Ausgestopfte Rentiere und leuchtende Palmen: Ein Nachmittag im Letzipark

Die Tsüri-Redaktion verlässt ihre «Bubble» und besucht Orte, an die sie sich sonst nie freiwillig hin verirren würde. Diese Folge führt ins Einkaufszentrum «Letzipark» in Zürich-Altstetten – an einem Samstagnachmittag! In der Vorweihnachtszeit!
08. Dezember 2017

Das Einkaufszentrum Letzipark habe ich bis anhin nur aus «Bau+Hobby»-Besuchen gekannt. Beim Osteingang bin ich jeweils schnell ins Untergeschoss gehuscht und habe im Baumarkt Pflanzen oder Farbe gekauft. Bevor das Letzipark-Ambiente auf mich wirken konnte, war ich schon wieder draussen. Das soll sich jetzt ändern, ich gönne mir einen Samstagnachmittag in diesem Shoppingparadies im Westen der Stadt – und zwar zur Adventszeit!

Der Letzipark wurde zwischen 1984 und 1987 erbaut. Entworfen hat das Gebäude der Architekt Felix Rebmann, der Papi der Einkaufszentren in der Schweiz. So stammt auch das «Shoppi Tivoli» in Spreitenbach und das «Seedamm-Center» in Pfäffikon im Kanton Schwyz aus seiner Feder. Wo heute der Letzipark steht, gab es früher nur einen Supermarkt mit ein paar Läden. Rebmann wandelte diesen in ein Einkaufszentrum der heutigen Grösse um. Der Letzipark hat von Montag bis Samstag von 9 bis 20 Uhr geöffnet. 1’500 Parkplätze und über 66 Geschäfte warten auf die Besucher*innen. Was die Automobilist*innen besonders freut: Drei Stunden Parken sind gratis. Velos findet man hier kaum, denn hier kaufen Kund*innen Mengen ein, die nur in einem Kofferraum transportiert werden können.

Es sieht nicht aus wie ein Shoppingcenter, könnte auch ein Bürogebäude oder ein gigantisches Solarium sein, denn der Schriftzug mutet tropisch an; aus dem Buchstaben «I» wachsen grüne Palmblätter.

Der Letzipark von aussen

Draussen grau, innen wow

Es ist kalt und trist. Dieser grau-blaue Block sieht überhaupt nicht einladend aus. Drinnen erwartet die Kund*innen das pure Gegenteil; ein weisser Steinboden und Lichterketten, die wie Lianen in den Innenhof hängen. Eine Frau mit einem Einkaufswagen, gefüllt mit Champagner-Kisten, schlingert über den glatten Boden in Richtung Lift. Ich nehme die Wendeltreppe ins Untergeschoss und betrete den Coop, will ein paar wenige Sachen einkaufen. Paare mit Einkaufswagen liefern sich Autoscooter-Duelle zwischen den Regalen. Eine Familie diskutiert, wieviel Raclette-Käse sie für heute Abend braucht, während ein Kind seelenruhig Schokolade aus den Regalen nimmt und am Boden auftürmt. Ehe ich mich versehe, liegt in meinem Einkaufskorb ein «esoterischer» Tee für knapp sieben Franken die Packung – geblendet von der riesigen Auswahl, habe ich zu irgendeinem gegriffen. Bei den Self-Checkout-Kassen gibt es einen kleinen Zwist zwischen zwei Frauen, die streiten, wer als erstes mit Bezahlen dran ist. Ich denke nur, Hauptsache raus hier. Der Einkauf hat so schon länger als gewohnt gedauert, die Ladenfläche ist einfach zu gross.

