💌 «Züri Briefing» 💌

Zürcher Aktivist:innen, die in den 80er-Jahren für das AJZ demonstrierten. (Foto: Miklós Klaus Rózsa)

Ein Blick zurück – was bewirkt Aktivismus konkret?

Aktivismus und aktivistische Menschen gibt es schon lange in Zürich. Jede Zeit hat ihre Themen und ihre Aktionsformen und während manche verschwinden, bleiben andere präsent oder tauchen nach Jahren wieder auf. Ein Überblick über die wichtigen Themen der letzten 40 Jahre, die Menschen, die sich engagiert haben und das, was davon geblieben ist.
20. Mai 2021
Freier Autor, Journalist und Lektor

Opernhauskrawall und AJZ, Rote Fabrik und Kino Xenix – die Ereignisse der Zürcher Jugendunruhen 1980 sind feste Begriffe der Stadtgeschichte geworden, die Nachwirkungen prägen ihr Kulturleben bis heute. Zwar gab es auch schon in der Zeit der 68er Auseinandersetzungen in Zürich, nicht zuletzt die Globuskrawalle. Und auch damals sei es schon um die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum gegangen, wie Christian Koller, Leiter des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich, erzählt. Bei den 80ern sei diese Forderung aber dazu noch sehr stark mit kulturpolitischen Anliegen vermischt worden.

Die Krawalle rund um das AJZ im Jahre 1981. (Foto: CC BY-SA 4.0, ETH Bildarchiv)

Eine der Gruppen, die sich damals für kulturelle Freiräume einsetzte, nannte sich Rock als Revolte. In ihr war Markus Kenner organisiert, der wegen seiner Liebe zur Punkmusik den Spitznamen Punky bekam. «Zürich hatte damals Nachholbedarf», erklärt er: «Es war in den 70ern Jahren total verschlafen, behäbig und bürgerlich. Beizen und Restaurants mussten um Mitternacht zumachen. Es gab nur drei, vier Orte, die bis zwei Uhr morgens offen hatten, dann war aber auch da Schluss.» Koller gibt die kulturpolitische Stimmung wieder: «Noch Ende der 70er Jahre behauptete der damalige Stadtpräsident Sigmund Widmer, es lohne sich gar nicht, als Stadt in Kulturformen wie zum Beispiel die Rockmusik zu investieren, denn man wisse ja gar nicht, ob es die in fünf Jahren noch gäbe. Der war kulturpolitisch wirklich noch in den 40ern steckengeblieben.»

«Punky» alias Markus Kenner war Teil der Gruppe Rock als Revolte. (Foto: Steffen Kolberg)

Die Freiräume von damals sind Teil des städtischen Kulturbetriebs geworden

Als zur Diskussion stand, dem Zürcher Opernhaus 60 Millionen Franken für einen Umbau zu bewilligen, während man gleichzeitig die Forderungen nach kulturellen Freiräumen ignorierte, kam es im Mai 1980 zu den berühmten Opernhauskrawallen. Sie läuteten zwei Jahre voller Auseinandersetzungen um ein Autonomes Jugendzentrum in Zürich ein. Das AJZ am heutigen Carpark an der Sihl wurde eröffnet, dann wieder geschlossen, wiedereröffnet und letztlich abgerissen. Was geblieben ist und sich seitdem etabliert hat, sind Kulturinstitutionen wie das Kino Xenix, die Rote Fabrik und Radio LoRa. An deren Weiterentwicklung beteiligten sich viele der damaligen Akteur:innen auch in den folgenden Jahren. «Anders als bei den 68ern war es nicht das Anliegen der 80er, den Marsch durch die Institutionen anzutreten», erklärt Koller: «Viele gingen in den Kulturbetrieb und nicht in die Politik oder die Gewerkschaften.»

Das nichtkommerzielle Kino Xenix ist über die Jahre zu einer wichtigen kulturellen Institution geworden und aus der Stadt nicht mehr wegzudenken. (Foto: Elio Donauer)

Punky baute das Kulturprogramm der Roten Fabrik mit auf, war dann bei Radio LoRa aktiv und wurde später Musikredaktor bei DRS 3. Er hat Compilations der Zürcher Bands von damals herausgebracht und ist bis heute manchmal als DJ tätig. Es stimme schon, meint er, dass die damals erkämpften Freiräume als Teil der städtischen Kulturlandschaft inzwischen ein Stück weit brav geworden seien: «Es ist zu dem geworden, was es jetzt ist, das kann man gut oder schlecht finden. Es gibt nicht viele Orte, die noch günstig sind. Und es gibt viele Junge, die lieber zum Koch-Areal gehen, weil da das Bier billiger ist.»

