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Ein Ausflug in den Kreis 6: Auf der Suche nach dem Waldsofa

Ein geplatztes Dinner-Date führt im Kreis 6 kurzerhand in einen Waschsalon und zum Waldsofa.
21. August 2020
Redaktorin

Für diese Serie haben wir alle 12 Stadtkreise besucht, in den Hotels dieser Stadt übernachtet und erkundet, was die Kreise aus den Augen eines Touris so alles zu bieten haben.


Sehr zuvorkommend werde ich im Hotel Krone Unterstrass empfangen. Das Zimmer ist schlicht, das Bett weich und mit weissen Laken bezogen. Die Klimaanlage surrt. Ich liebe Hotels. Wirklich erklären weshalb, kann ich nicht. Aber diese komplett andere Realität gefällt mir. Wieso mache ich das nicht öfters? Ach ja, weil man pro Nacht einen «Hunni» liegen lässt. Im Zimmer steht eine Wasserflasche mit «Zurichs Tap Water» bereit – ich stosse mit mir selbst auf die nächsten 24 Stunden an. Auf dem Nachtisch hat es einen Faltflyer, der mir empfiehlt, um den Tag ausklingen zu lassen, der Limmat entlang zur Werdinsel zu joggen. Witzig, das habe ich gerade vor kurzem getan. Ob die anderen Jogger*innen wohl Hotelgäste waren?

Dieser Sommer sei speziell, bestätigt mir die Rezeptionistin. Sie hätten zwar mehr Gäste als erwartet, aber dennoch sei alles anders. Die meisten Besucher*innen seien aus der Schweiz. Auch aus Deutschland und Italien hätte man einige. Das Frühstücksbuffet vom Hotel ist wegen Corona geschlossen, man kann sich das Essen aber aufs Zimmer bestellen. Ich entscheide mich gegen das Frühstück im Hotel.

Schnelles Geld und kein Abendessen

Fürs Abendessen wird mir das Restaurant «Kreis 6» empfohlen. Eher teuer, aber sehr lecker soll es sein. Zum Glück habe ich noch alte Kleider zu verkaufen. Genau. Sozusagen neben dem Hotel befindet sich der Secondhand-Laden «The New New», der auch Kleider ankauft. Und wenn ich schon mal so viel Zeit hier verbringe, dachte ich mir, nehme ich diese gleich mit. Der Ertrag ist kleiner als erhofft. Mein Dinner-Date versetzt mich – das Portemonnaie dankt. So spare ich mir den urbanen Teil des Kreis 6 für den nächsten Tag auf. Der Kreis, der in die Quartiere Unter- und Oberstrass unterteilt ist, erstreckt sich von der Limmat bis ganz oben zum Rigiblick. Auf Google Maps zeigt es mir, im Wald hinter dem Theater Rigiblick, ein Waldsofa an. Für Theater bin ich zu spät, aber das Waldsofa weckt meine Neugierde.

Vom Hotel aus spaziere ich zusammen mit meinem Velo Richtung Schaffhauserplatz. In einem Unverpackt-Laden kaufe ich mir einen «Wandersnack». Ich muss mich zurückhalten, um nicht zu viel einzukaufen, denn beinahe habe ich mein Touristinnen-Dasein vergessen – kochen kann ich im Hotelzimmer nämlich nicht. Weiter geht es den Hügel aufwärts Richtung Seilbahn Rigiblick. Unterwegs entdecke ich witzige Dinge, wie einen Alpomaten und einen Maskenstand. 10 Stück für fast 50 Franken scheint mir teuer. Wohnen die Masken-Millionär*Innen im Kreis 6?

Ein «Sorry we’re closed»-Schild hängt nicht etwa an der Türe eines Shabby-Chic-Ladens, nein an jener der Stadtpolizei und Quartierwache Unterstrass. Das Quartier scheint hier gespenstig ausgestorben, weiter der Röslistrasse entlang entdecke ich das Uhrenmuseum zum Rösli. Auch hier steht die Zeit still.

