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Illustration: Anna Brückmann

Eine Aktivist:in fragt: «Warum tun wir uns das eigentlich an?»

Was ist unsere Motivation, uns für politische Anliegen zu engagieren? Und vielleicht auch: Warum hörten wir wieder damit auf? Ein Gespräch, das fast so stattgefunden hat. Mit ganz tollen Menschen, die eigentlich anders heissen.
17. Mai 2021

Von Urban Equipe.


Antonia: Merci, dass ihr hier seid! Wir sind ja Menschen, die sich für irgendwas engagieren: Für offene Räume, für mehr Teilhabe in der Stadtentwicklung, für ein sozialeres Zusammensein, und und und. Das ist nicht immer einfach – es gibt auch Reibung, Auseinandersetzung und fordert vor allem viel Zeit. Ich möchte wissen: Warum tun wir uns das eigentlich an?

Lorenz: Mir geht es darum, etwas aus meiner privilegierten Situation zu machen. Ich habe die Freiheit, mich für Dinge einzusetzen, die wichtiger sind als meine eigenen Interessen. Das möchte ich auch tun. Seit ich 20 bin, engagiere ich mich eigentlich fast durchgehend für irgendeine Sache. Die Themen und Kontexte wechseln, aber irgend etwas finde ich immer, wofür ich mich einsetzen möchte.

Die Urban Equipe beantworten auch deine Fragen!
Im aktivistischen Alltag stellen sich uns viele kleine Hürden und grosse Herausforderungen in den Weg. Wie gut wäre es manchmal zu wissen, wie es andere machen! In der Kolumne «Aktivist:in fragt...» suchen Anna Brückmann, Antonia Steger und Sabeth Tödtli von der Urban Equipe Antworten auf deine konkrete Frage aus deinem aktivistischen Alltag. Dabei schöpfen sie aus dem Erfahrungsschatz des Handbuchs «Organisiert euch!», suchen aber auch neue Infos aus neuen Quellen, besprechen die Themen an den «Misch dich ein!»-Stammtischen , graben in der eigenen Erinnerung und fragen bei anderen Aktivist:innen nach – für dich und dein Engagement! Schick hier deine Frage (anonym) und die Urban Equipe versucht sich in einer Antwort!

Vera: Mir ist vor allem der politische Anspruch in meinem Beruf wichtig. Ich arbeite in der Stadtentwicklung und das möchte ich nicht nur auf dem Papier sondern auch aktiv tun. Ich mag es zum Beispiel sehr, unkommerzielle Räume in einer Stadt zu haben. Und dann möchte ich mich auch dafür einsetzen, dass solche Räume entstehen können, wie zum Beispiel damals der «Pavilleon». Es ist ein Geben und Nehmen. Auch das Putzen und Aufräumen gehören dazu. Wobei ich sagen muss, dass bei mir das Engagement in letzter Zeit etwas in den Hintergrund rückte. Sooo viel habe ich nun auch wieder nicht gemacht. Ich arbeite jetzt viel und mache nebenher noch eine Ausbildung. Ich bewundere Leute, die das alles unter einen Hut kriegen. Wie machen die das bloss?

Antonia: Hmm... Ist das nicht auch etwas Typisches, dieses «Es ginge ja noch mehr»? Für mich ist das fast wieder sowas Zürcherisches, dass man nie zufrieden ist mit dem, was man eigentlich macht. Dabei findet man doch immer Leute, die noch mehr machen? Lass uns später gerne noch darüber reden. Zuerst aber die anderen in der Runde, warum seid ihr zu euren Projekten gekommen?

Sanna: Nach meinem Studium fand ich keine Arbeit, die mich so überzeugen konnte, dass ich meine Lebenszeit dafür hergeben wollte. Viele Büros bearbeiten die Fragen nicht, die mich interessieren. Und wiederum andere Arbeitgeber:innen boten nicht die Arbeitsbedingungen, unter denen ich mich wohl gefühlt hätte. Und vielleicht war ich auch schon immer ein bisschen so – zu schüchtern, mich irgendwo anzuschliessen. Jedenfalls habe ich dann einfach meine eigenen Projekte gestartet.

Antonia: Ah, das finde ich lustig, dass du das sagst, weil mir geht es oft ähnlich. Ich will mich engagieren. Aber dann ist es mir auch wichtig, dass ich die Bedingungen mitgestalten kann, unter denen ich arbeite...

