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Im Bio-Garten des Artisans (Alle Bilder: Sonya Jamil)

Ein Ausflug in den Kreis 10: Natur pur und Amaretto-Sour

Der Tag im Kreis 10 wird zu einer Reise in die Vergangenheit und endet Amaretto-Sour-schlürfend auf dem Hotelbalkon.
25. August 2020
Praktikantin Redaktion

Für diese Serie haben wir alle 12 Stadtkreise besucht, in den Hotels dieser Stadt übernachtet und erkundet, was die Kreise aus den Augen eines Touris so alles zu bieten haben.


Zuallererst möchte ich ein Geständnis ablegen: Ich bin im Kreis 10 aufgewachsen, genauer gesagt in Höngg. Das heisst aber nicht, dass ich mich sonderlich gut dort auskenne. Als ich mit zwölf Jahren mit meiner Familie an das gefühlt Ende der Welt zog, wehrte ich mich mit Händen und Füssen dagegen – ich wurde nie richtig warm mit Höngg. Nun sind doch einige Jahre vergangen und ich bin bereit, den Teenager-Trotz runter zu schlucken und dem Kreis 10 nochmals eine Chance zu geben.

Vorbereitung ist gut, Spontaneität besser

Wie es sich für eine gute Touristin gehört, informiere ich mich im Vornherein, was sich im Kreis 10 alles machen lässt. Meine Google-Suchen nach Cafés und Co. schweifen jedoch ab von den Quartieren Wipkingen und Höngg. Ich beschliesse, das Suchen sein zu lassen und stattdessen einfach zu finden. Eine gute Touristin weiss nämlich auch, dass es Platz für Spontaneität und Zufall geben muss. Ausserdem: Wieso nach Cafés suchen, wenn man bereits in einem übernachtet? Seit Wochen freue ich mich schon auf die Nacht im Kafischnaps.

Pflümli, Quitte, Zwätschge

In der Pension angekommen, melde ich mich gleich an der Theke; hier kann man den Kaffee, den Drink oder eben den Zimmerschlüssel holen. Die Treppe hoch, werde ich zu meiner Pflümli-Suite geführt. Mit den hellrosa Wänden, dem grünen Kachelofen und dem Tribal-Print-Teppich, ist das Zimmer an Gemütlichkeit nicht zu übertreffen. Ein Blick nach oben verdeutlicht die Liebe zum Detail; hier zieren Stuckaturen die Zimmerdecke. Die Pflanzen in der Ecke machen den Raum lebendig. Das muss auf Instagram festgehalten werden; meine 400 Follower müssen schliesslich über jeden Aspekt meines Lebens Bescheid wissen.

In der Pflümli-Suite des Kafischnaps fühlt man sich wohl.

Tussi on Tour

Nach der Fotosession begebe ich mich wieder nach unten. Von einer der Geschäftsführerinnen, Isabel, bekomme ich, nebst dem Haus-Eistee, gratis Touri-Tipps. Das Café war, wie alle Gastrobetriebe, von März bis Mai geschlossen und die Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit, so Isabel. Die Pension hatte während der Corona-Krise geöffnet, die Gäste blieben jedoch aus und trudeln jetzt wieder nach und nach in die liebevoll eingerichteten und nach Schnaps benannten Zimmer ein.

Da das Kafischnaps zwischen dem Kreis 6 und 10 liegt, muss ich aufpassen, dass ich im richtigen Kreis Touri spiele. Mich zieht es die Strasse runter Richtung Bahnhof Wipkingen. Auf meinem Quartier-Spaziergang entdecke ich einen Pie-Shop. «Try a pie» lautet die Devise. Von klassischem Apple Pie bis hin zu Beef & Guiness Pie hat es alles, was das Kuchenherz begehrt. Jedoch hält der Laden nicht, was der Name verspricht: «Probieren ist nicht», teilt mir die Verkäuferin zu meiner Enttäuschung mit.

Wieder draussen muntert mich der nächste Laden auf: Ein Coiffeur namens «hairzlich». Da ich Wortspiele liebe, gratuliere ich dem Laden innerlich zu dieser kreativen Namenswahl (hier findest du weitere Coiffeurs mit lustigen Namen).

