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Eine Reise durch Zürichs koloniale Vergangenheit

Die Schweiz hatte nie eigene Kolonien. Plantagewirtschaft, Völkerschauen und Rassentheorien gehörten vor rund 100 Jahren dennoch zum Alltag der Zürcher*innen. Das prägte nicht nur das Stadtbild, sondern auch unser Denken bis heute. Eine interaktive Spurensuche in der Zürcher Geschichte.
21. Juni 2019

Dieser Artikel ist der zweite und letzte Teil der Serie zu Zürichs kolonialer Vergangenheit. Hier findest du Teil 1.

Zürich ist eine geschichtsträchtige Stadt. Mit Kolonialgeschichte bringt man sie aber kaum in Verbindung. Denn tatsächlich herrschte die Schweiz anders als Grossbritannien, Frankreich oder Deutschland zu keinem Zeitpunkt direkt über grössere Territorien in Übersee.

«Am wirtschaftlichen und ideologischen Programm des Kolonialismus war die Schweiz aber sehr wohl beteiligt», sagt der Historiker Andreas Zangger im Gespräch mit Tsüri.ch. Damit vertritt er eine Ansicht, die von immer mehr Historiker*innen geteilt wird.

Erst letztes Jahr fand an der Universität Bern eine öffentliche Konferenz statt, an der Forscher*innen die Schweizer Involvierungen in den Kolonialismus diskutierten. «Die Merkmale unseres modernen Lebens entstanden nicht in isolierten nationalen Containern, sondern in einer global vernetzten Welt», meinte damals der Mitorganisator Bernhard Schär. «Ein wesentlicher Grund dafür» sei, «dass diese Welt bis vor wenigen Jahrzehnten keinesfalls primär von Nationalstaaten gestaltet wurde, sondern von Imperien.»

Auch Zürcher*innen hatten einen Anteil an diesen kolonialen Verstrickungen: Sie wurden mit Plantagen reich, (ver-)kauften Kolonialwaren und stellten Menschen aus einem oft nicht näher definierten «Afrika» in Völkerschauen aus. Sie prägten damit nicht nur das Stadtbild, sondern auch unser Denken bis heute. Im Geschichtsunterricht oder in den öffentlichen Debatten hört man jedoch kaum etwas davon. Ich begebe mich also auf einen Spaziergang durch Zürichs koloniale Vergangenheit.

Sumatra im Seefeld

Meine erste Station führt an die Sumatrastrasse. An den «Fernen Osten» erinnert hier auf den ersten Blick – abgesehen vom Strassennamen – nichts mehr. An der Ecke zur Weinbergstrasse 56/58 mache ich Halt. Hier stand bis zum Abriss in den 1970er Jahren die Villa Sumatra, nach der die danebenliegende Strasse benannt ist.

Die Villa Sumatra vor 1900 (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Die Villa gehörte einst dem Appenzeller Karl Krüsi, der 1874 nach Sumatra auswanderte. Die ressourcenreiche und fruchtbare Insel, die damals teilweise unter niederländischer Herrschaft stand, versprach Europäern schnelles Geld – als besonders lukrativ galt dabei der Tabakhandel. Sieben Jahre lang arbeitete Krüsi auf der Plantage eines Cousins, bis er schliesslich eigenes Land erwerben konnte.

Für den Schweizer war der Kauf ein Glücksfall: Innert kürzester Zeit konnte er sich in der Kolonie ein stattliches Vermögen aufbauen und kehrte Ende der 1880er Jahre als Millionär in die Schweiz zurück. Er kaufte sich eine Villa in Zürich, die er als Gedenken an seine Zeit in Indonesien «Sumatra» taufte.

Die «Kulis» aber, die auf Krüsis Tabakplantagen arbeiteten, waren weitgehend der Willkür und Gewalt ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Lange Arbeitstage und unrechtmässige Lohnkürzungen gehörten genauso zum Programm wie disziplinarische Auspeitschungen, Folter oder sogar Hinrichtungen.

