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Eine kurdische Demonstration in Zürich, Herbst 2019. Foto: Annika Müller

Ein Blick in die kurdische Diaspora in Zürich

Immer wieder erscheinen Schlagzeilen über militärische Angriffe auf kurdische Gebiete. Dieser Konflikt, der so fern erscheinen mag, trägt sich aber auch hier aus. Wie Kurd*innen in der Schweiz das Geschehen im nahen Osten beeinflussen möchten und warum sich die schweizerische Bevölkerung daran beteiligen sollte, erklären Asmin Dersim* und Roni Amed*.
27. Juni 2020
Praktikantin Civic Media

«Terrorist Erdogan» ertönt es in den Strassen Zürichs seit einigen Wochen. Der Grund: Der türkische Präsident attackierte kurdische Gebiete im Nordirak. Als Reaktion auf die dramatische Zuspitzung der Lage organisieren Kurd*innen deshalb erneut mehrere Demonstrationen.

In Zürich an vorderster Front mit dabei sind die Kurdin Asmin Dersim* und der Kurde Roni Amed*. Eine ähnliche Vergangenheit führte die beiden vor mehr als 20 Jahren raus aus der Türkei. Roni engagierte sich bei Amnesty International und in Ankara in einer Student*innenbewegung, weshalb er schliesslich festgenommen wurde. Auch Asmin drohte als Linksaktivistin das Gefängnis. Um eine Gefangenschaft zu umgehen, blieben ihr zwei Optionen: «Option 1: Ich nehme eine Waffe und schliesse mich der kurdischen Guerilla in den Bergen an. Option 2: Flucht», sagt sie. Während ihre Schwester, welche oft in Untersuchungshaft und Folter geriet, sich für die militante Option entschied, wählte Asmin gezwungenermassen die Flucht. Auch Roni sah sich nicht als Guerilla-Kämpfer und flüchtete schliesslich in die Schweiz: «In der faschistischen Türkei müsste man seine politische Einstellung komplett ändern oder sich blind und taub stellen.»

Warum befinden sich die Kurd*innen überhaupt in so einer brenzligen Lage?
Das kurdische Volk, dem geschätzt 30 Millionen Menschen angehören, besitzt kein eigenes Land. Ihr Hauptsiedlungsgebiet «Kurdistan» verteilt sich über vier Länder: Türkei, Syrien, Iran und Irak. In all diesen Ländern werden Kurd*innen diskriminiert und von brutaler Repression bedroht. Genozide, wie die Anfal-Operation (1988-89) im Irak mit 100’000 bis180'000 Toten, prägen ihre Geschichte. Vertreibungen, Militärangriffe, Hinrichtungen und das Niederbrennen von ganzen Dörfern sind keine Seltenheit. In der Türkei ist die kurdische Sprache immer noch verboten. Zusammengefasst: An den meisten Orten ist Kurd*innen ein freies Leben verunmöglicht.
Charakteristisch für die kurdische Bevölkerung ist jedoch auch ihr unermüdlicher Widerstand. Bekannt und umstritten in ihrer militanten Methodik ist die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die sich vor etwa 40 Jahren bildete. Die Türkei setzt sie als Terrororganisation gleich und legitimiert somit ihre Angriffe, welchen aber auch viele kurdische Zivilist*innen zu Opfer fallen. Neben der PKK prägen viele weitere Organisationen den kurdischen Widerstand, welche sich in Methodik und Ziel teils unterscheiden. Im Kampf gegen den IS spielte die syrisch-kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) eine entscheidende Rolle. Die von der Partei gegründeten kurdischen Milizen YPG und YPJ (ausschliessliche Frauenverteidigungseinheit) erreichten in Zusammenarbeit der USA grosse Erfolge in der Verdrängung des IS. Anfang 2014 rief die PYD mit weiteren Organisationen das autonome Gebiet «Rojava» aus, welches in Nordsyrien mitten im Kriegsgebiet liegt. Ziel ist der Aufbau eines neuen Gesellschaftsmodells, welches sich in seiner Progressivität auszeichnet: Es richtet sich nach basisdemokratischen, multiethnischen, interkonfessionellen und ökologischen Werten aus – unter der gleichberechtigten Beteiligung aller Frauen.

Der Widerstand geht ausserhalb der Landesgrenzen weiter

Der politische Aktivismus von Asmin und Roni endete nicht mit der Flucht – im Gegenteil: «Wie kann man ruhig bleiben mit dem Wissen, dass Menschen zuhause ermordet werden? Mit dem Wissen, dass unsere Gebiete bombardiert werden? Man kann überall für Demokratie und Menschenrechte kämpfen», so Roni. Er ist beim Dachverband Dem-Kurd (Demokratische Gesellschaft der Kurd*innen) in Zürich tätig. Asmin ist im Vorstand des autonomen kurdischen Frauenrats in Zürich namens Beritan. Von den ungefähr 60'000 Kurd*innen die in der Schweiz leben, sind laut Dersim mindestens 15'000 Mitglieder in den zahlreichen kurdischen Vereinen aktiv.

Menschenrechte sollten wichtiger sein als wirtschaftliche Beziehungen.

