höheren Betrag auf dasselbe Feld. Die Kugel verlangsamt sich und scheint wie in Zeitlupe auf die schwarze Sechs zu kullern. «Ja! Ich wusste es! Ich wusste es! Ich wusste es!» schreit der junge Mann in die Spielrunde und reisst seine Hände empor. Der elegant gekleidete Mann belächelt den vor Freude sprühenden Kerl, nimmt seinen Gewinn, der locker das zehnfache davon ist, zu sich und verschwindet in der Menschenmenge.

Ein solches Bild von einfachen Leuten, die sich bereits über einen Gewinn von wenigen Hundert Franken freuen, neben Millionär*innen, welche auf einen Schlag Tausende von Franken verlieren und nicht mit einer Wimper zucken, ist einzigartig und sonst nicht oft zu sehen. So ist es auch keine Seltenheit, dass gut betuchte Gäste an einem Abend bis zu 50'000 Franken verspielen. Was diese Personen jedoch alle verbindet, ist die Jagd nach dem grossen Gewinn. Und so strömen jeden Tag hunderte Zocker*innen, auf der Suche nach dem grossen Glück ins Casino Zürich.

Bild: Marco Büsch


Dieser Text ist entstanden in Zusammenarbeit mit der technischen BMS-Klasse von Seluan Ajina.

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