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Ein Ausflug in den Kreis 7: Dolder, Wald und Wohnquartier

Der Kreis 7 ist kein klassisches Ausflugsziel. Entspannend ist es dort trotzdem. Eine Reise durch ruhige Wohnquartiere und mit der Bergbahn hoch in den Wald zum Luxus-Hotel.
22. August 2020
Chefredaktor

Nur schon durch die Anfahrt ins Hotel schalte ich in den Touri-Modus. Denn als klassischer Kreis 3 bis 5 Zürcher verbringe ich 99 Prozent meiner Zeit im flachen Teil von Zürich. Aber wer ins Dolder will, braucht entweder ein Auto, starke Wädli für den Velo-Bergpreis oder ein ÖV-Billett für die Dolderbahn, eine von vier Bergbahnen in der Stadt Zürich (die anderen sind die Seilbahn Rigiblick, die Uetlibergbahn und die Polybahn). Also hoch, über die Dächer, durch einen Waldabschnitt und rein in das wohl berühmteste Hotel der Stadt, von welchem ich als nicht so gut verdienender Journalist niemals dachte, jemals einen Fuss reinsetzen zu können.

Viele Gäste reisen wohl nicht mit der Dolderbahn an, der Eingang vom ÖV her führt durch verwinkelte Gänge, am Parkhaus vorbei. Ich gehe einen kleinen Umweg, ich will dort rein, wo die Gäste mit den schicken Autos auch reingehen.

Vor dem Eingang stehen sie, die Ferraris, Magnums, Porsches und so weiter. Für mich ist es wie im Film: Die Gäste fahren vor, geben dem Personal den Autoschlüssel und schreiten über den roten Teppich in die Eingangshalle, wegen den vier Säulen heisst sie «Säulenhalle», ein Kronleuchter hängt von der Decke. Drinnen die Rezeption, Kunst an den Wänden, Türen, Treppen, Teppich. Ich werde begrüsst, die Pressefrau des Dolder Grand empfängt mich, sie zeigt mir das Zimmer und nimmt mich mit auf eine Hausführung.

1899 wurde das Hotel von Gastrounternehmer Heinrich Hürlimann eröffnet, Anfang dieses Jahrtausends ist es aufwendig umgebaut und erweitert worden. Herr Hürlimann hat übrigends nicht nur das Hotel gegründet, sondern auch die Dolderbahn bauen lassen und das Schauspielhaus am Pfauen erfunden. Damals bestand das Edel-Hotel aus einem Teil, jenem mit den Türmen, heute sind es drei Teile: dem alten, und den beiden neuen: dem «Spa Wing» und dem «Golf Wing». Ich wohne im «Spa Wing» im zweiten Stock. Das Zimmer ist weder gross noch klein, es ist ein normales Hotelzimmer. Bis auf das Bad. Das ist riesig, mit eigener Wanne, Fernseher im Spiegel und einer beeindruckenden Anzahl Knöpfe und Brausen in der Dusche. Was fantastisch ist: Die Aussicht auf den See.

Wenn die Welt stillsteht, dann merkt das auch das Dolder. Während der Corona-Krise sind die Buchungen um rund 70 Prozent eingebrochen, wie im Rest der Branche auch. Im Juli sei es gut gelaufen, sagt die Sprecherin, und: hier übernachten nicht nur Geschäftsreisende, sondern viele Familien und Paare, das ist ihr Vorteil gegenüber anderen Zürcher Hotels während Corona.

In den Gängen hängen Kunstwerke. Von Warhol, Niki de Saint Phalle, Giacometti, Tinguely. Total sind es über 100 Kunstwerke, die der Besitzer Urs Schwarzenbach angeschafft hat. Einige Kunstwerke sind explizit kapitalismuskritisch. Ich finde das lustig. Denn der allerallergrösste Teil der Dolder-Gäste hat ihr Geld vermutlich nicht bei einer NGO verdient, sondern durch irgendwelche kapitalistischen Aktivitäten. Wie stehen sie zu solcher Kunst? Fühlen sie sich provoziert? Blenden sie es aus? Oder fühlen sie sich gar nicht angesprochen?

Vorne ein Kronleuter, hinten an der Wand die kritische Kunst.

Die Führung ist fertig. Mir wird empfohlen, den Spa zu geniessen oder mit dem iPad eine vertiefte Kunstführung durch das Haus zu machen. Ich gehe kurz baden, Pool mit Sprudeliwasser, Sonne, Aussicht auf den See, auf die Stadt, viele Handtücher, Äpfel, Zitronenwasser und eine Meditations-Spaziergangs-Schlaufe, welche mit Führung 140 Franken kostet (circa 45 Minuten).

