Ein Nein ist ein Nein – auch von der Frau hinter der Bar

Ob in hippen Bars mit aufgeschlossenen Gästen oder in dunklen Chnellen mit treuen Stammkunden: Zürcher Barkeeperinnen werden belästigt. Eine breite öffentliche Diskussion über Sexismus und mehr Zivilcourage könnten erste Abhilfe schaffen.
10. März 2017

«So was Hübsches wie du könnte doch gut bei mir zu Hause putzen», sagt der Bargast in durchdringendem Ton. Die junge Frau hinter dem Tresen reagiert mit kaltem Humor: «Du siehst doch, dass ich einen Job habe. Solche Kommentare kannst du also gerne unterlassen.» Die schwach dosierte, dennoch klare Abweisung kommt nicht gut an. Der Gast schreitet zum nächsten Angriff: «Ich kann doch riechen, dass du gerade nicht deine Tage hast.»

Die junge Frau arbeitet in einem angesagten Szenelokal in Zürich. Wie viele andere junge Barleute erlebt sie bei der Arbeit sexistische und verbale Attacken. Diese stammen keineswegs nur von Betrunkenen oder Aussätzigen.

«Solche verbalen Übergriffe rauben einem die Sicherheit und sind schwer zu verdauen», kommentiert die junge Frau die geschilderte Situation. «Natürlich stelle ich solche Leute umgehend vor die Tür.» Meist gehe dem jedoch ein mühseliges Verhandeln voraus. «Ich kann die Typen ja nicht einfach raus tragen, obwohl ich das gerne tun würde.»

Wenn sich jemand belästigt fühlt, ist es Belästigung.
Franziska Geiser-Bedon, Frauenberatung Zürich

Unter der Woche kommt es vor, dass nur ein, zwei verlorene Gäste im Lokal sitzen. «Dann sind solche Vorfälle keine Seltenheit» erklärt die Frau. Dabei zielten nicht alle Aussagen derart unter die Gürtellinie. «Doch auch Blicke von Gästen, die einem auf Schritt und Tritt folgen, können schon unangenehm sein». Von aussen sei dann jedoch schwer zu definieren, ob das Belästigung ist.

Franziska Geiser-Bedon von der Frauenberatung Zürich sagt dazu: «Wenn sich jemand belästigt fühlt, ist es Belästigung. Dabei muss noch lange keine Straftat vorliegen, toleriert werden darf es in keinem Fall.»

Andere Frauen, die hinter Zürichs Bartresen arbeiten, erzählen Ähnliches: «Ich werde bei jedem Einsatz mit sexistischen Sprüchen angemacht.» berichtet eine weitere Frau. Die Aussagen seien immer anstrengend, auch wenn sie im Kern vielleicht sogar nett gemeint seien. «Es ist unglaublich schwierig, auf ein nett gemeintes Kompliment, welches im Grunde einfach nur sexistisch ist, zu reagieren. «Ich kann ja schlecht sagen: Sag mir nicht, dass ich schöne Augen habe!» Da sei es einfacher, Grenzen zu setzen, wenn ein Gast sie beim Arm oder der Hüfte greife: «Dann kann ich mich sofort und unmissverständlich wehren, indem ich seine Hand wegschlage.»

Es nervt, wenn die gesetzte Grenze einfach ignoriert wird.
Barkeeperin aus Zürich

Machtgehabe

Die junge Frau im Szenelokal gehe gerne offen auf ihre Gäste zu und sei immer zu einem Scherz aufgelegt. Es sei auch okay, Komplimente zu bekommen. Doch es gebe Grenzen. «Ein Nein ist ein Nein.» Man wolle ja nicht verkorkst reagieren oder prüde sein. «Aber es nervt, wenn die gesetzte Grenze einfach ignoriert wird.» Es fühle sich jedes Mal wie ein Machtkampf an. Je weniger auf einen um Aufmerksamkeit buhlenden Gast eingegangen werde, um so beleidigender und eindringlicher würden dessen Sprüche. «Die Männer scheinen auszutesten, wie weit sie gehen können, obwohl ich mehrfach klar nein sage. Solche Erfahrungen vermiesen einem den ungezwungenen Umgang mit fremden Gästen und lassen mich misstrauisch werden.»

Alkohol keine Entschuldigung

Der Alkohol ist definitiv ein treibender Faktor hinter Übertretungen. Je mehr Alkohol fliesst, desto gelassener die Stimmung. Dennoch: «Jeder, der Alkohol als Entschuldigung für eine unangebrachte Anmache missbraucht, ist in meinen Augen ein Armleuchter», gibt eine andere Barkeeperin deutlich zu verstehen.

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Sexismus gehört nicht dazu

Gemäss Beobachtungen der Frauenberatung Zürich werden Übergriffe von Barpersonal wieder vermehrt geduldet. «Wir hören, dass vieles nicht als Belästigung wahrgenommen wird, obwohl es sich ganz klar um massive Übergriffe handelt.» Belästigungen würden als Teil des Jobs hinter der Bar hingenommen. Dies ist sehr bedenklich. Tatsächlich sei es schwierig global festzulegen, was im feuchtfröhlichen Nachtleben eine Anmache von einem verbalen Übergriff unterscheidet. «Gleiches wird von verschiedenen Leuten unterschiedlich verstanden. Doch wenn einem persönlich etwas nicht gefällt, muss man das nicht akzeptieren. Auch hinter der Bar nicht.»

In solchen Fällen empfehle ich, aktive Unterstützung im Betrieb zu holen und nicht einfach die Faust im Sack zu machen!
Alexander Bücheli, BCK

So sieht man das auch bei der Bar & Club Kommission (BCK) Zürich: «Sexuelle Gewalt hat nichts im Nachleben zu suchen, genauso wenig wie in jedem anderen Lebensbereich», sagt Alexander Bücheli von der BCK. Man solle das nicht tolerieren, weder als Gast noch als Angestellte. «In solchen Fällen empfehle ich, aktive Unterstützung im Betrieb zu holen und nicht einfach die Faust im Sack zu machen!» Je nach Vorfall ergibt es zudem auch Sinn, die Polizei hinzuziehen und Anzeige zu erstatten.

Mehr Zivilcourage würde sich Geiser-Bedon in solchen Situationen von den Herumstehen wünschen: «Ich empfehle immer Stellung zu beziehen». Auch die Frau aus der Szenebar fände dies hilfreich: «Jeder in der Bar registriert ja, dass ich einen solchen Umgang in keiner Art und Weise geniesse.» Natürlich müsse man nicht die Frau hinter der Bar verteidigen, aber ihre Aktionen unterstützen. «So haben mir ein paar Gäste tatsächlich schon geholfen respektlose Barbesucher aus dem Lokal zu befördern.»

Insgesamt könnte eine Debatte über Sexismus im Nachtleben die Situation entschärfen, findet eine der Frauen. Sie schlägt eine Kampagne ähnlich wie in Berlin vor: Kleine Schilder oberhalb der Bar mit den Worten «In dieser Bar wird Sexismus und Rassismus nicht toleriert» könnten den Anfang machen. «So wird automatisch darüber geredet und die Täter gleich als solche identifiziert.»

Titelbild: Screenshot/Instagram

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