Die Reportage aus der Zürcher Notunterkunft

Notunterkünfte, kurz NUKs, sind eine traurige Sache. Mit neuen Zwangsmassnahmen scheinen die Behörden alles daran zu setzen, diese noch trauriger zu machen. Eine Reportage über einen Besuch.
07. April 2017

Als ich die paar Stufen zum kargen Haus hinaufgehe, steigt meine Nervosität auf ein neues Level. Kein Hallo sondern nur durchdringende Blicke begrüssen mich, als ich ins Büro zur Anmeldung trete. «Sind Sie hier, um eine gratis Rechtsberatung zu machen?» fragt mich einer der Büromitarbeiter etwas zu laut für die kurze Distanz zwischen uns, während er sich schwerfällig vom Pult erhebt. Denn Beratungen dürfe man nur mit Voranmeldung durchführen, fügt er mit belehrendem Ton und immer noch viel zu laut an. Ich schüttle rasch den Kopf: «Nein, ich möchte nur sehen, wo mein Bekannter Bader lebt. Wir kennen uns vom Solinetz.» Auf Anfrage hin händige ich ihm meine ID aus. Er wirft mir erneut einen misstrauischen Blick zu, schaut dann auf die Plastikkarte in seiner Hand und meint knapp: «Die bleibt hier, bis Sie wieder gehen. Sie können bis 22.00 Uhr bleiben.» Er dreht sich um. Das Zeichen für mich, mich schnell wieder aus dem Büro zu entfernen.

Endlich bin ich drin. Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein. Mario Fehr, Sicherheitsdirektor im Kanton Zürich, will keine Journalisten in den NUKs. Sein Sprecher Urs Grob erklärte mir nicht, warum Medienschaffende keinen Zutritt in diese öffentlichen Gebäude haben sollen. Doch seit mir ein Anwalt über die misslichen Bedingungen in den NUKs, die dieser sogar als Lager bezeichnet, erzählte, wollte ich einen solchen Besuch machen. So wendete ich mich nach der Abfuhr von offizieller Stelle kurzerhand ans Solinetz. Dort bekam ich die Kontaktdaten von Baddradine Riahi, kurz Bader, einem Tunesier, der in der NUK Kemptthal wohnt. Und heute bin ich also sein Gast.

Bader wohnt mit rund 70 weiteren Männern in der NUK Kemptthal. «In einer NUK wohnen Leute, deren Asylgesuch abgelehnt wurde», erklärt er mit besorgtem Ausdruck in fliessendem Deutsch. Auch sein Asylgesuch wurde abgelehnt. Er stellte daraufhin ein neues, welches zur Zeit noch hängig ist. Er hatte sich während des Arabischen Frühlings für einen säkularen Staat eingesetzt und sah sich nach körperlichen Angriffen gezwungen, Tunesien zu verlassen. So kam er über Umwege in die Schweiz.

Laut der Sicherheitsdirektion leben im Kanton Zürich insgesamt 658 abgewiesene Asylsuchende (Stand März 2017). Davon wohnt etwa die Hälfte (315 Personen) in einer NUK. Im Kanton Zürich gibt es fünf dieser Unterkünfte. Familien, Frauen und Kinder sind in Adliswil untergebracht, in den übrigen wie in Kemptthal wohnen nur Männer.

