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Ein farbiger Catcall auf den Zürcher Strassen. (Fotos: Catcalls of Zurich)

«Eh yo, wetsch gschwängered werde?»: Catcalling in Zürich

Die Initiantinnen von «Catcalls of Zurich» machen mit Kreide und Instagram auf verbale sexuelle Übergriffe aufmerksam. Ein Thema, das alle etwas angeht und auch vor der Tsüri.ch-Community nicht halt macht, wie eine Umfrage zeigt.
26. Januar 2021
Praktikantin Redaktion

«Din A*sch gseht voll gmacht us. Trotzdem mega geil», steht vor einigen Tagen in violetten Buchstaben an der Bahnhofstrasse in Zürich – ein verbaler Übergriff an eine Frau. Einige Tage später ziert die Einkaufsmeile ein pink gekreideter Satz: «Geile A*sch, dörfi mal ahlange?» – diesmal an einen Mann gerichtet. Dies sei das erste Mal gewesen, dass sich ein Mann bei ihnen gemeldet hat, erzählen die Initiantinnen von «Catcalls of Zurich». Den Instagram-DM’s, die wellenartig bei ihnen eintrudeln, begegnen sie stets mit viel Mitgefühl, danach machen sie sich ausgestattet mit farbiger Kreide gleich an die Arbeit. Mit ihrer Aktion setzen sie sich gleichzeitig auch gegen Homo- und Transphobie ein.

Angefangen hat alles in New York, als eine der beiden Initiantinnen selbst einen Catcall erlebte. In der US-amerikanischen Metropole ist es Sophie Sandberg, die mit ihrer Initiative «Catcalls of New York» auf die Umstände aufmerksam macht. In Zürich sind es nun diese zwei jungen Frauen, die seit einigen Monaten ihren Instagram-Account mit Kreide-Catcalls beleben. Die Initiantinnen sind insbesondere rund um den HB anzutreffen, da dort die meisten Catcalls stattfinden. «Wenn viele Menschen anwesend sind, werden auch viele auf das Thema aufmerksam», meinen sie. Das Feedback der Leute sei bis auf einige Ausnahmen bislang sehr positiv gewesen.

Besonders schön: Nach der medialen Berichterstattung der vergangenen Tage haben sich offenbar einige junge Männer solidarisch an die Fachstelle für Gleichstellung des Kanton Zürichs gewandt. Wie deren Leiterin Tsüri.ch auf Anfrage erzählt, wollten die Männer damit ihre Unterstützung in der Prävention von Catcalls zeigen.

Catcall-Geschichten aus der Tsüri.ch-Community

Auch die Tsüri.ch-Community hat schon so einige Catcalls erlebt, wie sich aus einer Umfrage ergeben hat. Hier einige der Geschichten:

