Mehr Blockbuster als Gesellschaftskritik - die Dreigroschenoper

Rund neunzig Jahre ist es her seit der Uraufführung der «Dreigroschenoper» in Berlin. Nun feiert die Neu-Inszenierung des Stückes von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill Premiere im Schauspielhaus Zürich und bildet zugleich den Auftakt der neuen Spielsaison. Wie wird das Stück heute gespielt und viel wichtiger: Kann man mit drei Groschen in Zürich etwas anfangen?
15. September 2017
Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie Die Dreigroschenoper.
(Einleitung Brechts zur Schallplatten-Aufnahme)

Schicke Mäntel im Foyer des Pfauen. Tickets in den Händen, für welche es mit den drei Groschen nicht so ganz hingehauen hat. Das Schauspielhaus öffnet nach der Sommerpause wieder seine Pforten und fährt dabei gleich zu Beginn mit einem Schwergewicht der Theaterwelt auf: Bertolt Brecht wird gespielt, der Begründer des epischen Theaters, Verfechter eines ganz eigenen, parteifremden Kommunismus, dabei antitotalitär und stets für einen Seitenhieb in Richtung Bürgertum zu haben. Kurz: Einer, der sein Leben lang ganz genau hingesehen hat und dabei trotzdem immer wieder gerne mal mit dem Auge zwinkerte.

Unter der Regie von Tina Lanik stehen insgesamt vierzehn Schauspieler*innen auf der Bühne – darunter bekannte Gesichter aus dem Ensemble des Hauses (u.a. Isabell Menke, Jirka Zett, Klaus Brömmelmeier, Elisa Plüss) sowie jüngere Darsteller*innen, unter denen sich auch Studierende der ZHdK befinden. Ihnen allen stellt sich eine besondere Herausforderung: Das Singen zum Schauspiel, das leider mal im Gefecht des Stücks und andernorts im tosenden Orchester etwas untergeht. Die weltbekannten Lieder sind Ohrwürmer, die wie erwartet das Schauspiel nach Brecht’scher Manier immer wieder unterbrechen, um selber wiederum ironisch durch zynische Kommentare gebrochen zu werden.

Die junge Polly als Heldin des Stücks

Im Zentrum stehen Polly Peachum und Macheath (genannt Mackie Messer), die heiraten wollen. Nur ist der Gatte Mackie zufälligerweise der gefürchtetste Verbrecherkönig Londons. Auch nicht unwichtig: Pollys Vater, Jonathan Jeremiah Peachum, ist als Bettelkönig zu Reichtum gelangt, indem er sein Personal als mitleiderregende Bettler für sich arbeiten lässt. Schnell veranlasst Pollys Vater die Verhaftung von Macheath. Peachum wird dabei von Klaus Brömmelmeier gespielt, welcher in seiner stets golden gekleideten, schmierigen Figur mit einem Zuhältercharme der Extraklasse glänzt. Doch Mackie hat Verbindungen zum obersten Polizeichef der Stadt, der auch zur Hochzeit als Ehrengast vorbeischaut ...

Als scheinbarer Spielball zwischen den beiden Verbrechern ist es aber tatsächlich Polly, stark gespielt von Elisa Plüss, die den Abend dirigiert. Sie macht die Ansagen, leitet so manche Szene ein und führt das Publikum an der Hand durch das Stück. Wir erfahren die Beziehung zwischen der Welt des Verbrechens und derjenigen des selbstgefälligen Philistertums, auf deren Ähnlichkeit Brecht damals so vehement hingewiesen hat, modernerweise aus der Sichtweise der jungen Polly. Zunächst den starken Männern um sie herum ausgesetzt, ist es schliesslich sie, welche die Hosen anhat, während sich Mackie in ihr plüschenes Hochzeitskleid zwängt.

Die Rolltreppe: Sinnbild für den amerikanischen Traum?

