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Illustration: Anna Brückmann

Ein:e Aktivist:in fragt: «Wie umgehen mit der Macht, die durchs Machen entsteht?»

Wer viel macht, häuft automatisch Wissen und Erfahrung an, trifft Entscheidungen, setzt Dinge um, ist Anlaufstelle für andere und hat dadurch häufig auch viel (informelle) Macht in einer Gruppe. Wir haben einige anonyme Anekdoten von solchen meist unfreiwillig «mächtigen» Macher:innen gesammelt.
31. Mai 2021

Von Urban Equipe.


In fast jedem Kollektiv gibt es sie: Die Person, die schon seit vielen Jahren dabei oder extrem aktiv ist und die bei allem gefragt wird, fast egal worum es geht. Wo ist der Schraubenzieher? Was besprechen wir beim nächsten Plenum? Wie funktioniert das mit der Spesenabrechnung? Wer schon einmal in so einer Position war, weiss:

  1. Macht zu haben ist nicht immer nur lässig.
  2. Macht abzugeben ist manchmal gar nicht so einfach.
  3. Macht teilen spart Energie.
  4. «Machen» macht zugänglich.
  5. Macht durchs Machen muss ständig neu verhandelt werden.

Ist euch das etwas zu abstrakt? Wir haben ein paar Anekdoten dazu gesammelt.

1. Macht zu haben ist nicht immer nur lässig

«Wenn der Kontostand sinkt, mach ich mir halt die grössten Sorgen; unangenehme Gespräche führen oder schwierige Entscheidungen treffen, bleibt meine Aufgabe, auch wenn ich in anderen Bereichen schon gut Verantwortungen abgeben konnte.»

«Es ist ja nicht nur lässig, Macht zu haben. Manchmal wollen viele Leute mitreden, aber keine Verantwortung übernehmen. Wenn du dann versuchst, Verantwortung zu übernehmen, damit es vorwärts gehen kann, hast du plötzlich mehr Macht als du willst. Eigentlich möchtest du nur etwas tun fürs Kollektiv, stehst vielleicht auch manchmal etwas alleine da, und gleichzeitig wirst du schnell mal kritisiert, besonders dann, wenn was falsch läuft.»

«Ich hätte viel mehr gestalten können, wenn ich mich nicht auch um den ganzen Kleinkram – Kalender, Spesen, Raumbetreuung und so weiter – gekümmert hätte. Das kann einen auch am Boden behalten. Um wirklich Macht zu haben, hätte ich viel mehr Care-Arbeit delegieren müssen.»

Meistens geht es den Menschen, die viel machen, gar nicht um «die Macht» – also nicht im Sinne davon, dass sie die Freiheiten von anderen einschränken oder über die Köpfe der anderen hinweg alleine entscheiden wollen. (Natürlich gibt es machthungrige Menschen auch in aktivistischen Kollektiven, aber das ist ein ganz anderes Thema.) Viel öfter ist es so, dass diese Menschen einfach schon lange dabei sind, viel Zeit und Energie in die Sache gesteckt haben, bestimmte sehr elementare Fähigkeiten für die Sache mitbringen und so weiter Und dass sie Dinge voranbringen wollen, und deshalb halt auch Verantwortung übernehmen, wenn es sonst keine:r tut (oder kann).

So intensiv dabei zu sein, ist natürlich auch ein Privileg. Nicht alle können es sich leisten, Zeit in Aktivismus zu stecken. Dieser Ungleichheit aufgrund gewisser Privilegien im eigenen Kollektiv aktiv entgegenwirken zu wollen, ist lobenswert. Aber für viele Kollektive bleibt es ein Spagat, wenn sie Hierarchien abbauen und gleichzeitig handlungsfähig bleiben wollen. Das Ideal, Hierarchien komplett abzuschaffen, ist meistens in der Praxis nicht zu 100 Prozent umsetzbar – in der Zwischenzeit tun wir unser Bestes, um mit Macht konstruktiv umzugehen!

Und das ist oft gar nicht mal so einfach. Gerade wenn du versuchst, Macht abzugeben, die du von Anfang an gar nicht haben wolltest.

Die Urban Equipe beantworten auch deine Fragen!
Im aktivistischen Alltag stellen sich uns viele kleine Hürden und grosse Herausforderungen in den Weg. Wie gut wäre es manchmal zu wissen, wie es andere machen! In der Kolumne «Aktivist:in fragt...» suchen Anna Brückmann, Antonia Steger und Sabeth Tödtli von der Urban Equipe Antworten auf deine konkrete Frage aus deinem aktivistischen Alltag. Dabei schöpfen sie aus dem Erfahrungsschatz des Handbuchs «Organisiert euch!», suchen aber auch neue Infos aus neuen Quellen, besprechen die Themen an den «Misch dich ein!»-Stammtischen , graben in der eigenen Erinnerung und fragen bei anderen Aktivist:innen nach – für dich und dein Engagement! Schick hier deine Frage (anonym) und die Urban Equipe versucht sich in einer Antwort!