  • «Dieses Wochenende war ich auf dem Nachhauseweg von Freund*innen und wurde im Zug von einer Gruppe Jungs blöd angemacht. Nachdem ich nicht auf den Spruch Eh yo, wetsch gschwängered werde?, reagierte, wurden mir beim Aussteigen weitere unschöne Dinge nachgerufen (u.a. die hässlich Fotze würd ich eh nöd welle... Die Sprücheklopfer wurden in der Gruppe gefeiert.»
  • Passant in der Bahnhofshalle: «Dich würde ich stundenlang lecken.»
  • «Ein Zugabteil voller Rekruten begafften mich und andere einsteigende Frauen und gaben Kommentare ab wie: Schade ist sie nicht blond.›»
  • Unterwegs mit einem Katzenkörbchen im ÖV; ein Passant zu seinem Kumpel: Oh schau, zwei Katzen.
  • «Es ist circa zwei Jahre her. Ich fuhr auf der Autobahn Bern – Zürich am späten Nachmittag nach Hause und direkt in einen langen Stau. Irgendwann stieg ich aus dem Auto, es war einer der sehr heissen Sommertage, da hüpfte doch tatsächlich ein Autofahrer von der ganz linken Fahrbahn mit ausgestreckten Ellenbogen im Seitwärtsgang auf mich zu. Ich konnte die Situation gar nicht so schnell einschätzen, er hüpfte wirklich und berührte mich an der Brust, was auch seine Absicht war. Dann wurde er aufdringlich, ich zog mich in mein Auto zurück. Er hing sich über die offene Fahrertür, sülzte rum und leider gab ich ihm noch meine Telefonnummer, weil er mich so sehr bedrängte. Er machte mir Angst und ich wollte ihn loswerden. Heute habe ich immer Pfefferspray dabei, meine Telefonnummer habe ich geändert.»
  • «War mit einer Freundin unterwegs, ein Auto voller Typen fuhr auf uns zu und wurde sichtbar langsamer, alle Fenster gingen runter, die Hupe los und vier Typen haben uns angepfiffen und uns zugerufen, dass wir geil, sexyund whatever wären. Habe ihnen den Mittelfinger gezeigt. Daraufhin sind sie komplett ausgerastet und haben uns als Schlampen bezeichnet, die ihre Mütter f****n sollen.»
  • Die Männer sprachen uns an: «Was machen zwei so junge Mädchen alleine hier?» «Wie alt seid ihr, dass ihr euch so freizügig anzieht?» Plötzlich rannte meine Freundin los. Verzögert verstand ich, was passierte und rannte auch. Einer spuckte mich an, als ich mich umdrehte und lachte.»
  • Auf dem Weg zur Arbeit (mit Maske). Ein Mann läuft am Bahnhof hinter mir her, fragt: «Bist du devot? Willst du dich mir unterwerfen?»
  • «Uff. Ja. Zig-mal. Das erste Mal mit 13 in der Migros von einem Angestellten, der gerade die Gestelle auffüllte (hinterher pfeifen). Danach bei gefühlt jeder zweiten Baustelle das übliche Gepfeife oder bsbsbsbsbs(Büsi Lockruf). Random beim Vorbeigehen an Männergruppen (häsch mer dini Nummere?› ‹Bisch ellei unterwägs?, Du bisch sicher guet zum Figge etc.) und natürlich aus fahrenden Autos. Bauchweh-Zonen sind heute immer noch Baustellen, da mache ich einen grossen Bogen rum – obwohl ich heute wüsste, was ich tun würde (Zuständige Firma anrufen).»
  • «Ich gehe an einem Sommerabend an einer Tankstelle vorbei. Zwei Jungs sitzen betrunken neben ihrem Töffli. Als sie mich sehen, pfeifen sie und rufen mir nach, sie könnten mich schon irgendwohin fahren. Ich gehe schneller. Ich bin 32.»
  • «Im Sommer ziehe ich kurze Hosen und ein Top an – logisch, ich möchte ja keinen Hitzeschlag bekommen. Männer im Feierabendeverkehr sehen dies dann als Anlass, die Fenster herunter zu kurbeln und mir nachzupfeifen oder mir einen sexistischen Kommentar zuzurufen. Extrem mühsam!»
  • «Es war etwa 22 Uhr, nur wenige Personen warteten am Stauffacher auf das Tram. Ein gepflegter Mann in den Fünfzigern kam langsam auf mich zu und begann, mich aufs Übelste zu beschimpfen. Ohne Vorwarnung oder Vorfall. Ich war völlig perplex und versuchte, zu argumentieren, was ihn nur noch mehr in Rage brachte. Meine Bitte, mich in Ruhe zu lassen und zu gehen, ignorierte er und kam noch näher. In diesem Moment bekam ich es mit der Angst zu tun, weil ich nicht wusste, ob er gefährlich werden könnte. Ein zweiter Mann kam zu Hilfe und sagte ihm, er solle mich in Ruhe lassen. Darauf stapfte er fluchend davon. Geärgert hat mich vor allem, dass ich nicht wusste, wie ich mich wehren soll. Sollte ich schreien, ihn mit den gleichen Worten beleidigen oder davonrennen? Der Vorfall hat mich lange beschäftigt. Schön war, dass sich der andere Mann für mich eingesetzt hat.»
  • «Beim Joggen kommt mir ein 60- bis 70-jähriger Mann entgegen. Als ich an ihm vorbeirenne bin, ruft er mir in einem aggressiven Unterton nach: Gruss an deinen Freund, der wär ich auch gern.Das ging mir lange nicht aus dem Kopf und ich hoffte, ihn nicht wieder an der Stelle zu kreuzen. Es fällt mir dort immer noch oft ein. Unangenehm.»
  • «Ein Autofahrer öffnet sein Fenster und will mich nach dem Weg fragen. Als ich näher trete sehe ich, dass er sich einen runterholt.»
  • «Ich nicke im leeren Viererabteil auf der Zugstrecke Bern-Zürich ein. Beim Aufwachen erblicke ich mir gegenüber einen Mann, der sich den Schwanz reibt.»
  • In einem renommierten Zürcher Restaurant: «Nachdem ein Mitarbeiter wegen sexueller Belästigungen und Nötigung an mir entlassen wurde, greift sich mein Schichtleiter vor mir und dem Geschäftsführer an den Schwanz und sagt: Oh nein, das darf man ja jetzt nicht mehr!Ausser einem Blick vom Geschäftsführer voller Fremdscham erhielt ich keine Unterstützung von ihm.»
  • «Vor circa sechs Jahren habe ich angefangen Skateboard zu fahren, meist in der Stadt. Dabei habe ich erlebt, dass von Männern eher nette Bemerkungen kamen (meist nur ein yeah!) während Frauen mich teils sehr wüst beschimpften (Kampflesbe, schau doch, wie krass die ist,meint, sie sei was Besseresetc.). Der Höhepunkt war, als mir eine Frau vor einem Club nachgerufen hat, du kannst dir ja gleich die Brüste abbinden! WTF Frauen, seid auch lieb zueinander.»
  • «Ich bin ein Mann mit langen Haaren. Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin, wird uns öfter mal von hinten nachgepfiffen und mühsame Sprüche bezüglich Dreier nachgerufen. Wenn ich mich dann umdrehe, gibt’s öfter mal ein Scheisse das isch ja en Typ!»

