🎄27 Dezembo-Membo🎄

Illustration: Anna Brückmann

Ein:e Aktivist:in fragt: «Wie machen wir auf unsere Aktion aufmerksam?»

Eine professionelle Kommunikations-Abteilung haben wir nicht. Und auch keine bestens vernetzte Lobby-Löwin im Kollektiv, die alle bis zum Bundesrat kennt. Doch auch Kollektive können kommunizieren. Halt etwas anders. Für euch haben wir einen Tag lang Logbuch geschrieben: Voilà, der ganz normale Wahnsinn eines Kommunikations-Marathons!
10. Mai 2021

Von Urban Equipe.


7:30

Der Wecker klingelt. Snooze.
Der Wecker klingelt nochmals. Okeoke dännhalt. Was ist heute dran?

8:00

Heute mache ich die Kommunikationsarbeit für unsere Aktion nächste Woche. Beim Kaffee schreibe ich mir schon mal auf, welche Multiplikator:innen ich für die Aktion aktivieren könnte: seelenverwandte Vereine, thematisch passende Plattformen oder gut vernetzte Personen, deren Community ein mögliches Zielpublikum ist. Ich frag meine WG nach zusätzlichen Ideen.

8:30

Laptop auf. Ich poste den Event auf unserer Facebook Seite. Dazu tagge ich alle beteiligten Akteur:innen – alle, die mitmachen, mit-organisieren, auftreten, aber auch die Location, die Sponsor:innen... Zuunterst der Hashtag, den wir gestern extra erfunden haben.


In den Kommentaren unter dem Post tagge ich die Multiplikator:innen von meiner Liste mit dem Hinweis: «Vielleicht auch für euch interessant? Falls ja, gerne teilen.» Wer noch nicht mediale Aufmerksamkeit oder nationale Strahlkraft hat, ist auf ein System angewiesen, bei dem sich Kompliz:innen gegenseitig zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. So werden nicht nur die eigenen, sondern auch angrenzende Bubbles erreicht. Gemeinsam sind wir stärker. Bubble für Bubble bauen wir uns gegenseitig auf, werden sichtbar und unüberhörbar – dies zumindest die Hoffnung.
Ich tagge auch ein paar lokale Zeitungen – vermutlich umsonst. But worth a try.
Eine Minute später hat Bence es schon geteilt. Auf ihn ist Verlass. <3

9:00

Wann war nochmal ein guter Zeitpunkt für Instagram-Posts? Mein Bauch sagt: Vor dem Mittagessen, wenn das Spaghettiwasser kocht. Also erst mal noch kurz warten...

9:10

Ich erinnere alle Beteiligten und Multiplikator:innen nochmals daran, Infos zur Aktion zu teilen. Dafür haben wir ihnen letzte Woche schon ein Kommunikationskit geschickt und uns gemeinsam im Video-Call abgesprochen. Mittlerweile wissen wir, was in so ein Paket alles rein muss, damit Menschen nur noch kopieren müssen: Titel, Text (zwei Varianten: Innenperspektive für Beteiligte, Aussenperspektive für darüber Berichtende), wichtige Links und Hashtags, sowie ein gutes Bild (in Hoch-, Quer- und Quadratformat).

Jetzt erstmal duschen und danach schauen, ob die Erinnerung was gebracht hat.

10:00

Ich schreibe E-Mails an ein paar Zeitungen, obwohl ich weiss, dass es nichts bringt. Einzeln natürlich. Und mit separaten Erklärungen dazu, warum das nun ausgerechnet ihre Leser:innenschaft besonders betrifft. Die Medienmitteilung kommt in den Anhang (Als Word-Dokument. Ist praktisch zum kopieren, hat Simon gesagt). Darin sind Sätze so formuliert, dass die Zeitung sie eigentlich nur noch copypasten kann – wenn sie will. Es sind sogar Zitate von uns dabei. Für den Fall, dass eine Zeitung doch noch Infos braucht, steht da als Kontaktperson auch mein Name und meine Nummer. Das heisst, dass ich heute auch wirklich rangehen muss, falls eine unbekannte Nummer mich anruft.

11:30

Ok, der Mittag rückt näher. Zurück zu Insta! Nicht so meine Stärke. Ich bitte Anna, mir zu helfen. Auch hier: Leute markieren nicht vergessen. Vor allem in den Stories – sonst können sie es nämlich nicht teilen. Anna hat den Tipp, «unwichtige» Tags hinter was anderem zu verstecken oder ganz ganz klein zu machen, wenn’s zu viele sind. Die müssen ja nicht sichtbar sein, um zu funktionieren. Und wohin mit dem Link? Wir haben leider keinen Super-Pro-Account wie unsere Freund:innen bei Tsüri.ch – dafür bräuchten wir mehr Follower. Ohne super-Pro-Account auch keine «swipe-up» Option. Der Link muss also in die Bio – in den Beschrieb unseres Insta-Accounts, sagt Anna. Noch ein Sticker in die Story, Link in der Bio. Fertig.