2. Macht abzugeben ist manchmal gar nicht so einfach

«Ich möchte verzweifelt die Macht und die Anlaufstellen-Position loswerden, die ich grad habe. Läuft aber nicht so gut. Je mehr ich das mache, umso schwerer wird es, weil ich dadurch wieder sichtbar werde und dann Menschen was von mir wollen.»

«Der Wunsch, Macht abzugeben und das tatsächliche Verhalten ist ja nicht immer das Gleiche.»

«Wenn du zu jedem Thema einen wichtigen Input hast und den auch einbringen willst -– weil du vielleicht auch die einzige Person bist, die diese Infos hat – dann wird es halt schwierig. Gerade für Menschen, die mehr machen, ist es oft schwer, sich zurückzunehmen.»

«Die letzte Konsequenz der Verantwortung trage immer noch ich – rechtlich und persönlich. Das würde ich gerne teilen. Dafür braucht es aber eine sehr starke Bindung, der anderen Person muss es genauso wichtig sein wie mir. Dafür braucht es auch eine gewisse eigeninitiative Energie, und die kannst du nicht erzwingen.»

«Es geht auch nicht nur um Gleichverteilung. Sondern bei uns war es wichtig, herauszufinden wie wir es trotz ungleicher Verteilung von Ressourcen, Verantwortungen schaffen, dass sich alle wohl fühlen.»

Ihr müsst nicht alles gemeinsam entscheiden oder machen, um ein zugängliches Kollektiv zu sein oder Hürden abzubauen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel durch rotierende Rollen oder zugängliche Kommunikationskanäle, Einstiegsmöglichkeiten für Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen zu schaffen. (Mehr dazu in unserem Handbuch ab S. 57.) Und oft macht es Sinn, Kompetenzen an verschiedene Menschen zu verteilen, die sie selbständig bearbeiten können. Besonders bei Themen, welche nicht die Gesamtstruktur betreffen wie zum Beispiel die Entscheidung, welche Farbe das Poster für eure Veranstaltung hat.

3. Macht teilen spart Energie

«Und dann haben wir ernsthaft drei Tage lang diskutiert, in welcher Farbe der Flyer gestaltet werden soll. Dabei musste ich das am Ende umsetzen, und ja dann auch dahinter stehen können. Ich – und ich glaube auch die meisten Menschen – habe wenig Lust, mich ehrenamtlich in was reinzuknien, was ich gar nicht gut finde.»

«Eine Diskussion kommt bei uns immer wieder auf. Da fallen super Argumente, aber ich weiss aus Erfahrung: Es gibt für uns als Verein nur die eine Option. Irgendwer kommt aber trotzdem alle zwei Wochen wieder an mit dem Thema. Mich stresst das schon, wenn irgendwer es erwähnt. Die Energie könnten wir echt für was anderes nutzen. Ich kann die Diskussion aber auch nicht abwürgen, nur weil ich schon seit mehreren Jahren dabei bin – also halte ich es aus.»

«Wir haben möglichst viel Entscheidungsmacht an Kreise und Arbeitsgruppen abgegeben. Nur da, wo es das Gesamtprojekt angeht oder mehrere Menschen tangiert, oder Entscheidungen andere Dinge unmöglich machen, steigt die Entscheidung eine Ebene hoch. Diese Entscheidungspunkte und Kompetenzen versuchen wir zu definieren, soweit es geht. Manchmal ist es leicht, das abstrakt vorzugeben. Zum Budget sagen wir zum Beispiel: «Ihr habt das Budget XYZ, wenn ihr mehr ausgeben wollt, dann müsst ihr Bescheid sagen. Bei anderen Dingen ist es schwerer und zeigt sich erst im Einzelfall – aus solchen Situationen heraus versuchen wir dann, Regeln für die Zukunft abzuleiten.»