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite, oberhalb des Bahnhof Wipkingens, ist der Röschibachplatz. Dienstags und samstags macht Wipkingens Piazza Platz für die Märkte und ihre Frischwaren. Und wäre da nicht ein Virus, wird er bei sommerlichen Temperaturen sogar zum Freiluftkino. Auch ohne Markt ist der Röschibachplatz ein beliebter Schauplatz für Jung und Alt. Auf den Bänken lassen sich die Sonne, der Kaffee oder auch das Eis geniessen. Kurz überlege ich, mir im Nordbrücke-Lokal, welches sich auf gleicher Höhe befindet, eine kühle Erfrischung zu holen. Der Gedanke an ein Tinder-Date im Vorsommer, lässt mich jedoch schleunigst das Weite suchen.

Kiwi und Krimskrams

Immer noch am Röschibachplatz, wecken auf einmal kunterbunte Kinderkleider mein Interesse. Es handelt sich um den Second-Hand-Shop Kiwi, wie ich bei näherer Betrachtung feststelle. Das Geschäft gibt es bereits seit 11 Jahren. 2018 vergrössert, wird er mittlerweile von drei Wipkinger-Frauen geführt. Das innere des Ladens lässt Kinderherzen höher schlagen: Auf der einen Seite Spielwaren, Plüschtiere und Bücher, auf der anderen Seite Kleider für die (nicht mehr ganz so) Kleinen. Alles zu fairen Preisen und «preloved».

Im Kiwi ist es bunt.

Ich will schon weitergehen, um den nächsten Punkt auf meiner K10-Liste abzuhaken, da entdecke ich gegenüber des Kiwis einen Krimskrams-Laden: Madal Bal. Laut Aushängeschild findet man hier Schönes und Nützliches. Und tatsächlich: Die Bandbreite reicht von Küchengeräten bis hin zu künstlichen Blumen. Mir fehlt es an weder noch. Na ja, über meine Küchenausstattung lässt sich streiten.

Zufällig erhasche ich draussen im Schaufenster einen Blick auf mein Outfit. Mit meiner dunkelgrünen geknüpften Bluse und meinem schwarzen Lederrucksack mache ich mich gut als Touristin. Kurz vorher hatte mich eine Frau noch mit «Are you looking for something?» angesprochen. «Nei, Nei...aber dankä!», antwortete ich schnell, um ihr klar zu machen, was für eine integrierte Schweizerin ich doch bin. Nicht nur das; wenn ich nicht gerade auf Touri-Tour bin, dann bin ich sogar eine waschechte Stadtzürcherin! Zwar eine Stadtzürcherin mit Orientierungsproblemen, aber wer ist schon perfekt?

Eine Busfahrt in die Vergangenheit

Ich schaue auf die Uhr und habe noch zwei Stunden, bis es in Wipkingens grüner Oase, Artisan, mit einer Freundin Abendessen gibt. Bis es soweit ist, entschliesse ich mich, mit dem 46er Bus Richtung Höngg zu fahren. Das 1934 eingemeindete Quartier bildet zusammen mit Wipkingen den Kreis 10. Und genau 10 Jahre habe ich auch in Höngg gelebt. Ich sollte es in- und auswendig kennen, dennoch fährt mich der ächzende Bus nun zum allerersten Mal an die Endhaltestelle Rütihof. Damals noch bekannt als «Civilgemeinde Birch-Rütihof» war es 500 Jahre lang nur das Zuhause der Familie Geering. Mittlerweile wohnen hier im Norden von Höngg rund 4 000 junge Familien. An der Geering-Strasse steige ich auch aus: Ein «Chaste» weckt von weitem meine Neugier: Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Muskelprotz, sondern um einen Container, farbenfroh beschriftet mit dem Wort «Chaste» und ist der Jugendtreff des Gemeinschaftszentrums Höngg. Da von Jugendlichen jedoch weit und breit nichts zu sehen ist, ziehe ich weiter.

Auf der Busfahrt bin ich nämlich an einer kleinen Brockenstube vorbeigerast, die ich mir jetzt genauer ansehen will. Vielleicht finde ich ja einen Brocki-Schatz; ein Souvenir, das mich für immer an meine Touri-Tour erinnern wird. Auf der Rückfahrt ist der Brocki jedoch wie vom Erdboden verschluckt. Das liegt sicher daran, dass der Ladenbesitzer für heute Schluss gemacht hat und nicht an meinem fehlenden Orientierungssinn, rede ich mir ein.