Espresso für zwei Franken

Bald habe ich es geschafft und erreiche die Seilbahn Rigiblick. Zuvor lande ich aber noch in einem Waschsalon an der Winterthurerstrasse. Der Duft von Waschmittel lockt mich hinein. Da heute niemand auf mich wartet und die Seilbahn Rigiblick täglich 160 mal rauf und runter fährt, setze ich mich hin. Der Waschsalon ist wunderschön gefliest und gibt mir das Gefühl nicht in Zürich zu sein. Irgendwie ist eine Wäscherei zu urban für diese Stadt. Neben Waschmaschinen und Tumblers hat es auch einen Kaffeautomaten. Das Kaffemenü ist erstaunlich lang. Der Espresso scheint mir die sicherste Variante. Ich werfe zwei Franken rein und realisiere, dass das wohl nichts wird. Es hat keine Becher und meinen Kopf möchte ich nicht unter den Ausfluss quetschen, zudem ist der Salon videoüberwacht. Auch ohne Koffein freue ich mich aufs Waldsofa.

Kurz vor dem Theater Rigiblick steche ich in den Wald. Die Sofasuche geht etwas länger als gedacht. Pausieren ist keine Option, denn grosse und viele Mücken lauern hier im Wald. Jede Menge Mountainbiker*innen und Jogger*innen treffe ich an. Das Sofa stellt sich als Projekt einer Waldspielgruppe heraus. Bequem ist es nicht, aber dennoch schön und süss gemacht. Für ein Foto war es leider schon zu dunkel.

Regenwalddusche und springende Rochen

Wäre ich eine richtige Touristin, würde ich mir ein Uber zurück bestellen. Muss ich zum Glück nicht, denn ich habe mein Velo schliesslich nicht vergebens den Hügel hinauf gestossen. Ich düse zurück ins Hotel, gönne mir eine Dusche unter der Regenwaldbrause und schalte den Fernseher ein. Obwohl das Zimmer sehr businessmässig eingerichtet ist, könnte ich mir gerade nichts Gemütlicheres vorstellen! «Warum sie springen? Keiner weiss es.» Zu einer Tierdoku über Rochen, die sich in einer Bucht treffen und herumspringen, schlafe ich dann ein.

Tagwach ist früh. Der urbane Teil des Kreis 6 steht noch auf dem Programm. Der obere Letten, auch bekannt als Fleischbalken, gehört ebenfalls zum Kreis. Und diesen will ich leer erleben! Durch den Park Schindlergut erreiche ich den sonst so überfüllten Letten und springe in die Limmat. Ich beobachte noch eine Weile zwei ambitionierte Schwimmer, die mit Speedos, Brille und Badekappe gen Dynamo kraulen und mache mich dann auf den Weg zu meinem Brunch-Date in der kleinen Freiheit – dieses Mal werde ich nicht versetzt. Ein Tag könnte nicht schöner starten.

Fazit

Der Kreis 6 ist ein wunderschönes Wohn- und Familienquartier mit knapp 35’000 Bewohner*innen. Ich liebe es, durch Quartiere zu spazieren, schöne Häuser und spannende Dinge zu entdecken. Und genau das kann man super im Kreis 6. Je weiter oben man sich am Hang befindet, desto weniger Rambazamba gibt es. Auch das ist als Touristin toll; es braucht nicht immer Konsummöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Wer Bock auf Action hat, sollte rund um den Schaffhauserplatz unterwegs sein oder dann gleich den Letten und das Kulturhaus Dynamo abchecken. Dank geplatztem Dinner-Date realisierte ich, dass auch ein Abend alleine als Touristin ganz schön sein kann. Ach ja und geht es nach dem Kreis 6, so wird die Konzernverantwortungs-Insitivave wahrscheinlich angenommen. Die wehenden orangen Flaggen begleiten einen durchs Quartier.

Bewertungsraster des Kreises (1 bis 5 Sterne)

Instagramability des Hotels **

Kriminalität des Kreises *

Erschlossenheit mit dem ÖV ****

Grösse des Portemonnaies ****

Kulinarische Auswahl ***

«Lebendigkeit» des Kreises **


Transparenz: Die Übernachtung im Hotel wurde uns auf Anfrage offeriert.

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