Ein Abend in der Chicago Bar

Die Chicago Bar an der Langstrasse im Kreis 5 kennen viele nur vom Vorbeigehen. Dabei hat sie viel zu erzählen. Eine Ode ans Authentische.
11. Mai 2017

Es ist 18:00 Uhr an einem verregneten Samstagabend. Die Chicago Bar ist gut besucht. Am Tresen sitzt Markus und liest ein Buch, neben ihm ein Kafi Schnaps. Markus ist einer von vielen, welche das Lokal an der Langstrasse regelmässig frequentieren. Im Verlaufe des Abends spreche ich mit Menschen, welche hier einen Ort der Zuflucht gefunden haben. Es schüttet zwar in Strömen, aber sie sind nicht hier, um Schutz vor dem Regen zu finden. Sie sind hier, weil sie gerne kommen. Viele schon seit Jahren, manche sogar seit Jahrzehnten.

So sitze ich gemütlich am Tresen und sauge alles auf. An den Wänden hängen amerikanische Nummernschilder, an der Bar sind Banknoten aus aller Welt festgemacht. Neben der Uhr, unter welcher in guter alter Word-Art-Manier «Zürich» geschrieben steht, sieht man ein «Panzer verboten»-Schild. Und überall diese alten Coca-Cola Werbetafeln. Die runden Gartentische, welche bei schönem Wetter draussen stehen, sind jetzt auf der kleinen Bühne. Es hat schmuddelige Sofas und Bartische.

Die Magie aber, die geschieht am Tresen. Genauer gesagt auf der rechten Seite. Dort sitzen die Stammgäste. Es wird geredet, diskutiert oder beraten, Einkäufe werden vorgeführt. «Hast du neue Winterschuhe gekauft! Jetzt, wo der Sommer kommt!» – «Ja, die kann ich das ganze Jahr über tragen, schau nur, wies draussen kübelt!». Alle lachen sie und legen mit Sprüchen nach. Ausgelassen ist’s auch an diesem Abend.

Die Chicago Bar war ursprünglich ein Cabaret. Die Striptease-Stange stehe denn immer noch im Keller, verrät mir Chrigu, der Wirt. Die Bar war ein Vermächtnis seines Vaters. Ursprünglich führte er das Lokal nebenan, dort, wo heute die Vineria Centrale steht. Doch irgendwann konnte er die Chicago Bar übernehmen und hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Ohne Chrigu keine Chicago Bar, dem stimmen viele zu an diesem Abend.

Chrigu, Chrigel, Chrigi – so nennen sie ihren geliebten Wirt. Mit Hut, Sneakers, Jeans, ein kariertes Hemd und darunter ein weisses T-Shirt mit der Aufschrift: «Bezirksgerücht Zürich» – so sieht man den Wirt der Chicago Bar öfters. Getrieben, dass alles mit rechten Dingen zu- und hergeht, ist Chrigu immer auf Trab: er füllt Bier nach, stellt Gläser in den Gefrierschrank und serviert zwei Kafi Schnaps an den Tisch. Einmal eilt er mit einem Stöpsel die Treppe hinunter zu den Toiletten, nur, um dann Minuten später wieder hinter dem Tresen zu stehen und die Leute zu bedienen. Das ist Chrigu. Das ist Chicago Bar.

Der gelernte Maurer wirkt mit seinen 49 Jahren sehr jung geblieben, fast schon spitzbübisch. Es ist keine Seltenheit, dass der Wirt plötzlich beginnt Witze zu erzählen. Doch das kann jeder. Chrigu ist mehr. Ich erinnere mich, wie er einmal voller Stolz ein Buch vorführte, in dem mehrheitlich männliche Genitalien abgebildet waren. Dazu dann passende Einlagen, jeweils perfekt abgestimmt mit dem Gezeigten. Ich hatte vor lauter Lachen Tränen in den Augen. Das ist Cabaret, das ist Chicago Bar.