Sanna: ... ja voll, wie zum Beispiel, dass niemand im Team viel lauter als die anderen ist, dass wir Care-Arbeit fürs Team auch als produktive Zeit verstehen, dass wir Konflikte ansprechen können und so weiter.

Antonia: Genau! Oft ist mir das Team sogar fast wichtiger als die Frage, ob ich mich jetzt für Stadtentwicklung einsetze oder für Klimaschutz oder für eine politische Demokratisierung oder was auch immer. Es gibt schliesslich so viele wichtige und spannende Themen, die ich eh nicht alle bearbeiten kann. Aber wenn ich es mit Menschen zusammen tue, mit denen ich mich gut verstehe, kommen wir weiter in unseren Anliegen. Ich habe aber auch gemerkt, wenn ich so spezifische Ansprüche an meine Leute um mich herum habe, wird das Projekt auch wieder weniger offen. Und diese paradoxe Situation nagt manchmal an mir. What about you?

Eduard: My drive for my projects was more existential. I had to leave my home country in order to make a living somewhere. So it was a bit random where I ended up – in housing projects in several European cities and in the end also in Koch Areal in Zurich for some time. I’m interested in the topic of accessibility – how such «open» projects include and exclude people. As I understood, you are fighting for a more open society but your way of doing it is in a rather small, closely-knit core group?

Antonia: Ja, ich würde sagen, das ist bei der Urban Equipe so. Zumindest für den Moment, weil wir unsere organisatorischen Strukturen stets reflektieren und weiterentwickeln. Aber ich bin auch Teil von anderen Projekten, zum Beispiel in der Zentralwäscherei. Dort sind sehr viele Leute involviert – ich musste lernen, viele meiner Erwartungen und auch einige Wünsche abzulegen, damit ich im Ganzen mitmachen kann.

Lorenz: Das kann ich nur unterstützen. Also zu lernen, dass ich mich für das einsetze, was im Moment grad möglich ist und zu entspannen, bis die Zeit dafür reif ist.

Vera: Eduard, how was it for you in the housing projects that you have been part of? How did you become part of it?

Eduard: It was not always easy to find a way in. In one of the projects I did a lot for the community, I even coordinated some renovation projects. But I didn’t get a fix room for a long time. At one point I was like «Ok, this does not work for me, I’m doing so much for these people and this housing project and I am still not really part of it». You understand? I have seen a lot of situations where there was a kind of exploitation by a core group towards people that wanted to join. In general, I think it’s easier if you already know someone in the project. But when you have nobody to stand up for you, you are kind of a weirdo, especially in Switzerland. All of this has nothing to do with being left or right. This is just us being human.

Antonia: Vielleicht können wir nochmals auf die Frage zurückkommen, wie finden wir die Zeit, uns zu engagieren?

Vera: Ja, das interessiert mich. Weil ich zum Beispiel extra nicht Vollzeit arbeite, weil ich einfach weiss, wie wichtig mir anderes auch ist – nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern auch einfach weil es mir so viel Freude macht.

Lorenz: Ich weiss, was passiert, wenn man sich übernimmt. Es kann einen schon auch umhauen irgendwie. Das ist mir auch mal passiert, wie vermutlich vielen. Dann merkte ich, ich muss irgendwie was ändern. Mich ganz aus meinen Engagements rauszunehmen, kam für mich nicht in Frage. Durch Meditation habe ich einen Weg gefunden, netter zu mir zu sein. Ich habe gemerkt, dass mein Engagement nicht am Erfolg liegt. Sondern es reicht schon, wenn ich mit der Einstellung präsent bin, die ich vertrete. Manchmal kann ich so im Kleinen etwas bewirken – und in den Momenten, in denen ich allein sein will, ist es dann auch ok.

Antonia: Ah spannend, ich hab mich eher in die entgegengesetzte Richtung bewegt, indem ich extra Zeiten schaffe, in denen ich bewusst etwas ganz anderes mache. Und dass ich meine Ansprüche runterschraube. Statt darüber zu verzweifeln, dass ich den Neoliberalismus nicht überwinden kann, probiere ich möglichst genau zu formulieren, was denn im Bereich des Möglichen liegt für mich. Ah ja und dass ich mich auch immer frage, wo dabei meine eigenen Bedürfnisse sind, für die ich einstehen möchte.

