Ich habe eine Woche lang für 5 Stutz am Tag gegessen und ich lebe noch

In Zürich günstig durch die Woche zu kommen, ist alles andere als einfach, vor allem wenn es ums Essen geht. Unser Redaktor Philipp Mikhail hat den Selbstversuch gewagt und eine Woche lang versucht, mit 5 Franken durch den Tag zu kommen.
06. September 2018

Wie kann man in einer der teuersten Städte der Welt mit 5 Stutz pro Tag lecker und ausgewogen essen? Ich habe es im Selbstexperiment versucht und zeige dir nun, wie du dabei allfällige Hürden locker nimmst und warum probieren über studieren geht. Ich habe Rezepte für eine ganze Woche, also 21 Mahlzeiten, kreiert und diese mindestens einmal zubereitet. Mit diesem Selbstversuch will ich aufzeigen, dass man mit ein wenig Kreativität bescheiden essen kann und dabei auf nichts verzichten muss.

Ziel war es, pro Tag nicht mehr als 5 Stutz für drei Mahlzeiten auszugeben. Die Rezepte sind teilweise nicht «Haute Cuisine», aber sie sind günstig und obendrein noch gesund. Eine ausgewogene Ernährung benötigt angeblich immer mehr Zeitaufwand als Fastfood oder Fertigprodukte und es war mir daher zusätzlich ein Anliegen, Gerichte mit frischen Zutaten zu suchen, die schnell zubereitet werden können.

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Ein utopisches Selbstexperiment

Bei der Kalkulation der Menüs wird mir schnell klar, dass ich mit 5 Stutz am Tag praktisch keine Bioprodukte und kein Fleisch aus tierfreundlicher Haltung oder Eier aus Freilandhaltung werde kaufen können. Aktionen will ich nicht berücksichtigen. Die Zutaten sollen zwar saisonal, aber auch möglichst jederzeit und für jede*n verfügbar sein. Ich konzentriere ich mich auf die Billiglinien der grossen Detailhändler: «Migros Budget» und «Prix Garantie» von Coop. Ausserdem verwende ich diverse Produkte von Lidl und Aldi.

Teilweise reicht das Geld auch für herkömmliche Produkte aus dem Detailhandel, so zum Beispiel rote Linsen. Diese gibt es nur als «Low- Budget-Version». Viele der Zutaten, die für mein Vorhaben gerade günstig genug sind, erhält man nur in grossen Mengen.

Ein virtueller Kühlschrank muss her

Ein Esslöffel Olivenöl von Migros Budget, das sind etwa 15 Milliliter, kostet sechseinhalb Rappen. Ich komme etwas ins Stutzen, als ich merke, dass ich diese Kosten beim Erstellen der Rezepte berücksichtigen muss, wenn ich ausrechnen will, was zum Beispiel ein Salat inklusive Sauce tatsächlich kostet. Aus diesem Grund schaffe ich eine Art virtuellen Kühl- und Essschrank und suche spezifisch nach Produkten, die lange haltbar sind. Wenn ich am ersten Tag zehn Eier kaufe und nur eines für das Rezept verwende, gilt es, die übrigen neun Eier oder zumindest ein Grossteil dieser auch an den Folgetagen in die Menüauswahl zu verarbeiten. Weiter soll auch der Brennwert der Menüs nie mehr als 2’000 Kalorien betragen.

Der Menüplan
Montag
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen Müsli mit Joghurt 0.35
Mittag Wienerli im Teig 1.75
Abend Bratwurst mit Bürli und Salat 2.90
Total 5.00
Dienstag
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen Müsli mit saisonalen Früchten 0.75
Mittag Feta auf Randen mit Walnüssen 1.70
Abend G’Hackets mit Hörnli und Apfelmus 2.20
Total 4.65
Mittwoch
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen Vollkornbrot mit Konfitüre 1.15
Mittag Spinat mit Kichererbsen 1.50
Abend Gratinierte Auberginen und Kartoffeln mit Crème fraîche 2.35
Total 5.00
Donnerstag
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen French-Toast 0.50
Mittag Gurken-Apfel-Salat 2.30
Abend Linsen-Curry und Honig-Quark 2.20
Total 5.00
Freitag
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen Fruchtsalat 1.00
Mittag Erbsen-Suppe 0.60
Abend Linsen-Burger und Mokka-Quark-Dessert 1.75
Total 3.35
Samstag
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen Karamellisierte Apfelringe auf Magerquark 1.00
Mittag Gemüse-Blätterteig-Taschen 1.75
Abend Gnocchi in Tomaten-Rahm-Sauce gratiniert & Schoggi-Glace 2.20
Total 4.95
Sonntag
Zeit Gericht Kosten in CHF
Morgen Crêpes mit Puderzucker 1.20
Mittag Spaghetti an Rucola-Pesto 1.20
Abend Couscous und Milchreis mit Sultaninen 2.50
Total 4.90