Einerseits soll ihnen so die berufliche, sprachliche und soziale Integration erleichtert werden. Zudem dienen die Vereine zur kulturellen Vernetzung und Auseinandersetzung mit der kurdischen Identifikation: «In der Türkei baut man sich durch die Angst im Kopf ein Gefängnis, man kann nicht frei denken. Man verliert seine Identifikation und kann sich erst im Exil genauer damit auseinandersetzen. Das ist nicht einfach, die Vereine geben dabei Unterstützung», sagt Roni. Andererseits versuchen die Vereine auf diplomatischen Weg Druck auf die Türkei auszuüben. Sie seien in Kontakt mit dem Aussendepartement und weiteren Abgeordneten. Ziel ist unter anderem, dass die Schweiz keine Waffen in die Türkei liefert. «Menschenrechte sollten wichtiger sein als wirtschaftliche Beziehungen», betont Roni.

Die türkische Repression in der Schweiz

Der Aktivismus in der Schweiz kann Betroffenen auch zum Verhängnis werden: Kurdische Aktivist*innen, die sich im Ausland exponieren, laufen oft Gefahr, bei einer Einreise in die Türkei festgenommen zu werden. Asmin und Roni erzählen von Freund*innen, die so mehrere Monate in der Türkei festsassen, sei es auch nur wegen geteilten Inhalten auf sozialen Medien oder Fotos, die sie an kurdischen Demonstrationen im Ausland zeigten. «Das ist natürlich politische Strategie: Durch diese Fälle möchte die Türkei politisch aktiven Menschen ausserhalb Angst bereiten», bedenkt Asmin. Ihre gesamte Familie lebt in der Türkei. Erst 12 Jahre nach ihrer Flucht, nachdem sie sich in der Schweiz eingebürgert hat, konnte sie ihre Familie wieder besuchen. In den letzten Jahren reiste sie jedoch mit viel Angst hin.

Eine Reise in die Heimat ist für Roni seit einigen Jahren keine Option mehr, zu gross sei die Gefahr. Ihm wurde bereits zweimal von anonymen Anrufern mit türkischer Vorwahl gedroht, dass man ihn umbringen werde, sollte er in die Türkei einreisen. «Zwischenzeitlich hatten die Leute Angst, unserem Verein beizutreten oder an Demonstrationen teilzunehmen», erwähnt Asmin. Aus den genannten Gründen wollten Asmin und Roni denn auch lieber ohne Foto und mit geändertem Namen in diesem Artikel aufzutreten.

Keine internationale Unterstützung

Die beiden wünschen sich mehr internationale Unterstützung in ihrem Kampf «gegen diese Ungerechtigkeiten». Diese fällt laut Asmin jedoch eher spärlich aus: «Die Kurd*innen kämpfen seit mehr als 40 Jahren. Wir dürfen nicht die Hoffnung verlieren. Es ist aber nicht einfach. Denn wir kämpfen eigentlich nicht nur gegen die Türkei, sondern eigentlich gegen die ganze Welt.» Zudem fühlen sich die Kurd*innen hintergangen und ausgenutzt: Zusammen mit der USA kämpften sie in Syrien gegen den IS und hofften auf Unterstützung bei ihren eigenen Konflikten. Aber nach dem Rückzug der amerikanischen Streitkräfte aus Syrien droht beispielsweise Rojava durch die türkische Invasion zu zerfallen. «Die Politik von Europa, USA und Russland ist gegenüber Kurd*innen nicht sauber. Die Kurd*innen werden für wirtschaftliche Interessen geopfert», ärgert sich Roni.

Rojava ist für alle ein Hoffnungsschimmer für eine gerechtere und glücklichere Welt.

Solidarität mit Rojava

Da von weiteren Staaten nicht viel Druck kommt, betonen Asmin und Roni die Wichtigkeit der Solidarität aus der Zivilbevölkerung und aus anderen Bewegungen: «Weltweite Solidarität setzt ein Zeichen. Druck aus der Bevölkerung kann dazu führen, dass ganze Staaten ihre Haltung ändern und ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet. Das ist mit der BLM-Bewegung momentan sehr eindrücklich.» Mit ihren Demonstrationen möchten sie somit auch die Schweizerische Bevölkerung auf den Konflikt aufmerksam machen. «Es ist zentral, den eigenen Blick auch auf das Geschehen ausserhalb der Schweiz zu richten. Mehr Empathie, Solidarität und eine vorurteilsfreie Einstellung führt für alle zu einem besseren Leben», wünscht sich Roni. Nicht-kurdische Menschen sind somit willkommen und erwünscht, sich am Protest zu beteiligen. Schon diesen Samstag (27. Juni, Helvetiaplatz, 13:30) findet eine weitere Demonstration statt. In Rojava sehen Asmin und Roni auch eine Bereicherung nicht nur für die dort wohnhaften Menschen, sondern für die ganze Welt. «Rojava zeigt eine alternative Gesellschaftsform auf, dessen Dynamik teils viel fortschrittlicher ist als hier in der Schweiz. Dieses Projekt ist für alle ein Hoffnungsschimmer für eine gerechtere und glücklichere Welt.»

*Name von der Redaktion geändert.

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