Karl Krüsi war bei Weitem kein Einzelfall. Insgesamt 59 Plantagen befanden sich im Besitz von Schweizern. Wie Karl Krüsi wurde auch Karl Fürchtegott Grob, der 1869 nach Sumatra auswanderte, mit dem Tabakgeschäft steinreich. Und wie Krüsi basierte auch sein Erfolg auf den miserablen Arbeitsbedingungen seiner Arbeiter: Hunderte der insgesamt 4'300 chinesischen und javanischen Kulis, die für ihn angestellt waren, erlagen auf den Feldern Krankheiten und Erschöpfungserscheinungen.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz beauftragte Grob 1883 die renommierten Zürcher Architekten Chiodera und Tschudy mit dem Bau einer prunkvollen Villa im heutigen Seefeld. Er benannte sie nach dem Dorf Patumbak, in dem sich seine erste Plantage befunden hatte. Noch heute erinnert die Villa Patumbah, die seit 2013 das erste Heimatschutzzentrum der Schweiz beherbergt, an den Reichtum ihres ehemaligen Besitzers.

Eine «Senegalesenhochzeit» in Fluntern

Vom Seefeld führt mich meine Reise in den Zürcher Zoo, wo ich in nur einem halben Tag vom Himalaya nach Südamerika, von der mongolischen Steppe nach Madagaskar spaziere.

Seit 1929 nimmt der Zoo Zürcher*innen auf solche Weltreisen mit. Nur ein Jahr nach seiner Eröffnung lockte er dabei mit einer eher befremdlichen Attraktion.

Im sogenannten «Senegalesendorf» versprach man den Zuschauer*innen einen «authentischen» Einblick in den Alltag von Senegales*innen. Das Zürcher Publikum konnte die Bewohner*innen beim Essen und Kochen, beim Schlafen und beim «traditionellen» Handwerk beobachten. Highlight der Ausstellung war die «Senegalesenhochzeit». Rund 7000 Zuschauer*innen verfolgten mit, wie ein senegalesisches Paar «nach muslimischem Ritual» vermählt wurden. Der Vermählung folgte ein grosses Volksfest.

Das «Senegalesendorf» war, folgt man der Germanistin Rea Brändle, die zu Völkerschauen forscht, nicht das Einzige seiner Art. 1901 stand im Sihlhölzli ein «indisches Dorf», das «ein authentisches Bild vom Alltag auf der Halbinsel Gujarat» liefern sollte. 1925 wurde etwa auf dem Letzigrund ein «Negerdorf» eingerichtet, das 74 Westafrikaner*innen bewohnten. Und auch der Zirkus Knie ergänzte seine «Tierschauen» 1927 mit einer «Menschenschau», die bis 1964 zu den Standardattraktionen des Traditionszirkus gehören sollte

Völkerschauen waren beliebt. Tausende Zürcher Familien und Schulklassen strömten herbei, um etwas über die Lebenswelt in den Kolonien in Asien oder Afrika zu lernen. Mit der Realität hatten die Inszenierungen jedoch kaum etwas zu tun. Oft wurde den ausgestellten «Völkern» in Europa erst beigebracht, wie sie sich vor Publikum zu verhalten hätten.

Das Bild, das dabei vermittelt wurde, bestätigte und verfestigte gängige Klischees: Frauen galten als «mütterlich» und «naturnah», wurden auf ihren weiblichen Körper reduziert und unter dem Begriff «exotisch» sexualisiert. Männer waren «wild», «triebhaft», «gefährlich» und «kriegerisch». Als Zürcher*in konnte man sich somit von den «Wilden» in Afrika und Asien abgrenzen, sah sich selbst als Teil einer überlegenen, «zivilisierten» europäischen Kultur an.

Kolonialwaren, Werbung und «Warenrassismus»

Wer in Zürich auf der Suche nach edlen Importprodukten ist, wird noch heute bei Schwarzenbach Kolonialwaren fündig. Kund*innen haben hier die Wahl zwischen 17 Kaffeemischungen, 150 verschiedenen Teesorten, diversen Trockenfrüchten und anderen «exotischen» Produkten.

Schwarzenbach Kolonialwaren im Niederdorf. (Bild: Roland zh/Wikimedia, CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beim Betreten des Geschäfts im Zürcher Niederdorf kommt es mir vor, als sei die Zeit stehen geblieben. Und tatsächlich: «Die Ladeneinrichtung, Verkaufstheke, Wandgestelle aber auch Bodenbeläge und Laggerräumlichkeiten stammen noch immer aus der Gründungszeit», heisst es auf der Webseite. Auch die Produktbezeichnungen «Colonialwaren», «Südfrüchte» oder «Conserven» erinnern an die Vergangenheit der Filiale, die 1912 eröffnet wurde und sich noch heute in Familienbesitz befindet.

