Ein Ort, der die Stadt verändern wird

25. August 2016


Am Sonntag eröffnet im Kreis 1 der Pavilleon. Es soll ein Ort entstehen für Diskussionen über unsere Stadt, das Zusammenleben und um die Rückeroberung des öffentlichen Raums. Tsüri.ch durfte bereits einen Blick reinwerfen und mit Mitinitiantin Sabeth Tödtli sprechen.

Bahnhofstrasse. Kaum ein Ort, an dem ein Stadtzürcher gerne seine Zeit vertreibt. Touristen bestaunen die Uhren hinter den blitzblanken Schaufenstern, Anzüge mit Aktentaschen in der Hand hetzen zurück ins klimatisierte Büro, Konsumenten lassen sich vom Parfumduft des Manors verführen. Und mittendrin? Dieses seltsam anmutende Häuschen, in dem kein Konsumzwang herrschen soll? Direkt neben der Bahnhofstrasse am Werdmühleplatz entsteht derweil ein Ort, der sich mit der Paradoxie der Lokalität befassen will: Stadt, Verdrängung, Rückeroberung des öffentlichen Raums.

Während den nächsten zwei Jahren finden hier Veranstaltungen statt, welche sich mit unserem Lebensraum auseinandersetzen werden. Der Pavilleon ist Bühne, Ausstellungsraum, Präsentationsfläche oder Handlungsraum für verschiedene Aktionen. «Das Programm befindet sich jedoch noch in der Konzeptionierung», sagt Mitorganisatorin Sabeth. «Aber die Stadt ist auch ein Prozess, also darf unser Projekt es auch sein. Wir haben viele Partner, welche hier Veranstaltungen durchführen werden». So sollen beispielsweise Stammtischgespräche über aktuelle Themen von Res Republik durchgeführt, Installationen vom Amt für Alles in Szene gesetzt oder kleinere Konzerte von unendlich&eins organisiert werden. Auch grosse Namen wie die Rote Fabrik oder das Theater Neumarkt sind Teil des Projekts.

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Voneinander lernen

Das Kollektiv ist eine wilde Ansammlung von Künstlern, Architekten und Aktivisten, welche sich mit dem Thema Stadtentwicklung auseinandersetzen. Dabei steht nicht primär die Vermittlung im Vordergrund, sondern das offene Gespräche. «Wir wollen den Wissensaustausch fördern», sagt Sabeth. «Wir wollen voneinander lernen, wie wir uns die Stadt denken, wie wir zusammenleben wollen.» So sollen auch Gäste aus anderen Städten wie Berlin oder sogar Bern eingeladen werden.

Der Pavilleon will nicht Spektakel bieten, sondern Denkfabrik und Forschungsstation sein. «Ich glaube, dass tief in uns das Wissen schlummert, wie wir uns unseren Lebensraum vorstellen», sagt Sabeth. «Nur ist es in einer scheinbar so perfekt funktionierenden Stadt wie Zürich schwer, noch den Anreiz zu finden, weiter zu denken oder gar etwas verbessern zu wollen. Dies soll ein Raum sein, in dem wir es aus unseren Mitmenschen herauskitzeln». Der Pavilleon will die Stadt verändern. «Durch Gespräche, durch spielerische Aktionen und durch das Entwickeln von Utopien wollen wir die Menschen ermutigen, ihren eigenen Lebensraum mitzugestalten».

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Der Werdmühleplatz

Doch wo findet man nun diesen Wermühleplatz? «Niemandem dem ich vom Pavilleon erzählt habe, wusste, wo dieser Platz ist», sagt Sabeth. «Jeder kennt den Platz auf irgendeine Weise, aber niemand weiss dessen Name.» Der Platz bewegt sich zwischen klinischem Tod und ermüdeten Touristen, Shopping-Begeisterten und Beamten aus den umliegenden Amtshäusern, die ihr Mittagessen auf der Parkbank abhalten. Der Platz ist umschlossen von schönen alten Amtshäusern und der dichtbefahrenen Uraniastrasse. Ein eigentlich wunderschöner, aber steriler Ort.

Doch gerade diese Sterilität, diese vollendete Gentrifizierung verleiht dem Projekt den nötigen Reiz. «Wenn man irgendwo im Kreis 3 oder 4 ein solches Vorhaben vorantreibt, muss man immer Angst haben, dass man zur Verdrängung beiträgt», sagt Sabeth. «Diese Angst habe ich hier nicht. Denn hier ist dies schon längst geschehen.» Den Werdmühleplatz könne man nicht mehr gentrifizieren. «Was man jedoch noch kann, ist, den Kreis 1 aufzumischen und zurückzuerobern.» So sollen auch verschiedenste Akteure aus anderen Stadtkreisen Platz im Pavilleon finden, welche längst aus dem Herzen der Stadt verdrängt wurden.

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Pavilleon, ein städtisches Projekt

Das Häuschen, ehemals Ticketcorner und Infopoint, wird von der Stadt zur Verfügung gestellt. Der Raum wurde öffentlich ausgeschrieben. «Zuerst dachten wir, das ist nichts für uns», sagt Sabeth. «Zwei Jahre ist eine lange Zeit. Wir wussten damals nicht, ob wir uns so lange einem Projekt verpflichten wollten.» Zwei Tage vor der Anmeldefrist habe man sich dann doch entschlossen, sich zu bewerben. Dann habe es ein Vorsprechen bei Stadtrat Filippo Leutenegger gegeben. Die Zusage liess nicht lange auf sich warten. «Eine halbe Zigarettenlänge später hatten wir den Raum».

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Der Ort hätte auch gänzlich anders genutzt werden können. So hätte sich die Stadt beispielsweise auch eine kommerzielle Nutzung dort vorstellen können. Doch das Projekt Pavilleon hat gewonnen. Ein Projekt das in den Hauptträgern Nextzürich, eine Stadtentwicklungsplattform, und zURBS, das sozial-artistische Stadtlabor, eine nicht-kommerzielle Nutzung gefunden hat.

Am Sonntag ist Eröffnung

Sabeth betont immer wieder, dass nicht etwa sie allein das alles hier organisiere: «Einige der Mitbewerber der Ausschreibung haben wir auch gleich an Bord geholt. Und auch sonst, arbeiten hier um die zehn Leute, die den Umbau und das Programm mitgestalten.» Die Vorbereitungsarbeiten laufen noch auf Hochtouren. «Heute streichen wir noch», sagt sie. «Und viele andere kleine Arbeiten stehen noch an, bis am Sonntag die Eröffnung stattfindet».

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Alles, was man sich vorgenommen habe, konnte man nicht bis zur Eröffnung verwirklichen. «Es waren noch Sommerferien und vielen waren weg», sagt Sabeth. «Beispielsweise wollten wir Möbel für den Aussenraum bauen. Das haben wir jetzt auf nächsten Frühling vertagt». Denn auch die Vorzone des Pavilleon darf genutzt werden. Darin sieht Sabeth eine erste Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Wie das mit den Nachbarn bezüglich Nachtruhe dann aussieht, ist noch unklar. «Wir wissen bis heute nicht, ob hier auch Menschen leben».

Die Eröffnung findet zwar an einem denkbar ungünstigen Wochenende statt. Es ist Zürich Openair, Dörflifäscht, unzählige Platzfester. Doch davon lässt man sich nicht beirren. «Bei uns kann man am Sonntag zum Brunch vorbeischauen», sagt Sabeth. «Wir bieten Food Waste so lange es hat». Wann hast du schon mal im Kreis 1 in einem unfertigen, nicht-kommerziellen Lokal gebruncht?
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