Entstanden sind leichte, simple und sommerliche Gerichte. Müsli mit Früchten oder Vollkornbrot mit Konfitüre erweisen sich schnell als hervorragende Lösung für ein günstiges und nahrhaftes Frühstück. Rasch gewöhne ich mich auch daran, das Mittagessen am Vorabend oder am Morgen desselben Tages vorzubereiten. Salate mit Nüssen ist dabei mit Abstand die beste Mahlzeit, um ohne weitere Snacks bis zum Nachtessen durchzuhalten. Proteine in Form von Fleisch und Milchprodukten stillen den Hunger vor dem Abendbrot dann jedoch zügig. Schon am ersten Tag merke ich dennoch, dass ich auf eine süsse Versuchung nach dem Abendessen nicht verzichten kann und dass Schokolade manchmal die Antwort auf alle Fragen ist.

Günstig heisst nicht automatisch schlecht

Ich liebe Safran, Avocado, Jakobsmuscheln, San Daniele Schinken und Rinderfilet. Ebenso verehre ich auch einen einfachen «Sugo di Pomodoro» mit Spaghetti. Beim Betrachten des Preis-Leistungs-Verhältnisses der Produkte im Detailhandel fiel mir zunehmend auf, dass die teuren Produkte im Verhältnis zu dem, was man für ganz wenig Geld erhält, überbewertet und überteuert sind.

Billig kann auch gut sein: Linsen-Curry für 2.20 Franken.

Viele günstige Produkte, darunter auch Lebensmittel der Billig-Linien von Coop und Migros, sind von hervorragender Qualität. Eine Grosszahl dieser Esswaren wurden in der Schweiz aus Schweizer Grundstoffen hergestellt. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass jedes teure Produkt zwangsläufig gut ist, und es wäre ebenso falsch zu behaupten, dass alle günstigen Lebensmittel automatisch schlecht sind. Es gilt zu differenzieren, zu recherchieren und zu probieren.

Vermeintlicher Zeitmangel beim Kochen ist Ausdruck mangelnder Kreativität

Ich bin davon überzeugt, dass ein Huhn, welches in Ungarn oder in der Slowakei unter teilweise furchtbaren Verhältnissen gemästet wurde, schlechter schmeckt als ein vermeintlich vergleichbares Produkt von einem Bio-Bauernhof aus der Schweiz. «La Bonnette», die teuerste Kartoffel der Welt, die von der französischen Atlantikinsel Noirmoutier stammt und mit Seetang gedüngt wird, kann meiner Meinung nach dennoch unmöglich hundert Mal besser sein als eine Kartoffel von Migros Budget. Wer sich trotzdem entscheidet, eine «Bonnette» für einen Franken das Stück zu geniessen, dem soll dies gegönnt sein. Es ist derweil zu bezweifeln, dass ich persönlich genügend von Kartoffeln verstehe, um ein solches Produkt gebührend zuzubereiten, geschweige denn wertschätzen zu können.

Günstige Versuchung: Mokka-Quark-Dessert für 70 Rappen.

Besonders im internationalen Vergleich geniessen wir in der Schweiz eine unglaublich breite Auswahl von oft hervorragenden frischen Produkten. Dies lässt sich am Beispiel der Milchprodukte wohl am besten aufzeigen. Den Unterschied zwischen einem Magerquark aus der Billiglinie und einem vergleichbaren Markenprodukt habe ich nicht geschmeckt. Dessen ungeachtet nimmt der Konsum von Fertigprodukten, speziell aus dem höherem Preissegment, zu. Mangelnde Kreativität wird dabei leider sehr oft mit Zeitmangel entschuldigt. Doch ausgewogen, lecker und günstig zu essen, kostet nicht viel Zeit und benötigt kein spezielles Fachwissen.

Wer für fünf Stutz pro Tag vielseitig und gesund essen will, muss lediglich über den eigenen Tellerrand blicken. Letztendlich widerspricht dieses Selbstexperiment somit teilweise dem Klischee, dass Menschen mit einem kleinen Budget sich stets schlecht ernähren würden. Dass eine nachhaltige Ernährung dagegen auch in einer der reichsten Städte der Welt noch immer ein Privileg zu sein scheint, zeigt aber auch auf, wie komplex, ja gar pervertiert, unser Konsumverhalten geworden ist. En Guete!

Alle Bilder: Philipp Mikhail

So isst du mit nur 5 Stutz am Tag

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