An diesem Abend kommt er mir plötzlich mit einer eingerahmten Titelseite eines amerikanischen Tabloids aus dem Jahre 1978. Elvis ist darauf. Er legt nach mit einer eingerahmten goldenen CD des King of Rock. Chrigu ist wohl Elvis-Fan. Kein Kommentar. Was will er mir damit sagen? Später dröhnt Pink Floyd – Have a Cigar aus den Lautsprechern und ich gebe Chrigu zu erkennen, dass ich äusserst zufrieden bin mit der Songauswahl. Darauf präsentiert er mir ein Sammlerstück, genauer ein Pink Floyd Artwork Album, das fast auseinanderfällt. «Dafür hat mir einer schon 1200 Stutz angeboten!», sagt er voller Stolz. Ich beginne zu begreifen: Chrigu, manchmal schwer greifbar und flüchtig, hat ein Arsenal an Gegenständen, die ihm viel bedeuten. Er führt sie vor, damit auch wir an der Freude teilhaben können. Die Witze, Poster und Penisbücher sind alles Facetten eines Ganzen. Versatzstücke der Persona.

Ich setze mich zu den Gartentischen. Über mir ragt ein gigantischer Fernseher. Es läuft Fussball. FC Thun gegen Luzern (0:0), doch das interessiert gerade niemanden. Auf einmal setzt sich eine grosse, schlanke Dunkelhäutige zu mir. Ich sage hallo. Sie bemerkt mein Notizbuch und wirkt auf einmal nervös. Dann fragt sie, was ich denn hier mache? Ich sage, ich schreibe. «Aha, ein Poet!» – ich lächle und nicke verhalten. Darauf sie: «Ich bin auch eine Künstlerin!». Ich will mehr wissen, merke aber bald, dass sie nicht ganz versteht. Manchmal spricht sie undeutlich und wirres Zeug. Ich denke an Drogen und Prostitution, mahne mich aber sogleich, nicht vorschnell zu urteilen. Ich frage, woher sie denn komme. Sie schaut erneut auf mein Notizbuch, wirkt skeptisch. Nach nochmaligem Fragen sagt sie: «Irgendwo in Afrika» – «Also eine Künstlerin aus irgendwo in Afrika?» – «Ja genau! Schreib das! Das ist super!» In diesem Moment höre ich eine viel zu bekannte Saxophonmelodie. Ja richtig, Polo Hofers Alperose in der Chicago Bar. Verdammt. Auf einmal die mysteriöse Schwarze: «Das ist ein super Lied, wir sollten tanzen!» Es ist 19.00 Uhr und ich brauch noch einen Moment.

Währenddessen hat Markus einen weiteren Kafi Schnaps bestellt. Er liest seelenruhig in seinem Buch. Chrigu stellt wieder Biergläser in den Gefrierschrank, eines davon kommt zu mir. Eine Spezialität des Hauses: Die Stange Bier wird immer in einem eiskalten Glas serviert. Es läuft gerade Donna Summer - I Feel Love und ich habe mich einmal mehr in die Chicago Bar verliebt.

Ich gehe nach draussen, um eine Zigarette zu rauchen. Vorher haue ich aber noch Markus an, was er denn lese. «Och, im Moment gerade Science Fiction.» – Ob ihn denn die Musik nicht störe? – «Nein nein, das geht gut. Weisst du, hier habe ich meinen Frieden und kann ungestört lesen. Woanders kannst du nicht mal absitzen. Da stehen dann 10 Velos vor der Tür, da geh ich gar nicht erst rein!»

Ich bleibe noch ein bisschen bei Markus. Draussen erzählt er mir, dass er bei der Bahn arbeite. Er berichtet von Zeiten, als sich dort, wo heute die farbigen Blöcke an den Gleisen stehen, das sogenannte Kohle-Dreieck befand. «Da wurde noch Kohle geschaufelt, verstehst du! Die Lettenbahn war noch intakt, die Viaduktläden gabs gar noch nicht!»

Markus ist im Kreis 5 aufgewachsen und hat miterlebt, wie sich die Dinge verändert haben. «Weisst du, früher ist einfach noch mehr Leben in den Strassen gewesen. Man ist im Quartier geblieben und hat im Quartier gelebt.» Drinnen läuft gerade Subsonic - Spiegelbild. Und Markus ist euphorisch: «Subsonic! ein Kreis-5-Eigengewächs! Die hatten ihr Studio da vorne bei der Ausstellungsstrasse! Subsonic, das isch Züri!»