Ein Catcall an einen Mann.

Die Demonstration von Dominanz

Wie das obige Beispiel zeigt, bleiben auch Männer nicht von «Catcalling» verschont. Oftmals beziehe sich der verbale Übergriff auf das Äussere des Mannes, weiss Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle Gleichstellung des Kantons Zürich. Trotzdem sind vor allem Frauen von «Catcalling» betroffen. «Besonders Männern geht es darum, Dominanz zu zeigen», vermuten die Initiantinnen von «Catcalls of Zurich». Besonders junge Mädchen würden sich von diesen Machtspielen einschüchtern lassen und aus Angst keinen Widerstand leisten. Die Männer wollten sich, oft auch angeheizt durch die Gruppendynamik, als besonders stark hervortun, dabei verfügten sie häufig über ein schwaches Selbstwertgefühl. «Dass sie sich mit diesem rüden und respektlosen Verhalten gleich selber disqualifizieren, ist ihnen leider nicht bewusst», fügt Trachsel hinzu.

Risikoeinschätzung ist das A und O

«Die Sicherheit geht vor!», meinen die Initiantinnen bezüglich der angemessenen Reaktion auf einen Catcall. Als Aussenstehende*r könnte man in einer Gruppe besser zu Hilfe eilen. Metaphern aus dem Sport wie «Für das gäbe es jetzt die rote Karte», seien ebenfalls sehr effektiv, wichtig jedoch: «Beobachtende Personen müssen keine Held*innen sein», betont Helena Trachsel. Man sollte lieber einmal mehr der Polizei (117) anrufen.

Frauen, ihr habt ein Recht auf Hilfe!

Die Initiantinnen von «Catcalls of Zurich» machen die Opfer bei schweren sexuellen Übergriffen auch auf weitere Hilfsangebote aufmerksam. Corina Elmer, Geschäftsleiterin der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich, unterstützt die Catcall-Initiative, denn es macht das totgeschwiegene und mit Scham behaftete Thema sichtbar. «Catcalling ist weit verbreitet und gehört für viele Frauen zum Alltag». Oftmals sei der verbale sexuelle Übergriff auch die Vorstufe für schwerwiegendere Formen sexueller Gewalt. «Das ist nicht ok», meint Elmer. Frauen hätten das Recht, Grenzen zu setzen, die auch respektiert werden müssen. «Jede betroffene Frau kann sich bei uns melden und bekommt Unterstützung – vertraulich und kostenlos.» Zudem sei auch Zivilcourage im Umfeld gefragt.

Auch in Zukunft wollen «Catcalls of Zurich» mit ihrer Aktion das Bewusstsein und die Solidarität für die Prävention von Catcalls stärken. Die Initiantinnen haben bis jetzt jeden einzelnen Catcall, der ihnen geschickt wurde, mit Kreide auf die Strassen dieser Stadt gemalt und werden dies auch weiterhin tun.


Falls auch Du Cat-Caller ankreiden willst, kannst du dich gerne auf Instagram bei @catcallsofzrh melden.

Weitere Informationen zur Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich:

Homepage

Online-Beratung

Weitere Informationen zur Fachstelle für Gleichstellung Kanton Zürich:

Homepage

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