Aber genauso wie sich die Kulturinstitutionen von damals verändert haben, veränderte sich auf der anderen Seite auch die städtische Kulturpolitik. «Von 1980 bis 1990 hat sich das Budget für sogenannte alternative Kulturaktivitäten ungefähr verzehnfacht», erklärt Christian Koller: «Und das, obwohl es 1982 in Stadt- und Gemeinderat einen Rechtsruck gab.»

Wohnungsnot und Besetzungen

Im weiteren Verlauf der 80er Jahre wurde ein anderes, schon lange schwelendes Problem der Stadt Zürich immer drängender: Der mangelnde Wohnraum. Immer wieder kam es zu kleineren Besetzungs-Aktionen, die schliesslich 1991 in der Besetzung des Wohlgroth-Areals im Kreis 5 mündeten. Sie war die grösste Besetzung, welche die Schweiz je erlebt hat und hatte Bestand bis Ende 1993. In Erinnerung geblieben ist vor allem der «ZUREICH»-Schriftzug, der Zugreisende bei der Einfahrt zum Hauptbahnhof begrüsste. Mit dabei war die damals 16-jährige Franziska Schläpfer, die bald als Rapperin Big Zis bekannt wurde. «Ich hätte mich wahrscheinlich nicht als Aktivistin bezeichnet», erzählt sie: «Aber schon als Besetzerin. Für mich war das damals sehr spannend, es war das Leben.» Nach der Räumung des Wohlgroths machte sie noch ein paar Besetzungen und Räumungen mit, bevor sie sich ganz ihrer musikalischen Karriere widmete.

«Wo-Wo-Wonige» wurden auf den Demos dieser Zeit gefordert, und Christian Koller weist darauf hin, dass sich damals «in der Opposition gegen manche stadtplanerischen Vorhaben die Anliegen solcher Bewegungen mit denen des traditionellen, relativ konservativen Heimatschutzes überkreuzten. Man wollte nicht, dass alle Häuser, die nicht mehr ganz modern sind, abgerissen werden und irgendwelchen Designprodukten Platz machen müssen.» Innerhalb der Stadt habe ein Verdrängungswettbewerb stattgefunden, der günstigen Wohnraum an die Peripherien verdrängt habe: «Es ging da also zum Teil schon um Dinge, die man heute mit Gentrifizierung umschreibt.»

Es gibt kaum noch Leerstand

Koller zufolge zogen die Diskussionen, welche die Aktionen damals losgetreten hatten, lange politische Konflikte nach sich: Um die Umnutzung von Industriearealen, in Debatten zwischen den linken und bürgerlichen Parteien und schlussendlich zwischen Stadt und Kanton. Zentral ist dabei die Figur der damaligen Leiterin des Zürcher Hochbauamtes, der Sozialdemokratin Ursula Koch. Sie setzte sich mit einer neuen Bau- und Zonenordnung für eine sanfte Stadtentwicklung und gegen die Entmischung von Quartieren ein. Doch 1995, so Koller, habe der Kanton eingegriffen und «mit einer aufsichtsrechtlichen Argumentation vieles rückgängig gemacht, was die rot-grüne Stadtregierung jahrelang aufgegleist hatte.»

Man könnte die Anliegen der Wohnungsnotbewegung also als gescheitert ansehen: Die politischen Initiativen waren erfolglos und nach der Räumung des Wohlgroth-Areals fand eine breite Entmischung und Aufwertung in den Kreisen 4 und 5 und darüber hinaus statt. Big Zis findet es problematisch, dass kaum noch Leerstand da ist: «Es wird entweder gleich abgerissen oder es gibt diese professionell organisierten Zwischennutzungen. Was dort dann an Miete verlangt wird für eigentlich leerstehenden Raum, ist überrissen. Und es verhindert, dass dort dann besetzt werden kann und etwas entsteht.» Während viele der grossen Areale von damals der höherpreisigen Gewerbenutzung überlassen wurden, hörte die Gentrifizierungsdebatte aber nie ganz auf: Bei den allerletzten freien Flecken der Stadt, wie zuletzt dem Zollhaus, spielt die soziale Durchmischung wieder eine grössere Rolle.