Macht zu teilen und sich mit ihr auseinanderzusetzen kann für ein Kollektiv also sehr wertvoll sein. Man kann es aber damit auch übertreiben: Ein ständiges Hin und Her kann verunsichern, Hürden aufbauen und Aktivitäten abbremsen. Darum ist es auch wichtig, sich zu fragen: Wie viel Auseinandersetzung mit unseren Machtstrukturen erträgt unser Kollektiv gerade? Oder anders gefragt: Ab wann wird eine Diskussion um Machtstrukturen sogar kontraproduktiv, wann ist es vielleicht wichtiger Dinge auch einfach mal zu machen statt endlos darüber zu reden? Weil je länger und intensiver und häufiger solche Grundsatzdiskussionen stattfinden, und je weniger einfache Mitmach-Möglichkeiten es gibt, desto mehr Menschen schliessen wir damit aus. Sei es, weil sie nicht mehr nachkommen oder schlicht keine Zeit dafür haben, diese abstrakten Diskussionen zu führen. Und das betrifft vor allem die Menschen, die eigentlich von der Macht-Umverteilung profitieren sollten.

4. «Machen» macht zugänglich

«Unser Motto: Wir können nachher immer noch drüber sprechen, so schlimm kann’s ja nicht sein. Wir machen lieber etwas, als vorher zu lange zu abstrakt zu diskutieren. Es ist besser, rechtzeitige und ernsthafte Auswertungsgespräche einzuplanen, als vorher ewig an der perfekten Lösung rumzudoktern. Bisher funktioniert das bei uns gut – aber du musst natürlich damit rechnen, dass es auch mal wehtut.»

«Ich habe das Gefühl, es ist eine eher unbeliebte Meinung unter linken Macher:innen, aber: Ich bin grosser Fan von klaren Zuständigkeiten. Das bedeutet nicht, dass die Macht nur bei einer Person liegen muss. Aber ich bin froh, dass es bei uns verschiedene Bereiche gibt und einen Rahmen, in dem Menschen einfach machen können. Dadurch kam es natürlich auch vor, dass nicht alle 100 Prozent hinter dem Resultat stehen konnten oder es genau so gemacht hätten – aber das finden wir auch ok so, das halten wir aus.»

«Wenn verschiedene Arbeitsgruppen entstehen, die relativ eigenständig ihr Ding machen, wird es umso schwieriger sicherzustellen, dass alle alles wissen, was grad passiert. Wer behält nun den Überblick? Dann muss man anfangen, Organisations-Strukturen aufzubauen. Und voilà, so kommt plötzlich doch wieder eine Art ‘Schaltzentrale’ ins Spiel, ob diese nun informell bei wenigen Leuten liegt, ob sie ‘Vorstand’ genannt wird oder ‘Koordinationstreffen’ oder ‘Kerngruppe’ oder was auch immer. Diese Leute haben aber automatisch mehr Macht als andere – ein Paradox! Man will dem Kollektiv helfen und macht damit gleichzeitig die Kollektivität kaputt. Ich glaube die Lösung liegt darin, nicht diese Positionen abzuschaffen, sondern nach Wegen zu suchen, die Personen an diesen Positionen immer wieder zu wechseln und voneinander zu lernen.»

«Wenn man Macht nicht als ‹das Regulierende von Oben› sondern als Kraft, die dich empowert, versteht, dann geht es nicht mehr ausschliesslich darum, Entscheidungen zu treffen oder über andere zu bestimmen, sondern insbesondere um die Befähigung,

«Neues zu lernen, mitzumachen, die Möglichkeiten des Machens zu vergrössern. Und das hält uns zusammen: Weil es keine Pflichtarbeiten sind, sondern wir uns gegenseitig etwas beibringen und Neues entdecken oder lernen, gemeinsam Dinge machen, die wir nicht alleine machen können.»

5. Macht muss immer wieder neu verhandelt werden

Hier sollten wir wohl eigentlich irgendeine schlaue Abschlussposition zum Thema Macht und Machen bieten. Tatsächlich ist es aber ein Thema, das uns immer wieder beschäftigt, das uns manchmal nervt, aber über das wir dann doch wieder viel reden, weil es wichtig ist.

Aber womöglich ist das gerade der Witz an einem sorgfältigen Umgang mit dem Thema: Dass Macht immer wieder offen angesprochen und verhandelt werden muss. Ohne dass dabei das Machen zu kurz kommt.

Ein:e Aktivist:in fragt
Diese Kolumne steht im Zeichen des Fokusmonats «Misch dich ein!», eine Kooperation von Tsüri.ch und der Urban Equipe, und unterstützt durch die «Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zürich», durch den Integrationskredit des Bundes im Rahmen des Programm «Citoyenneté – mitreden, mitgestalten, mitentscheiden» sowie durch das Kantonale Integrationsprogramm der Fachstelle Integration Kanton Zürich und den Integrationskredit der Stadt Zürich. Die Equipe wird ausserdem gefördert vom Migros-Pionierfonds, Teil des gesellschaftlichen Engagements der Migros-Gruppe.

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