Unpraktikable Rayonverbote
Viele der dort Wohnhaften sind eingegrenzt, das heisst, diese Personen dürfen eine bestimmte Gemeinde oder einen Bezirk nicht verlassen. Diese sogenannten Rayonverbote werden verhängt, wenn sich die entsprechende Person nicht an die Ausreisefrist hält oder ein Risiko für öffentliche Sicherheit darstellt. «Diese Eingrenzungen sind sehr problematisch, da sich die Leute bei den kleinsten Dingen straffällig machen», so Bader. Ein betroffener Kollege habe sich mal heftig in den Finger geschnitten, so dass er sich gezwungen sah, nach Winterthur in den Spital zu gehen, um die Wunde zu nähen. Auf dem Heimweg in die NUK sei er von der Polizei aufgegriffen worden. Weil es ihm nicht erlaubt war, sich ausserhalb von Kemptthal aufzuhalten, sei er verhaftet und drei Tage in einer Zelle festgehalten worden. Doch nicht nur bei Ausnahmesituationen wie jenem eines medizinischen Notfalls zeigt sich die Absurdität der gesprochenen Eingrenzungen. Alleine um Nahrungsmittel einzukaufen, sehen sich die meisten gezwungen, ihre Eingrenzung zu verletzen. Da es neben einem teuren Coop Pronto kein Lebensmittelgeschäft in Kemptthal gibt, müssen die Eingegrenzten ihr Essen ausserhalb der Gemeinde einkaufen.

«Um für einen Tag das eingegrenzte Gebiet verlassen zu dürfen, müssen Sonderbewilligungen beantragt werden», erklärt mir ein Vorstandsmitglied der Freiplatzaktion einige Tage später am Telefon. Schon jetzt ist es so, dass geplante Arztbesuche und Termine auf dem Migrationsamt ohne Sonderbewilligung möglich sind. Vor einiger Zeit versuchte die Freiplatzaktion, welche Rechtshilfe für Asylsuchende und Migrat*innen anbietet, Anwaltstermine der gleichen Regelung zu unterstellen. Dies sei seitens des Kanotnalen Migrationsamt mit der Begründung abgelehnt worden, dass es für eingegrenzte NUK-Bewohner schon genügend einfach sei, eine Sonderbewilligung zu erhalten. Bader sieht das anders. «Man muss händisch ein Gesuch schreiben, in dem man begründet, wozu genau man an diesem spezifischen Tag Freiheit braucht». Wolle man eine Rechtsberatung wahrnehmen, kriege man sowieso keine Bewilligung. «Die Behörden lassen dich spüren, dass du nur eine Aufgabe hast: Nämlich die Schweiz zu verlassen, dafür bekommt niemand eine Rechtsberatung», so Bader. Schlimmer sei aber gewesen, als eine Kollegin vom Solinetz Gesuche für ihre Deutschschüler eingereicht habe, damit diese weiterhin in ihre Klasse kommen könnten. Der zuständige Beamte habe gemäss ihren Erzählungen nur gelacht und gefragt, wozu diese Leute denn noch Deutsch lernen müssten, die müssten sich nicht mehr integrieren. Das einzige, was sie zu tun hätten, sei die Schweiz zu verlassen.

Nach dem Winter könne man sich wenigstens wieder draussen aufhalten.

Warum verlassen die Abgewiesenen die Schweiz denn nicht?
«Das ist eine interessante Frage. Jeder hat seine eigenen Gründe», erwidert Bader und berichtet mir über einige: Viele hätten keine gültigen Papiere. Um eine Rückreise anzutreten, müssten sie diese zuerst auf der Botschaft ihres Ursprungslands beantragen. «Davor haben aber viele Angst», so Bader. Denn erfahre ein Land wie Iran oder Sudan erstmals, dass eine ihrer Bürger*innen im Ausland um Asyl bat, würden oft die zurückgebliebenen Angehörigen im Gegenzug dafür bestraft. «Viele sagen sich dann, lieber gehe ich durch die Hölle, als meine Familie zu Hause zu gefährden.»

«Andere haben auch einfach nichts mehr mit ihrem Ursprungsland zu tun», fährt Bader weiter. Viele seien seit mehreren Jahren in der Schweiz, hätten keine Familie mehr und ihr soziales Leben hier. So gebe es keinen Grund für sie, dorthin zurück zu kehren. Es gebe auch solche, die keinen tragischen Grund hätten, sondern einfach hier sein möchten, schliesst Bader ab.