Eine Hausbesetzung an der Kreuzung Badner- und Kasernenstrasse. (Foto: Miklós Klaus Rózsa)

Privatisierung, Globalisierung und der internationale Widerstand

Als Antwort auf eine stagnierende Wirtschaft führten Stadt und Kanton in den 90er Jahren Sparmassnahmen durch, zu denen auch die mehrfache Anhebung der Studiengebühren gehörte. Und wie in anderen Teilen der Welt gab es in der schweizerischen Politik auch eine Privatisierungseuphorie, erzählt Koller: «Sie konnte aber sehr viel weniger weit gedeihen als in anderen Ländern, weil die einzelnen Vorhaben in vielen Fällen an der Urne abgelehnt wurden.»

Der grossteils gewerkschaftlich getragene Aktivismus gegen Privatisierungen fügte sich Ende der 90er in eine internationale Bewegung der Globalisierungskritik ein. Internationale politische Gipfeltreffen wurden zunehmend von Grossdemonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei begleitet. Mit Attac gründete sich ein internationales Netzwerk, das sich für eine globale Finanztransaktionssteuer einsetzte und für seine Kampagnen verstärkt die Vernetzung im Internet nutzte. Und mit dem Beginn des Irak-Kriegs 2003 formierte sich eine neue globale Friedensbewegung, die die Anliegen der Globalisierungs- und Privatisierungskritik zum Grossteil teilte.

In Zürich wurde in diesem Zusammenhang die jährliche Konferenz «Das andere Davos» als Gegenstück zum WEF ins Leben gerufen. Sie findet bis heute statt, doch sonst ist von der damaligen Massenmobilisierung nicht mehr viel geblieben. Thomas Dorizzi, letzter verbleibender Sekretär von Attac Zürich, schreibt per Mail: «Die letzten etwas grösseren Projekte vergangener Jahre betrafen Informationsveranstaltungen zum Beispiel zum Mosambik-Skandal der CS und dem Abstimmungskampf gegen die Unternehmenssteuerreform USR III. Zuletzt gab es das Engagement für verbindliche Konzernverantwortung im gesamten deutschsprachigen Raum.»

Dafür habe man mit anderen Akteur:innen wie dem Denknetz und den Gewerkschaften zusammengearbeitet. Eigene aktivistische Tätigkeiten gäbe es keine mehr, doch für Dorizzi ist Globalisierungskritik auch weiterhin aktuell, zum Beispiel wenn es für die Erreichung der Klimaziele um regionale Stromerzeugung gehe oder wenn man bei der Corona-Krise sehe, wie die Globalisierung zu profitorientierten Umverteilungen von arm zu reich geführt habe: «Ich bin überzeugt», erklärt er, «dass eine Anpassung der Menschheit an die neuen Bedingungen im Sinne eines Systemwandels zwangsläufig auch Globalisierungskritik einschliessen wird.»

Der Frauen*Streik bleibt aktuell

Nach der Wahl von Trump etablierten sich globalisierungskritische Anliegen zunehmend auch als Thema der Rechten. Gleichzeitig sind aktivistische Bewegungen seit der Jahrtausendwende fast immer international eingebettet. Der Klimastreik oder Black Lives Matter sind in Zürich genauso präsent wie in anderen grösseren Städten der (westlichen) Welt. Und so ist es auch der Frauen*Streik, auch wenn dieser in der Schweiz als Wiederbelebung des Frauenstreiks von 1991 eine Besonderheit ist. «Der Frauenstreik 1991 war einer der ersten grossen Frauenstreiks weltweit», erzählt Christian Koller: «Und bei der Neuauflage war relativ schnell klar: Man kann nicht hinter den Streik als Aktionsform zurückgehen. Andere Aktionen wie eine Demonstration würden in der Schweiz als schwacher Ausläufer des ersten Frauenstreiks wahrgenommen.»

Schon beim ersten Frauenstreik sei das Spektrum der Forderungen so breit gewesen wie die Lebensrealitäten der Beteiligten, erklären Anna-Béatrice Schmaltz und Judith Grosse vom feministischen Streikkollektiv Zürich. Schon damals sei es neben Lohngleichheit und der rechtlichen Gleichstellung auch um Themen wie Sorgearbeit und sexualisierte Gewalt gegangen. Dass man bei der Mobilisierung 2019 wieder eine solche Breite und Vielfalt von Anliegen und Protestformen zugelassen habe, habe zum Erfolg des zweiten Streiks beigetragen. So sei der gesellschaftliche Diskurs angeregt worden und die feministische Bewegung habe wieder an Gewicht gewonnen, erklären sie: «Wir beobachten auch an der Vielzahl von Medienanfragen, die uns erreichen, dass ein öffentliches Interesse an feministischen Forderungen da ist.»