Mittlerweile wohnt Markus in Wipkingen. Wie viele, sei auch er weggezogen. Den Kreis 4 meide er sowieso je länger, je mehr. «Dieser ganze Dreck, die Drogen und die Gewalt, das muss ich nicht mehr haben.» Es sei schon gut, dass man etwas gegen das Drogenproblem gemacht habe. «Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich früher zuerst ein paar Drogis vor meiner Tür wegscheuchen musste, damit ich überhaupt zur Tür kam.»

Als wir wieder eintreten, läuft Rammstein - Amerika und die Leute klopfen auf den Tresen. Der FC Thun hat das Spiel mittlerweile für sich entschieden (3:1). Die Stammgäste beginnen Schabernack zu treiben. Als die weibliche Abendschicht eintritt, nehmen sie sie zu zweit in eine Umarmungs-Zange und kippen dabei fast zu Boden. Es wird ausgelassener. Nach Rammstein dann der Barbiere di Seviglia von Rossini. Stilbrüche gehören zur Chicago Bar dazu wie die eisgekühlten Biergläser.

Die wunderschöne Stimme des Opernsängers hallt noch in meinen Ohren, als sich der Opernklassiker plötzlich in einen Party-Remix verwandelt. Es wird geklatscht und gepfiffen – «Jetzt gaht’s ab!» Auf einmal will einer eine Schokolade. Und es kam, wie es kommen musste: Alle rufen sie im Takt: «Schoggi! Schoggi! Schoggi!» Einer fällt aus und variiert: «Schöppe! Schöppe! Schöppe!» Wie ich diesen Ort liebe.

Als alle We will rock you von Queen grölen, kann ich einen von ihnen abfangen. Toni, ebenfalls im Kreis 5 aufgewachsen und nun als Service-Techniker im Thurgau angestellt, sagt mir, dass er immer wieder gerne in die Chicago Bar komme. «Do isch eifach nome guet. Gueti Mensche, gueti Musik. Dasch eifach nome geil!» Toni kennt Chrigu schon lange und wie die anderen, hat auch er nur die besten Worte für den Wirt übrig: «De Chrigel isch eifach e geile Siech!»

Es läuft Village People – YMCA und Josef tritt auf den Plan. Er scheint auch ein Stammgast zu sein. Als er sich unter die Menge mischt, singen sie seinen Namen. Josef, vielleicht 45, hält die Arme in die Luft und lässt sich feiern. Das Strahlen in seinen Augen ist unheimlich schön. Hinter ihm einer, der sich vor ihm verbeugt und ihn unterwürfig anbetet. Josef ist Türke, aus dem «Istanbüler-Land», wie sie hier sagen. Doch Herkunft wird nicht gewertet. So schnappe ich beispielsweise einen Dialog zwischen einem Ostdeutschen und einem Zürcher auf, der mit den Worten «Hey Ost-Block, chom emol do öbere!» beginnt und in eine spannende Diskussion über ostdeutsche Dialekte und deren Topografie mündet.

Es sind solche Szenen, welche die Chicago Bar ausmachen. Hier hat jeder und jede einen Platz, Herkunft und Alter spielen keine Rolle. Egal, ob man einfach sein Buch lesen oder Schabernack treiben will: Die Chicago Bar nimmt dich auf, Chrigu ist da, und ehe man sichs versieht, steht die eisgekühlte Stange Bier vor einem, oder aber der dampfende Kafi Schnaps, den sie hier so mögen.

Man kann die Chicago Bar nur lieben. Der Ton ist zwar eher rau, aber dafür nicht aufgesetzt. Ehrlich, authentisch und mit viel Charme ist sie wahrlich ein Juwel der Langstrasse. Wer nur vorbeigeht, verpasst etwas. Manchmal lohnt sich der Blick in diese Lokale. Sie erzählen uns viel über das Quartier, in dem wir uns tagtäglich bewegen, ohne wirklich zu wissen, wo wir uns befinden. Chicago Bar, das ist eben nicht irgendeine Bar – Chicago Bar, das isch Züri.

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