Systematische Isolation
Doch nicht nur die Eingrenzungen machen den Leuten in der NUK das Leben schwer. Seit Anfang Februar gilt die Präsenzkontrolle. «Zweimal am Tag müssen wir unsere Unterschrift abgeben, um am darauffolgenden Tag die Nothilfe von 8.50 Fr. zu erhalten» so Bader. Das habe anfangs für grosse Unruhe gesorgt, weil nicht erklärt wurde, warum dies nötig sei. «Auch jetzt wissen wir nicht wirklich, warum wir morgens und abends unterschreiben müssen, doch man hat sich an die Kontrolle gewöhnt und nimmt diese hin – wie so vieles andere.»

Er sehe in der Präsenzpflicht hauptsächlich einen Versuch, die Menschen in der NUK noch mehr zu isolieren. «Wenn ich abends nach einem Vortrag noch mit Leuten zusammensitze oder nach dem Deutschkurs noch diskutiere, denke ich mir ‘was solls, dann bekomm ich die 8.50Fr. morgen halt nicht. Lieber bleibe ich noch eine Weile. Ich kann auch einen Tag fasten.’» Im Nachhinein bereue er diesen Entscheid aber oft, da die Konsequenzen für sein Budget noch lange spürbar seien.

Als ich seine Worte höre, starre ich verlegen auf das Glas heissen marokkanischen Kaffee in meiner Hand. Ein Kollege Baders hat uns das zuvor serviert. Erst jetzt realisiere ich, dass das nicht nur eine sehr freundliche sondern auch sehr grosszügige Geste des Herrn war. Mit 8.50 Fr. am Tag bin ich mir nicht sicher, ob ich einer Fremden Kaffee anbieten würde. Ich nehme mir darum vor, bei meinem nächsten Besuch gemahlene Bohnen mitzubringen.

8.50 Fr. als Hilfe in der Not
In der Schweiz gilt: Ist jemand in Not, bekommt er Hilfe. Diese Nothilfe ist als Grundrecht in der Bundesverfassung Artikel 12 verankert und gilt für alle in der Schweiz wohnhaften Personen. Auch für jene ohne Aufenthaltsbewilligung. «Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.» Dazu gehören Obdach, Nahrung, Kleidung und medizinische Notfallversorgung. Der Kanton Zürich setzt diese Nothilfe damit um, dass er die NUKs zum Wohnen zur Verfügung stellt und 8.50 Fr. pro Tag ausbezahlt – nur wenn zweimal am Tag unterschrieben wird natürlich.

Spartanisch
Nach unserem ausgiebigen Gespräch auf dem Vorplatz nimmt mich Bader noch auf einen kleinen Rundgang durch die NUK mit.

Sein Zimmer befindet sich vis-a-vis vom Büro, in welchem ich mich vor etwa einer Stunde angemeldet habe. Durch den Türspalt spähe ich in das Zimmer, das Bader mit vier Männern teilt. Drinnen ist es dunkel. Durchs Fenster hinaus erblicke ich eine graue Wand, die das Licht draussen hält. Im Schummerlicht erkenne ich vier metallene Hochbetten, ein paar Bücher und gefaltete Kleidung auf einem Tisch in der Mitte des Raums. An einem Bettgestell dient ein am oben angebrachtes Frottiertuch als Vorhang. «So schafft man sich Privatsphäre», erklärt Bader. Als sich ein Büro-Mitarbeiter nähert, zieht er schnell die Tür zu. Aus seiner Reaktion schliesse ich, dass ich die Zimmer nicht sehen sollte. So begründe ich meine Anwesenheit damit, dass ich auf Toilette müsse. Der Büro-Mitarbeiter holt daraufhin einen Schlüssel und geleitet mich freundlicherweise auf die Angestellten-Toilette. Wo denn die WCs für die Bewohner seien, will ich darauf von Bader wissen. «Sei froh, dass du da nicht hin musstest», sagt er mit einem zynischen Lachen. «Wir haben drei (!) Toiletten und drei Pissioir für über 70 Personen», ergänzt er mit ernster Miene. Dass ich das Personal-WC benutzen durfte, kommt mir nach dieser Information nicht mehr wie eine nette Geste, sondern eher wie ein Vertuschungsversuch vor.