Sogenannte «Kolonialwaren» waren im frühen 20. Jahrhundert tief im Alltag der Zürcher*innen verankert. Tabak, Zucker, Kaffee, Tee und Gewürze aus aller Welt wurden immer erschwinglicher und gehörten in jeden gutbürgerlichen Haushalt. Dass Produkte aus Übersee relativ günstig waren, hatte aber auch eine Schattenseite – denn die Bezeichnung «kolonial» schloss immer «koloniale Ausbeutung» mit ein.

«Kolonialwaren» wurden nicht nur massenhaft verkauft, sondern auch massenhaft vermarktet. Die Werbeplakate griffen häufig auf stereotype, rassistische Darstellungen schwarzer Menschen zurück, um die «exotische» Herkunft der Produkte zu unterstreichen.

Die Kulturwissenschaftlerin Patricia Purtschert spricht in diesem Zusammenhang von «Warenrassismus». «Der Massenkonsum ermöglichte es, bestehende rassistische Vorstellungen und Bilder auf neue Weise zu popularisieren und dabei auch zu transformieren.»

Oder anders gesagt: Das Bild schwarzer Menschen, das Zürcher*innen an Völkerschauen vorgeführt wurde, wurde in der Werbung erneut bestätigt. Die koloniale Ideologie, die Europa – und somit auch die Schweiz – an die Spitze der biologischen , kulturellen und wirtschaftlichen Hierarchie setzte, durchdrang fast alle gesellschaftlichen Schichten. Kolonialismus prägte das Denken von Zürcher*innen über den «Rest» der Welt. Und das wirkt bis heute nach.

Kolonialismus prägt auch unsere Gegenwart

Man erinnere sich beispielsweise an die «Mohrenkopfdebatte», in der hitzig darüber diskutiert wurde, ob Begriffe wie «Mohr» oder das N-Wort noch zeitgemäss sind. Selbsternannte Verfechter*innen der «Meinungsfreiheit» führen dabei gerne das Argument auf, dass der «Mohrenkopf» eben eine Schweizer Tradition sei. Unterschlagen wird dabei oft, dass solche Begriffe einst dazu dienten, die vermeintliche «Minderwertigkeit» schwarzer Menschen zu unterstreichen. Ist das wirklich eine Tradition, die wir beibehalten wollen?

Und noch immer wird in unseren Geschichtsbüchern suggeriert, dass der Erfolg Zürichs weitgehend isoliert vom Rest der Welt stattgefunden hätte. Doch die Kulis auf den Krüsi-Plantagen, und die Menschen, die in Völkerschauen ausgestellt wurden, gehören genauso zur Zürcher Geschichte wie Zwingli oder Alfred Escher. Die globalen Ungleichheiten, die aus der Kolonisierung Amerikas, Asiens und Afrikas resultierten, bestimmen zudem die Weltwirtschaft bis heute mit. Und der Finanzplatz Zürich steht dabei definitiv auf der Gewinnerseite.

Titelbild: Karl Fürchtegott Grob mit einer Gruppe europäischer Pflanzer in Delhi, Sumatra. (Bild: Tropenmuseum Amsterdam)

Zürcher Kolonialgeschichte im Museum
Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah:

Mi, Fr, Sa 14-17 Uhr
Do, So 12-17 Uhr

Am Donnerstag finden jeweils um 12.30 öffentliche Führungen statt.

Landesmuseum Zürich:

Di-So 10-17 Uhr
Do 10-19 Uhr

Das Fotoalbum von Karl Krüsi befindet sich in der Dauerausstellung zur Schweizer Geschichte und lässt sich auf einem IPad durchblättern.

Völkerkundemuseum Zürich:

Di, Mi, Fr. 10-17 Uhr
Do 10-19 Uhr
Sa 14-17 Uhr
So 11-17 Uhr
Literatur zum Thema
Rea Brändle: Wildfremd, hautnah. Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835-1964, Rotpunktverlag, Zürich 2013.

Patricia Purtschert: Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weissen Scheweiz, Transcriptverlag, Bielefeld 2019.

Patricia Purtschert/Barbara Lüthi/Francesca Falk: Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, Transcriptverlag, Bielefeld 2013.

Andreas Zangger: Koloniale Schweiz. Ein Stück Kolonialgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930), Transcriptverlag, Bielefeld 2011.

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