Dann wieder runter in die Stadt. Was tun als Tourist*in im Kreis 7? Dieser Kreis ist nicht gerade bekannt als Ausflugsziel. Auch das Internet empfiehlt mir keine Sehenswürdigkeiten. Die Quartiere Fluntern, Hottingen, Hirslanden und Witikon sind eher Wohnquartiere, rund 38’000 Menschen wohnen hier. Klar, da ist auch viel Wald, der Zoo, viele Villen, der Fifa-Hauptsitz. Vor ein paar Jahren dachte Zürich für kurze Zeit, hier oben habe sich eine Go-Kart-Gang eingenistet. So lebendig ist es selten im Kreis 7, auch die Rowdy-Gang hat sich als ein ZHdK-Abschlussprojekt und eine klassische Medien-Ente entpuppt.

Ich tu also, was ich als Touri immer tu. Dem Schatten nach, aber sonst planlos, durch das Quartier spazieren. Vor zehn Jahren während meiner Skandinavienreise habe ich nämlich eine Lektion fürs Leben gelernt: Ich gelange nur mit Schlendern immer an die wichtigen Orte, einen Reiseführer brauche ich nicht. Schliesslich hat sich jemand etwas überlegt, als die Stadt gebaut wurde.

Rund um den Hottingerplatz fühle ich mich wohl als Tourist. Es gibt Kaffees, feine Wähen vom Berner und immer mal wieder einen Brunnen mit kaltem Wasser. Das ist es, was mir in den Ferien in anderen Städten jeweils fehlt! Auch rund um die Kantonsschule Rämibühl, beim Russo und der Plattenstrasse entlang ist es schön. Wäre ich wirklich Tourist hier, würde ich vermutlich denken, das sei eine typische Wohngegend von Zürich. Ist es ja auch, aber ich weiss, dass es auch noch andere gibt.

Eine alte Frau telefoniert mit einem Klapphandy auf einer Bank sitzend, Kantonsschüler*innen suchen einen Zvieri, es gibt Lädelis mit Sächeli, blühende rote Rosen, idyllische Ecken, Menschen mit einem Plan gehen ihren Weg, an einer Betonwand holt mich die Kunst ein: Es ist ein Strich-Mensch von Nägeli.

Das Quartier entspannt mich instantly. Zum Glück ist es an diesem Tag nicht ganz so heiss und die leichte Steigung bis zum Römerhof ist machbar. Danach wird es steil. Auf der Bergstrasse werden meine Beine müde und ich kann mir gut vorstellen, mich direkt in der Bellevue Residenz anzumelden und dort alt zu werden. Aber für heute habe ich ja bereits ein Bett. Also zurück zur Bergbahn.

Abendessen im Restaurant Saltz. Terrasse, wieder mit Sicht auf den See. Rundherum sitzen andere Gäste. Viele Paare, die hier zum Beispiel ihre Hochzeit feiern. Einige Familien, mehrere Männergruppen im Anzug. Ein circa 20-jähriger Ostschweizer mit Versace-Täschli und einer Sonnenbrille, in dessen Gläsern sich das Louis Vuitton Logo spiegelt. Wie überall sonst im Hotel auch, ist die Stimmung vornehm gedämpft. Aber durchaus entspannt. Die Sommelière hat sich extra durch 300 verschiedene Champagner getrunken, ich nehme einen mit der Farbe rosé. Gemäss Kellner hat es ein Protein an meinem Glas, also kriege ich ein neues.

Nach dem Essen wartet im Zimmer eine kleine Etagère mit Macrons drauf, im Fernseher läuft Bayern gegen Lyon. Der Ton ist verblüffend gut, doch die Sprüche von Rainer Maria Salzgeber werden dadurch nicht besser. Zu den Geräuschen von Waldtieren, hin und wieder teuren Automotoren und dem Wind in den Bäumen schlafe ich ein.

Es ist schön in diesem Kreis. Als Tourist konnte ich mich für einen Tag gut unterhalten. Wäre ich länger hier in den Ferien, würde ich bestimmt im Zoo Pommes essen gehen, oben im Wald eine kleine Wanderung machen und im Park Sonnenberg die Aussicht geniessen und ein mitgebrachtes Heftli lesen. Im Dolder werde ich vermutlich nicht wieder nächtigen. Es war nichts falsch, im Gegenteil, es war alles tiptop: Super Service, feines Essen, kalter Champagner, grandiose Aussicht. Doch ich gehöre nicht hierher. Es ist eine andere Bubble, wo andere Sachen wichtig sind. Ich kanns mir eh nicht leisten und das ist vermutlich auch Teil des Konzepts: Über den Preis gesteuert bleiben sie unter sich.

Bewertungsraster des Kreises (1 bis 5 Sterne)

Instagramability des Hotels *****

Kriminalität des Kreises *

Erschlossenheit mit dem ÖV ****

Grösse des Portemonnaies ****

Kulinarische Auswahl ****

«Lebendigkeit» des Kreises ***


Transparenz: Die Übernachtung im Hotel wurde uns auf Anfrage offeriert.

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