Das Bühnenbild ist minimalistisch gehalten: Eine stillstehende, golden verzierte Rolltreppe auf einer Drehbühne, die dem Stück eine Kaufhausatmosphäre aufdrückt. Mal ist die Treppe Unterschlupf der Hochzeit von Polly und Mackie, mal Dach eines Gefängnisses, wiederum später ist sie gepflastert von den Huren Mackies, die geschichtet auf ihr liegen. Die Schauspieler*innen ziehen sich an der Treppe hoch wie an einer Rutschbahn, stürzen sie hinauf und hinab, lehnen sich an ihr an und benutzen sie als Laufsteg; stehen auf ihr wie Ware auf dem Fliessband.

Mit der elektrischen Treppe (eine amerikanische Erfindung) nimmt das Bühnenbild (in Kombination mit den Jazz-Einlagen als Prototyp der US-Popkultur) vorweg, was zu Brechts Zeit bald zur grossen gemeinsamen Sehnsucht des Westens werden würde: Der amerikanische Traum. Die unbegrenzte Möglichkeit des Aufstiegs für jedermann, gepaart mit unerschütterlichem Fortschrittsoptimismus: Man stelle sich nur auf die richtige Rolltreppe und habe ein klein wenig Geduld. Vom Tellerwäscher zum Bettelkönig im Paillettenbademantel à la Peachum.

Nichtsdestotrotz führt die Rolltreppe oftmals zu Verwirrung und wirkt manchmal etwas deplatziert und sperrig auf der Bühne. Sie scheint mehr Schein als Sein zu sein: Sie steht still, verschwindet ab und an im Hintergrund, verweilt dort als stumme Mahnung. Was bleibt, ist dieses seltsam mulmige Gefühl, das man auch dann hat, wenn man auf einer stillstehenden Rolltreppe geht: Der Traum ist heute ausgeträumt, die Hierarchien bleiben.

Wie oft sind es auch hier vor allem die Hauptcharaktere, welche an dem Theaterabend hervorstechen. Die Ganovenbande, die Huren und Bettler bleiben eher im dunkeln Hintergrund. Eine Ausnahme bildet die Szene, in welcher sich die Huren den Zuschauer*innen in räkelnder Pose anpreisen, sich selbst vermarkten. Selbstinszenierung als Privileg der Skrupellosen, als Manifest des Erfolgs. Manager und Gangsterbosse stehen im Rampenlicht und werfen lange Schatten, in denen ihr Gefolge versinkt.

Zuerst die Moral, dann der Schampus

Die Inszenierung bleibt trotz moderner Aufmachung insgesamt recht nah an der Vorlage Brechts dran, entwickelt dabei aber manche Stellen weiter: Die Freundschaft zwischen Mackie und dem Polizeichef Brown, welcher zutraulich wie eine Schmusekatze von Fritz Fenne gespielt wird, erhält unter der Regie von Lanik eine homoerotische Komponente, die kitschiger nicht sein könnte. Verbrechen und Bürgertum sind verwandt und sehnen sich nacheinander. Ganz im Sinn der oft heraufbeschworenen Ökonomisierung des Privaten: Wirtschaft, Gesellschaft und persönliche Begierde stecken wortwörtlich unter derselben Decke.

Auch die modernen und gestelzten Kostüme brechen mit der Authentizität der Inszenierung, verfremden das Schauspiel. Trotzdem regt das Stück leider nur teilweise zum Denken an, die gesellschaftskritischen Aspekte wirken mittlerweile in die Jahre gekommen. Die Neu-Inszenierung ist in erster Linie von Zuspitzung und Überhöhung gespeiste Unterhaltung, welche es manchmal gar zu sehr auf die Lacher des Publikums abgesehen hat. Es ist ein Abend, bei dem man die Textvorlage nicht im Vorhinein gelesen haben muss, um der Handlung zu folgen, er erfindet die Dreigroschenoper nicht völlig neu, aber weiss das Publikum gekonnt mit sich zu ziehen.

Zum Schluss kräftiger Applaus, die Saison im Schauspielhaus wird klatschend, stampfend und jubelnd eingeläutet. Dann Champagner als kostenloses Extra der Premiere im Foyer. Ob Brecht wohl Schampus mochte? Es werden auch Alternativen angeboten: Bier zum Beispiel. Ausnahmsweise auch umsonst.

Fotos/Copyright: Matthias Horn

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