Ein Besuch in der anarchistischen Bibliothek «Fermento»

Redaktor Philipp hat für Tsüri.ch die anarchistische Bibliothek «Fermento» besucht, zwei Bücher ausgeliehen und eines noch am selben Tag gelesen. In diesem Erfahrungsbericht erzählt er, was ihn positiv überrascht hat und weshalb sich ein Besuch auch lohnt, wenn man kein*e Anarchist*in ist.
27. April 2019

Es ist kurz nach halb drei. Bei der Werd ausgestiegen, vorbei am Verwaltungszentrum steuere ich in die Zweierstrasse. Mein Plan: heute mindestens ein anarchistisches Buch lesen.

Wenig später stehe ich vor der anarchistischen Bibliothek «Fermento». Und siehe da! Sie hat bereits geöffnet – eine Viertelstunde vor offizieller Türöffnung. Ich frage nach, ob man schon eintreten dürfe, und eine anarchistische Dame bejaht freundlich.

So richtig konnte ich mir nicht vorstellen, inwiefern sich eine anarchistische Bibliothek von einer anderen Bibliothek unterscheidet. Aber irgendwie passt das Bild, das ich antreffe: Die Bibliothek ist eigentlich eine Altbauwohnung, die in zwei Zimmern mit reichlich Literatur ausgestattet ist.

Die hohen Gestelle und der Duft von staubigem Papier ziehen mich sofort in ihren Bann. Ich mag Bibliotheken. Und mochte sie schon als Kind. Damals nannte ich sie – wie bestimmt viele Kinder – liebevoll «Bibi». Im Eingangsraum befinden sich vor allem alte und neue Pamphlete mit anarchistischen Parolen. Einzelne Bücher stehen zum Verkauf. Allerdings bin ich nicht hier, um Bücher zu kaufen, sondern um welche auszuleihen. Also folge ich dem Schild «Zur anarchistischen Bibliothek» und betrete den nächsten Raum.

Eine schmucke Sammlung anarchistischer Weltliteratur

Das zweite Zimmer ist hauptsächlich mit anarchistischer Weltliteratur ausgestattet – und zwar reichlich! Zwischen den gefüllten Regalen stehen ein paar alte Stühle und ein Drucker. Die Stube ist höchstens zwanzig Quadratmeter gross.

Als Erstes sticht mir die Auswahl an Tolstoi-Büchern ins Auge. Trotzdem nehme ich keines mit. Mein Ziel ist es ja, noch an diesem Tag ein Buch aus der Bibliothek zu lesen. Und mit «Volkserzählungen und Legenden» Tolstois wäre ich ziemlich sicher etwas länger beschäftigt. Direkt neben Tolstoi finden sich Werke von Camus und Kafka. Auch Sachbücher über das anarchistische China oder Australien stehen zur Ausleihe bereit. Ich bin jedoch auf der Suche nach etwas Unbekanntem, das es höchstwahrscheinlich nur in einer anarchistischen Bibliothek gibt. Und ich werde fündig.

Die «wahren Anarchisten» werden Bankiers?

«Ein anarchistischer Bankier» heisst das Buch, welches gerade kurz genug für mein Vorhaben ist. Es handelt sich um ein Werk von Fernando Pessoa, der als einer der bedeutendsten Lyriker Portugals gilt. Die Kurzgeschichte umfasst nur einundsechzig Seiten. Perfekt!

Um das Buch auszuleihen, muss ich lediglich eine Kontaktinformation (wie zum Beispiel eine E-Mail-Adresse oder Telefonnummer) hinterlegen und darf die beiden Werke, die ich ausgewählt habe, gleich kostenlos mitnehmen. Ziemlich cool! Denn selbst wenn ich ohne Erwartungen in das anarchistische Wohnzimmer eingetreten bin, so hatte ich trotzdem die Vermutung, dass ich wohl eine Mitgliedschaft lösen oder zumindest etwas bezahlen müsste. Ohne aber einen Rappen ausgegeben zu haben spaziere ich nach einer knappen halben Stunde in Richtung St.-Jakobs-Kirche. Dort will ich mir die einundsechzig Seiten zu Gemüte führen und dabei gleich etwas Sonne tanken.

Widersprüchlich aber lesenswert

Widersprüchlich ist es, weil der portugiesische Dichter Pessoa in seinem Buch ein Konstrukt baut, das einer mathematischen Gleichung ähnelt – welche für mich jedoch nicht aufgeht. Bei Pessoas Theorie, die anarchistisches und antikapitalistisches Gedankengut vereinen soll, stützt jedes Argument jeweils nur das darauf folgende.

Der Bankier in der Geschichte verurteilt zwar Gewalt, predigt aber zugleich, dass jeder Mensch selbst über die eigene Auslebung anarchistischer Auflehnung gegen «das Unnatürliche» entscheiden muss. Zudem ist der Bankier ein Verfechter des Bürgertums und vertritt den Grundsatz, dass wahre Anarchist*innen nur alleine und mit einer gewissen Hörigkeit zum System erfolgreich sein können. Und gerade weil sich das alles sehr wirr anhört, scheint es mir lesenswert.

Besonders was die Wortwahl anbelangt, war Pessoa wohl ein Opfer seiner Zeit. Das Buch erschien 1922, einer Zeit, in der Portugal von Unruhen, Bombenanschlägen und gewaltsamen Aufständen geprägt war. In einem solchen Kontext, als historische Quelle gelesen – ohne alles, was da steht, wörtlich zu nehmen – fordert der Kurzroman letztlich dazu auf, kritisch zu sein und Denk- und Wertesysteme zu hinterfragen. Wer auf diese Weise gerne fremde Perspektiven erforscht, ist bei der anarchistischen Bibliothek goldrichtig.

Ein Besuch lohnt sich

Die kleine Bibliothek gewährt kostenfrei einen tiefen Einblick in die anarchistische Szene und ihre Geschichte. Dass es in der Stadt ein Wohnzimmer gibt, wo anarchistische Bewegungen mittels Büchern, archivierter Zeitungen, Zeitschriften und Dokumentationen porträtiert werden, ist wertvoll. Denn es zeigt auf, wie verschieden die Interpretationen dieser Bewegung sein können – und dass es keinen «wahren Anarchismus» geben kann und soll. Selbst wenn man nichts von anarchistischen Theorien hält, ist diese Bibi deshalb eine spannende Abwechslung zu den herkömmlichen Bibliotheken der Stadt – überraschen wird «Fermento» auf jeden Fall.

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