Neu: Der Gemeinschaftsraum im ersten Stock

Insgesamt gibt es etwa 12 Zimmer auf dem ersten Stock. Alle seien mit fünf bis sechs Personen belegt. Diese Nähe schaffe viel Reibungsfläche für Auseinandersetzungen. «Es wundert mich immer wieder, wie selten Spannungen entstehen», berichtet Bader über das Zusammenleben, während er mich in einen Raum mit zwei verlorenen Sofas und einem unbeachteten Fernseher führt. Dieser Gemeinschaftsraum gebe es seit einigen Wochen. Der eigentliche Gemeinschaftsraum und die Küche befinden sich im Erdgeschoss.

Dort angekommen sehe ich anstatt einen Aufenthaltsraum nur grosse blaue Container, die den Garage-ähnlichen Raum versperren. Diese Container seien letzten Dezember hineingestellt worden, weil alle NUKs restlos überbelegt gewesen seien, erklärt mir Bader. «Die Container dienten als zusätzliche Zimmer. So lebten 100 Personen in dieser Notunterkunft.» Nun stehen sie leer und verkleinern den Gemeinschaftsraum noch immer auf die Grösse von zwei Parkplätzen. Die Sicherheitsdirektion gab auf Anfrage von Tsüri keine Erklärung ab, warum die Container nach Gebrauch nicht wieder abgeräumt wurden.

Diese Fläche diente als Gemeinschaftsraum für 100 Leute im vergangenen Winter.

Als ich gerade ein Foto vom vollgestellten Gemeinschaftsraum mache, weist er mich leise flüsternd auf die Überwachungskameras hin. Also lasse ich mein Handy zurück in die Tasche sinken. Das gleiche beklemmende Gefühl, wie anfangs bei der Anmeldung, steigt wieder in mir auf.

Küche für 70 Personen: Dreimal vier Herdplatten sind vorhanden. Pfannen, Teller oder Gläser werden keine zur Verfügung gestellt.

Es braucht mehr Engel
Ich stelle mir vor, wie in diesem vergangenen Winter über 100 Männer hier zusammengepfercht ihre Zeit absassen. Wie sie ohne Tagesstruktur und ohne Aussicht auf Veränderung Tag für Tag auf etwas warteten, das nicht eintrifft. «Mein Zug fährt in 10 Minuten» durchdringen mich Baders Worte. Er müsse zurück nach Zürich an einen Vortrag. Auch ich muss zurück in die Redaktion. Und allen davon berichten, wie Menschen mitten unter uns – und doch so isoliert – leben.

Schnell gehen wir ins Büro, um meine ID abzuholen. Kommentarlos bekomme ich sie zurück. Als wir die Treppe hinunter gehen und das Haus verlassen, kommt ein junger Mann auf mich zu und sagt: «Ohne Bader wären wir hier aufgeschmissen: Er übersetzt, er vermittelt, er informiert. Er ist unser Engel.» Bader meint mit väterlicher Mine: «Irgendjemand muss es ja tun.» Solche Dienste sollten doch von der NUK-Leitung übernommen werden, denke ich, oder von Freiwilligen.

Als wir uns im Zug gegenüber sitzen und uns angeregt über Hanna Arendt unterhalten, fällt die letzte Anspannung von mir ab. Auch Bader scheint entspannt. Das Fürsorgliche und Besorgte ist aus seinem Gesicht verschwunden. Nach 20 Minuten kommen wir im HB an und verabschieden uns wie zwei alte Bekannte.

Du kannst auch einen Besuch in der NUK machen.

Schreib uns einfach ein Mail an info@tsri.ch. Die meisten Bewohner der NUK freuen sich über Besuch und Kontakt zur Aussenwelt. An ihrem Aufenthaltsstatus können wir nichts ändern, doch wir können ihre Aufenthaltszeit verändern.

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