«Grosszügige» Weihnachtsdeko

Mit dem Zug durchs Winterwonderland
Gleich vor dem Coop funkelt und glitzert das Winterwonderland: Ein Zug fährt durch einen kitschigen Winterwald mit Plastik-Tannenbäumen, die mit Kunstschnee bedeckt sind. Er fährt vorbei an ausgestopften Füchsen und einem lebensecht grossem Rentier, das mit dem Kopf zum Takt der Weihnachtsmusik wippt. Vor dem Tickethäuschen hat sich eine Traube Menschen gebildet. Eine Fahrt kostet zwei Franken. Ein kleiner Junge schmeisst sich auf den Boden, windet sich und brüllt in einer mir unbekannten Sprache seine Mutter an. Aber seine Botschaft ist unmissverständlich: «Ich will n-o-c-h-m-a-l-s mit dem Zug fahren.» Stattdessen kauft ihm seine Mutter ein Gelato bei der Eisdiele, die anscheinend auch im Winter rege besucht wird. Ich gehe nach oben ins Erdgeschoss, wo Massagesessel für Entspannung sorgen sollen. Dummerweise sind alle vier von Leuten besetzt, die an ihren Smartphones rumdrücken, ohne die Massagefunktion überhaupt aktiviert zu haben. So hole ich mir halt einen Kaffee im Erdgeschoss. Neben mir kippt ein älterer Herr gerade eine Stange und plaudert mit der Serviertochter. Dem Gespräch nach zu urteilen ist er Stammgast hier. Der Kaffee ist ausgetrunken, mit neuer Energie schlendere ich durch die Gänge.

Das ausgestopfte Rentier ist in Weihnachtsstimmung

Auf jedem Stock leuchtet ein Auto, Helikopter oder Töff, ein Gefährt, das sich nach Einwurf einer Münze bewegt – mit der Weihnachtsbeleuchtung um die Wette. Objekte, die keinen Namen zu haben scheinen...

Fast immer geöffnet ist der McDonald’s: mittwochs und donnerstags von 07:00 bis 05:00 Uhr und freitags und samstags von 07:00 bis 06:00 Uhr. An den anderen Tagen schliesst er «schon» um 01:00 Uhr. Beeindruckende Öffnungszeiten, wenn man bedenkt, dass wir hier nicht an der Langstrasse, sondern in Altstetten sind – also schon fast in der Agglo. An diesem Samstagnachmittag ist er rege besucht, manch Happy Meal wird über die Theke gereicht

Wie werden diese Objekte überhaupt bezeichnet?

«Jemand hat gesagt, es funktioniert nicht»

Ermattet setze ich mich auf eine Bank im Obergeschoss, drei Teenie-Mädchen, sorgfältig geschminkt, geglättete Haare und in Turnschuhen mit entblössten Knöcheln, sitzen auch da. Ich frage sie, ob sie oft in den Letzipark kommen. «Ja, fast jeden Samstag», antwortet die eine. In die Stadt dürfe sie nicht alleine, in den Letzipark schon. Jetzt wollen sie weiter in den «Chicorée». Ein älterer Mann, in Trainerhosen, schütterem Haar und viel zu kalt angezogen für das Wetter draussen, übernimmt den Platz der Girls und fragt mich: «Es funktioniert hier nicht, oder?»

Ich: «Was funktioniert nicht?»

Er: «Whatsapp»

Ich: «Doch, also ich habe Empfang hier»

Er: «Jemand hat gesagt, es funktioniert nicht».

Er ist verwirrt, ich jetzt auch.

Kaffee trinken à la Letzipark

Was nach knapp zwei Stunden im Letzipark besonders auffällt; es sind an diesem Samstag vor allem Familien oder ganze Clans unterwegs. Für sie ist der Letzipark mehr als nur Einkaufen, sondern ein Hobby für den Samstagnachmittag: Kaffee trinken, Eis essen und mit Bekannten plaudern. Kaum jemand ist alleine da, und wenn, dann sind es Leute mittleren Alters, die zielstrebig durch die Geschäfte schreiten oder einsame Menschen, die ein Gespräch suchen – wie der Whatsapp-Mann. Ein permanent hoher Lärmpegel und Bildschirme, die auf die Spezialangebote hinweisen, ermüden sehr. Ich bin froh, als mich der Letzipark ausspuckt und mich draussen eine graue Nässe empfängt.

Hinweis: In diesem Artikel wurde das ausgestopfte Rentier im Letzipark zu Beginn fälschlicherweise als Elch bezeichnet. Danke für die zahlreichen Hinweise. Wir haben es angepasst.

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