Der Sonnenhang Zürichs

Weiter geht es beim Meierhofplatz. Ein Ort, an dem für mich die Zeit stillsteht. Supermärkte, Apotheken und kleine Tante-Emma-Läden reihen sich brav aneinander. Mein persönliches Highlight hier ist seit Jahren eine Akademie für Privatdetektive. Die tanzt beim Höngger Dorf-Charme gekonnt aus der Reihe. Als Touristin bin ich heute unterwegs am Sonnenhang Zürichs. Höngg ist unter anderem bekannt für seine Reben. Der Höngger-Weingarten wurde 1740 von Goldschmid und Pfarrersohn Johann Caspar Ulrich (1703-1778) erbaut. Das dazugehörige Haus wechselte über die Jahre immer wieder die Besitzer und symbolisiert eine bürgerliche Sommerresidenz-Tradition. Seit den 70er Jahren gehört der Weingarten der Stadt Zürich.

Hönggerberg: Wo sich Hühner und Kühe Gute Nacht sagen

Nach so viel Geschichte und Sightseeing brauche ich eine Verschnaufpause. Mit dem 80er Bus geht es über Stock und Stein auf den Hönggerberg. Auch wenn ich Touristin bin, will ich mich nicht auf der Waid oder dem Käferberg um die Aussicht streiten müssen. Gleich bei der Hönggerberg-Haltestelle laufe ich rechts den Hang hinauf und finde auf einer Grünfläche ein Plätzchen für mich. Mir liegt die Stadt zu Füssen. Ich lege mich hin, schliesse die Augen und geniesse die letzten Sonnenstrahlen. Von vorübergehenden Passanten gibt es verwunderte und amüsierte Blicke. Zugegeben, ich habe hier auch noch nie jemanden liegen sehen. Auf dem Rückweg zur Haltestelle begegne ich zufällig meiner Mutter. So viel zum Thema «Ich bin hier aufgewachsen».

Auf dem Hönggerberg riecht es nach Natur pur.

All you can drink

Das Abendessen ruft! Im Artisan bekomme ich auf der Gartenterrasse einen Tisch für zwei. Der Kitchen & Urban Garden steht für artisanale Produkte und teilt sich einen Bio-Garten mit den Nachbar*innen. Ich fühle mich sehr «öko», als ich hungrig meinen Crispy-Chicken-Burger verschlinge. Für fünf Franken gilt an diesem Abend: All you can drink! Wasser, versteht sich. Das ist aber auch das einzig günstige; für das restliche Abendessen greife ich mit knapp 50 Fr. verhältnismässig tief ins Portemonnaie. Die etwas kühle Sommernacht lasse ich mit Freunden ausklingen bei einem Himbeer-Apfel-Aprikose-Crumble im Restaurant und einem Amaretto-Sour auf dem Balkon meines Hotelzimmers.

Den Crispy-Chicken-Burger lasse ich mir schmecken.

Der Morgen danach

Dank dem Schlummi schlummere ich trotz belebter Strasse friedlich im Kafischnaps ein. Bevor ich am nächsten Morgen mein Touristinnen-Dasein aufgebe, gönne ich mir ein Frühstück im Café. Die Kombination von Rührei, Schoggigipfel und pinkem Fruchtsaft ist köstlich. Dass mir beim Essen die Hälfte des Rühreis auf der Jeans landet, tut hier nichts zur Sache.

Soll ich Foodbloggerin werden?

Fazit zum Kreis

Auf 9,09 km2 Fläche und mit 40 832 Einwohnern (Stand: 2019) hat der Kreis 10 einiges zu bieten: Hier werden sowohl Stadt- als auch Landmenschen glücklich. So kann man sich in hübschen Strassencafés einen Kaffee to Go holen und damit mit dem Bus ins Grüne fahren. Je weiter es Richtung Höngg geht, desto ruhiger und wohnlicher wird der Kreis. Es hat Spass gemacht, den Kreis 10 neu zu entdecken und zu erleben. Oh, how the tables have turned - mein 12-jähriges Ich wäre stolz.

Bewertungsraster des Kreises (1 bis 5 Sterne)

Instagramability des Hotels: *****

Kriminalität des Kreises: * (Sind es nicht immer die Quartiere, von denen man es am wenigsten erwartet?)

Erschlossenheit mit dem ÖV: *****

Grösse des Portemonnaies: ***

Kulinarische Auswahl: ***

«Lebendigkeit» des Kreises: *** (Punkteabzug wegen Höngg)


Transparenz: Die Übernachtung im Hotel wurde uns auf Anfrage offeriert.

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