Insta-Stories dauern immer länger als gedacht. Graaaaaaaaaa jetzt hat’s wieder das falsche Objekt nach vorne genommen oder grösser gemacht. «Wie machen das Menschen, die grössere Finger haben?», fragt sich Anna.

11:50

Mir fällt noch eine Facebook-Gruppe ein, in die ich die Aktion unbedingt reinposten will.

Ausserdem schreib ich Sascha ne SMS. Der kennt alle und alle kennen ihn. Und die Leute vertrauen ihm. Er ist quasi unser Botschafter in die Generation unserer Eltern. Und auch die wollen wir dabei haben. Umgehend kommt eine SMS zurück, mit einem Link von seinem nächsten Event. Eine Hand wäscht die andere.

Mittagessen. Ich frage die anderen, wo sie sich eigentlich über interessante Events informieren: Wie früher in den Zeitungen oder im Züritipp? Ronorp? Tsüri-Agenda? Zürich unbezahlbar?... Es kommen noch ein paar neue Tipps zusammen.

13:20

Bei den gesammelten Online-Agendas suche ich nach Eingabeformularen oder E-Mail-Adressen und schicke ihnen die Infos zur Aktion mit der Bitte, dies doch in ihre Agenda aufzunehmen. Dabei versuche ich die Infos bereits in der Form zusammen zu stellen, wie sie dort auch angezeigt werden.

14:10

Zwischendurch verschicke ich unser Buch an ein paar Zeitschriften, in der Hoffnung auf einen Bericht darüber oder eine Rezension. Den Begleitbrief schreibe ich von Hand. Ich habe gemerkt: Er wird dann eher gelesen. Es gibt dann sogar eine Antwort und ein Dankeschön.

Anna sitzt neben mir und zeichnet von Hand einen Flyer. Ja, es muss ja nicht immer Indesign sein. Den Flyer hauen wir danach einfach auf unseren Schwarz-Weiss-Kopierer. Mit farbigem Papier sieht das ganz hübsch aus und spart uns Druckkosten.

Die Urban Equipe beantworten auch deine Fragen!
Im aktivistischen Alltag stellen sich uns viele kleine Hürden und grosse Herausforderungen in den Weg. Wie gut wäre es manchmal zu wissen, wie es andere machen! In der Kolumne «Aktivist:in fragt...» suchen Anna Brückmann, Antonia Steger und Sabeth Tödtli von der Urban Equipe Antworten auf deine konkrete Frage aus deinem aktivistischen Alltag. Dabei schöpfen sie aus dem Erfahrungsschatz des Handbuchs «Organisiert euch!», suchen aber auch neue Infos aus neuen Quellen, besprechen die Themen an den «Misch dich ein!»-Stammtischen , graben in der eigenen Erinnerung und fragen bei anderen Aktivist:innen nach – für dich und dein Engagement! Schick hier deine Frage (anonym) und die Urban Equipe versucht sich in einer Antwort!

14:50

Ich sage allen im Kollektiv nochmals, dass sie doch bitte in ihrem privaten Umfeld nochmals Werbung machen sollen. Facebook zum Besipiel reagiert nun mal vor allem auf private Einladungen oder Statements. ...

Kleine spontane Wut: Sascha hat unseren Event grad gepostet, aber nicht dazu geschrieben, dass er von uns kommt! Und den Link hat er auch vergessen! Entspann dich Sabeth, nicht so schlimm, es geht um die Sache, nicht um dein Ego. Ist ja toll, dass er’s überhaupt teilt. Und den Link kannst du ja noch dazu kommentieren. Saures Einhorn essen und weiter geht’s.

15:20

Ich poste nochmals was auf Facebook. Diesmal keinen Link, sondern ein Bild. Ich hab mal gehört, dass Bilder am besten funktionieren, also am besten ausgeliefert werden... Dummerweise habe ich das Bild von der Aktion nicht im richtigen Format, und meine Lizenz für Photoshop ist abgelaufen. Egal, ich öffne das Bild möglichst gross auf meinem Bildschirm und mache einen Screenshot von dem Ausschnitt, den ich haben will. Command-Control-Shift-4 und zack, hab ichs in der Zwischenablage. Command-V auf Facebook, voilà.

Auf Facebook sehe ich einen lässigen Event von Architecture for Refugees. Ich schreib es mir auf ein Post-it. Heute kann ich’s nicht teilen, unsere Kanäle sind schon zu voll. Aber morgen. Es ist ein Geben und Nehmen.

Wir diskutieren, ob wir noch Zeit haben, ein lustiges Video oder GIF zu produzieren. Wir entscheiden: Nein. Es ist schön, nicht alleine hier zu sitzen. Normalerweise ist Kommunikation ein einsamer Job – zumindest im ehrenamtlichen, aktivistischen Kontext. Die Präsenz aller bündelt sich bei Vorbereitungssitzungen, beim Bauen, Kochen, bei der Aktion, an der Demo... Aber die, die den Job gefasst hat, die Kommunikation zu koordinieren, sitzt Tage oder sogar Wochen davor irgendwo alleine am Laptop und kommuniziert einsam vor sich hin. Irgendwie ironisch.