Lorenz: Ich persönlich mache eine Unterscheidung zwischen Engagement und Eigeninteresse. Mir ist es wichtig, dass ich eben nicht aus Eigeninteresse handle, sondern mich einfach für den Raum oder das Projekt einsetze.

Antonia: Hm, darauf stellt sich die Frage: Dürfen wir überhaupt eine eigene Motivation haben im Aktivismus, damit wir glaubwürdig bleiben?

Sanna: Das muss natürlich jede:r mit dem eigenen Moralkompass beantworten. Ich selber glaube: Ja, es gibt immer eine persönliche Motivation. Zum Beispiel, dass Aktivismus mir Spass macht, dass ich dabei meine Freund:innen sehe, dass ich etwas lerne... Ich finde das nicht verwerflich, im Gegenteil. Und zu meinen, man müsse sich aufopfern, kommt mir ehrlich gesagt auch etwas katholisch vor...

Lorenz: Dem stimme ich zu. Ich halte auch gewisse Grenzen ein, weil es niemandem nützt, wenn ich mich völlig aufopfere. Aufzuhören oder Pause zu machen bedeutet nicht, dass du dann ein schlechter Mensch bist.

Antonia: Ok, noch gefragt, wann wird es euch zuviel, wann verlässt ihr ein Projekt?

Eduard: Basically the only reason I leave a project is when there is money (or another ressource) involved and not everybody in the project is able to decide on how to distribute it. This creates an inequality that I don’t want to support, especially when it’s expected of me to volunteer a lot for the project.

Sanna: Gerade bei neuen Projekten herrscht oft ein hoher Anspruch an Kollektivität, also alles gemeinsam auszudiskutieren und im Kollektiv zu entscheiden, den ich zwar sehr bewundere, aber wo ich schon weiss, in zu grossen Gruppen habe ich keine Geduld dafür. Teilweise ist es wohl eine Typfrage, dass gewisse Menschen das einfach besser können als andere. Und es ist auch eine Frage der Erfahrung: Wer noch nie so einen kollektiven Prozess durchgemacht hat, muss erst noch lernen, wo seine persönlichen Grenzen dabei sind. Für sie ist es wichtig, diese Erfahrung zu machen und dem möchte ich nicht im Weg stehen, also ziehe ich mich in solchen Prozessen eher etwas zurück.

Antonia: Für mich hat bisher Kollektivität in kleinen Gruppen bis circa fünf Personen recht gut funktioniert und dort habe ich sie auch sehr schätzen gelernt. Aber in grösseren Gruppen wurde es für mich wirklich schwierig und ich glaube, das liegt an der Sache selbst: Wenn mega viele Leute involviert sind, geht es einfach nicht mehr, dass alle alles automatisch erfahren. Da muss man anfangen, Arbeit aufzuteilen – und das macht wiederum einen hohen Anspruch an Kollektivität schwierig. Alles in allem sehe ich, wir haben alle unterschiedliche Gründe dafür, warum wir uns engagieren, oder auch wieder zurückziehen!

Lorenz: Ja, danke für das Gespräch! Ich finde grad, eigentlich könnten wir uns das gegenseitig öfter fragen in Projekten?

Eduard: Maybe that could help with understanding the dynamics in a group better...

Vera: Und sowieso bekomme ich grad Lust, wieder mal zusammen eine Soirée zu organisieren!

P.S.: Über unterschiedliche Beweggründe, warum Menschen sich engagieren und darüber, wie man dies als Kollektiv berücksichtigen kann, haben wir auch im Buch “Organisiert euch!” ab Seite 282 geschrieben.

Ein:e Aktivist:in fragt
Diese Kolumne steht im Zeichen des Fokusmonats «Misch dich ein!», eine Kooperation von Tsüri.ch und der Urban Equipe, und unterstützt durch die «Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zürich», durch den Integrationskredit des Bundes im Rahmen des Programm «Citoyenneté – mitreden, mitgestalten, mitentscheiden» sowie durch das Kantonale Integrationsprogramm der Fachstelle Integration Kanton Zürich und den Integrationskredit der Stadt Zürich. Die Equipe wird ausserdem gefördert vom Migros-Pionierfonds, Teil des gesellschaftlichen Engagements der Migros-Gruppe.

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