Eine Ode an die beste Skulptur, die dieser Kunst-Sommer zu bieten hat: Gestapelte Zürcher Gaggi

Manifesta 11
21. Juni 2016


Das Zürcher Dada-Jubiläumsjahr hat bisher vieles verpasst – vor allem den Anschluss an die Aktualität:

1. Im Web und auf Social Media wirkt alles wahnsinnig bemüht – wenn es denn überhaupt wirkt; denn die Präsenz und Accounts wurden weder rechtzeitige aufgebaut, noch werden sie überzeugend und nachhaltig bespielt. Mir ist auch kein Werk bekannt, bei dem das Web eine (Haupt-)Rolle spielt.

2. Eines der brennendsten gesellschaftlichen Themen (zumindest medial;), würde sich für eine intensivere Reflektion anbieten: Die meisten Dadaisten waren Flüchtlinge. Aber wo findet im Rahmen des Jubiläums eine Auseinandersetzung mit der Situation und der Kultur der heutigen Flüchtlinge statt?

Auch die Manifesta scheint über weite Strecken ihrem Anspruch nicht gerecht zu werden, sich kritisch mit dem jeweiligen Austragungsort auseinanderzusetzen. Das verwundert insofern nicht, weil die Stiftung alle paar Ausgaben einen Ort auswählt, bei dem die Finanzierung auf sicheren Beinen steht und das gesellschaftliche und politische Milieu vergleichsweise harmlos ist. So kann sie sich immer wieder etwas Regenerieren.
Umso nervöser wurden alle Beteiligten Organinsatorinnen und Organisatoren, als sich eines der Kunstwerke nicht so harmonisch in den heimeligen Wohlfühl-Kunstsommer einordnen wollte. Möglicherweise atmeten die Verantwortlichen der Manifesta kurz auf, weil doch nicht alles so selbstgefällig und harmlos ist. Trotzdem scheinen sie sehr darum bemüht, möglichst rasch die Wogen wieder zu glätten. Dass sie in der Kulturabteilung im Stadthaus umgehend «den Gaggi in der Hose hatten» (entschuldige diesen etwas infantilen Spruch, aber er bietet sich halt grad an;), weiss ich aus Erfahrung. Dort wird aus Angst vor kritischen Fragen durchwegs die Kultur des vorauseilenden Gehorsams gepflegt. Jetzt schreibe ich jedoch schon viel zu lange um den heissen (braunen;) Brei rum. Hier in einem Auszug aus meinem Snapchat-Account ein kurzer Eindruck von der Kunst-Installation, die seit deren Aufbau ein paar Gemüter erhitzt (und immer noch ordentlich stinkt, was sich hier leider / zum Glück nicht vermitteln lässt): https://www.youtube.com/watch?v=jD2DU1SrnQs https://www.youtube.com/watch?v=wBXdtdim6jk https://www.youtube.com/watch?v=ajOw6PRlvuQ





So wenig Infos und so falsch: Die Zürcherinnen und Zürcher produzieren täglich 80 Tonnen, respektive 80'000 Kilogramm Klärschlamm.

Es war zwar die SVP, die mit einem Postulat an den Stadtrat meinen Fokus auf dieses Kunstwerk richtete.

[caption id="attachment_7780" align="aligncenter" width="640"]bild: screenshot/facebook bild: screenshot/facebook[/caption]

Aber für den Aktivismus, der seitens Manifesta ausgelöst wurde – Einbau einer grossen Lüftungsanlage – war wohl viel eher die Reklamationen der Galerien im Haus verantwortlich. Der Gestank der Exkremente aller Stadtbewohnerinnen und -bewohner darf alles, nur niemandem das Geschäft vermiesen.

Die eigentliche Sensation dieses Kunstwerkes liegt jedoch im Symbol als solches:

Es zeigt, dass alle(!) beim Scheissen stinken!

Ich bin aufm Dorf aufgewachsen. Dort redete man so über reiche oder sonst wie mächtige Leute. Das fand ich immer sehr sympathisch und abgeklärt.

Wenn wir uns nun also vorstellen, dass hier die Notdurft der SVP-Politiker, die dieses Postulat eingereicht haben, zwischen derjenigen der Stadtpräsidentin, die die Manifesta nach Zürich einlud, und dem Stuhlgang eines Flüchtlings liegt, der mehrmals täglich richtung Mekka betet, dann fällt es uns wie Schuppen von den Augen, dass wir im Grunde alle gleich sind: Notdürftige Menschen.

Als ob dies noch nicht genug der Erkenntnisse wären, bilden wir Zürcherinnen und Zürcher in diesen braunen Stapeln ein einzigartiges Gesamtkunstwerk! Wir gaben unser Innerstes und wurden dadurch alle Ko-Autorinnen und -Autoren dieser künstlerischen Arbeit. Wir haben alle unseren Teil (...) dazu beigetragen, dass dieses Werk in einer solchen Vollendung möglich wurde.

IMG_8184

Sollte also jemand auf die Idee kommen, dieses Kunstwerk vor Ablauf der Ausstellung zu entsorgen, fordere ich eine Volksabstimmung! In dieser sollten alle Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher, die einen Beitrag zum Gelingen diese Kunstwerkes leisteten (also auch diejenigen, die ansonsten nicht Stimmberechtigt sind), ihre Stimme abgeben können. Entfernt würde jedoch nur der Anteil derjenigen, die für eine Entsorgung gestimmt haben. Nur so bliebe die künstlerische Hoheit, respektive die Zensur, bei allen Ko-Autorinnen und -Autoren.

Und so hat Zürich doch noch ein dem Dada-Jubiläumjahr angemessenes Kunstwerk erhalten.

Alles wird gut!

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