16:00

Zvieri-Pause: Wir holen einen Nussgipfel beim Beck. Ich erinnere die anderen im Kollektiv nochmals daran, in ihrem privaten Umfeld Werbung zu machen. Ja, ich nerve.

16:20

Weil ich denke, dass es nun wirklich die ganze Bubble mitbekommen hat, entscheide ich mich dafür, den einen Facebook-Post noch als bezahlte Werbung zu verbreiten. Dafür definiere ich die Zielgruppe mit dem Quartier oder dem Thema der Aktion. Ein paar Stunden später bereue ich das schon fast. Denn mit bezahlten Posts erreicht man halt auch Menschen, die damit gar nix anfangen können, und dann gibt es schnell mal abschätzige Kommentare von irgend so einem Peter, der meint, er müsse eine Meinung dazu haben.

16:30

Newsletter! Bisschen Dinosaurier-Technologie, aber irgendwie doch gut. Einziges Problem: Wird nicht unbedingt sofort gelesen. Umso wichtiger, dass ich nicht bis morgen damit warte. Im Betreff schreibe ich direkt worum es geht. Kein Slang, keine Metaphern, keine Ironie. Ich frag im Kollektiv, ob’s aus anderen Projekten was zu berichten gibt. Schliesslich wollen wir nicht jede Woche einen Newsletter verschicken. Vor dem Abschicken nochmals alle Links testen. Da steckt meistens irgendein Fehler drin. Antonia liest nochmals drüber, weil ich die Bäume vor lauter Wald nicht mehr sehe. Und senden!

Ah ja, ich darf nicht vergessen auch bei der Aktion wieder eine Liste auszulegen für Leute, die sich für den Newsletter anmelden. Da kommen immer ein paar neue Adressen zusammen. Heutzutage lässt sich das ja gut mit der Contact-Tracing-Liste kombinieren. Da einfach noch eine Zusatzbox «ich will mich auch für den Newsletter anmelden.»

19:00

Ich teile den Post, den ich morgens auf Facebook schon gemacht habe, nun auch noch auf Linkedin. Danila hat zwar immer gesagt, man solle für unterschiedliche Kanäle auch unterschiedliche Inhalte vorbereiten, oder zumindest anders formuliert, mit neuen Argumenten, sodass es für Leute, die beides mitkriegen, nicht langweilig wird. Aber ich bin müde und hungrig. Nächstes Mal plane ich mehr Zeit ein. Wobei – das nehme ich mir jedesmal vor.

19:10

Twitter! Twitter hab ich vergessen! Vielleicht hab ich Glück und Lars hat’s schon gemacht. Ja. Hat er. Phu.

20:30

Ich gehe zum Community-Znacht in der Zentralwäscherei. Der ZWZ-Verein ist auch bei der Aktion beteiligt, die meisten Mitglieder haben aber noch nicht genau verstanden, worum es geht. Oje, geht es allen Beteiligten so? Na gut, Mund-zu-Mund ist zwar die aufwendigste, aber auch eben die glaubwürdigste Art der Kommunikation. Ich erkläre nochmals. Mittlerweile kann ich das schon, ohne mir selbst dabei zuzuhören. Könnt ihr mir nochmals den Rotwein rüber geben bitte? Danke....

00:30

Ich liege im Bett und sehe kariert. Da fällt mir ein: Ah, da gibt’s doch diese Telegram-Gruppe für unkommerzielle Events! Ich schreib's mir auf meinen Zettel. Das mach ich morgen, falls ich’s dann noch lesen kann.

1:10

Schaf, Baum, Glacé, Schaf, Baum, Glacé.... oh, den Slack-Channel hab ich vergessen, wo lauter spannende Leute drin sind. Ich schreibs... Nein egal, das Licht wäre jetzt zu hell.

Nachts träume ich davon, wie wir mit lustigen, selbstgedruckten Plakaten durch die Strassen ziehen, sich immer mehr Leute dem Umzug anschliessen, wie eine bunte Bubble; wie wir immer lauter werden und am Schluss ein überdimensionales Mikrofon herunterfährt und uns zu unserer Meinung fragt.

Ein:e Aktivist:in fragt
Diese Kolumne steht im Zeichen des Fokusmonats «Misch dich ein!», eine Kooperation von Tsüri.ch und der Urban Equipe, und unterstützt durch die «Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zürich», durch den Integrationskredit des Bundes im Rahmen des Programm «Citoyenneté – mitreden, mitgestalten, mitentscheiden» sowie durch das Kantonale Integrationsprogramm der Fachstelle Integration Kanton Zürich und den Integrationskredit der Stadt Zürich. Die Equipe wird ausserdem gefördert vom Migros-Pionierfonds, Teil des gesellschaftlichen Engagements der Migros-Gruppe.

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