Der Frauenstreik im Juni 1991. (Foto: CC BY-SA 4.0, ETH Bildarchiv)

«Konkret gab es aber zu wenig, das sich in den letzten zwei Jahren geändert hat», sind Anna-Béatrice und Judith überzeugt: «Es gibt jetzt mehr Frauen im Parlament und eine Vaterschaftszeit. Es muss sich aber noch so viel mehr ändern.» Dabei gehe es um gesellschaftlich Strukturen genauso wie um Mehrfachdiskriminierungen: «Wir sehen zudem, dass viele Errungenschaften aktuell durch die Corona-Krise gefährdet sind und wie stark diese Krise von Frauen geschultert wurde, etwa weil sie in prekären, aber essenziellen Jobs wie der Pflege oder im Einzelhandel überproportional vertreten sind. Und weil sie zugleich den Grossteil der familiären Care-Arbeit übernehmen.» Deshalb sei Care-Arbeit auch ein Kernthema ihrer diesjährigen Mobilisierung zum 30. Jahrestag des ersten Frauenstreiks.

Aktivismus ohne konkrete Forderungen

Eine spezielle Form des Aktivismus hat in den letzten Jahren starken Zulauf und viel Aufmerksamkeit erfahren. Die Critical Mass (CM) ist ein Treffen zum gemeinsamen Velo-Fahren, ohne zentrale Organisation oder festgelegte Route. «Das erste Mal, als Zürich im Zusammenhang mit der Critical Mass genannt wird, ist 1997», erklären zwei Teilnehmer:innen, die gerne anonym bleiben möchten. Sie sind in den Jahren 2018 und 2019 zum ersten Mal mitgefahren, als noch 30 bis 40 Leute bei den Fahrten mitmachten. «Wir fanden, das hat viel mehr Potential, haben angefangen Flyer zu tackern und Werbung an Velolenker zu hängen.»

Später kamen noch Seiten auf sozialen Netzwerken und eine Fanseite dazu, die Teilnehmer:innenzahlen der CM Zürich stiegen seitdem auf über 1000. Trotzdem betonen beide immer wieder, dass sie nicht «für» die CM sprechen könnten und auch sonst nicht in irgendeiner Form die Fahrten «organisieren». Manchmal kämen da nämlich Missverständnisse auf: «Wir haben über die Fanseite schon Fragen per Mail bekommen, ob die CM jetzt wegen Corona stattfinde oder nicht. Oder Anwohner:innen haben gefragt, ob wir nicht etwas leiser sein könnten. Dabei haben wir so etwas gar nicht in der Hand. Das hat niemand der Teilnehmenden.»

Als Aktivist:innen sehen sie sich aber trotzdem: «Es gibt keine konkreten Forderungen, jede:r hat andere Gründe, bei der CM mitzufahren. Aber das Velo verbindet uns alle. Es ist ein Stau von Velos, aber es ist ein sozialer Stau. Man tauscht sich aus.» So ermögliche Critical Mass einen sehr niederschwelligen Einstieg in den Aktivismus: «Es ist einfach ein sehr tolles Gefühl, wenn man das erste Mal an der CM mitfährt und für einen kurzen Moment die Utopie einer Stadt erleben kann, wie man sie sich vielleicht wünscht. Und gleichzeitig spürt: Ich bin überhaupt nicht die einzige Person, der es so geht.»

Daraus gingen dann wiederum klar aktivistische Netzwerke hervor wie der Verein Vélorution, der gemeinsame Aktionen ausserhalb von Critical Mass auf die Beine stellt. Sie glauben, dass die Critical Mass auch ihren Teil zur steigenden Zahl von Velofahrer:innen in der Stadt beigetragen hat: «Ich merke das auch an mir selbst: Ich habe angefangen, regelmässig in der Stadt Velo zu fahren, nachdem ich das erste Mal bei der CM gewesen bin», erklärt eine:r von beiden.

Der Zeitzeuge Miklós Klaus Rózsa hat mit seinen Fotos die rebellische Zeit der Globuskrawalle und die Forderung nach dem autonomen Jugendzentrum (AJZ) rund um die 80er festgehalten. (Alle Fotos: Miklós Klaus Rózsa)

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